{"id":561,"date":"2013-12-13T14:46:29","date_gmt":"2013-12-13T12:46:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=561"},"modified":"2013-12-13T14:46:29","modified_gmt":"2013-12-13T12:46:29","slug":"zum-wochenabschnitt-haasinu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/zum-wochenabschnitt-haasinu\/","title":{"rendered":"Zum Wochenabschnitt Ha&#8217;asinu"},"content":{"rendered":"<p>Diese Woche in der Tora (Dt. 32,1-32,52):<\/p>\n<p>Weltgeschichte von ihren Anf\u00e4ngen bis zum Ende in kurzer Gedichtform, nochmalige Ermahnung des Volkes, Vorschau auf Moschehs Tod.<!--more--><\/p>\n<p>Rosch Haschana<br \/>\nG~ttesherrschaft und -furcht<\/p>\n<p>Rav Asri&#8217;el Ari&#8217;el<\/p>\n<p>&#8222;Heute ist der Geburtstag der Welt, heute wird die ganze Menschheit gerichtet&#8220; (Mussafgebet von Rosch Haschana). Heute ist der Geburtstag der Welt, der sie zu periodischer Ablegung von Rechenschaft verpflichtet. Kann sie ihre Erschaffung rechtfertigen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Rabbiner Elijahu David Rabinowitsch-Teomim (der &#8222;Aderet&#8220;, u.a. Oberrabbiner von Jerusalem, Schwiegervater von Rabbiner A.J.Kuk) schrieb Folgendes \u00fcber seinen Geburtstag: &#8222;Am Wochenfest wurde ich geboren, am Tage, als unsere heilige Tora gegeben wurde. Allerdings sah ich mich jedes Jahr vor, mir diese Sache nicht in Erinnerung zu rufen, denn es h\u00e4tte mir Traurigkeit und Herzensschmerz verursacht, denn ich wusste, bei meinen vielen S\u00fcnden h\u00e4tte ich keinen Grund zur Freude gehabt, und bei einem wie mir h\u00e4tten [die talmudischen Weisen] sicher gesagt: &#8218;Es w\u00e4re besser f\u00fcr ihn, wenn er nicht erschaffen worden w\u00e4re'&#8220;.<\/p>\n<p>Der Aderet hatte dabei folgende Talmudstelle im Sinn: &#8222;&#8230;und kamen \u00fcberein, dass es f\u00fcr den Menschen zwar besser w\u00e4re, nicht erschaffen worden zu sein, nachdem er aber erschaffen worden ist, untersuche er seine Handlungen; manche lesen: erw\u00e4ge er seine Handlungen&#8220; (Eruwin 13b).<\/p>\n<p>Wir stehen vor vollendeten Tatsachen. Die Welt wurde geschaffen, und der Mensch wurde geschaffen. Vielleicht ist es nicht &#8222;besser f\u00fcr ihn&#8220;, aber sicher ist es gut. Und da wir nun geschaffen wurden, sollten wir uns selbst pr\u00fcfen, inwieweit wir unsere Aufgabe erf\u00fcllen, um auf dem Wege zum Hause G~ttes voranzukommen, zu einer Welt, die nur noch gut ist.<\/p>\n<p>Wie halte es der Mensch nun mit dieser Rechenschaftsablegung? Der Mensch neigt doch von Natur aus dazu, seine Handlungen zu rechtfertigen. Und auch wenn der Einzelne manchmal zu Selbstkritik f\u00e4hig ist &#8211; wie stelle das die ganze Menschheit an? Sie kann sich doch nicht selber richten, au\u00dfer durch ihre allgemein akzeptierten Grundwerte und Moralvorstellungen. Wenn aber diese Konventionen selber reparaturbed\u00fcrftig sind, wie kann sie dann wissen, wobei sie sich bessern soll? Woher wei\u00df sie \u00fcberhaupt, wonach sie streben soll?<\/p>\n<p>Zu diesem Zweck gibt es einen Begriff, der f\u00fcr den Menschen, der sich die demokratische Kultur zueigen gemacht hat, und mehr noch &#8211; die post-moderne, schwer zu verdauen ist: die &#8222;K\u00f6nigsherrschaft G~ttes&#8220;. Wie sollte sich der Mensch \u00fcber die K\u00f6nigsherrschaft G~ttes freuen? Freut er sich denn \u00fcber den R\u00fcckschritt und den Verlust seiner Unabh\u00e4ngigkeit? Jauchzt er \u00fcber die R\u00fcckkehr unter ein \u00e4u\u00dferes Joch? Ist er zu dem Gef\u00fchl bereit, als ob ein W\u00fcrgeschlips seine Freiheit beengte?<\/p>\n<p>Im Sozialkundeunterricht lernten wir von der Gewaltenteilung bei den Herrschaftssystemen in Legislative (Gesetzgebung), Judikative (Rechtsprechung) und Exekutive (Vollziehung). Die Entwicklung der Wissenschaften erweiterte die Autonomie des Menschen. Es scheint, als ob die Technologie die Gewalt der Vollziehung G~tt entrissen hat; als ob die menschlichen Konventionen \u00fcber Werte und Moralvorstellungen die g\u00f6ttlichen Gesetze verdr\u00e4ngten; als ob die moderne Justiz an die Stelle G~ttes Rechtsprechung trat. Wohin wird uns das alles f\u00fchren? Ist der Mensch im Jahre 5768 wirklich der Herr \u00fcber sein physisches, moralisches und geistiges Schicksal? Ist er wirklich ein besserer Mensch? Und gl\u00fccklicher?<\/p>\n<p>Trotz allem f\u00fchlt sich der Mensch hilflos gegen\u00fcber den Naturgewalten, gegen\u00fcber dem Terror, gegen\u00fcber korrupter Herrschaft und Rechtsprechung, \u00fcber das Sprie\u00dfen von menschheitsbedrohlichen Ideologien, wobei das Grundprinzip des Pluralismus dagegen zu k\u00e4mpfen verbietet, gegen\u00fcber dem Gef\u00fchl der Entfremdung, der Einsamkeit, der Bedeutungslosigkeit, dem Verlust des sicheren Bodens unter jeder Moralvorstellung. Wenn alles vom Menschen bestimmt wird, wenn alles relativ ist, wenn die Welt mit nichts Kontakt hat, das \u00fcber sie hinaus geht &#8211; wie kann man da festlegen, was wirklich gut und moralisch ist? Wohin treibt unsere Welt? In welche Richtung geht der Fortschritt? Gibt es irgendeinen Ma\u00dfstab zur Bewertung des Fortschritts? Und wohin strebt der Mensch als Individuum? Voller widerspr\u00fcchlicher W\u00fcnsche wei\u00df er selber nicht, was er von sich will. Er verf\u00fcgt \u00fcber keinen einzigen absoluten Ma\u00dfstab zur Bestimmung von Gut und B\u00f6se.<\/p>\n<p>Darum freuen wir uns, die g\u00f6ttliche K\u00f6nigsherrschaft auf uns zu nehmen.<\/p>\n<p>&#8222;Darum hoffen wir zu dir, G~tt unser G~tt, bald die Verherrlichung deiner unwiderstehlichen Macht anzuschauen&#8230;&#8220;, &#8222;regiere \u00fcber die ganze Welt in Herrlichkeit, erhebe dich \u00fcber die ganze Erde in deiner W\u00fcrde&#8220;. Die g\u00f6ttlichen Werte, die absoluten Werte, die wirkliche Wahrheit &#8211; sie alle m\u00fcssen erscheinen; Mildt\u00e4tigkeit und Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden, Ehrlichkeit und Weisheit, Mitgef\u00fchl und Liebe, Mut und Barmherzigkeit. Dahin muss die ganze Menschheit gebracht werden, alle Nationen, alle Kulturen, und jeder einzelne Mensch auf dieser Erde. &#8222;..dass erkennen und wissen alle Bewohner der Menschenwelt, dass dir jedes Knie sich beugt, jede Zunge schw\u00f6rt. Vor dir, G~tt unser G~tt, werden sie knieen und hinfallen, der Ehre deines Namens die W\u00fcrde zollen&#8220; (Alenu leschabeach).<\/p>\n<p>An Rosch Haschana \u00f6ffnen wir uns f\u00fcr das Jenseitige der Welt, jenseits der Menschheit. Ganz bewusst schr\u00e4nken wir unsere pers\u00f6nliche Unabh\u00e4ngigkeit ein, unser Ego, und erkennen an, dass es ein gr\u00f6\u00dferes Gutes gibt, etwas Absolutes, h\u00f6her als alles, was wir selbst zu schaffen verm\u00f6gen. Genau dann sind wir empf\u00e4nglich f\u00fcr die K\u00f6nigsherrschaft G~ttes. Diese Offenheit gegen\u00fcber der Herrschaft G~ttes \u00fcber uns, gegen\u00fcber dem h\u00f6chsten und unendlichen g\u00f6ttlichen Guten &#8211; das ist es, was man &#8222;Himmelsfurcht&#8220; nennt. Diese Offenheit gibt der Welt und dem Menschen die Bedeutung ihrer Existenz, die Richtung f\u00fcr ihre Bestrebungen. &#8222;..denn dein ist die Herrschaft, und in alle Ewigkeit hin wirst du in Herrlichkeit regieren&#8220;.<\/p>\n<p>Das ist unser Standpunkt vor G~tt am Geburtstag der Welt, am Tag, an dem die ganze Menschheit gerichtet wird. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche in der Tora (Dt. 32,1-32,52): Weltgeschichte von ihren Anf\u00e4ngen bis zum Ende in kurzer Gedichtform, nochmalige Ermahnung des Volkes, Vorschau auf Moschehs Tod.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[85],"tags":[],"class_list":["post-561","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-haasinu"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/561","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=561"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/561\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":562,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/561\/revisions\/562"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=561"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=561"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=561"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}