{"id":434,"date":"2013-12-08T00:02:42","date_gmt":"2013-12-07T22:02:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=434"},"modified":"2013-12-08T00:02:42","modified_gmt":"2013-12-07T22:02:42","slug":"zeit-der-trauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/zeit-der-trauer\/","title":{"rendered":"Zeit der Trauer"},"content":{"rendered":"<p>Schiwa hei\u00dft hebr\u00e4isch &#8222;sieben&#8220; und bezeichnet den Zeitraum, des ersten Stadiums und der schlimmsten Zeit der Trauer. Durch eine Auslegung des Verses Amos 8,10 gelangten die Rab-binen dazu, da\u00df die Anfangsperiode der Trauerzeit genau so lange dauern soll wie die Feste, eben sieben Tage. Weiter wird die Dauer dieser Periode aus Genesis 50,10 abgeleitet. Josef trug nach dem Tod seines Vaters sieben Tage Trauer.<!--more--><\/p>\n<p>Kolatch berichtet, da\u00df es eine alte j\u00fcdische Sitte ist, da\u00df Nachbarn den Trauernden, die von der Beerdigung kommen, die erste vollst\u00e4ndige Mahlzeit zubereiten. Die Bedeutung dieser Mahlzeit ergibt sich aus dem Namen &#8222;seudat hawraa&#8220; (&#8222;St\u00e4rkungsmahlzeit&#8220; oder &#8222;Mahlzeit der Erleichterung&#8220;). Psychologisch gesehen ist sie eine gro\u00dfe Hilfe, um den Schmerz zu lindern und den Proze\u00df der Erholung nach einem schweren Verlust in Gang zu setzen. Diese Mahlzeit soll Symbole des ewigen Lebens enthalten, also runde Br\u00f6tchen und hartgekochte Eier. Weiter berichtet er eine andere Auslegung, nach der diese Lebensmittel deswegen serviert werden, weil sie keinen &#8222;Mund&#8220;, also keine \u00d6ffnung besitzen. Sie repr\u00e4sentieren den Trauernden, der noch unter Schock steht und dessen Mund stumm verschlossen ist. Weiter k\u00f6nnen nat\u00fcrlich nach seinen Ausf\u00fchrungen auch andere Lebensmittel serviert werden, als &#8222;gebr\u00e4uchlich&#8220; bezeichnet er z. B. schwarze Oliven.<\/p>\n<p>Die Trauerzeit ist in der &#8222;Orthodoxie&#8220; streng geregelt. Trauernde sitzen auf niedrigen Schemeln oder Kissen, im Trauerhaus werden die Spiegel verh\u00e4ngt, eine Gedenkkerze wird angez\u00fcndet, w\u00e4hrend der schiwa rasiert man sich nicht und schneidet sich auch nicht die Haare, man soll nicht baden, manche Trauernden streuen sich Sand oder Erde in die Schuhe, wenn sie das Haus verlassen, und Lederschuhe d\u00fcrfen auch nicht getragen werden. Die Trauer ist am Schabbat zu unterbrechen, trotzdem sprechen die Trauernden Kaddisch, manche Trauernde machen nach dem Ende der schiwa einen Rundgang um den H\u00e4userblock. Die Begr\u00fcndungen sind, sofern sie nicht evident sind, jeweils bei Kolatch nachzulesen, sollen hier aber nicht weiter ausgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Freunde, Bekannte und die Gemeinde gilt, da\u00df den Trauernden im Lauf der ersten Woche ein Kondolenzbesuch abgestattet wird (Pflicht!), aber nicht vor dem dritten Tag nach der Beer-digung, da\u00df dabei auf oberfl\u00e4chliche Gespr\u00e4che verzichtet und die Trauernden auch nicht wie sonst \u00fcblich begr\u00fc\u00dft werden. Dem Trauernden wird w\u00e4hrend der schiwa keine Alija aufgetragen.<\/p>\n<p>Die Schiwa hat den Zweck, den Trauernden Trost und Hilfe anzubieten. Sie schafft den Trau-ernden eine Form, ihren Schmerz auszudr\u00fccken, ihren Verlust zu verarbeiten und gibt der Gemeinde Raum praktische und emotionale Unterst\u00fctzung zu leisten.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu der oben beschriebenen Normierung des Verhaltens, in der alle Beteiligten ihre &#8222;Rolle spielen&#8220;, steht im progressiven Judentum die &#8222;ausreichende Flexibilit\u00e4t, moderne Lebensbedingungen zu ber\u00fccksichtigen und den eigentlichen Zweck zu erf\u00fcllen: den Trauernden zu helfen&#8220;. Es bleibt dem Einzelnen \u00fcberlassen, inwieweit er bestimmte pers\u00f6nliche Rituale f\u00fcr sich beachtet. Die Gemeinde wird allerdings nicht aus ihrer Verpflichtung entlassen, sich um die Trauernden zu k\u00fcmmern. Hooker weist darauf hin, da\u00df die Trauernden selbst wissen, was ihnen Trost bringt.<\/p>\n<p>Der j\u00fcdische Trauerproze\u00df ist eine Abfolge von bestimmten Phasen mit jeweils abnehmender Intensit\u00e4t. Der intensiven Trauerzeit der schiwa folgen die &#8222;scheloschim&#8220; (dreissig&#8220;), also die restliche Zeit des ersten Monats nach der Beerdigung. In dieser Zeit nehmen Trauernde ihre Arbeit wieder auf, meiden jedoch Vergn\u00fcgungsorte und planen keine Hochzeit. Nach den sche-loschim beginnt der Rest des ersten Trauerjahres, in dem es \u00fcblich ist, jede Woche im Schabbatg-ttesdienst f\u00fcr den Verstorbenen Kaddisch zu sagen. Eine Regelung, wie oft in dieser Zeit das Grab des Verstorbenen besucht werden soll, existiert nicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Brauch, einen Grabstein zu setzen, der auf biblische Zeiten zur\u00fcckgef\u00fchrt wird, gibt es aus &#8222;orthodoxer&#8220; Sicht zwei Gr\u00fcnde: zun\u00e4chst als Respektsbezeichnung f\u00fcr die verstorbene Person, sodann aber auch als Bezeichnung eines Ortes, den die kohanim meiden m\u00fcssen. Aus progressiver Sicht bleibt festzuhalten, da\u00df die Steinsetzung das Ende der Trauerzeit markieren und den Weg zur Erneuerung des Lebens zeigen. Es ist \u00fcbrigens nur ein Brauch, kein Gesetz, da\u00df die Steinsetzung zw\u00f6lf Monate nach der Beerdigung stattfinden soll. <\/p>\n<p>\u00dcblich ist es bei allen Juden, am Jahrestag des Todes, der Jahrzeit, am Abend zu Hause eine Kerze anzuz\u00fcnden, au\u00dferdem kann man Kaddisch sagen und das Grab des Verstorbenen besuchen, au\u00dferdem gedenkt man der Verstorbenen im Jiskor am Jom Kippur. Zur Jahrzeit ist noch anzumerken, da\u00df diese sich nach dem hebr\u00e4ischen oder dem s\u00e4kularen Kalender richten kann. Zum Kaddisch der Trauernden ist anzumerken, da\u00df es sich nicht um ein Gebet handelt, das f\u00fcr die Toten und ihren \u00dcbergang in das ewige Leben gesprochen wird, sondern um ein Gebet f\u00fcr die Lebenden, also die Trauernden, in dem diese den Wert des Lebens bekr\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend weise ich noch darauf hin, da\u00df das progressive Judentum im Gegensatz zur Orthodoxie auch Rituale f\u00fcr Totgeburten, Fehlgeburten und Suizide entwickelt hat. <\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndungen hierf\u00fcr liegen auf der Hand: Kindersterblichkeit ist in unserer Zeit im Gegensatz zu fr\u00fcher sehr gering, auch ist die Zahl der \u00fcberlebenden Kinder heute im Zeitalter der Kleinfamilien nicht mehr so gro\u00df, da\u00df die Eltern \u00fcber den Verlust eines Kindes nicht zu trauern brauchen. Heute liegt jedoch eine neue Situation vor, die andere Grunds\u00e4tze verlangt. <\/p>\n<p>Bei Fehlgeburten finden auch im progressiven Judentum keine Beerdigungen statt, jedoch halten einige Rabbiner auf Wunsch der Eltern einen G-ttesdienst im Haus der Eltern. <\/p>\n<p>Suizid wird von Orthodoxen und progressiven Juden gleicherma\u00dfen abgelehnt, jedoch haben im progressiven Judentum die Bed\u00fcrfnisse der Angeh\u00f6rigen eine h\u00f6here Bedeutung als in der &#8222;Orthodoxie&#8220;. Daher finden Trauerg-ttesdienste f\u00fcr Personen, die einen Suizid begangen haben, in der gleichen Weise statt wie bei anderen Bestattungen. Die vollst\u00e4ndigen Trauerrituale werden beachtet, also schiwa, Jahrzeit und Steinsetzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schiwa hei\u00dft hebr\u00e4isch &#8222;sieben&#8220; und bezeichnet den Zeitraum, des ersten Stadiums und der schlimmsten Zeit der Trauer. Durch eine Auslegung des Verses Amos 8,10 gelangten die Rab-binen dazu, da\u00df die Anfangsperiode der Trauerzeit genau so lange dauern soll wie die Feste, eben sieben Tage. Weiter wird die Dauer dieser Periode aus Genesis 50,10 abgeleitet. Josef trug nach dem Tod seines Vaters sieben Tage Trauer.<\/p>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[15],"tags":[],"class_list":["post-434","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-krankheit-sterben-tod"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/434","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=434"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/434\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":435,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/434\/revisions\/435"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=434"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=434"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=434"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}