{"id":51,"date":"2013-09-16T00:22:48","date_gmt":"2013-09-15T22:22:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=51"},"modified":"2021-01-11T11:59:03","modified_gmt":"2021-01-11T09:59:03","slug":"schlafen-und-purim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/schlafen-und-purim\/","title":{"rendered":"Schlafen und Purim"},"content":{"rendered":"\n<p>Schlafen an Purim ist keine Missachtung des Feiertags, sondern sogar eine Mizwa. Nicht gerade in der Synagoge und w\u00e4hrend der Megillah-Lesung soll man schlafen, aber die Halacha bestimmt, dass man an Purim etwas trinken und dann direkt ins Bett gehen sollte. So steht es jedenfalls im Schulchan Aruch (Orach Chajim 695,2).<\/p>\n\n\n\n<p>Damit steht Purim im Gegensatz zu Festen wie Schawuot oder Rosch Haschana. An Schawuot soll man die gesamte Nacht zum Lernen wachbleiben und an Rosch Haschana m\u00f6glichst wenig schlafen. Die Frage liegt also nahe: Was hat Purim also speziell mit dem Schlaf zu tun? <br>Die Frage ist eng verbunden mit einer bekannten Feststellung zur Megillat-Esther. Die meisten von uns haben schon einmal geh\u00f6rt, dass der Begriff \u00bbG\u2018tt\u00ab in dieser nicht auftaucht und man so vielleicht meinen k\u00f6nnte, das \u00bbWunder\u00ab von Purim sei ausschlie\u00dflich ein nationales Ereignis und ein gl\u00fccklicher Zufall.<br>Bemerkenswerterweise sagt man aber dann doch \u00bbAl haNissim\u00ab als Bracha, also \u00bbBaruch \u2026 sche\u2018asah Nissim la\u2018Awotejnu baJamim haHeim bas\u2018man haSe \u2013 DER Wunder vollbracht hat f\u00fcr unsere Vorfahren in jenen Tagen zu dieser Zeit\u00ab wie auch zu Chanukka. Die Frage nach der Abwesenheit von G\u2018tt in der Megilla hat Juden zu jeder Zeit besch\u00e4ftigt. Dementsprechend ist auch die Idee nicht neu, dass G\u2018tt doch in irgendeiner Form genannt wird oder vorkommt. In der Regel wird der Satz \u00bbIn dieser Nacht, wurde der Schlaf des K\u00f6nigs gest\u00f6rt\u00ab (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/megillat-esther-das-buch-esther\/#Kapitel_6\">Esther 6,1<\/a>) auf G\u2018tt bezogen.<br>Wie das?<br>Der Talmud diskutiert eine interessante Lesart einer Unterhaltung zwischen Haman und Achaschwerosch. \u00bbJeschno am echad\u00ab, spricht Haman als einleitende Worte zu Achaschwerosch (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/megillat-esther-das-buch-esther\/#Kapitel_3\">Esther 3,8<\/a>) \u2013 \u00bbDort ist ein Volk\u00ab.<br>Im Traktat <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/megilla\/megilla-kapitel-1\/#blatt-13b\">Megilla 13b<\/a> wird gesagt, dass \u00bbjeschno\u00ab (also \u00bbdort ist\u00ab) auch als \u00bbjaschnu\u00ab (\u00bbsie haben geschlafen\u00ab) gelesen werden k\u00f6nnte. Im Talmud wird damit zum Ausdruck gebracht, dass das Volk die Mizwot nicht mehr einhielt und das geistige Leben praktisch \u00bbeingeschlafen\u00ab sei. Der Talmud f\u00e4hrt sogar fort mit: \u00bbAchaschwerosch antwortete ihm: Unter ihnen sind Rabbiner\u00ab. Was bedeutet, dass sogar Rabbiner sich nicht mehr an die Mizwot hielten. Das j\u00fcdische Volk also im Tiefschlaf \u2013 und auf diesen Zustand des Volkes spielt Haman nun an und sagt folgerichtig: \u00bbDiese Nation schl\u00e4ft und tut keine Mizwot\u00ab. Haman sah also vielleicht deshalb einen guten Zeitpunkt f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des j\u00fcdischen Volkes, da er davon ausgehen konnte, dass es f\u00fcr das \u00bbspirituell schlafende\u00ab Israel keinen Schutz mehr geben konnte. Zum einen, weil sie sich nicht mehr an ihre Gemeinsamkeit in der Diaspora hielten \u2013 an die Tora und die Tradition. Dann aber auch, weil er vermutete, dass G\u2018tt seinem Volk nicht helfen w\u00fcrde, wenn dieses \u00bbschl\u00e4ft\u00ab. Der Midrasch verfolgt diesen Gedanken weiter und erkl\u00e4rt, dass G\u2018tt Israel mit gleichem Ma\u00df behandelte und seine Anwesenheit vor den Kindern Israels verbarg \u2013 denn es erschien so, als schliefe er. Als Beweis daf\u00fcr, dass G\u2018tt schl\u00e4ft, statt die Kinder Israels zu sch\u00fctzen, wird der 44. Psalm zitiert: \u00bbWach auf! Warum schl\u00e4fst Du, HaSchem?\u00ab (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/tehillim-psalmen\/tehillim-buch-2-psalmen-42-bis-72\/#Psalm44\">Tehillim 44,24<\/a> nach Esther Rabba 10,1).<br>Wenn wir nun auf die Schlafmetapher aufmerksam geworden sind, wird auch die alternative Bedeutung des ersten Satzes von <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/megillat-esther-das-buch-esther\/#Kapitel_6\">Kapitel 6<\/a> etwas wahrscheinlicher: \u00bbIn dieser Nacht, wurde der Schlaf des K\u00f6nigs gest\u00f6rt\u00ab. Wenn dann noch <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/tehillim-psalmen\/tehillim-buch-3-psalmen-73-bis-89\/#Psalm78\">Psalm 78<\/a> hinzu gedacht wird, der besagt: \u00bbDa erwachte HaSchem wie aus dem Schlaf\u00ab, wird immer klarer, welcher K\u00f6nig hier zugleich gemeint sein k\u00f6nnte: Achaschwerosch und G\u2018tt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der erste Teil von Kapitel 6 erkl\u00e4rt zugleich auch, warum Mordechaj einen so guten Ruf beim K\u00f6nig genoss: Weil er dem K\u00f6nig half, Schlaf zu finden (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/megillat-esther-das-buch-esther\/#Kapitel_6\">6,1<\/a>). Er las aus den Chroniken vor, wenn der K\u00f6nig nicht schlafen konnte. Vielleicht als Einschlafhilfe, vielleicht auch, weil der K\u00f6nig von Sorgen geplagt wurde, die ihm vor Augen standen, wenn er diese schloss. Raschi (Rabbi Schlomo ben Jizchak von Troyes, 1040 bis 1105) kommentierte die Megilla in \u00e4hnlicher Richtung. Der K\u00f6nig konnte nicht schlafen, weil er sich darum sorgte, irgendetwas vergessen zu haben und Mordechaj erinnert ihn daran. An wichtigen Stellen der Megilla wird also geschlafen, oder es kann eben nicht geschlafen werden. Wichtig w\u00e4re, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, wann man schlafen kann. Wenn es um das eigene Schicksal geht, ist es nicht vorteilhaft zu schlafen, deshalb wird etwa Jona (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/das-buch-jonah\/#Kapitel_1\">Jona 1,6<\/a>) von den Seeleuten geweckt, wenn er im Bauch des Schiffes schl\u00e4ft, w\u00e4hrend um sie herum ein Sturm tobt. \u00bbWarum schl\u00e4fst Du hier so fest? Steh doch auf! Vielleicht wird G\u2018tt an uns denken und wir kommen nicht um\u00ab. Dieser Satz gilt auch f\u00fcr die Juden in Persien. Erst wenn sie ihre Lage erkennen, k\u00f6nnen sie handeln und dementsprechend auch auf g\u00f6ttliche Hilfe hoffen. Ohne Eigenleistung und -initiative geht es nicht. Deshalb also ist \u00bbSchlaf\u00ab als Erinnerung wichtig an Purim. Es geht nicht um Nichtaktivit\u00e4t, sondern die Bereitschaft, aktiv zu werden und zu handeln. Bevor wir dies tun, gehen wir, wie der K\u00f6nig, unsere eigene \u00bbChronik\u00ab durch, sowohl die Megilla als auch unsere private, und erinnern uns daran, was uns wiederfahren ist und wer uns jemals behilflich war, und vielleicht danken wir der Person oder G\u2018tt. Oder beiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schlafen an Purim ist keine Missachtung des Feiertags, sondern sogar eine Mizwa. Nicht gerade in der Synagoge und w\u00e4hrend der Megillah-Lesung soll man schlafen, aber die Halacha bestimmt, dass man an Purim etwas trinken und dann direkt ins Bett gehen sollte. So steht es jedenfalls im Schulchan Aruch (Orach Chajim 695,2). Damit steht Purim im Gegensatz zu Festen wie Schawuot oder Rosch Haschana. An Schawuot soll man die gesamte Nacht zum Lernen wachbleiben und an Rosch Haschana m\u00f6glichst wenig schlafen. Die Frage liegt also nahe: Was hat Purim also speziell mit dem Schlaf zu tun? Die Frage ist eng verbunden mit einer bekannten Feststellung zur Megillat-Esther. Die meisten von uns haben schon einmal geh\u00f6rt, dass der Begriff \u00bbG\u2018tt\u00ab in dieser nicht auftaucht und man so vielleicht meinen k\u00f6nnte, das \u00bbWunder\u00ab von Purim sei ausschlie\u00dflich ein nationales Ereignis und ein gl\u00fccklicher Zufall.Bemerkenswerterweise sagt man aber dann doch \u00bbAl haNissim\u00ab als Bracha, also \u00bbBaruch \u2026 sche\u2018asah Nissim la\u2018Awotejnu baJamim haHeim bas\u2018man haSe \u2013 DER Wunder vollbracht hat f\u00fcr unsere Vorfahren in jenen Tagen zu dieser Zeit\u00ab wie &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":279,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-51","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-purim"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/purim_amsterdam.gif?fit=154%2C165&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=51"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6796,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51\/revisions\/6796"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/279"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=51"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=51"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=51"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}