{"id":461,"date":"2013-12-08T00:35:54","date_gmt":"2013-12-07T22:35:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=461"},"modified":"2013-12-08T00:35:54","modified_gmt":"2013-12-07T22:35:54","slug":"die-oeffentliche-torahlesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-oeffentliche-torahlesung\/","title":{"rendered":"Die \u00f6ffentliche Torahlesung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Tora-Lesung<br \/>\n<\/strong><br \/>\nBereits in der Tora finden wir die Aufforderung zu \u00f6ffentlichen Schriftenlesungen: \u201eVersammle das Volk, die M\u00e4nner und die Frauen und die Kinder und auch den Fremden in deinen Toren, damit sie h\u00f6ren und damit sie lernen und den Ewigen, deinen G-tt, f\u00fcrchten und alle Worte dieser Lehre beobachten, sie auszuf\u00fchren\u201d (Devarim 31:12).<!--more--><\/p>\n<p>Dem Propheten Nechemia zufolge bot eine Schriftenlesung Esras Anla\u00df zur Einf\u00fchrung der Toralesung. Wir erfahren in Nechemia 8, da\u00df Esra \u201edas Buch der Weisung Mosches\u201d auf den \u201ePlatz vor dem Wassertor\u201d brachte und daraus \u201evom Tageslicht an bis zum Mittag\u201d vor der Versammlung der \u201eM\u00e4nner, Frauen und derer, die es verstehen konnten\u201d vorlas. Die Lesung erfolgte mit der \u201eErl\u00e4uterung und Darlegung des Sinnes, da\u00df sie das Gelesene verst\u00e4ndlich machen konnten.\u201d<\/p>\n<p>Die Einf\u00fchrung regelm\u00e4\u00dfiger Tora-Lesungen mu\u00df nach Elbogen (in: Der j\u00fcdische G-ttesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Olms 1995) vor Mitte des dritten Jahrhunderts stattgefunden haben. Den \u00e4ltesten vorhandenen Quellen zufolge soll Mosche Rabbenu die Lesung der Tora an Festen und am Schabbat eingerichtet haben, der Prophet Esra montags und donnerstags. Bereits zur Tempelzeit las der Hohenpriester am Jom Kippur nach der Opferhandlung aus der Schrift.<\/p>\n<p>Heute lesen wir viermal w\u00f6chentlich aus der Tora: am Schabbat-Morgen und -Nachmittag und am Montag und Donnerstag w\u00e4hrend des Morgengebets. Es sollen keine drei Tage vergehen, ohne da\u00df ein Abschnitt aus der Tora vorgetragen wird. Den Hinweis darauf liefert die Tora: \u201eDrei Tage waren sie unterwegs und fanden kein Wasser\u201d. Anstelle von Wasser setze man hier Tora: Wer drei Tage ohne Wasser (d.h. Tora) ist, l\u00e4uft Gefahr, da\u00df seine Seele vertrocknet. Die Tora-Lesungen montags und donnerstags sind auf den Umstand zur\u00fcckzuf\u00fchren, da\u00df diese beiden Tage traditionell Markt- und Gerichtstage waren, an denen viele Menschen zusammenkamen. Da gerade kleinere Landgemeinden keinen regelm\u00e4\u00dfigen Schabbat G-ttesdienst anbieten konnten, boten diese beiden Tage eine g\u00fcnstige Gelegenheit f\u00fcr gemeinsame G-ttesdienste mit Tora-Lesung.<\/p>\n<p>In fr\u00fcheren Zeiten wurde w\u00e4hrend der Tora-Lesung ein sog. Meturgeman eingesetzt, der jeden in Hebr\u00e4isch vorgelesenen Satz laut in die Landessprache \u00fcbersetzte, da die Gemeinde nicht gen\u00fcgend Hebr\u00e4ischkenntnisse hatte.<\/p>\n<p>Heute erfolgt die gesamte Tora-Lesung in orthodoxen und konservativen Gemeinden auf Hebr\u00e4isch ohne \u00dcbersetzung, da in der Regel jeder Chumasch gute \u00dcbersetzungen anbietet.<\/p>\n<p><strong>Einteilung der Toralesung<\/strong><\/p>\n<p>Die Tora ist in 54 Abschnitte, hebr\u00e4isch &#8211; Parascha oder Sidra genannt, eingeteilt. Nach dem pal\u00e4stinensischen Zyklus war Sidre die urspr\u00fcngliche Bezeichnung des heute eher gel\u00e4ufigen Begriffs Parascha.<\/p>\n<p>Jedem Schabbat des j\u00fcdischen Kalenders wurde von unseren Weisen eine bestimmte Parascha zugeteilt, deren Eingangsworte (oder andere pr\u00e4gnante Stichworte) dem jeweiligen Schabbat schlie\u00dflich den Namen geben. Das erste Buch Mosche beginnt bspw. mit den Worten \u201eBereschit bara Elohim et ha Schamajim we et ha Aretz\u201d, die Bezeichnung dieses Schabbats ist demzufolge \u201eBereschit\u201d.<\/p>\n<p>An jedem Schabbat k\u00f6nnen aber auch weitere Lesungen hinzugef\u00fcgt werden, wenn auf diesen Schabbat z.B. ein Feiertag oder Neumond f\u00e4llt. In diesem Fall wird die Tora-Lesung um einen zus\u00e4tzlichen, dem Anla\u00df des Tages entsprechenden Abschnitt, erg\u00e4nzt. Zwischen den Monaten Adar und Nissan werden in Vorbereitung auf Pessach an vier Schabbatot neben dem jeweils regul\u00e4ren ein ausgezeichneter Abschnitt zus\u00e4tzlich gelesen (Schekalim, Zachor, Parah, Parschat HaChodesch).<\/p>\n<p>Die oben genannten 54 Toraabschnitte werden innerhalb eines j\u00fcdischen Kalenderjahres vollst\u00e4ndig gelesen. Hierbei folgen wir der babylonischen Tradition, also dem einj\u00e4hrigen Lesezyklus. Im babylonischen Talmud wird erw\u00e4hnt, da\u00df neben diesem einj\u00e4hrigen Zyklus noch ein weiterer bekannt ist, der vorwiegend in Israel \u00fcblich war: der dreij\u00e4hrige oder auch pal\u00e4stinensische Zyklus, nach dem man pro Schabbat 113 der jeweiligen Parescha vortr\u00e4gt und die Tora dementsprechend im Verlauf von drei Jahren vollst\u00e4ndig liest. Der dreij\u00e4hrige Zyklus wurde im Laufe von 15 Jahrhunderten mehr und mehr vom einj\u00e4hrigen verdr\u00e4ngt, der erst im Zuge der Versammlung reformierter Rabbiner im Jahre 1845 erneut eingef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Dem babylonischen Zyklus folgend lesen wir an Simchat Tora (Torafreudenfest) den letzten Abschnitt des f\u00fcnften Buch Mosche und beginnen direkt von neuem, um die Kontinuit\u00e4t der Tora zu verdeutlichen.<\/p>\n<p>Die f\u00fcnf B\u00fccher Mosche sind wie folgt eingeteilt: Das Buch Bereschit beinhaltet zw\u00f6lf Paraschot, Schemot und Devarim jeweils elf und Wajikra und Bamidbar jeweils zehn. Um die Tore nach dem babylonischen Zyklus wirklich in einem j\u00fcdischen Kalenderjahr beenden zu k\u00f6nnen, sind an manchen Schabbatot Doppellesungen von Abschnitten n\u00f6tig, d.h., im direkten Anschlu\u00df an einen regul\u00e4ren Abschnitt wird der n\u00e4chst folgende gelesen. In den B\u00fcchern Bereschit und Devarim sind je zwei Doppellesungen m\u00f6glich, in Wajikra drei und in Bamidbar zwei.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in fr\u00fcheren Zeiten die Schabbat-Abschnitte nicht besonders lang waren -21 Verse galten als normal -, so kann die Toralesung nach dem babylonischen Zyklus gerade bei Doppellesungen sehr ausgedehnt sein. An Wochentagen ist die Tora-Lesung hingegen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurz und umfa\u00dft lediglich den Beginn der Parascha des kommenden Schabbat.<\/p>\n<p><strong>Aufruf<\/strong><\/p>\n<p>Die Tore-Lesung bildet eigentlich das Herzst\u00fcck des j\u00fcdischen G-ttesdienstes. Bereits zu Zeiten des Tempels wurde die \u00dcbergabe der Torarolle an den Hohenpriester an Jom Kippur von Zeremonien begleitet, die wir heute im j\u00fcdischen G-ttesdienst andeutungsweise bei der Prozession mit der Tore zum Vorlesepult wiederfinden.<\/p>\n<p>Nachdem die Torarolle auf den Vorlesepult plaziert wurde, werden wochentags drei, am Neumond vier, an Feiertagen f\u00fcnf, an Jom Kippur sechs und am Schabbat sieben Personen zur Tore aufgerufen. Urspr\u00fcnglich durften M\u00e4nner, Freuen und Kinder eine Alija, einen Aufruf zur Tora erhalten, in der tannaitischen Zeit (1.\/2. Jahrhundert d.Z.) wurde dies jedoch abgeschafft und die Regel festgelegt, da\u00df lediglich erwachsene M\u00e4nner (d.h. ab dem Bar-Mitzwa-Alter) aufgerufen werden d\u00fcrfen. Kurz anzumerken sei an dieser Stelle, da\u00df alle nicht-orthodoxen Gemeinden auf der Welt diese Einschr\u00e4nkung im Zuge auf eine Gleichstellung der Frau in allen religi\u00f6sen Bereichen aufgehoben heben und Frauen zur Tore aufrufen. Der Mischna folgend wird heute bei Schabbat-Morgeng-ttesdiensten zun\u00e4chst ein Kohen, denn ein Levi und schlie\u00dflich ein Israel aufgerufen. Ist kein Levi anwesend, so soll an seiner Stelle ein bereits aufgerufener Kohen erneut aufgerufen werden (\u201eKohen bimkom Levi\u201d). Ist jedoch kein Kohen da, so kann an seiner Stelle entweder ein Levi oder ein Israel aufgerufen werden, eigentlich aber derjenige mit der gr\u00f6\u00dften Torakenntnis.<\/p>\n<p>Wurde ein Israel anstelle eines Kohen aufgerufen, so darf als Zweiter kein Levi mehr folgen (s. Ganzfried: Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1988, Kap. 23). Diejenigen, die eine Alija erhalten haben, werden vom Vorsteher entweder direkt mit Namen oder aber mit ihrer Rangfolge (\u201ef\u00fcnf\u201d, \u201dsechs\u201d) aufgerufen. Jede(r), die\/der zur Tora aufgerufen wird, soll in einen Tallit geh\u00fcllt zum Vorlesepult treten, die Tore mit den Zizit k\u00fcssen (die Tore jedoch nicht unmittelbar anfassen, sondern entweder mit dem Tallit oder aber an den Holzgriffen) und das Barechu und die folgenden S\u00e4tze sprechen.<\/p>\n<p>Im Anschlu\u00df daran folgt die Tore-Lesung, deren Mindestma\u00df bei drei Versen liegt, wobei kein Absatz mit einem f\u00fcr Israel unheilvollen Inhalt beginnen oder abschlie\u00dfen darf. Urspr\u00fcnglich las der Aufgerufene seinen Abschnitt selbst\u00e4ndig, ab ca. dem 13. Jahrhundert \u00fcbernahm diese Aufgebe ein sog. Baa Koreh, ein professioneller Tora-Leser, der den Abschnitt nach der traditionellen Melodie, dem sog. Tropp, vortr\u00e4gt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Lesung soll der Aufgerufene leise mitlesen und alle Betenden sollen sich verhalten \u201eals st\u00e4nden sie beim Sinai und (w\u00fcrden) die Offenbarung aus G-ttes Mund (vernehmen)u (zit.n. de Vries: J\u00fcdische Riten und Symbole, Wiesbaden 1981:28).<\/p>\n<p>Vor und nach der Lesung spricht der\/die Aufgerufene eine besondere Beracha, Birkat HaTora, und erh\u00e4lt im Anschlu\u00df an die Lesung ein Mi ScheBerach (\u201eDer gesegnet hat&#8230;\u201d), eine besondere Segnung, in der neben seinem\/ihrem Namen euch Familienangeh\u00f6rigen oder euch Kranken gedacht werden kann.<\/p>\n<p>Nach der Prophetenlesung (s.u.) erfolgt das Glilah (Zusammenrollen) mit dem Hagbahah (Hochheben der Rolle), nach der die Tore in einer feierlichen Prozession wieder zum Aron HaKodesch (Toraschrein) begleitet wird.<\/p>\n<p><strong>Propheten-Lesung<\/strong><\/p>\n<p>Die Propheten-Lesung wird bereits in der Mischna erw\u00e4hnt. Sie erfolgt am Schabbat und an Feiertagen w\u00e4hrend des Morgengebets nach der Tora-Lesung, wobei man durch des Sprechen des Halbkaddisch eine Trennung zwischen der Tora- und der Propheten-Lesung beif\u00fchrt. Die einzige Ausnahme, an dem eine Propheten-Lesung auch im Nachmittagsgebet erfolgt, ist Jom Kippur.<\/p>\n<p>Die Alija \u201eMaftir\u201d (Abschluss) bekommt die letzten Verse der Tora-Lesung erneut vorgelesen oder aber &#8211; an besonderen Schabbatot &#8211; die entsprechenden Zusatzverse. Die Lesung der Propheten folgt keiner bestimmten Reihenfolge, und es kann auch vorkommen, da\u00df eine Lesung aus zwei unzusammenh\u00e4ngenden St\u00fccken eines Propheten gelesen werden. Zwischen der jeweils zu lesenden Parascha und der Propheten-Lesung mu\u00df (inhaltlich oder begrifflich) eine Beziehung bestehen. W\u00e4hrend die Tora-Lesung in orthodoxen Gemeinden stets in Hebr\u00e4isch erfolgen, so darf die Haftare in konservativen Gemeinden in der Landessprache gehalten werden. F\u00fcr den Brauch von Reform-Gemeinden hat bereits eine Konferenz reformierter Rabbiner im Jahre 1845 bestimmt, da\u00df die Propheten-Lesung auch in Landessprache erfolgen darf.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>1. Elbogen: Der j\u00fcdische G-ttesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung, Olms 1995<br \/>\n2. Ganzfried: Kizzur Schulchan Aruch, Basel 1988<br \/>\n3. Trepp: Der j\u00fcdische G-ttesdienst, Stullgart 1992<br \/>\n4. de Vries: J\u00fcdische Riten und Symbole, Wiesbaden 1981<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Tora-Lesung Bereits in der Tora finden wir die Aufforderung zu \u00f6ffentlichen Schriftenlesungen: \u201eVersammle das Volk, die M\u00e4nner und die Frauen und die Kinder und auch den Fremden in deinen Toren, damit sie h\u00f6ren und damit sie lernen und den Ewigen, deinen G-tt, f\u00fcrchten und alle Worte dieser Lehre beobachten, sie auszuf\u00fchren\u201d (Devarim 31:12).<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-461","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-torah"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/461","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=461"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/461\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":462,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/461\/revisions\/462"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=461"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=461"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=461"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}