{"id":515,"date":"2013-12-11T23:42:25","date_gmt":"2013-12-11T21:42:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=515"},"modified":"2014-05-26T11:43:05","modified_gmt":"2014-05-26T09:43:05","slug":"der-juedische-jesus-und-das-christentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/der-juedische-jesus-und-das-christentum\/","title":{"rendered":"Der j\u00fcdische Jesus und das Christentum"},"content":{"rendered":"<p>Wirft man einen Blick in eines der theologischen Standartnachschlagewerke, der \u201eReligion in Geschichte und Gegenwart&#8220;, unter Abraham Geiger nach, so wird kurz auf seine Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung des Reformjudentums eingegangen, einen Hinweis auf seinen Beitrag zur \u201eLeben-Jesu-Forschung&#8220; sucht man allerdings vergebens.<!--more--> Auch in weiteren Einf\u00fchrungen und Einleitung in die neutestamentliche Wissenschaft finden sich keine Hinweise auf Abraham Geiger, seine Beitr\u00e4ge zur neutestamentliche Forschung und seinen kritischen Anfragen an die christliche Theologie, die sich aus seinen Erkenntnissen ergeben.<\/p>\n<p>Diese L\u00fccke versucht Susannah Heschel mit ihrem Buch zu schlie\u00dfen, in dem sie ausf\u00fchrlich Geigers Arbeit zur \u201eLeben-Jesu-Forschung&#8220; darstellt und dabei seinen Beitrag f\u00fcr das Reformjudentum eher in den Hintergrund stellt, diesen Beitrag aber auch nicht v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigt. Dabei gelingt es ihr, die Bedeutung und die Tragweite der Ergebnisse Geigers f\u00fcr die christliche Theologie klar und verst\u00e4ndlich darzustellen. Ergebnisse die von der damaligen christlichen theologischen \u201eElite&#8220; kaum aufgenommen oder \u00fcberhaupt beachtet wurden, heute aber in vielen Bereichen in der christlichen Theologie durchaus akzeptiert sind. Besonders zu nennen ist hier die Herausl\u00f6sung der Pharis\u00e4er aus den g\u00e4ngigen christlichen Vorurteilen, die bis heute in der christlichen Gemeinde fortwirken und ihre Spuren hinterlassen haben. Diese Herausl\u00f6sung und die Erforschung der Verh\u00e4ltnisse in Israel zur Zeit des II.Tempels aufgrund der detaillierten Betrachtung j\u00fcdischer Quellen stellte innerhalb der Theologiegeschichte so ein Novum da, was allerdings von der \u00fcbrigen, christlichen Welt, in seiner Tragweite nicht erkannt wurde oder nicht erkannt werden wollte.<\/p>\n<p>Auch die von Geiger dargestellte N\u00e4he Jesu, ja sein Aufgehen im Pharis\u00e4ertum, ist ein Ergebnis, welches nicht leichtfertig von der christlichen Theologie abgetan werden kann.<\/p>\n<p>Neben der guten Darstellung dieser Ergebnisse und der Vorgehensweise Geigers liefert Susannah Heschel ein unglaublich detailliertes Bild von der Landschaft der protestantischen Theologie des 19. Jh. und der darin weit verbreiteten und allgemein anerkannten Antijudaismen. Diese Darstellung ist teilweise leider so detailliert, da\u00df der Leser an einigen Stellen von der F\u00fclle der Details ein wenig verwirrt wird. Auch eine kleine Einf\u00fchrung in die \u201ehistorisch-kritische Exegese&#8220;, ihren Ergebnissen und in die historische und religi\u00f6se Situation in Israel zur Zeit des II. Tempels aus heutiger Sicht w\u00e4re w\u00fcnschenswert gewesen.<\/p>\n<p>Alles in allem ist es ein gelungenes Buch, welches in verst\u00e4ndlicher Sprache geschrieben ist. Dies allein ist ja schon ein wohltuender Unterschied zu manch anderem Buch dieser Art. Es ist allen \u201eLaien&#8220; und \u201eTheologen&#8220; zu empfehlen, die an einem ernsthaften j\u00fcdisch-christlichen Dialog und Kontroversen jenseits aller Betroffenheit interessiert sind.<\/p>\n<p>Warum aber sollte sich eine christliche Theologie mit einem j\u00fcdischen Beitrag auseinandersetzen? Das Christentum mu\u00df die Fragen und die Kritik aus dem Judentum aushalten und sich mit ihnen ernsthaft, jenseits aller allgemeinen Reden \u00e1 la \u201eJesus war auch Jude&#8220;, auseinandersetzen. Dies ist es dem Judentum und sich selber schuldig. Es hat ohne das Judentum keine Existenzgrundlage; das Christentum kann ohne das Judentum nicht existieren, wogegen das Judentum ohne das Christentum nicht in seiner Existenz bedroht ist.<\/p>\n<p>Das Christentum hat aber seine einzige Berechtigung und Fundament in in dem Jesus, der als Jude seiner Zeit gelebt hat und aus dem Judentum seiner Zeit kommt. In diesem Punkt ist Abraham Geiger voll zuzustimmen. Jesus mu\u00df aber mehr als einer unter vielen sein, denn sonst ist dem Christentum sein Fundament entzogen. In diesem Punkt, da\u00df Jesus lediglich einer unter vielen seiner Zeit war, kann meiner Meinung nach Abraham Geiger von christlicher Seite aus diesem Grund nicht zugestimmt werden.<\/p>\n<p>Aus dem Zusammenhang und der \u00dcberzeugung, da\u00df das Judentum in keiner Weise vom Christentum abgel\u00f6st oder \u00fcberboten worden ist oder anders gesagt, da\u00df das Christentum im neuen Bund steht und Israel im alten, nicht mehr geltenden Bund verharrt, sondern beide gleichberechtigt am Tisch der Wahrheit sitzen, entsteht eine der gro\u00dfen Fragen und Herausforderungen f\u00fcr das Christentum der heutigen Zeit: Warum gibt es \u00fcberhaupt Christen und Juden oder anders gesagt, wie ist ein Christentum im Angesichte Israels, ohne auf dem alten Weg der antijudaistischen Urteile und Bildern weiterzugehen und das Judentum damit neben sich und nicht unter sich sieht? Welche Rolle spielt dabei das Fundament des Christentums, jener Jesus von Nazareth, der f\u00fcr die Christen der Christus, der Gesalbte ist? Ist er vielleicht das Zeichen f\u00fcr die \u201eV\u00f6lker&#8220; aus Jesaja 11; das Zeichen, welches Israel nicht mehr bedarf?<\/p>\n<p>Diese Fragen m\u00fcssen im Christentum sorgsam bedacht werden und auf dem Weg der \u00dcberlegungen m\u00fcssen die j\u00fcdischen Quellen und \u00dcberlegungen, wie die Abraham Geigers, ernst genommen und mit ihnen ins Gespr\u00e4ch gegangen werden. Dies kann ab nur in einem Dialog geschehen, der von aller falschen Betroffenheit befreit wird, denn dies verhindert eine ernsthafte Auseinandersetzung und f\u00fchrt zu Stereotypen wie \u201eJesus war auch Jude&#8220;, ohne das diese konsequent zu Ende gedacht werden.<\/p>\n<p>Bei diesem Dialog wird die Gestalt des Jesus von Nazareth immer auf der Grenze stehen, denn er verbindet und trennt Judentum und Christentum. Diese Aussage ist vielleicht eine der wichtigsten f\u00fcr den j\u00fcdisch-christlichen Dialog, die Susannah Heschel in ihrem Buch \u00fcber Abraham Geiger und seinen, leider vergeblichen, Versuch in einen Dialog mit den christlichen Theologen seiner Zeit zu treten, macht.<\/p>\n<p>Susannah Heschel: Der j\u00fcdische Jesus und das Christentum &#8211; Abraham Geigers Herausforderung an die christliche Theologie; 2001 Berlin &#8211; J\u00fcdische Verlagsanstalt Berlin <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3934658040\/judentindeutsche\">bei amazon.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wirft man einen Blick in eines der theologischen Standartnachschlagewerke, der \u201eReligion in Geschichte und Gegenwart&#8220;, unter Abraham Geiger nach, so wird kurz auf seine Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung des Reformjudentums eingegangen, einen Hinweis auf seinen Beitrag zur \u201eLeben-Jesu-Forschung&#8220; sucht man allerdings vergebens.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[92,58],"tags":[66],"class_list":["post-515","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-christentum","category-interreligioeses","tag-rezension"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=515"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/515\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":516,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/515\/revisions\/516"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=515"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}