{"id":588,"date":"2013-12-13T15:08:49","date_gmt":"2013-12-13T13:08:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=588"},"modified":"2013-12-13T15:10:32","modified_gmt":"2013-12-13T13:10:32","slug":"reeh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/reeh\/","title":{"rendered":"Re&#8217;eh"},"content":{"rendered":"<p>Diese Woche in der Tora (Dt. 11,26-16,17):<\/p>\n<p>Segen und Fluch &#8211; abh\u00e4ngig von freier Entscheidung; Vorschriften bez\u00fcgl. des Opferdienstes, falsche Propheten, koschere Tiere, Erla\u00dfjahr, Pessach-, Sukkotopfer.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Am Schabbes-Tisch&#8230;<\/strong><\/p>\n<p><strong>Menschliches Handeln und g\u00f6ttliches Wandeln<\/strong><\/p>\n<p>Rav Jakov HaLevi Filber (Rabbiner an der &#8222;Merkas-Harav&#8220; Jeschiwa, Jerusalem)<\/p>\n<p>An verschiedenen Stellen macht uns die Tora Mitteilung \u00fcber die menschliche Entscheidungsfreiheit zwischen Gut und B\u00f6se, so wie zu Beginn unseres Wochenabschnittes: &#8222;Siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor&#8220; (Dt. 11,26), oder &#8222;das Leben und den Tod hab ich dir vorgelegt, den Segen und den Fluch; aber du sollst das Leben erw\u00e4hlen, auf da\u00df du lebest, du und deine Nachkommen&#8220; (Dt. 30,19). Die Entscheidungsfreiheit legt dem Menschen die Verantwortung f\u00fcr seine Taten auf, und dabei r\u00e4t ihm die Tora: &#8222;aber du sollst das Leben erw\u00e4hlen&#8220;. Die M\u00f6glichkeit der freien Bestimmung seines Lebensweges beschrieben die talmudischen Weisen wie folgt: &#8222;Man leitet den Menschen auf den Weg, auf dem er zu wandeln w\u00fcnscht&#8220; (Makkot 10a). An dieser Formulierung l\u00e4\u00dft sich allerdings erkennen, da\u00df der Mensch trotz Herrschaft \u00fcber seine Entscheidungen sein Leben nicht g\u00e4nzlich frei f\u00fchren kann, denn \u00fcber ihm schwebt die Einmischung durch die g\u00f6ttliche Vorsehung, die seine Entscheidungen \u00fcberpr\u00fcft, nur da\u00df sie ihm nicht alle seine Schritte genau vorschreibt. Zudem besteht hierbei ein Unterschied, ob der Mensch eine positive oder eine negative Entscheidung traf, wie es im Midrasch hei\u00dft: &#8222;Kommt er, sich zu verunreinigen, er\u00f6ffnet man ihm, kommt er, sich zu reinigen, hilft man ihm&#8220;. Wenn es sich um eine gute Entscheidung handelt, wird man ihn nicht nur nicht dabei st\u00f6ren, sondern ihm noch vom Himmel Hilfe leisten, und wenn um eine schlechte (&#8222;unreine&#8220;), er\u00f6ffnet man ihm den Weg dazu, man st\u00f6rt ihn nicht, aber man hilft ihm auch nicht dabei.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, beim wichtigsten Teil seines Lebens liegt die Hauptentscheidung beim Menschen, wie die Weisen sagten: &#8222;Alles ist in den H\u00e4nden des Himmels, ausgenommen die G~ttesfurcht&#8220; (Brachot 33b), und im Traktat Nida hei\u00dft es dazu ausf\u00fchrlicher: &#8222;Der Engel, der \u00fcber die Schwangerschaft eingesetzt ist&#8230; fragt den Ewigen vor der Geburt: Herr der Welt, was soll aus diesem Tropfen werden, ein Held oder ein Schw\u00e4chling, ein Weiser oder ein Tor, ein Reicher oder ein Armer? Er sagt aber nicht: ein Frevler oder ein Gerechter. Dies nach Rabbi Chanina, denn Rabbi Chanina sagte: Alles ist in den H\u00e4nden des Himmels, ausgenommen die G~ttesfurcht&#8220; (16b). Der Toraaufforderung &#8222;aber du sollst das Leben erw\u00e4hlen&#8220; bedeutet in diesem Zusammenhang wohl, da\u00df der Mensch vor sich selbst fortlaufen kann, sich seinem inneren &#8222;Ebenbild G~ttes&#8220; entfremden und sogar auf eine Stufe der Niedertr\u00e4chtigkeit und Wertlosigkeit absinken kann. So weit reicht die Kraft der Entscheidungsfreiheit.<\/p>\n<p>Das Prinzip menschlicher Entscheidungsfreiheit gilt nicht in jedem Fall, sondern nur im Bereich des Individuums. Was aber die j\u00fcdische Allgemeinheit angeht, dort herrscht die g\u00f6ttliche Vorsehung, die uns keine Flucht vor unserer j\u00fcdischen Identit\u00e4t und Bestimmung erm\u00f6glicht. So einen Fluchtversuch gab es einmal in den Tagen des Propheten Jecheskel, als die \u00c4ltesten Israels sprachen: &#8222;Wir wollen sein wie die V\u00f6lker, wie die Geschlechter der L\u00e4nder&#8220; (20,32); dazu sagte der Prophet: &#8222;Und was ihr euch in den Sinn kommen lasset, das soll nicht geschehen&#8230; da\u00df ich mit starker Hand und mit ausgestrecktem Arme und mit \u00fcberstr\u00f6mendem Grimme \u00fcber euch regieren will&#8220; (20,32-33). Einen \u00e4hnlichen Gedanken von der Unm\u00f6glichkeit eines Ausbruchs der israelitischen Gemeinschaft aus ihrer Identit\u00e4t erl\u00e4uterte Rabbiner Naftali Z.J. Berlin (&#8222;Neziw&#8220;) aus Woloschin zum Vers: &#8222;Siehe da ein Volk, abgesondert wohnt es und unter die V\u00f6lker l\u00e4\u00dft es sich nicht rechnen&#8220; (Num. 23,9) &#8211; das Volk Israel gleicht keiner anderen Nation und Sprache, welche sich in der Diaspora assimilieren und damit die Wertsch\u00e4tzung und Liebe der Gastv\u00f6lker in h\u00f6herem Ma\u00dfe erzielen, als wenn sie sich separat von ihnen hielten. Nicht so das Volk Israel; gerade, wenn es sich separat h\u00e4lt und sich nicht mit den V\u00f6lkern vermischt, wohnt es in Ruhe und W\u00fcrde. Wenn es sich aber mit den V\u00f6lkern mischen will, dann gilt es nichts, denn die V\u00f6lker werden es abweisen. Und der Grund daf\u00fcr: das Volk Israel soll ja \u00fcberleben, und das ist nur m\u00f6glich, wenn es seine Einzigartigkeit h\u00fctet, was auf eine von zwei verschiedenen Weisen erfolgen kann. Entweder wacht das Volk Israel selber \u00fcber seine nationale Einheit, &#8222;abgesondert &#8211; wohnt&#8220;, oder, wenn es g~ttbeh\u00fcte versucht, &#8222;unter die V\u00f6lker&#8220; zu gehen, seine Identit\u00e4t zu verwischen und abzuleugnen, denn dann &#8222;l\u00e4\u00dft es sich nicht rechnen&#8220; &#8211; wird es die g\u00f6ttliche Vorsehung durch den Hass der V\u00f6lker (Antisemitismus) zwingen, zu sich selbst zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Die Unm\u00f6glichkeit der Selbstverleugnung des j\u00fcdischen Volkes besteht auch bez\u00fcglich des Landes Israel. Zur Erkl\u00e4rung setzte Rabbi Bunem aus  Pschi\u00dfche den Vers &#8222;Ziehe mich dir nach, la\u00df uns eilen&#8220; (Hohelied 1,4) in Beziehung zum Eigentums\u00fcbergang an Tieren durch das &#8222;Ansichziehen&#8220;, wie es im Talmudtraktat Kiduschin (22b) beschrieben wird: &#8222;Wenn er es ruft und es herankommt, oder wenn er es mit einem Stocke antreibt und es vor ihm l\u00e4uft, so erwirbt er es [das Tier]&#8220;. Er verglich dies mit dem Rufen G~ttes an uns, nach dem Lande Israel zu kommen; auch das kann auf zwei Weisen erfolgen: 1. Er ruft uns zur Einwanderung auf, und wir kommen &#8211; dann wird es uns leichtfallen. 2. Wenn wir uns aber darauf versteifen, in der Diaspora zu verbleiben, wird das die g\u00f6ttliche Vorsehung n\u00f6tigen, uns &#8222;mit einem Stocke anzutreiben&#8220;, und dann werden wir auf dem harten Wege nach Israel kommen. Darum bitten wir G~tt: &#8222;Ziehe mich dir nach&#8220;, da\u00df wir nach dem Lande nur auf deinen Ruf hin schon kommen.<\/p>\n<p>Diese doppelte M\u00f6glichkeit menschlichen Handelns unter Mitwirkung der obersten Vorsehung begleitet uns auch w\u00e4hrend der Zeitperiode nach unserer Ankunft im Lande, wenn wir das eine um das andere Mal unserer Bestimmung zu entfliehen versuchen, sei es aus spiritueller Schw\u00e4che, sei es durch Sinkenlassen der H\u00e4nde, und die Realit\u00e4t uns zur R\u00fcckbesinnung auf uns selbst zwingt. Ein Beispiel daf\u00fcr gibt der Sechstagekrieg, den wir nicht wollten und der uns aufgezwungen wurde, wobei wir K\u00f6nig Hussein von Jordanien geradezu anflehten, sich nicht einzumischen. Dennoch kehrten wir dadurch zu weiten Teilen unseres historischen Erbbesitzes zur\u00fcck. Und wiederum, fast seit dem ersten Tag, bis heute, versuchen Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft, aber auch Teile der israelischen Gesellschaft, uns aus diesen Gebieten zu verdr\u00e4ngen, und jedesmal, wenn dieses Vorhaben fast zu gelingen scheint, stellt ein pl\u00f6tzliches, unvorhergesehenes Ereignis die Dinge auf den Kopf, und wir verbleiben mit dem gleichen Status, vor dem wir weglaufen wollten. Selbst in Gebieten, die wir nach einseitiger Entscheidung verlie\u00dfen, finden wir uns zwangsweise pl\u00f6tzlich wieder, in genau dengleichen Orten, die wir auf Nimmerwiedersehen verlassen zu k\u00f6nnen glaubten. Diese Entwicklung l\u00f6st allerdings einen Denkproze\u00df in einigen Teilen der Bev\u00f6lkerung aus, und in diesem Sinne lehrte uns die g\u00f6ttliche Vorsehung einige Intensivkurse, nur da\u00df wir so die Wahrheit \u00fcber unsere Lebenswirklichkeit auf dem harten Wege lernen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Woche in der Tora (Dt. 11,26-16,17): Segen und Fluch &#8211; abh\u00e4ngig von freier Entscheidung; Vorschriften bez\u00fcgl. des Opferdienstes, falsche Propheten, koschere Tiere, Erla\u00dfjahr, Pessach-, Sukkotopfer.<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[80],"tags":[],"class_list":["post-588","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-reeh"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/588","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=588"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/588\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":590,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/588\/revisions\/590"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=588"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=588"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=588"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}