{"id":4299,"date":"2019-03-19T00:44:46","date_gmt":"2019-03-18T22:44:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=4299"},"modified":"2025-04-07T21:44:36","modified_gmt":"2025-04-07T19:44:36","slug":"bis-man-nicht-mehr-zu-unterscheiden-weiss-betrunken-an-purim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/bis-man-nicht-mehr-zu-unterscheiden-weiss-betrunken-an-purim\/","title":{"rendered":"Bis man nicht mehr zu unterscheiden wei\u00df\u2026 betrunken an Purim"},"content":{"rendered":"\n<p><span class=\"dropcap\">E<\/span>ine Vorschrift von Purim ist sogar in der nichtj\u00fcdischen Welt recht bekannt: Man solle an diesem Tag trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen \u00bbVerflucht sei Haman\u00ab und \u00bbGesegnet sei Mordechaj\u00ab. Diese <em>Mitzwah<\/em>, religi\u00f6se Pflicht, wird auch als \u00bb<em>ad lo jada<\/em>\u00ab bezeichnet. W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: \u00bbbis man nicht mehr wei\u00df\u00ab.<br>Und tats\u00e4chlich!<br>Der Satzteil stammt aus dem Talmud. Dort sagt Rabba, dass man sich betrinken soll, \u00bb<em>ad lo jada<\/em>\u00ab \u2013 \u00bbbis man nicht mehr wei\u00df\u00ab <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_4299\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_4299-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_4299-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\"><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/megilla\/megilla-kapitel-1\/#blatt-7b\">Megilla 7b<\/a><\/span>.<br>Gemeint ist: bis man nicht mehr zwischen \u00bbVerflucht sei Haman\u00ab und \u00bbGesegnet sei Mordechai\u00ab unterscheiden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Weniger bekannt, ist, wie die Geschichte im Talmud weitergeht:<br>Rabba und Rabbi Sei\u2019ra a\u00dfen gemeinsam das Mahl an Purim und schauten, wie es ja gefordert wird, sehr tief in die Becher.<br>Beide waren betrunken. Pl\u00f6tzlich steht Rabba auf und t\u00f6tet Rabbi Sei\u2019ra \u2013 ein tragischer Unfall durch Trunkenheit.<br>N\u00fcchtern dann sieht das auch Rabba so und bereut seine Tat zutiefst. Er betet um das Erbarmen HaSchems, und tats\u00e4chlich wird Rabbi Sei\u2019ra wieder lebendig.<br>Im folgenden Jahr dann lud Rabba Rabbi Sei\u2019ra wieder zu sich ein, um Purim zu feiern. Doch diesmal lehnte Se\u2019ira ab \u2013 mit dem Hinweis, dass man nicht immer Wunder erwarten k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte scheint zum verantwortungsvollen Konsum zu ermahnen. Tats\u00e4chlich wird der Aufruf zu Alkoholgenuss und Z\u00fcgellosigkeit sp\u00e4ter von den Rabbinern etwas kritischer betrachtet. Zumindest der Schulchan Aruch <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"2\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_4299\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_4299-2\">2<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_4299-2\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"2\">Orach Chajim 695,2<\/span> beschreibt, dass man an Purim etwas trinken und dann direkt ins Bett gehen sollte \u2013 offenbar, weil man so viel trinkt, dass man davon m\u00fcde wird. Und wenn man dann schlafe, k\u00f6nne man nicht mehr zwischen Haman und Mordechaj unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem halachischen Werk <em>Magen Awraham<\/em>, einem Kommentar zum <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/der-schulchan-aruch\/\">Schulchan Aruch<\/a> von Rabbiner Awraham Gombiner (1635\u20131682), wird der Auftrag, so viel zu trinken, bis man zwischen beiden nicht mehr unterscheiden k\u00f6nne, etwas relativiert: Man solle so viel trinken, bis man die Zahlenwerte der beiden S\u00e4tze nicht mehr addieren k\u00f6nne.<br>Da im Hebr\u00e4ischen jeder Buchstabe einer Zahl entspricht, kann man f\u00fcr jedes Wort und jeden Satz einen Zahlenwert errechnen.<br>Rabbiner Gombiner relativiert also und sagt, es reiche aus, bis man nicht mehr vern\u00fcnftig addieren k\u00f6nne. Es mag an Purim liegen, aber skurrilerweise ist der Zahlenwert von \u00bbVerflucht sei Haman\u00ab ebenso gro\u00df wie der von \u00bbGesegnet sei Mordechai\u00ab, n\u00e4mlich 502.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mittelalter kam dann ein weiteres Element hinzu: die Verkleidung. Bei der Begr\u00fcndung berief man sich offenbar auch auf das <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/megillat-esther-das-buch-esther\/\">Buch Esther<\/a>, wo es hei\u00dft: \u00bbAber es geschah umgekehrt\u00ab (9,1). So wurde es auch Brauch, dass Frauen M\u00e4nnerkleidung tragen und M\u00e4nner Frauenkleidung \u2013 was sonst nicht erlaubt ist. Der Schulchan Aruch beschreibt das bunte Treiben <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"3\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_4299\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_4299-3\">3<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_4299-3\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"3\">Orach Chajim 696,7<\/span> und sieht keinen Grund, es zu verbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Herkunft des Brauchs ist unklar. Rabbiner Schlomoh Efraim aus Luntschitz (1550\u20131619), der Rabbiner in Prag war, fragt in einem seiner Werke <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"4\" data-mfn-post-scope=\"00000000000005fa0000000000000000_4299\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_4299-4\">4<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000005fa0000000000000000_4299-4\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"4\">Olelot Efraim 309<\/span> etwas polemisch: \u00bbWelche Quelle k\u00f6nnen sie f\u00fcr diesen falschen Brauch angeben?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens seit dem Jahr 1912 sind beide Br\u00e4uche, der Alkoholgenuss und das Verkleiden, miteinander verschmolzen. Damals gab es in Tel Aviv das erste \u00bb<em>Ad\u2010lo\u2010jada<\/em>\u00ab, einen bunten Purimumzug mit Kost\u00fcmen, Musik, Motivwagen, Tanz und nat\u00fcrlich mit etwas Alkohol. Das war die Begr\u00fcndung eines vollkommen neuen Brauchs.<br>Nun konnte und kann man Purim ganz offen und in Freiheit feiern \u2013 unter dem Namen der bekannten Wendung \u00bb<em>Ad lo jada<\/em>\u00ab.<\/p>\n<ul class=\"modern-footnotes-list \"><li><span>1<\/span><div><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/megilla\/megilla-kapitel-1\/#blatt-7b\">Megilla 7b<\/a><\/div><\/li><li><span>2<\/span><div>Orach Chajim 695,2<\/div><\/li><li><span>3<\/span><div>Orach Chajim 696,7<\/div><\/li><li><span>4<\/span><div>Olelot Efraim 309<\/div><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Mitzwah, Alkohol an Purim zu trinken, bis man nicht mehr zwischen \u00bbverflucht sei Haman\u00ab und \u00bbGesegnet sei Mordechaj\u00ab unterscheiden kann.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4138,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[156],"class_list":["post-4299","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-purim","tag-purim"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/purim_uebersicht.jpg?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4299","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4299"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4299\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7109,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4299\/revisions\/7109"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4138"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4299"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4299"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4299"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}