{"id":551,"date":"2013-12-13T14:37:22","date_gmt":"2013-12-13T12:37:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=551"},"modified":"2013-12-13T14:37:22","modified_gmt":"2013-12-13T12:37:22","slug":"dewarim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/dewarim\/","title":{"rendered":"Dewarim"},"content":{"rendered":"<p>Diese Woche in der Tora (Dt. 1:1-3:22): Im 40. Jahr, am 1. des 11. Monats, spricht Moscheh zu den Kindern Israels, bevor sie den Jordan \u00fcberqueren: R\u00fcckblick auf die Reise, Einsetzen von Richtern, Aussenden der Kundschafter+S\u00fcnde dazu, welche L\u00e4nder in Ruhe gelassen und welche erobert werden.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Am Schabbes-Tisch&#8230;<\/p>\n<p>Ich erhebe Einspruch<\/strong><\/p>\n<p>Rav Iti&#8217;el Ari&#8217;el<br \/>\n(Gemeinderabbiner in Bet Schemesch)<\/p>\n<p>Die Weissagung Jeschajahus (&#8222;Chason Jeschajahu&#8220;), nach der dieser Schabbat auch &#8222;Schabbat Chason&#8220; genannt wird, beendet die Serie der zurechtweisenden Haftarot [Prophetenlesung nach der w\u00f6chentlichen Toralesung]. Diese Zurechtweisung benutzt \u00e4u\u00dferst scharfe Worte zur Beschreibung der S\u00fcnde, doch wo es um die detaillierte Auflistung geht, l\u00e4\u00dft sich kaum eine besonders schwere S\u00fcnde ausmachen. Dar\u00fcberhinaus werden ausgerechnet S\u00fcnden wie Nachl\u00e4ssigkeit des Richters bei der Behandlung von Forderungen eines Beraubten als leichte S\u00fcnden aufgefa\u00dft, die nicht besonderer Bosheit entstammen, sondern mangelndem Mitgef\u00fchl. Anscheinend hielten auch die Menschen jener Generationen diese S\u00fcnde f\u00fcr nicht besonders schlimm, im Vergleich zu den schweren S\u00fcnden, derenwegen der Tempel zerst\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>Der Midrasch beschreibt einen weiteren Grund, den die Menschen jener Zeit zur Verteidigung der S\u00fcnder anf\u00fchrten. Die gesellschaftliche Norm war n\u00e4mlich auf ein so sch\u00e4biges Niveau gesunken, da\u00df jeder Einzelne gezwungen war, sich mehr oder weniger zwangsl\u00e4ufig der Situation anzupassen. Im Zusammenhang mit dem Vers aus der Haftara: &#8222;Dein Silber ward Schlacken, vermischt ist mit Wasser dein Getr\u00e4nke&#8220; (1,22) schildert der Midrasch ein Gespr\u00e4ch zwischen K\u00e4ufer und H\u00e4ndler: &#8222;Sagte der Verk\u00e4ufer zum K\u00e4ufer: Dein Silber ward Schlacken, darauf antwortete der K\u00e4ufer dem Verk\u00e4ufer: vermischt ist mit Wasser dein Getr\u00e4nke&#8220;. Dieser Dialog hebt die volle Gegenseitigkeit des Mi\u00dftrauens zwischen beiden Seiten hervor, die sich mit Handelsgesch\u00e4ften befassen, und am Ende sind alle Verlierer. Au\u00dferdem erschwert eine solche gesellschaftliche Lage ehrlichen Menschen ganz besonders, der Versuchung zu widerstehen, es den anderen gleichzutun.<\/p>\n<p>Doch gerade deswegen wurde Jeschajahu zur Zurechtweisung des Volkes geschickt, gerade wegen dieser S\u00fcnden, die den \u00dcbergang von privater zu \u00f6ffentlicher S\u00fcnde bilden. Solange der Einzelne die allgemeine Atmosph\u00e4re toleriert, wird er auf ihr Niveau keinen Einflu\u00df haben, auch wenn allen bekannt ist, da\u00df er in seinen eigenen vier W\u00e4nden nicht s\u00fcndigt. Wenn aber ein gesellschaftlicher Sog entsteht, weil einige Strauchelnde die \u00f6ffentlichen Normen zum Sinken bringen, so bedeutet dies einen Makel f\u00fcr die gesamte \u00d6ffentlichkeit, wof\u00fcr alle die Verantwortung \u00fcbernehmen m\u00fcssen. Die Tatsache an sich, &#8222;deine Minister Genossen der Diebe&#8220; (V.23) g~ttbeh\u00fcte, reicht, um die gesellschaftliche Norm herunterzuschrauben und so indirekt Diebstahl und Mord zu ermutigen.<\/p>\n<p>Hieraus k\u00f6nnen wir entnehmen, welchen gewaltigen Wert scharfer \u00f6ffentlicher Protest an jedem Ort hat, wo sich die gesellschaftliche Norm zum Schlechteren wandelt und lansam aber sicher in Unmoral umschl\u00e4gt. Auch wenn der Protest keine sofortige Wirkung zeitigt, kann er doch auf lange Sicht einen Eindruck hinterlassen, besonders, wenn er von vielen und guten Leuten kommt, die in aller \u00d6ffentlichkeit deutlich machen, da\u00df sie sich nicht mit den Dingen abfinden. Obwohl das Gebot der Zurechtweisung eines individuellen S\u00fcnders von vielen Bedingungen abh\u00e4ngt, die in der heutigen Zeit nicht gegeben sind, sollte man sie dennoch im Zusammenhang mit \u00f6ffentlichen Angelegenheiten in Erw\u00e4gung ziehen, wenn ein neuartiges \u00f6ffentliches Problem entsteht. Nicht umsonst beklagt sich die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber eine F\u00fchrung, die das eine Thema stillschweigend \u00fcbergeht, andere aber an die gro\u00dfe Glocke h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Wo sich allerdings die Weisen der Generation der lockeren \u00f6ffentlichen Stimmung anpassen und sich nicht deutlich von ihr distanzieren, tragen sie mit an der Verantwortung f\u00fcr den weiteren Niedergang. So auch bei der Geschichte von &#8222;Kamza und Bar-Kamza&#8220; (Gittin 55b\/56a), die mit zum Untergang Jerusalems f\u00fchrte, als der Gastgeber den Bar-Kamza vor allen beleidigte und sich niemand fand, ihm zur Seite zu stehen. Das Schweigen der anwesenden Rabbiner wurde als Duldung der Tat gewertet. Diese Art der Zur\u00fcckhaltung war in der gegebenen Situation nicht am Platze, und sie war es, die unseren Tempel zerst\u00f6rte, denn sie wurde als Legitimation grundlosen Hasses aufgefa\u00dft.<\/p>\n<p>Und so wie Unterdr\u00fcckung \u00f6ffentlichen Protestes aus falscher Bescheidenheit zum Untergang des Tempels f\u00fchrte, wird ihn in Zukunft eindrucksvoller \u00f6ffentlicher Protest, der gro\u00dfer Demut entspringt, wieder aufbauen, schnell und in unseren Tagen.<\/p>\n<p>Zum Gebet<br \/>\n<strong>Baruch ata a-donai&#8230;<\/strong><br \/>\nRav Uri Scherki<\/p>\n<p>&#8222;Gesegnet seist du, Ewiger, unser G~tt und G~tt unserer V\u00e4ter, G~tt Awrahams, G~tt Jizchaks und G~tt Jakovs&#8230;&#8220;. Diese ersten Worte des Schmone-Esre-Gebetes sind auf den ersten Blick nur sehr schwer zu verstehen. Wir sagen: &#8222;Gesegnet seist du, Ewiger&#8220;. Wenn wir diese Worte nach ihrer von den meisten Menschen verstandenen Bedeutung nehmen, so kommen sie der Ketzerei nahe, g~ttbeh\u00fcte. Jemanden &#8222;segnen&#8220; bedeutet n\u00e4mlich, ihm etwas zu verschaffen, was ihm fehlt [Kindersegen, &#8218;Sich regen bringt Segen&#8216; usw.]. Demnach will die Formel &#8222;Gesegnet seist du, Ewiger&#8220; dem Anschein nach ausdr\u00fccken, da\u00df wir dem Herrn der Welt etwas geben, was ihm fehlt.<\/p>\n<p>Vor diesem Irrtum rettet uns Rabbiner Chajim aus Woloschin mit seinem Buch &#8222;Nefesch Hachajim&#8220; (2. Abschnitt). Dort erkl\u00e4rt er den Unterschied zwischen dem Wort baruch (gesegnet; Attribut) und meworach (gesegnet; Passiv). Nehmen wir zum besseren Verst\u00e4ndnis das Wort rachum (barmherzig; Attribut) und merachem (barmherzig sein, sich Jemandes erbarmen). Ein Mensch merachem, d.h. es wird Barmherzigkeit in ihm erweckt, wenn er z.B. Leiden sieht, sein Innenleben \u00e4ndert sich also aufgrund eines \u00e4u\u00dferen Ansto\u00dfes. Diese Reaktion weist auf eine gewisse Weichheit seiner Seele, was auch Schw\u00e4che bedeuten kann, eine gewisse Unterworfenheit unter \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse. Ganz anders rachum, das ist jemand, der auch ganz ohne \u00e4u\u00dferen Ansto\u00df Barmherzigkeit ausstrahlt. Ebenso ist das Wort baruch zu verstehen, etwa wie &#8222;gesegnete Quelle&#8220;. Nicht da\u00df die Quelle selber Segen erh\u00e4lt, vielmehr spendet sie Segen. Demnach bedeutet &#8222;Gesegnet seist du, Ewiger&#8220;: &#8222;du Quelle des Segens&#8220;. Das Aussprechen des Wortes baruch soll in uns die Erkenntnis entwickeln, da\u00df der Herr der Welt die Quelle alles Segens ist. Wir erw\u00e4hnen das, um in unserer Seele die Leitungen g\u00f6ttlichen Einflusses zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Das zweite Wort, ata, du, ist auch etwas problematisch. Wie kann man sich an den Sch\u00f6pfer mit einem so einschr\u00e4nkenden Ausdruck wenden?! Wenn wir ata sagen, konzentrieren wir uns auf einen bestimmten Punkt unserer Erkenntnis, derjenige, an den wir uns wenden. Der Herr der Welt aber ist doch unendlich? Wie kann man sich an ihn als etwas Spezifisches wenden, als eine bestimmte Pers\u00f6nlichkeit? Vielmehr m\u00fcssen wir uns wiederum an den grammatikalischen Ursprung des Wortes ata im Hebr\u00e4ischen wenden. Das Wort ata als T\u00e4tigkeitswort, le&#8217;atot, bedeutet &#8218;kommen&#8216;. Wie der Vers am Ende des Chumasch, im Abschnitt &#8222;Wesott habracha&#8220;: &#8222;Der Ewige kam von Sinai&#8230; und fuhr einher (ve&#8217;ata) aus Myriaden des Heiligtums&#8220; (Dt. 33,2). Auch im Aram\u00e4ischen [der dem Hebr\u00e4ischen sehr verwandten Sprache des babylonischen Talmuds] bedeutet das Verb ata kommen. Wenn wir also zum Herrn der Welt &#8218;ata&#8216; sagen, wenden wir uns gar nicht zu ihm hin, sondern best\u00e4tigen die Tatsache, da\u00df er zu uns kommt. Demnach bedeutet &#8218;Baruch ata&#8216;: Die Quelle des Segens, die zu uns kommt. Auch das dritte Wort, adonai, (jud-heh-waw-heh, Wortstamm Hawaja, Sein; dieser Name wurde nur im Tempel und nur an Jom Kippur exakt ausgesprochen), bedarf der Erl\u00e4uterung. Hat doch G~tt noch viele andere Namen, z.B. Elohim, Schadai, Zewa&#8217;ot, Rachum und Chanun. Warum w\u00e4hlten die Weisen der &#8222;Gro\u00dfen Versammlung&#8220;, die Autoren des Schmone-Esre Gebetes, f\u00fcr alle Gebete den Hawaja-Namen, und keinen der vielen anderen? Weil der Hawaja-Name f\u00fcr die Eigenschaft des Erbarmens steht, d.h., der den Gang der Natur \u00e4ndern kann. Wenn wir vor dem Herrn der Welt zum Gebet erscheinen, m\u00f6chten wir von ihm, da\u00df er den Lauf der Welt \u00e4ndert. Wenn wir von ihm erbitten wollten, den Gang der Welt festzuschreiben, w\u00fcrden wir den Namen &#8218;Elohim&#8216; benutzen, seine Eigenschaft als Sch\u00f6pfer der Natur. Wir aber w\u00fcnschen, da\u00df er unsere Bitten erh\u00f6rt, unsere Kranken heilt, die Gefangenen befreit und die Toten auferstehen l\u00e4\u00dft. Wir wenden uns also an jemanden, der die normalen Abl\u00e4ufe in der Natur umgehen kann und sich durch die Eigenschaft des Erbarmens \u00fcber sie erhebt. Damit k\u00f6nnen wir zusammenfassend sagen: &#8218;Baruch ata a-donai&#8216; &#8211; die Quelle des Segens kommt zu uns in der Eigenschaft des Erbarmens, er &#8211; unser G~tt und der G~tt unserer V\u00e4ter, G~tt Awrahams, G~tt Jizchaks und G~tt Jakovs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche in der Tora (Dt. 1:1-3:22): Im 40. Jahr, am 1. des 11. 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