{"id":5708,"date":"2025-07-01T12:03:49","date_gmt":"2025-07-01T10:03:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=5708"},"modified":"2025-07-01T12:03:54","modified_gmt":"2025-07-01T10:03:54","slug":"alles-ueber-die-synagoge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/alles-ueber-die-synagoge\/","title":{"rendered":"Alles \u00fcber die Synagoge"},"content":{"rendered":"\n<p>In den letzten Jahren sind, erfreulicherweise, wieder Synagogen in Deutschland er\u00f6ffnet worden. Vielerorts sprach man von einer \u00bbj\u00fcdischen Renaissance\u00ab in Deutschland. [Eine Liste der Synagogener\u00f6ffnungen in den letzten Jahren <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/synagogen-in-deutschland\/\">findet man hier.<\/a>]<\/p>\n\n\n\n<p>Ist aber die Synagoge das wichtigste Geb\u00e4ude einer j\u00fcdischen Gemeinde?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort auf diese Frage mag verwundern, denn sie ist es nicht. <br>Bevor wir also einen genauen Blick auf die Synagoge werfen, sollten wir uns bewusst machen, welchen Stellenwert sie tats\u00e4chlich im j\u00fcdischen Leben einnimmt &#8211; oder besser &#8211; einnehmen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Da das gelebte Judentum zu Hause und in der Familie an erster Stelle steht, hat auch der Bau einer <em><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/was-ist-eine-mikwe\/\">Mikwe<\/a><\/em>, also des rituellen Tauchbades, Vorrang vor dem Bau einer Synagoge. Um die Errichtung einer <em>Mikwe <\/em>bezahlen zu k\u00f6nnen, darf die Gemeinde sogar eine Synagoge oder eine Torahrolle verkaufen. So schreibt es jedenfalls der Talmud (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/megilla\/megilla-kapitel-4\/#blatt-27a\">Megilla 27a<\/a>). Heute sind <em>Mikwa\u2019ot<\/em> h\u00e4ufig Bestandteil des Synagogenkomplexes \u2013 jedenfalls dort, wo sich viele religi\u00f6se Familien finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil aber j\u00fcdisches Leben gerade zuhause stattfindet, k\u00f6nnen Juden ihre t\u00e4glichen Gebete auch dort sprechen. Wer allein betet, kann dies nahezu \u00fcberall tun, sogar drau\u00dfen, wenn er unterwegs ist. Die <em>Halachah<\/em>, das j\u00fcdische Religionsgesetz, ber\u00fccksichtigt viele Situationen und Gegebenheiten. Sie gibt Hinweise darauf, wie man den idealen Ort f\u00fcrs Beten finden kann. Wer beispielsweise kein festes Dach \u00fcber dem Kopf hat, sollte sich unter einen Baum stellen. Innerhalb einer j\u00fcdischen \u00bbInfrastruktur\u00ab spricht man die Gebete vorzugsweise in einer Synagoge, gemeinsam mit einem \u00bb<em>Minjan<\/em>\u00ab \u05de\u05e0\u05d9\u05d9\u05df. Das ist die Gemeinschaft mit mindestens neun anderen Betern. Damit wird das private Gebet zu einem \u00bb\u00f6ffentlichen\u00ab. Ein Gebet in der \u00bb\u00d6ffentlichkeit\u00ab erlaubt es beispielsweise, dass die Torah gelesen wird. F\u00fcr diejenigen, die in der N\u00e4he wohnen, sollte die Synagoge\u00a0 der zentrale Anlaufpunkt f\u00fcr Beter sein. Sie w\u00e4re dann der Ort, an dem man die gemeinsamen Gebete spricht, auch dann, wenn es dort \u00fcberhaupt keinen <em>Minjan <\/em>gibt, so sagt es jedenfalls der Talmud (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/berachot\/berachot-kapitel-1\/#blatt-6a\">Berachot 6a<\/a>).\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erw\u00e4hnung im Talmud gibt uns nicht nur einen Hinweis darauf, wie wir mit der Synagoge umzugehen haben, sondern auch, dass er diese Einrichtung \u00fcberhaupt kennt. Im Talmud ist die Einrichtung des \u00bb<em>Bejt Haknesset<\/em>\u00ab \u05d1\u05d9\u05ea \u05d4\u05db\u05e0\u05e1\u05ea (w\u00f6rtlich: Haus der Versammlung) als Ort des gemeinsamen Gebets jedermann gel\u00e4ufig und eingef\u00fchrt. Wann genau die Synagoge <em>Synagoge<\/em> wurde, ist de facto n\u00e4mlich unbekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens in der babylonischen Gefangenschaft scheint man spezielle R\u00e4ume f\u00fcr das gemeinsame Gebet genutzt zu haben. Auch wenn Jesaja ein \u00bb<em>Bejt Tefilah<\/em>\u00ab \u05d1\u05d9\u05ea \u05ea\u05e4\u05d9\u05dc\u05d4, ein Haus des Gebets, kennt und der Prophet Jeremias (39,8) ein \u00bb<em>Bejt ha\u2019am<\/em>\u00ab f\u00fcr Versammlungen nennt, so scheint es sich nicht um R\u00e4ume f\u00fcr Gebete gehandelt zu haben wie es heute die Synagoge ist. Der Talmud warnt sogar ausdr\u00fccklich davor, die Synagoge \u00bb<em>Bejt ha\u2019am<\/em>\u00ab zu nennen (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/schabbat\/schabbat-kapitel-2\/#blatt-32a\">Schabbat 32a<\/a>). Sie ist nicht irgendein \u2013 m\u00f6glicherweise gar s\u00e4kularer \u2013 Ort der Versammlung. Vielleicht deshalb, weil diese hebr\u00e4ische Bezeichnung auch so verstanden werden k\u00f6nnte, dass die Synagoge lediglich das Haus sei, in dem sich eine Gemeinde oder eine Gruppe von Menschen versammelt. Dies gilt insbesondere auch f\u00fcr das\u00a0 \u00bb<em>Bejt Haknesset<\/em>\u00ab. Dieses \u00bb<em>Bejt Haknesset<\/em>\u00ab soll eher dem Gebet und dem Studium dienen. Gerade auch durch das Studium der Texte des Judentums und die lebendige Auseinandersetzung mit ihnen, wird eine Verbindung aus der Vergangenheit mit der Gegenwart gekn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesichert ist: Bereits als der (zweite) Tempel noch stand, fanden Opferritus und Gebete in den Synagogen zugleich statt (Mischnah Jomah 7,1). Innerhalb des Landes Israel und au\u00dferhalb. Im Land Israel hatten Berufsgruppen jeweils ihre eigene Synagoge. Auf dem Land lagen Synagogen nicht immer in D\u00f6rfern, sondern oft zwischen mehreren, um f\u00fcr mehr Menschen erreichbar zu sein. Der Talmud hebt den nicht-s\u00e4kularen Charakter hervor und nennt die Synagoge auch \u00bb<em>Mikdasch me\u2019at<\/em>\u00ab (ein kleiner Tempel) (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/megilla\/megilla-kapitel-4\/#blatt-29a\">Talmud Megilla 29a<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Dies zeigt sich auch in den wichtigsten baulichen Elementen einer jeden Synagoge. Man wird einen Torahschrank finden, erh\u00f6htes Pult f\u00fcr die Torahlesung, die <em>Bimah<\/em> und meist auch ein <em>Ner Tamid<\/em>, ein ewiges Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie wir gesehen haben, ist die \u00f6ffentliche Lesung aus der Torah nur dann m\u00f6glich, wenn ein <em>Minjan <\/em>zusammenkommt. Dann bildet die Lesung aus der Torah ein wichtiges Element des j\u00fcdischen Gebets. Erst die \u00bbAnwesenheit\u00ab einer Torahrolle vervollst\u00e4ndigt eine Synagoge. Diese Lesung findet auf einem erh\u00f6hten Podest oder Pult statt, auf das man regelrecht hinaufsteigen muss. Diese Erh\u00f6hung wird heute \u00bbBimah\u00ab \u05d1\u05d9\u05de\u05d4 genannt. Dieses Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet \u00bbPodium\u00ab oder \u00bbKanzel\u00ab. Die Idee, die Torah von einem erh\u00f6hten Platz aus vorzutragen, findet man schon im Tanach, der hebr\u00e4ischen Bibel. Im Buch Nechemia (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/nechemja-das-buch-nehemia\/#Kapitel8\">8,2<\/a>) wird erz\u00e4hlt, wie Esra die Torah vom Morgen bis zum Mittag auf einem erh\u00f6hten Podest vorlas. In traditionellen Synagogen findet man die <em>Bimah <\/em>in der Mitte der Synagoge. Dort ist sie auch das bestimmende architektonische Element. Im Laufe der Zeit wurde dies sogar zur religi\u00f6sen Vorschrift.\u00a0 Maimonides, genannt Rambam (etwa 1135\u2013 1204), bestimmt in seinen \u00bb<em>Hilchot Tefilla<\/em> &#8211; Vorschriften des Gebets\u00ab (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/gebet\/#ELFTES_KAPITEL_Die_Synagoge\">11,3<\/a>), dass die <em>Bimah<\/em> in der Mitte der Synagoge stehen muss, damit jeder die Torahlesung deutlich h\u00f6ren kann. <br>Rabbiner Mosche Isserles (1520\u20131572), genannt Rema, bezieht sich in seinem Kommentar zum halachischen Werk \u00bbSchulchan Aruch\u00ab (Orach Chajim 150,5) darauf. Er gibt vor, dass die <em>Bimah <\/em>in die Mitte einer Synagoge geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"840\" height=\"630\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/17056183129_c151093a7d_k_d1.jpg?resize=840%2C630&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-4513\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/17056183129_c151093a7d_k_d1.jpg?resize=1024%2C768&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/17056183129_c151093a7d_k_d1.jpg?resize=300%2C225&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/17056183129_c151093a7d_k_d1.jpg?resize=768%2C576&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/17056183129_c151093a7d_k_d1.jpg?w=2048&amp;ssl=1 2048w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/17056183129_c151093a7d_k_d1.jpg?w=1680&amp;ssl=1 1680w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wintersynagoge im Komplex der Portugiesischen Synagoge Amsterdam &#8211; Foto von Chajm Guski, Alle Rechte vorbehalten.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Was das mit dem Tempel zu tun hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff \u00bb<em>Bimah<\/em>\u00ab stammt aus der Mischnah. Im Traktat Sota (7,8) ist \u00bbBimah\u00ab ein erh\u00f6htes Podest im Hof des Tempels. Darauf sa\u00df der K\u00f6nig und las nach dem Schabbatjahr aus dem 5. Buch Mose.<\/p>\n\n\n\n<p>Rabbiner Mosche Schreiber, genannt Chatam Sofer (1762\u20131839), schrieb, f\u00fcr ihn repr\u00e4sentiere die <em>Bimah <\/em>den Altar im Tempel, der auf dem Innenhof des Tempels stand und zwar genau in der Mitte. Die Synagoge sei ja ein \u00bbkleiner Tempel.\u00ab<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"840\" height=\"840\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/altneuschul-staronovasynagoga.jpg?resize=840%2C840&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-5991\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/altneuschul-staronovasynagoga.jpg?resize=1024%2C1024&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/altneuschul-staronovasynagoga.jpg?resize=300%2C300&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/altneuschul-staronovasynagoga.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/altneuschul-staronovasynagoga.jpg?resize=768%2C768&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/altneuschul-staronovasynagoga.jpg?resize=120%2C120&amp;ssl=1 120w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/altneuschul-staronovasynagoga.jpg?w=1080&amp;ssl=1 1080w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Blick auf die Bimah in der Altneu-Synagoge \/ Staronov\u00e1 synagoga in Prag &#8211; Foto: Chajm Guski<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>In nahezu allen Synagogen steht auf der Seite des Raumes, die Richtung Jerusalem zeigt, der Torahschrank, der \u00bb<em>Aron haKodesch<\/em>\u00ab \u05d0\u05e8\u05d5\u05df \u05e7\u05d5\u05d3\u05e9. In ihm werden die Torahrollen der Synagoge aufbewahrt und zur Lesung w\u00e4hrend der Gebete ausgehoben.&nbsp; Auch der Torahschrank ist h\u00e4ufig etwas erh\u00f6ht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der N\u00e4he des \u00bb<em>Aron haKodesch<\/em>\u00ab findet man h\u00e4ufig ein kleines Licht. In einigen Synagogen ist es elektrisch, in anderen eine \u00d6llampe. In einigen ist es ein kleines rotes Licht, in anderen h\u00e4ngt das Licht an Ketten von der Decke.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses kleine Licht brennt immer \u2013 auch, wenn niemand in der Synagoge ist. Deshalb wird es \u00bb<em>Ner Tamid<\/em>\u00ab genannt, auf Deutsch: \u00bbimmerw\u00e4hrendes Licht\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Ner Tamid<\/em> leitet sich vom ewigen Licht im Jerusalemer Tempel ab. Ein ewiges Licht wird bereits f\u00fcr das tragbare Stifts\u2010 oder Bundeszelt geboten (2. Buch Mose 27,20 und 4. Buch Mose 24,2). Im Jerusalemer Tempel brannte das \u00bbwestliche Licht\u00ab (<em>Ner ha\u2019marawi<\/em>) fortw\u00e4hrend als mittleres Licht zwischen den sechs Armen des siebenarmigen Leuchters (Menachot 86b).<\/p>\n\n\n\n<p>Weil die Synagoge heute als \u00bbkleines Heiligtum\u00ab (<em>Mikdasch me\u2019at<\/em>) gilt, wurde das <em>Ner Tamid<\/em> \u00fcbernommen (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/megilla\/megilla-kapitel-4\/#blatt-29a\">Talmud Megilla 29a<\/a>). Es steht in gleicher r\u00e4umlicher N\u00e4he zum <em>Aron haKodesch<\/em> (Toraschrein) wie damals die Menora zur Bundeslade und ist ein sch\u00f6nes Bild f\u00fcr die ewige Anwesenheit G\u2019ttes unter seinem Volk. Der Blick auf die Flamme k\u00f6nnte dies bewusst machen. Deshalb schaltet man das Licht auch nicht nach Belieben ein oder aus.<\/p>\n\n\n\n<p>In der halachischen Literatur begegnet man dem<em> Ner Tamid<\/em> allerdings nicht durchg\u00e4ngig. Es wird nach der talmudischen Diskussion um das ewige Licht im Tempel erst im 15. Jahrhundert diskutiert: Da besch\u00e4ftigt sich in seinen Responsen der deutsche Rabbiner Israel Isserlein (1390\u20131460) damit.<\/p>\n\n\n\n<p>Unklar ist, ob das <em>Ner Tamid<\/em> urspr\u00fcnglich vielleicht doch einen praktischen Nutzen hatte und nicht von Anfang an als Symbol f\u00fcr die Anwesenheit G\u2019ttes diente. Es k\u00f6nnte sich mit dem Ewigen Licht so verhalten haben wie mit den beiden Schabbatkerzen. Die hatten anfangs einen rein praktischen Nutzen: Sie sollten sicherstellen, dass man nach Eingang des Schabbats nicht im Dunkeln sitzen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Rein praktisch betrachtet, erf\u00fcllt das <em>Ner Tamid<\/em> die Forderung, dass es in der Synagoge niemals dunkel sein darf. Das beschreibt jedenfalls Maimonides in seinen <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/gebet\/#ELFTES_KAPITEL_Die_Synagoge\">Hilchot Tefilla (11,5)<\/a>. \u00c4hnlich sieht es Josef Karo (1488\u20131575). Er schreibt in seinem <em>Schulchan Aruch<\/em> (Orach Chajim 151,9): Eine Synagoge m\u00fcsse immer gut ausgeleuchtet sein. <br>Das entspr\u00e4che der besonderen Ehre, die man der Synagoge entgegenbringt. Das geht sogar so weit, dass es laut Josef Karo erlaubt ist, am Feiertag Kerzen in der Synagoge anzuz\u00fcnden (Orach Chajim 514,5).<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus k\u00f6nnte man nun schlussfolgern: Am Tag, wenn die Sonne durch die Fenster scheint, ist es doch hell in der Synagoge. Dann br\u00e4uchte man eigentlich kein zus\u00e4tzliches Licht, und das <em>Ner Tamid<\/em> k\u00f6nnte pausieren. <br>Aber: Auch wenn der Ursprung des <em>Ner Tamid<\/em> im Ungewissen liegt und vielleicht nicht den hat, den wir ihm zuweisen, ist es doch zu einem Brauch in allen Synagogen geworden, und den kann man nicht einfach so \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Bimah<\/em> und <em>Aron haKodesch<\/em> bilden die zwei Pole, zwischen denen sich das j\u00fcdische Gebet abspielt. Mit dem Aufkommen der j\u00fcdischen Reformbewegung, wanderte die <em>Bimah <\/em>nach vorne zum Torahschrank. <br>Alle Beter sollten nach vorne schauen. Ganz klar orientierte man sich an der Einrichtung von Kirchen. Das Gebet wurde vorne durchgef\u00fchrt und wurde \u00bbf\u00f6rmlicher\u00ab. Auch heute findet man in orthodox orientierten Gemeinden in Deutschland Mischformen. Einige bedienen sich der traditionellen Raumaufteilung, andere haben eine klare Reformeinrichtung, aber einen orthodoxen Ritus. Dies betrifft oft Synagogen, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden sind. Sehr stark vereinfacht dargestellt, kann man sagen, dass die Gemeinden nach dem Krieg sich aus wenigen deutschen Juden zusammensetzen, die h\u00e4ufig durch das liberale Judentum gepr\u00e4gt waren und durch viele sogenannte \u00bbDisplaced Persons\u00ab aus Osteuropa. Diese wurden meist in einem orthodoxen Judentum sozialisiert und pr\u00e4gten in den Nachkriegsjahren vor allem das religi\u00f6se Leben. Die \u00bbalteingesessenen\u00ab Juden k\u00fcmmerten sich um Verwaltung und Kontakte zu den Beh\u00f6rden und oft auch um den Bau einer neuen Synagoge. <br>So kam es, dass mancherorts Synagogen mit einer Raumaufteilung einer klassischen Reformsynagoge f\u00fcr orthodoxe Beter entstanden, wie etwa in Dortmund (1956), Essen (1959), D\u00fcsseldorf (1958). Viele sp\u00e4ter gebaute Synagogen, wie Mannheim (1987), Recklinghausen (1997) und Bochum (2008) nahmen den traditionellen Faden wieder auf, w\u00e4hrend es wenige Gemeinden gab, die bei der Reformaufteilung blieben, wie Herford (2010) und Gelsenkirchen (2008).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"612\" height=\"612\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Interieur_Synagoge_Gelsenkirchen.jpg?resize=612%2C612&#038;ssl=1\" alt=\"Synagoge Gelsenkirchen\" class=\"wp-image-5711\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Interieur_Synagoge_Gelsenkirchen.jpg?w=612&amp;ssl=1 612w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Interieur_Synagoge_Gelsenkirchen.jpg?resize=300%2C300&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Interieur_Synagoge_Gelsenkirchen.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Interieur_Synagoge_Gelsenkirchen.jpg?resize=120%2C120&amp;ssl=1 120w\" sizes=\"auto, (max-width: 612px) 100vw, 612px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die Synagoge von Gelsenkirchen &#8211; Innenansicht &#8211; <a title=\"via Wikimedia Commons\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Interieur_Synagoge_Gelsenkirchen.jpg\">Chajm Guski<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\">CC BY-SA<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Ein heikles, Thema, ist die Trennung von Frauen und M\u00e4nnern in den Synagogen. In vielen Synagogen sitzen Frauen getrennt von den M\u00e4nnern. In einigen Synagogen sitzen sie auf einer Empore \u00fcber den M\u00e4nnern, in anderen sitzen Frauen auf einer Seite, M\u00e4nner auf der anderen. Im schlechtesten Fall sitzen Frauen ganz hinten in Synagogenr\u00e4umen. In einigen F\u00e4llen gibt es, zus\u00e4tzlichen zur r\u00e4umlichen Trennung, auch einen Sichtschutz, der \u00bb<em>Mechitzah<\/em>\u00ab genannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles andere \u2013 etwa, in welchem Stil die Synagoge errichtet wird, obliegt dem Geschmack und den Vorlieben der Zeit. Es gab zahlreiche Synagogen im \u00bbmaurischen\u00ab Stil, um eine Eigenst\u00e4ndigkeit zu demonstrieren, es gab gar eine Synagoge im Bauhaus-Stil in Plauen (1930) und im Mittelalter nat\u00fcrlich Synagogen in den vorherrschenden architektonischen Stilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben gesehen, dass die Synagoge heute tats\u00e4chlich in ihrem Aufbau ein \u00bbkleiner Tempel\u00ab ist und die Erinnerung an das gro\u00dfe Vorbild aufrechterh\u00e4lt und zugleich ganz praktische Funktionen damit erf\u00fcllt. Das Gebet zwischen den zwei Polen Torahschrank und <em>Bimah <\/em>findet buchst\u00e4blich \u00bbin\u00ab der Gemeinde statt, w\u00e4hrend das Gebet mit dem Blick nach vorn eher einen passiven Charakter f\u00f6rdern kann. <br>Heute sind Gemeindezentren und Synagogen oft der erste Kontakt derjenigen, die sich wieder mit der Religion ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern besch\u00e4ftigen und nicht nur das Zentrum derjenigen, die aus einem religi\u00f6sen Elternhaus stammen. Wenn auch die Nachfrage nach <em>Mikwa\u2019ot<\/em> steigt, wird das ein Zeichen sein, dass auch vermehrt Judentum aktiv gelebt wird. Das w\u00e4re dann die vielbeschworene \u00bbRenaissance\u00ab j\u00fcdischen Lebens in Deutschland, die sich durch gelebtes Judentum in den Familien zeigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles \u00fcber die Synagoge, ihre Einrichtung und ihre Funktion.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5705,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[30],"class_list":["post-5708","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-orte","tag-synagoge"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/orte_synagoge.jpg?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5708"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5708\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10156,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5708\/revisions\/10156"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5705"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}