{"id":469,"date":"2013-12-08T00:45:53","date_gmt":"2013-12-07T22:45:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=469"},"modified":"2013-12-08T00:45:53","modified_gmt":"2013-12-07T22:45:53","slug":"offenbarung-im-judentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/offenbarung-im-judentum\/","title":{"rendered":"Offenbarung im Judentum"},"content":{"rendered":"<p>Alles j\u00fcdische Leben zirkelt um die Offenbarung. Ihren Sinn zu ergr\u00fcnden, ihr Wort einzubauen in das Leben, dem Wort Gestaltung zu geben in Tat und Erf\u00fcllung, das ist durch alle Generationen j\u00fcdischen Seins die Arbeit der F\u00fchrer und die Arbeit und Kraft der Massen, die um ihre Sendung wissen wollen und in ihrem Sondersein Ziel und Inhalt zu finden sich m\u00fchen.<!--more--> Immer wieder aber lockt der Vorgang der Offenbarung selbst die Phantasie, so stark auch das Denken vom Inhalt der Offenbarung angezogen wird. Man wei\u00df im tiefsten, dass dieser Vorgang sich mit den Sinnen angepassten Mitteln der Sprache nicht darstellen, geschweige denn ersch\u00f6pfen l\u00e4sst, dass das Wort hier ohnm\u00e4chtig bleibt, ja, dass es eigentlich gar nicht statthaft ist, die Offenbarung Gottes mit den Mitteln menschlicher Ausdrucksweise sich begreiflich zu machen; und doch lockt und lockt es, sich auszumalen, wie Gott sich offenbart hat, wie er Israel erw\u00e4hlt, wie und was er zu ihm sprach, ehe die gro\u00dfe Verk\u00fcndigung anhob. Die Aggadah ist voll von solchen Versuchen das Unbegreifliche in Begreifliches zu wandeln, das Unaussprechbare auszusprechen.<br \/>\nWenn man ihre Stimmen liest, muss man wissen, dass es den Sprechern selbst bewusst war, wie wenig w\u00f6rtlich man das Wort nehmen darf, dass sie selbst das Wort nur pr\u00e4gten, um seinem Sinn Ausdruck zu verleihen, dass es ihnen darauf ankam, aus diesem Sinn Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Einzigartigkeit und das Zwingende der Offenbarung am Sinai zu wecken. \u201eEs sagte Rabbi Simon ben Lakisch: eine Vertragsbedingung stellte der Heilige, gelobt sei er, mit seinem Sch\u00f6pfungswerk, er sprach zu ihm: wenn Israel die Thora annehmen wird, dann wirst auch du Bestand haben; wenn nicht, so st\u00fcrze Ich die Welt ins Chaos zur\u00fcck\u201c (Schabbath 88a)<br \/>\nIn der naiven Sprache des Midrasch wird hier ein Gedanke von gewaltiger Wucht in das Denken des Lesers oder H\u00f6rers eingepflanzt, der Gedanke von der unaufl\u00f6slichen Verbindung der Welt in ihrem Naturhaften, in ihrem Geschaffensein, ihrer Gesch\u00f6pflichkeit mit der vom Menschen her zu l\u00f6senden Aufgabe der Verwirklichung einer sittlichen Welt. Mehr noch als nur Verbindung, die Abh\u00e4ngigkeit des Naturhaften vom Sittlichen, die Zweitrangigkeit des Biologischen gegen\u00fcber der Erstrangigkeit des Geistigen und Sittlichen kommt hier zu klassischem Ausdruck. Um mit Worten heutiger theologischer Diskussion zu reden, die Sch\u00f6pfungsordnungen werden nicht als letztes Wort der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung hingestellt, als absolut in ihrem Wert; sie werden dem sittlichen Gedanken, der sittlichen Zielsetzung der Thora unterstellt. Die Welt ist geschaffen um der Verwirklichung der \u00fcber das Biologische hinausgehenden sittlichen Aufgaben willen, und sie hat nur um derentwillen und von ihnen her ein Daseinsrecht.<br \/>\nIsrael selbst f\u00e4llt in diesem Aggadahwort die Rolle eines ersten Empf\u00e4ngers zu, mehr aber auch nicht. Feststellung der geschichtlichen Tatsache, dass Israel in der Welt jener Tage der Einzige war, der f\u00fcr den Sinn der Offenbarung aufgeschlossen war und sie darum annahm. Und Ausdruck der Gewissheit, dass wenn immer jener Sinn vergessen wird, die Welt au\u00dferhalb des Chaos bleibt, solange Israel wenigstens an der Offenbarung festh\u00e4lt und sie nicht preisgibt.<br \/>\nUngeheure Verantwortung, die damit auf Israel gelegt ist!<br \/>\nWelcher heroische Entschluss, sie zu tragen! Aber h\u00e4ngt es denn von Israel ab, hing es von ihm ab, ob es den Auftrag \u00fcbernehmen will, ob es der Sendung gehorchen will?<br \/>\nEine andere Aggadah von der Offenbarung am Sinai scheint dem zu widersprechen: (Schabbath 88a) \u201eEs sagte Raw Awdimi bar Chama bar Chassa: Gott st\u00fclpte \u00fcber Israel den Berg gleich einem Kessel und sprach zu ihm: nehmt ihr die Thora an, gut, weigert ihr euch &#8211; dann ist hier sofort euer Grab.\u201c<br \/>\nEin merkw\u00fcrdiges Wort. Zun\u00e4chst str\u00e4ubt man sich gegen solch einen Ausspruch. Wo ist der freie Wille? Wo bleibt hier Israels Verdienst um die Ausbreitung des Gotteswortes? Vielleicht ist das im tiefsten der Sinn und die Absicht dieses Midraschs. In Wahrheit, es gibt kein Verdienst Israels, wie irgendeines Volkes, irgendeines Menschen. Allesamt sind wir von Gott Gef\u00fchrte; wohl dem, der um diese F\u00fchrung wei\u00df und willig und freudig sich ihr anvertraut, nicht erst zu ihr gezwungen werden muss. Mensch oder Volk, ein jedes wird von Gott gef\u00fchrt und dahin geleitet, wohin Gott es setzen will, wo er ihm seine Arbeit zuweist, und es hat keine Wahl, denn in dieser Sendung ruht sein Sein; f\u00fcgt es sich nicht, verliert es Sinn und Recht seines Seins.<br \/>\nWo aber bleibt die Freiheit des Willens? Unl\u00f6sbares R\u00e4tsel der menschlichen Existenz. Der Rabbi, der jenen Ausspruch tat, \u00fcberlie\u00df das Sinnen dar\u00fcber den Philosophen. Und er selbst begn\u00fcgte sieh damit: zu sagen, dass Sendung und Aufgabe immer ein Muss ist, dass sie wie ein Zwang zu den Menschen kommen, dem man nicht entrinnen kann, es sei denn, man gebe sein Leben verloren. Wenn der Einzelne in Israel sich dieser Sendung entziehen will, er meint, er k\u00f6nne wollen, und doch bleibt er der Sendung verhaftet und wird in sie hineingezwungen.<br \/>\nGemeinschaft, das ist der letzte Sinn dieses Midraschs, ist nicht, wie ein Jahrhundert dachte, nur vom Willen des Einzelnen abh\u00e4ngig. Gemeinschaft ist ein Zwingendes, das den Einzelnen packt und ihn hineinrei\u00dft in Zusammenh\u00e4nge, die Herr \u00fcber ihn sind, denen er sich nicht entwinden kann. Gemeinschaft ist nicht eine Sammlung von Atomen, die zueinander streben, sondern ein Vorhandenes, Geschaffenes, Geschicktes, zu dem man geh\u00f6rt, in dem der Grundstock des Lebens ist und ohne das man dem Tod und der Vernichtung anheimgegeben ist. Wie aber soll man denn die Kraft haben, um das Recht der Gemeinschaft zu wissen, wie die Kraft haben, der Sendung sich anzugeloben und die ungeheure Verantwortung zu tragen? Hat denn jeder die Kraft dazu? Sie ist das Gewaltigste, erfordert ein tiefes Wissen um die Untergr\u00fcnde und Hintergr\u00fcnde allen menschlichen Seins, des pers\u00f6nlichen und des gemeinschaftlichen, hat jedermann dazu die Kraft, kann man sie jedem zutrauen? Antwort darauf gibt wiederum ein Midraschwort: \u201eKomm und erkenne, wie Gottes Stimme sich erging. Sie kam zu jedem in Israel nach dem Ma\u00dfe seiner Kraft, zu den Alten nach ihrer Kraft, zu den Jungen nach ihrem Verm\u00f6gen, zu den Kindern nach ihren M\u00f6glichkeiten, zu den Frauen nach der Art ihrer Kr\u00e4fte, und zu Mose auch entsprechend seiner Kraft.\u201c (Schemoth rabbah V, 9) Wir haben hier den Ausdruck des gl\u00e4ubigen Vertrauens, dass Gott niemand \u00fcber seine Kraft zumutet, niemand mehr Last der Verantwortung auf die Welt aufl\u00e4dt, als er tragen kann, dass niemand von der Sendung erdr\u00fcckt wird. Die ewige Wahrheit ist hier kundgetan, dass zwar niemand die F\u00fclle des Ganzen zu ergr\u00fcnden vermag, niemand alle Seiten der g\u00f6ttlichen Mitteilung zu erfassen imstande ist, dass es aber jedermann gegeben und jedermann m\u00f6glich ist, einen Teil des Ganzen zu ergr\u00fcnden, dass jedermann das erfassen kann, was gerade zu ihm spricht, und dass etwas zu jedermann dringt. Und niemand tr\u00e4gt das Ganze der, sonst untragbaren, Verantwortung, jeder tr\u00e4gt nur seinen Teil, den Teil, den er aus seiner Fassungskraft versteht. Und dieses Teilchen, das zu einem dringt, um das er sich m\u00fcht, ist f\u00fcr ihn dem Ganzen gleich; es ist, als ob er damit Tr\u00e4ger des Ganzen geworden w\u00e4re, so wie am Sinai auch jeder nur den Teil erfasste, der ihm gem\u00e4\u00df war, und doch damit Tr\u00e4ger des Ganzen wurde. Wo aber h\u00f6rt man die Stimme des sich offenbarenden Gottes? Von woher ert\u00f6nt sie? Wo muss man sein, um sie am deutlichsten zu vernehmen? Wiederum antwortet darauf ein Midrasch. (Schemoth rabbah V, 9) \u201eAls der Heilige, gelobt sei er, am Sinai die Thora gab, tat er mit seiner Stimme Israel Wunder \u00fcber Wunder kund. Wie das? Der Heilige, gelobt sei er, sprach, und die Stimme fuhr aus und fuhr durch die ganze Welt, und Israel h\u00f6rte die Stimme von \u00fcberall her. Sie kam zu ihm von S\u00fcden her, alles lief dorthin, um die Stimme aufzunehmen, da sprang sie um, und es war, als k\u00e4me sie von Norden. Alles lief dorthin, da war die Stimme im Osten. -Man lief nach Osten, und wieder ver\u00e4nderte die Stimme ihre Richtung und kam nun von Westen. Man dr\u00e4ngte sich zum Westen, da sprang die Stimme um, und sie erklang vom Himmel her. Alles schaute zum Himmel auf, wieder erfuhr die Stimme eine andere Richtung, und nun kam sie von der Erde her. Da sprachen die Israeliten einer zum andern: die Weisheit, von woher findet man sie? und wo ist der Ort der Einsicht (Hiob 28 12)?\u201c Kann man es plastischer, kindlicher und zugleich tiefer aussprechen, dass Gottes Stimme von \u00fcberall her zu uns t\u00f6nt, dass der Mensch nicht hierhin und dorthin zu laufen braucht, sie besser zu h\u00f6ren, dass sie ihn an jeglichem Ort anspricht?<br \/>\nDie ganze Welt der Schauplatz der Offenbarung, kein Fleckchen, das nicht von ihr durchhallt ist, \u00fcberall ert\u00f6nt vernehmlich ihr Laut, zu jedermann vermag er zu dringen, \u201evoll ist die ganze Erde Seiner Erscheinung\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles j\u00fcdische Leben zirkelt um die Offenbarung. 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