{"id":5167,"date":"2020-02-20T11:40:43","date_gmt":"2020-02-20T09:40:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=5167"},"modified":"2020-09-11T11:49:49","modified_gmt":"2020-09-11T09:49:49","slug":"auge-fuer-auge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/auge-fuer-auge\/","title":{"rendered":"Auge f\u00fcr Auge?"},"content":{"rendered":"\n<p><span class=\"dropcap\">G<\/span>ibt es eine Phrase, die von b\u00f6swilligen Menschen h\u00e4ufiger im Zusammenhang mit dem Judentum zitiert wurde als diese: \u00bbAuge um Auge\u00ab oder \u00bbAuge f\u00fcr Auge etc.\u00ab?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kaum ein anderer Satz aus der Torah ist dieser sprichw\u00f6rtlich geworden.<br>So sprichw\u00f6rtlich, dass niemand mehr wei\u00df, dass die Unterstellung aus antij\u00fcdischer Polemik stammt. Diese behauptet, das Judentum sei eine Religion, die nach dem Prinzip der Vergeltung Recht spricht. Im Kontrast zum Christentum, dem das Prinzip der N\u00e4chstenliebe zugrunde liege.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch heute werden nicht selten Vokabeln aus diesem Bereich verwendet, wenn zum Beispiel von der israelischen Armee die Rede ist. Israelische Truppen \u00bb\u00fcben Vergeltung\u00ab oder \u00bbvergelten\u00ab einen vorherigen Angriff. Bisweilen begegnet einem auch die Formulierung \u00bbAuge um Auge\u00ab, oder es ist vom \u00bbalttestamentarischen Prinzip\u00ab die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite reicht h\u00e4ufig die rei\u00dferische Schilderung eines Verbrechens, um aus Teilen der Bev\u00f6lkerung Rufe nach \u00bbRache\u00ab oder Vergeltung zu h\u00f6ren, und zum anderen erfahren wir, dass diese Art von Recht tats\u00e4chlich zu existieren scheint. Aber anderswo auf der Welt und nicht im Judentum.<\/p>\n\n\n\n<p>2009 Zeit machte ein Fall aus dem Iran Schlagzeilen in aller Welt. Dort hatte ein Mann einer Frau S\u00e4ure ins Gesicht gesch\u00fcttet. Ihr Gesicht wurde entstellt und sie erblindete. Vor einem Gericht im Iran erstritt sie dann das Recht, Rache zu nehmen und dem T\u00e4ter S\u00e4ure in die Augen tropfen zu d\u00fcrfen. Die Vollstreckung dieser Ma\u00dfnahme sollte dann im Mai dieses Jahres stattfinden, wurde dann in letzter Sekunde ausgesetzt. Damals k\u00fcmmerte sich das Wochenmagazin DER SPIEGEL um die Angelegenheit, und ein Jura-Professor erkl\u00e4rte dazu: \u00bbDas \u203aAuge f\u00fcr Auge\u2039-Prinzip ist ja schon aus dem Judentum bekannt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wie verh\u00e4lt es sich also mit dem Prinzip \u00bbAuge um Auge\u00ab in der Torah?<br>Hat die sp\u00e4tere Rechtsprechung des Judentums diese Aussage relativiert, um den archaischen Charakter abzuschw\u00e4chen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"pull-left\">\u00bbAjin tachat Ajin\u00ab hei\u00dft es in der Torah und das bedeutet richtig \u00fcbersetzt \u00bbein Auge f\u00fcr ein Auge\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir uns also an, was tats\u00e4chlich in der Torah steht: \u00bbAjin tachat Ajin\u00ab hei\u00dft es dort (2. Buch Moses 21,24), und das bedeutet richtig \u00fcbersetzt \u00bbein Auge f\u00fcr ein Auge\u00ab. Die Vokabel \u00bbtachat\u00ab ist hier schon von wesentlicher Wichtigkeit. Wir finden sie ebenfalls in der Torah, wenn Abraham einen Widder anstelle seines Sohnes Jitzchak opfern soll. Hier hei\u00dft es auch (1. Buch Moses 22,1-9): \u00bbAbraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.\u00ab \u00bbTachat Beno \u2013 anstelle seines Sohnes\u00ab, stellvertretend und faktisch als Ersatz f\u00fcr Abrahams Sohn Jitzchak.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrde man der Logik der \u00bbAuge um Auge\u00ab-\u00dcbersetzung folgen, h\u00e4tte Abraham wohl seinen Sohn und den Widder opfern m\u00fcssen. Also kann keine Rede davon sein, die Regelung w\u00e4re sp\u00e4ter erst abgeschw\u00e4cht worden.<br>Im Talmud (Bawa Kamma 83b-84a) wird erkl\u00e4rt, dass die m\u00fcndliche Torah unseren Satz aus der Torah als finanziellen Ausgleich verstand. Dieser Auffassung folgen ausnahmslos alle Kommentatoren und f\u00fchren plausible Gr\u00fcnde daf\u00fcr an, warum eine \u00bbk\u00f6rperliche Lesart\u00ab des Textes nicht zu Gerechtigkeit, sondern zu noch mehr Ungerechtigkeit f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Rabbi Abraham ben Meir Ibn Ezra f\u00fchrt in seinem Torahkommentar beispielsweise ein Argument des Talmuds daf\u00fcr an. Es sei vollkommen unm\u00f6glich, den identischen Schaden am Verursacher des eigenen Schadens zu erzeugen. Keine zwei Menschen seien physisch oder emotional gleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Um direkt bei dem Augen-Beispiel zu bleiben: Die Sehst\u00e4rke zweier Personen kann eine vollkommen andere sein, eine Person kann st\u00e4rkere Augen haben, eine andere schw\u00e4chere, also w\u00fcrde es nicht zu vollkommener Gerechtigkeit kommen; denn man w\u00fcrde ja anstreben, dem Delinquenten die gleiche Verletzung zuzuf\u00fcgen, die er auch verursacht hat. Die Diskussion im Talmud dar\u00fcber ist lang, und es wird offensichtlich, dass dies nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch w\u00e4re eine andere Forderung der Torah nach einem gleichen, allgemein g\u00fcltigen Gesetz f\u00fcr alle Menschen \u00bbEin Gesetz soll euch gelten\u00ab (3. Buch Moses 24,22) nicht erf\u00fcllt. Was w\u00e4re in dem Fall, wenn jemand ein Auge durch jemanden verl\u00f6re, der selber nur eines hat? Er w\u00fcrde bei dem \u00bbAusgleich\u00ab sein verbleibendes Augenlicht verlieren und blind werden. Zudem steht fest, dass der Zugriff auf einen K\u00f6rperteil oder ein Organ eines Menschen andere Komplikationen hervorrufen und sogar das Leben der Person gef\u00e4hrden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserem Fall diskutiert der Talmud tats\u00e4chlich auch das Augenlicht: \u00bbEs kann sogar passieren, dass ein Auge und ein Leben f\u00fcr ein Auge genommen werden, denn durch den Vorgang des Blendens kann jemand zu Tode kommen\u00ab (Bawa Kamma 84a). Rabbi Saadia ben Joseph Gaon wies darauf hin, dass man die Sch\u00e4den nicht kalkulieren k\u00f6nne. Wenn jemand durch einen Schlag ein Drittel der normalen Sehkraft verliert, wie kann der ausf\u00fchrende Schlag so durchgef\u00fchrt werden, dass der T\u00e4ter exakt ein Drittel seiner eigenen Sehkraft verliert?<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist der technische Aspekt, doch bei der Erfahrung von Gewalt spielen auch andere Aspekte eine Rolle, die das j\u00fcdische Recht erkannt hat. Moses Maimonides, der Rambam, fasste die Regelungen f\u00fcr \u00bbSch\u00e4den und Verletzungen\u00ab (Jad Hilchot Choweil umazik) zusammen und legte fest, welche Bedingungen f\u00fcr einen tats\u00e4chlichen Ausgleich zwischen T\u00e4ter und Opfer gegeben sein m\u00fcssen. Er betont, dass auch der Aspekt der Vergebung bei dem Ausgleich von Verletzungen eine wichtige Rolle spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00bbT\u00e4ter\u00ab muss sich also mit dem Opfer auseinandersetzen und verstehen, was er getan hat. Es ist durch die einfache Zahlung und eine Strafe nicht getan. Bei einer Verletzung geht es ja nicht nur um einen Ausgleich f\u00fcr den entstandenen Schaden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer einen Menschen verletzt, der l\u00e4sst sein Opfer sp\u00fcren, dass er physisch in der besseren Position ist, den anderen beherrschen und deshalb verletzen kann. Es ist durchaus vorstellbar, dass einige Menschen meinen, dass der Gerechtigkeit Gen\u00fcge getan w\u00e4re, wenn das Opfer dem T\u00e4ter das Gleiche antun k\u00f6nnte. Nat\u00fcrlich hilft das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bitte um Verzeihung des T\u00e4ters sieht der Rambam als einen wichtigen Teil der Wiederherstellung des Zustands des Opfers vor dem Eintritt der Verletzung; denn dieser wird ja mit angestrebt. Die reine Entsch\u00e4digung reicht allein nichtaus. Der T\u00e4ter muss verstehen und bereuen und das Opfer die M\u00f6glichkeit haben, die erlebte Machtlosigkeit zu kompensieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist vermutlich einer der Gr\u00fcnde, aus denen die Tora uns nicht direkt vorschreibt, den Schaden durch eine Ausgleichszahlung zu kompensieren. Wir m\u00fcssen das Gesamte im Blickfeld behalten, damit das Individuum seine W\u00fcrde zur\u00fcck erh\u00e4lt und die Gesellschaft im Gleichgewicht bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es eine Phrase, die von b\u00f6swilligen Menschen h\u00e4ufiger im Zusammenhang mit dem Judentum zitiert wurde als diese?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5170,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[277],"tags":[],"class_list":["post-5167","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mischpatim-sefer_schemot"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/ajin_tachat_ajin_tal.jpg?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5167"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5167\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6253,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5167\/revisions\/6253"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5170"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}