{"id":600,"date":"2013-12-13T15:25:46","date_gmt":"2013-12-13T13:25:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=600"},"modified":"2013-12-13T15:25:46","modified_gmt":"2013-12-13T13:25:46","slug":"leben-und-werk-des-mosche-ben-maimon-maimonides","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/leben-und-werk-des-mosche-ben-maimon-maimonides\/","title":{"rendered":"Leben und Werk des Mosche ben Maimon (Maimonides)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ein F\u00fcrst G-ttes, zum Zeichen gesendet, und alle erstaunten sehr, die ihn sahn;  Die Weisen der Zeit, da sie seine Pl\u00e4ne  Begriffen, hat Schrecken und Angst sie umfahn;  Doch indes sie am Fu\u00dfe des Bergs sich noch streiten,  stieg Mosche empor, seinem G-ttzu nahn.&#8220;<br \/>\nJosef ben Jehuda <\/p>\n<p>Zahllose Huldigungen wie diese Verse seines Sch\u00fclers Josef ben Jehuda wurden an den ber\u00fchmten Mosche ben Maimon gerichtet.<!--more--> Von seinen Zeitgenossen geehrt durch Anreden wie &#8222;unser Lehrer und Meister Mosche&#8220;, &#8222;gr\u00f6\u00dfter Rabbi in Israel&#8220; und &#8222;Banner der Weisen&#8220; war Rambam, so das Anagramm nach seinem Namen Rabbi Mosche ben Maimon, jedoch bereits zu Lebzeiten heftiger Kritik ausgesetzt, die nach seinem Tod sogar in einen Bann (Cherem), ausgesprochen durch Rabbi Schlomo von Montpellier, gipfelte.<\/p>\n<p>Wer war dieser Universalgelehrte, der von manchen als der j\u00fcdische Gelehrte des Jahrtausends gesehen wird, und welche waren die neuen Wege, die er mit seiner Lehre betrat? Diesen Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden.<\/p>\n<p>Die Lebenswege des Maimonides<\/p>\n<p>Die Lebensbedingungen f\u00fcr Juden im mittelalterlichen Spanien werden in der Litera-tur des \u00f6fteren als &#8222;Das Goldene Zeitalter&#8220; bezeichnet. Die Lebenswege des Mosche ben Maimon k\u00f6nnten kaum st\u00e4rker in Kontrast zu dieser Bezeichnung stehen.<\/p>\n<p>Rambam wird 1138, manche sagen auch 1135, als Sohn des geachteten Gelehrten Maimon ben Josef in C\u00f3rdoba, Andalusien geboren.<\/p>\n<p>Rabbi Maimon ben Josef war Mitglied des Rabbinatsgerichts (Bet Din) zu C\u00f3rdoba und \u00fcber die Grenzen seiner Stadt hinaus als Pers\u00f6nlichkeit bekannt, die auf arabisch mehrere wichtige Schriften, wie z.B. Auslegungen zur Tora und zur Megilat Ester, verfa\u00dft hat. Seine Frau verstarb bei der Geburt Mosches, sp\u00e4ter heiratete er erneut und wurde Vater eines weiteren Sohnes und einer Tochter. Rabbi Maimon ben Josef stammte aus einer Familie von Richtern und Gelehrten, die ihre Herkunft bis zum ber\u00fchmten Rabbi Jehuda Hanassi &#8211; und somit auch zu K\u00f6nig David \u2013 zur\u00fcckverfolgen konnte.<\/p>\n<p>Kindheit in C\u00f3rdoba<\/p>\n<p>C\u00f3rdoba, Maimonides andalusische Geburtsstadt, z\u00e4hlte seinerzeit zu den gr\u00f6\u00dften und aufstrebendsten j\u00fcdischen Gemeinden Spaniens, das sich unter arabischer Herr-schaft befand. Das Geistesleben der Stadt stand in voller Bl\u00fcte und wird aus diesem Grunde von Baeck (1954:13) auch als &#8222;Protorenaissance&#8220; bezeichnet: Neben der rabbinischen Gelehrsamkeit &#8211; C\u00f3rdoba war der Sitz einer ber\u00fchmten Talmud-Tora-Schule, zu der Sch\u00fcler aus ganz Spanien und selbst aus Afrika str\u00f6mten &#8211; wurden auch andere, weltliche Wissenschaften gepflegt. Nach der Schlie\u00dfung der Athener Universit\u00e4t und dem Unterrichtsverbot der Philosophie durch Justiniam im Jahre 529 &#8222;wanderte&#8220; die griechische geistige Kultur in die L\u00e4nder des Islam, wo ihre Lehre aufgenommen und von arabischen Gelehrten kommentiert wurde. Etliche Juden spielten hier eine zen-trale Rolle, zumal sie es oftmals waren, die griechische Philosophen, Astronomen, Mathematiker und Mediziner ins Hebr\u00e4ische \u00fcbertrugen, um sie sp\u00e4ter ins Lateini-sche zu \u00fcbersetzen.  In diese Zeit wurde Mosche ben Maimon hineingeboren. Seine ersten zehn Lebens-jahre in C\u00f3rdoba verbringend, wuchs er mit arabischer Muttersprache und \u2013 bedingt durch die richterliche T\u00e4tigkeit des Vaters &#8211; in einer Atmosph\u00e4re der Jurisprudenz und des Respekts vor dem j\u00fcdischen Recht auf. Beides wurde f\u00fcr ihn Inhalt und Aufgabe seines Lebens. W\u00e4hrend es in fast allen christlichen Staaten Europas die Kreuzz\u00fcge waren, die zur Zeit des Maimonides ganze j\u00fcdische Gemeinden zur Aufgabe ihres Glaubens unter Todesandrohung zwangen, war es in Spanien eine fanatische islamische Grup-pierung, die die friedliche Koexistenz j\u00fcdischer Gemeinden mit der umgebenden Ge-sellschaft beendete. Die Almohaden, die &#8222;Bekenner der Einheit&#8220;, waren &#8222;M\u00e4nner ei-ner puritanischen Bewegung&#8220;, die nach und nach einen gro\u00dfen Teil Nordafrikas er-oberten und schlie\u00dflich bis zum s\u00fcdlichen Teil Spaniens vorgedrungen waren.  In ihrem gro\u00dfen Reich proklamierten sie \u2013 ihrer &#8222;wahren&#8220; islamischen Religion folgend \u2013 eine strenge Lehre einhergehend mit der Ablehnung alles Fremden und aller Fremden. Nach Ansicht der Almohaden war ein Fremder &#8222;der Andersgl\u00e4ubige, nur \u2013 trat er zum Islam \u00fcber, so h\u00f6rte er auf, ein Fremder zu sein&#8220;. W\u00e4hrend viele Kirchen und Synagogen zerst\u00f6rt wurden, standen die j\u00fcdischen Gemeinden vor der Frage: Bekehrung oder Auswanderung. Den Widerstand gegen die Almohaden bezahlten viele mit dem Tod. Da die neuen Machthaber keine h\u00e4usliche Kontrolle von Neubekehrten durchf\u00fchr-ten, konnten sich einige Juden offiziell durch Aussprechen der moslemischen Glau-bensformel zum Islam bekennen und insgeheim weiterhin j\u00fcdische Riten praktizieren. Die neu zum Islam bekehrten Juden wurden zwar als vollwertige Moslems an-erkannt, durften sich aber unter keinen Umst\u00e4nden \u2013 wie alle anderen Moslems &#8211; \u00f6ffentlich zu einer anderen Religion bekennen, da nach islamischem Gesetz der Abfall eines Moslems von seinem Glauben mit dem Tode zu bestrafen ist. Wie bereits angedeutet standen die im n\u00f6rdlichen wie im s\u00fcdlichen Teil Europas le-benden Juden dieser Zeit unter existentieller Bedrohung. W\u00e4hrend in Frankreich und Deutschland die Kreuzfahrer zur Eroberung Pal\u00e4stinas und zur Befreiung des Heili-gen Grabes aufbrachen und unter dem Kreuzbanner etliche j\u00fcdische Gemeinden ausgel\u00f6scht wurden, mu\u00dften ihre spanischen und nord-afrikanischen Glaubensge-nossen \u00c4hnliches unter dem Halbmond erleiden. In beiden Bewegungen spielt dem-zufolge der religi\u00f6se Gedanke eine zentrale Rolle. Nach Heschel (1992:8) gibt es eine &#8222;Parallelit\u00e4t der Geschehnisse&#8220;, die sich auch in den gleichen blutigen Spuren zeigt, die sie in der j\u00fcdischen Geschichte hinterlie\u00df.<\/p>\n<p>Leben in F\u00e9s<\/p>\n<p>Diejenigen Juden, die nicht unter dem Schutz der Notl\u00fcge leben wollten oder konn-ten, blieb nur eine Option: die Auswanderung. Dieses Schicksal teilte Mosche ben Maimon mit seiner Familie. Mit dem Einfall der Almohaden im Jahre 1148 verlie\u00df die Familie Maimon C\u00f3rdoba und f\u00fchrte daraufhin ein offensichtlich ruheloses Leben, in dem sie etwa ein Jahrzehnt in verschiedenen s\u00fcdspanischen St\u00e4dten lebte, um sich schlie\u00dflich 1159 in F\u00e9s, Marokko, niederzulassen (Guttmann 2000:196).<\/p>\n<p>Die genauen Ursachen f\u00fcr die Wahl Marokkos als Zufluchtsort der Maimon sind un-gekl\u00e4rt, da auch dieses Land seit 1145 unter almohadischer Kontrolle lag und vor diesem Hintergrund keine besseren Lebensperspektiven f\u00fcr die Familie Maimon ben Josefs zu erwarten waren. M\u00fcnz (1912:21) stellt hierzu einige Vermutungen an. Vielleicht lie\u00dfen sich die Maimon in der Hafenstadt F\u00e9s nieder, da ihnen diese Stadt bessere Fluchtm\u00f6glichkeiten im Falle neuer Gefahren bot? Denkbar ist ebenfalls, da\u00df Maimon ben Josef als Ziel F\u00e9s hatte, um die dort lebenden verfolgten Juden zum Festhalten an den Glauben ihrer Vorfahren zu ermuntern.<\/p>\n<p>Nach Heschel (1992:16ff.) war Nordafrika &#8222;von jeher ein Asyl f\u00fcr die von Religions-verfolgungen fl\u00fcchtenden Juden Spaniens&#8220;. F\u00e9s, so f\u00fchrt Heschel aus, war zu dama-liger Zeit eine gro\u00dfe Hafenstadt, in der \u00fcberwiegend Berber lebten und dessen j\u00fcdi-sche Gemeinde seit Jahrhunderten ein gro\u00dfes geistiges Ansehen in der j\u00fcdischen Welt geno\u00df. Mit der Eroberung von F\u00e9s durch die Almohaden wurden die Juden ge-zwungen, den Islam anzunehmen oder auszuwandern. W\u00e4hrend die Mehrzahl der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung zum Schein den moslemischen Glauben annahm, wurden einige, die sich dem verweigerten, hingerichtet.<\/p>\n<p>Warum entschied sich Maimon ben Josef also gerade f\u00fcr diese Stadt als Zufluchtsort f\u00fcr seine Familie? Es mu\u00df bedacht werden, da\u00df seinerzeit zwischen den L\u00e4ndern Spanien und Marokko ein wirtschaftlicher und kultureller Austausch bestand, durch den es wahrscheinlich wird, da\u00df Richter Maimon ben Josef vor seiner Ankunft bereits in F\u00e9s bekannt war und sich vielleicht in der dortigen j\u00fcdischen Gemeinschaft ein \u2013 zumindest teilweise \u2013 gesichertes Leben erhoffte.  Nichtsdestotrotz konnten auch die Maimon ihre j\u00fcdische Religion dort nur im Verbor-genen aus\u00fcben (Guttmann 2000:196). Die unklaren Hintergr\u00fcnde ihrer Niederlas-sung in F\u00e9s gab Anla\u00df zur Vermutung, die Maimon seien \u2013 wie etliche ihrer Glaubensgenossen &#8211; zum Islam konvertiert. Hierf\u00fcr lassen sich allerdings keine stich-haltigen Beweise finden. Im Gegenteil, einiges spricht gegen diese These, wie z.B. die sp\u00e4tere Niederlassung der Maimon im Heiligen Land.  Vor der Niederlassung in F\u00e9s hatte Maimon ben Josef erneut geheiratet und zwei weitere Kinder bekommen: einen Sohn und eine Tochter. Mosche ben Maimon hatte eine besonders enge Beziehung zu David, seinem j\u00fcngeren Bruder. Aber F\u00e9s sollte im Leben des Mosche ben Maimon nur eine Zwischenstation blei-ben, denn auch hier erfuhr er &#8222;am eigenen Leibe die Grenzen der Koexistenz von Ju-den und Mohammedanern&#8220;. Selbst die eingeschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten, die man Juden f\u00fcr ein j\u00fcdisches Leben gew\u00e4hrte, wurden pl\u00f6tzlich aufgehoben. Die almohadi-sche F\u00fchrung verlangte von Rabbi Juda Hakohen Ibn Sussan, &#8222;dem gro\u00dfen Weisen und Frommen&#8220; (Heschel) der j\u00fcdischen Gemeinde, eine Bekehrung zum Islam. Dies h\u00e4tte auf die j\u00fcdische Gemeinschaft von F\u00e9s eine verheerende Signalwirkung gehabt, angesichts derer Rabbi Juda den Tod vorzog und 1165 \u00f6ffentlich hingerichtet wurde. Nun war offensichtlich, da\u00df das Zusammenleben von Moslems und Juden unter almohadischer F\u00fchrung keine Zukunft hatte. Und wieder mu\u00dften sich die Maimon auf die Flucht begeben; diesmal lautete ihr Zufluchtsort das Land ihrer V\u00e4ter.<\/p>\n<p>Das Land der V\u00e4ter<\/p>\n<p>Wenige Tage nach dem gewaltsamen Tode Rabbi Judas schifften die Maimon mit Ziel Pal\u00e4stina ein. Auch wenn man in damaliger Zeit durch die Reiselust in moham-medanischen L\u00e4ndern verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig offen und leicht reisen konnte, mu\u00dften die Maimon ihre Auswanderung bei Nacht durchf\u00fchren, um nicht von den Almohaden doch noch als &#8222;fl\u00fcchtende Nichtgl\u00e4ubige&#8220; entdeckt zu werden.<\/p>\n<p>Nach einigen Wochen Seereise erreichte das Schiff das Heilige Land. Akko ist die erste Stadt, die Maimonides in Pal\u00e4stina betritt. Seine Familie wurde von der j\u00fcdischen Gemeinde Akkos freundlich und ehrenvoll aufgenommen. Zur damaligen Zeit besa\u00df die Hafenstadt mit etwa 200 Familien die gr\u00f6\u00dfte j\u00fcdische Gemeinde des Landes.<\/p>\n<p>Pal\u00e4stina lag zur Zeit Maimonides in den H\u00e4nden der Kreuzritter, an deren Spitze K\u00f6nig Amalrich stand, dessen Herrschaft scheinbar vor allem darauf angelegt war, &#8222;gro\u00dfe Reicht\u00fcmer zu erwerben und in Glanz und F\u00fclle zu leben.<\/p>\n<p>Akko ist, bedingt durch die Kreuzz\u00fcge, ein Welthandelsplatz und zudem Hauptstation der Pilger, in der j\u00e4hrlich zehntausende Menschen eintreffen. Heschel (1992:59) zitiert den Bericht eines Zeitgenossen, der Akko als herrliche, wohlhabende Stadt beschreibt, in der man &#8222;alle Sprachen des Morgen- und Abendlandes&#8220; h\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nach etwa sechsmonatigem Aufenthalt verlie\u00df die Familie Maimon Akko und machte sich auf den gefahrvollen Weg nach Jerusalem, um an der St\u00e4tte, wo einst das Heiligtum stand, zu beten. Als Pal\u00e4stina in arabischer Hand lag, war den Juden noch die Niederlassung in Jerusalem gestattet. Zudem durften auch Juden aus benachbarten L\u00e4ndern zu den Feiertagen in die Heilige Stadt pilgern. Seit der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer, in deren Zuge die dortige j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung hingerichtet wurde und die j\u00fcdische Gemeinde nicht mehr existierte, war den Juden das Betreten von Jerusalem verboten.<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte des zw\u00f6lften Jahrhunderts &#8222;wurde den Nichtchristen unter Wah-rung ihrer nationalen und religi\u00f6sen Eigenart die Teilnahme am wirtschaftlichen Leben (Jerusalems; Anm.) gestattet&#8220;, und Juden genossen dort fast uneingeschr\u00e4nk-te b\u00fcrgerliche Freiheit. Bei der Ankunft Maimonides in Jerusalem lebten dort ledig-lich vier j\u00fcdische Familien. Nach dreit\u00e4gigem Aufenthalt in der heiligen Stadt reisten sie weiter nach Hebron, um am Grab der Patriarchen zu beten.<\/p>\n<p>Die Familie Maimon entschlo\u00df sich nach einem mehr als halbj\u00e4hrigen Aufenthalt, Pa-l\u00e4stina zu verlassen. Die kleine j\u00fcdische Gemeinschaft in Pal\u00e4stina lebte in st\u00e4ndiger Angst vor erneuten Kreuzz\u00fcgen, wodurch auch ihre materielle Versorgung bedroht war. Vielleicht ist ein weiterer Beweggrund zur Ausreise, da\u00df Maimonides von den kleinen, im Untergang begriffenen j\u00fcdischen Gemeinden entt\u00e4uscht war, die er im Heiligen Land vorfand, von dem Mangel an Bildungsm\u00f6glichkeiten und Gelehrten. Zudem galten viele Neuzuwanderer Pal\u00e4stinas als unehrenhaft, denn ihre Gruppe soll sich vor allem aus &#8222;Dieben, R\u00e4ubern, M\u00f6rdern (&#8230;), ihren Kl\u00f6stern entlaufenen M\u00f6nchen und Nonnen (&#8230;)&#8220; rekrutiert haben (ebd.). Naheliegend scheint, da\u00df diese Umst\u00e4nde Maimonides nicht zur endg\u00fcltigen Niederlassung einluden.<\/p>\n<p>\u00c4gypten hie\u00df das neue Ziel der Familie Maimon, ein Land, das f\u00fcr sie nun zu einer bleibenden Heimat werden sollte.<\/p>\n<p>Im Lande \u00c4gypten<\/p>\n<p>1165, das Jahr, in dem Maimon ben Josef mit seiner Familie \u00c4gypten erreichte, herrschte gro\u00dfer Wohlstand in dem Land am Nil, das seit dem Jahre 909 von Fati-miden regiert wurde. Nachdem 1171 der letzte Fatimide verstarb, wurde Saladin Sultan, begr\u00fcndete die Dynastie der Ajubiden und wurde offizieller Alleinherrscher \u00c4gyptens. Zum Reich des Sultan Saladin sollten sp\u00e4ter neben \u00c4gypten auch Syrien und, nach erfolgreicher Bek\u00e4mpfung der Kreuzfahrer, Pal\u00e4stina geh\u00f6ren. Unter seiner Hand entwickelte sich nicht nur die Wirtschaft positiv, es kam auch zu einem geistigen Aufschwung durch die F\u00f6rderung der Wissenschaften. W\u00e4hrend in Spanien und Marokko die j\u00fcdischen Gemeinden zugrunde gingen, lag \u00c4gypten &#8222;im Meer der Not wie eine gl\u00fcckliche Insel, auf der die Juden glauben und leben durften&#8220;. Zun\u00e4chst lie\u00dfen sich die Maimon in Alexandrien nieder. Hier lebten bei einer Ge-samtbev\u00f6lkerung von 50.000 Menschen etwa 3.000 j\u00fcdische Familien, weshalb die Stadt am Mittelmeer als gr\u00f6\u00dfte j\u00fcdische Gemeinde des Landes galt. Im Angesicht der neu gefundenen Heimat mu\u00dften Maimonides und seine Familie schwere Schicksalsschl\u00e4ge hinnehmen: Zun\u00e4chst verstarb Maimon ben Josefs zweite Frau. Kurz darauf, Anfang 1166, entschlief auch Maimonides Vater. Nach dem Tod des Vaters auf sich gestellt, entwickelte sich zwischen Mosche, der inzwischen Familienoberhaupt geworden war, und seinem j\u00fcngeren Bruder David eine noch engere Beziehung. Schlie\u00dflich mu\u00dfte Mosche ben Maimon eine weitere existentielle Krisen bew\u00e4ltigen: Sein geliebter Bruder David erlitt auf einer gesch\u00e4ftlichen Seereise Schiffbruch und kam um, jedoch erfuhr dies Maimonides erst ein Jahr nach dem Ungl\u00fcck.  Noch zu Lebzeiten des Vaters hatte David ben Maimon durch einen Perlen- und Edelsteinhandel mit zur Ern\u00e4hrung der Familie beigetragen, und wurde nach dem Tod Maimons dessen Hauptern\u00e4hrer. Die famili\u00e4re Situation hatte es Maimonides bislang erm\u00f6glicht, sich v\u00f6llig seinen Studien (s.u.) hinzugeben; nun stand er aber im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Nichts, da der Ern\u00e4hrer der Fa-milie nicht mehr lebte und bei dem Ungl\u00fcck zudem das gesamte Familienverm\u00f6gen verloren ging. Bereits kurze Zeit nach der Niederlassung in Alexandrien scheint sich um Mosche ben Maimon eine Situation entwickelt zu haben, die ihn veranla\u00dfte, die Stadt dauerhaft zu verlassen. Die Vermutung liegt nahe, da\u00df der Grund f\u00fcr das pl\u00f6tzliche Verlassen Alexandriens in einer theologischen Auseinandersetzung mit den Kar\u00e4ern liegt.<\/p>\n<p>Seit dem achten Jahrhundert n.d.Z. f\u00fchrte die Sekte der Kar\u00e4er ein vom restlichen Judentum abgesondertes Leben. Der Begriff &#8222;Kar\u00e4er&#8220; ist eine Herleitung des hebr\u00e4ischen Wortes f\u00fcr Schrift oder Buch (mikra). Hintergrund dessen ist, da\u00df sich die Kar\u00e4er einzig und allein an die schriftliche Lehre, d.h., die hebr\u00e4ische Bibel, hielten, nicht aber an die m\u00fcndliche Lehre, also den Talmud und die rabbinischen Lehren.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahrhunderte hatten die Rabbinen Regeln bestimmt, mit deren Hilfe Bestimmungen der Tora eingehender ausgelegt werden konnten. Beispielsweise wurde eine rabbinische Berechnungsregel aufgestellt, anhand derer sich der j\u00fcdische Kalender derart bestimmt lie\u00df, da\u00df eine Einheitlichkeit der Daten f\u00fcr j\u00fcdische Feiertage garantiert werden konnte. Hielte man sich nicht an diesen Kalender, so w\u00fcrden Feiertage, die allein ihrem inhaltlichen und symbolischen Sinn entsprechend an bestimmte Jahreszeiten gebunden sind, zu v\u00f6llig anderen Jahreszeiten &#8222;wandern&#8220;. Weitere Abweichungen bestanden hinsichtlich der Kaschrut, da die Kar\u00e4er lediglich das biblische &#8222;Du sollst das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen&#8220; w\u00f6rtlich annahmen, nicht aber die damit zusammenh\u00e4ngenden Interpretationen der Rabbinen.<\/p>\n<p>Die Kar\u00e4er lehnten also die Autorit\u00e4t der Rabbinen grundlegend ab, und entfernten sich dadurch so weit vom rabbinischen Judentum, da\u00df sie von Teilen der j\u00fcdischen Gemeinschaft nicht mehr als j\u00fcdisch akzeptiert wurden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Kar\u00e4er in den meisten anderen L\u00e4ndern an Gewicht verloren hatten, gewannen sie in \u00c4gypten zunehmend an Bedeutung. Durch gezielte und geschickte Propaganda erhielten sie Zulauf aus breiten Schichten des \u00fcberlieferungstreuen Judentums. Au\u00dferordentlich gute Beziehungen pflegten sie zudem zu den fatimidischen Regierenden, die wohl von der Annahme ausgingen, die Kar\u00e4er st\u00fcnden dem Islam n\u00e4her als das rabbinische Judentum.<\/p>\n<p>Scheinbar herrschte seitens der Rabbinen eine Machtlosigkeit gegen\u00fcber dieser Entwicklung, angesichts derer sich Maimonides berufen f\u00fchlte, zun\u00e4chst wohlwollend, schlie\u00dflich mit zunehmender Sch\u00e4rfe gegen die Kar\u00e4er vorzugehen.  Die Gegenwehr, die daraufhin von seiten der Kar\u00e4er aufkam, scheint die Ursache daf\u00fcr zu sein, da\u00df Maimonides Alexandrien verlassen mu\u00dfte, um sich dann in Fostat, Alt-Kairo, niederzulassen. Mit dieser Stadt sollte Maimonides denn auch einen best\u00e4ndigen Wohnort finden.<\/p>\n<p>Die Werke des Maimonides<\/p>\n<p>Mosche ben Maimon bekam bereits von Kindesbeinen an durch seinen gelehrten Vater eine fundierte j\u00fcdische Bildung vermittelt, f\u00fcr M\u00fcnz (1912:10) der &#8222;Grund zu seiner sp\u00e4teren Gr\u00f6sse&#8220;. Schon in jungen Jahren soll Maimonides eine au\u00dferordentliche Begabung und Auffassungsgabe, gepaart mit einem ausgezeichneten Ged\u00e4chtnis gezeigt haben. Obschon man von Rabbi Maimon ben Josef behauptete, da\u00df er &#8222;sich niemals einen Tag mit den weltlichen Wissenschaften besch\u00e4ftigte&#8220;, begann Maimonides, neben der j\u00fcdischen Lehre Astronomie zu studieren. W\u00e4hrend der Wanderungen der Familie Maimon setzte Mosche seine verschiedenen Studien fort. Gerade in F\u00e9s, einem seiner ersten Emigrationsziele, bestand f\u00fcr Maimonides ein reiches Bildungsangebot. Dort besch\u00e4ftigte man sich mit indischer Rechenkunst, Arzneikunde, Me\u00dfkunst und Algebra. Zudem las man arabische Erz\u00e4hlungen und Anekdoten, um den eleganten Stil bekannter Schriftsteller zu studieren, was sicherlich auch sp\u00e4ter Auswirkungen auf Maimonides eigene Werke hatte. Bereits in seiner Jugend hatte sich Mosche ben Maimon dem Studium der Medizin zugewandt und suchte sp\u00e4ter in F\u00e9s die Bekanntschaft mit \u00c4rzten, bei denen er seine medizinischen Kenntnisse vertiefen konnte. F\u00fcr ihn war das Heilen von Kranken eine Mitzwa, ein g\u00f6ttliches Gebot, denn nur ein Gesunder konnte zum j\u00fcdischen Ideal des Tikkun Olam, der vollst\u00e4ndigen Heilung der Welt, beitragen.  Als nach dem Tod seines Vaters und seines Bruders die Frage aufkommt, wie Maimonides seinen Lebensunterhalt verdienen k\u00f6nnte, schlo\u00df er die T\u00e4tigkeit des Rabbiners aus, da er sie nicht als Beruf verstand, mit dem man Geld verdienen soll, sondern als Berufung. Hier st\u00fctzte er sich auf Hillel, der sich selbst &#8222;vom Erl\u00f6s seiner Arbeit&#8220; ern\u00e4hrte.  Mosche ben Maimon war also gegen die finanzielle Honorierung geistlicher Arbeit und konnte seine Position mit talmudischen Quellen untermauern. Wie andere bedeutende j\u00fcdische Denker vor ihm wurde Mosche Arzt. F\u00fcr ihn war die Medizin ein grundlegender Lebensbestandteil, und bereits der Talmud schreibt vor, da\u00df sich ein Weiser nur in einer Stadt niederlassen darf, die zehn Bedingungen erf\u00fcllt; eine davon ist das Vorhandensein eines Arztes. In sp\u00e4teren Jahren sollte er ein ber\u00fchmter und geachteter Arzt werden, sogar Leibarzt von Kalifen und Wesiren, der wichtige medizinische Abhandlungen verfa\u00dfte und an den medizinische Anfragen aus vielen L\u00e4ndern gestellt wurden. Aufgrund seines Ansehens und seiner Anstellung als Leibarzt am Hofe wurde Mosche ben Maimon 1176 der Rang des Nagid verliehen, ein Ehrenamt, das er bis zu seinem Tode im Jahre 1204 innehatte. Das Nagidat wurde mit der Errichtung des Fatimitdenreiches geschaffen und kann als Gegenpol zum Exilarchen angesehen werden, der im feindlichen Bagdad residierte und dessen Autorit\u00e4t weltweit von Juden anerkannt wurde. Der Nagid war das Oberhaupt der Juden \u00c4gyptens, \u00fcbernahm die F\u00fchrung aller j\u00fcdischen Gemeinden im Fatimidenreich und stand im Dienst des Landesherrn. Der Nagid ernannte Rabbiner und Vorbeter und setzte in allen St\u00e4dten Batei Din (Gerichtsh\u00f6fe) ein, die durch seine Autorit\u00e4t Urteile f\u00e4llen und Urkunden ausstellen durften.<\/p>\n<p>Maimonides hatte ein hohes Bildungsziel. Es lautete, G-tt zu erfassen, &#8222;soweit es einem Menschen m\u00f6glich ist&#8220;. Um sich diesem Ideal zu n\u00e4hern, befa\u00dfte er sich zun\u00e4chst mit Logik \u2013 hier sei nur am Rande angemerkt, da\u00df Mosche bereits mit 16 Jahren eine Einf\u00fchrung in die Logik verfa\u00dfte -, ging daraufhin \u00fcber zu mathematischen Wissenschaften, schlie\u00dflich zu Naturwissenschaften und konzentrierte sich dann auf die Metaphysik. Laut Heschel (1992) soll sich Maimonides nach eigener Aussage deshalb mit Werken wie den astronomischen Schriften des Ptolom\u00e4us oder den S\u00e4tzen der Algebra besch\u00e4ftigt haben, weil er hoffte, dadurch &#8222;die streng demonstrative Schlu\u00dfweise von den anderen Denkverfahren zu unterscheiden und so zur Erkenntnis der Wahrheit des g\u00f6ttlichen Daseins zu gelangen&#8220;.  Er bem\u00fchte sich au\u00dferdem, tieferen Einblick in die moslemische Gedankenwelt zu erhalten, in dem er sich eingehend mit den theologischen Schriften des Islam besch\u00e4ftigte. Mit au\u00dferordentlichem Eifer studierte Mosche philosophische Schriften, etwa die Lehren des Sokrates oder Platon, ebenso wie Kommentare moslemischer Interpreten wie Alfarabi, Ibn Tufail und Ibn Sina. Sein &#8222;Meister&#8220; aber war Aristoteles, von dem er sagte: &#8222;Sein Wissen ist das Vollkommenste, das ein Mensch besitzen kann&#8220;.<\/p>\n<p>Durch die Auseinandersetzung mit der griechisch-arabischen Philosophie wurde Maimonides jedoch zu keinem Zeitpunkt dazu verleitet, sich von seinem j\u00fcdischen Glauben zu entfernen. Ganz im Gegenteil, seiner Meinung nach hielt das Judentum den Vergleich mit anderen Religionen und Philosophien stand.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz hatte das Talmud-Tora-Studium bei Mosche ben Maimon den wichtigsten Stellenwert, alle anderen Wissenschaften habe er seiner eigentlichen &#8222;Frau&#8220; (der Tora) lediglich als &#8222;Nebenbuhlerinnen zur Seite gestellt&#8220;: Die Tora habe ihn &#8222;ersehen, ehe er aus dem Scho\u00dfe der Mutter kam, erkoren, auf da\u00df er sie auf Erden verbreite&#8220;. Rambam besch\u00e4ftigte sich intensiv mit j\u00fcdischen Denkern wie Salomon Ibn Gabirol, Jehuda Halevi und Abraham Ibn Esra, die Bibelkommentare oder eigene Werke verfa\u00dften, die ein philosophisches System enthielten.<\/p>\n<p>Aber wie konnte Rambam zwei scheinbar gegens\u00e4tzliche Disziplinen wie das Judentum und die Philosophie miteinander vereinbaren? Er vertrat die Ansicht, da\u00df Tora und Philosophie demselben Ziel dienen k\u00f6nnen: da\u00df der Mensch G-tt kennt und f\u00fcrchtet. F\u00fcr Mosche sind beide Disziplinen &#8222;Zwillingsschwestern&#8220;; w\u00e4hrend sich die Religion an alle Menschen richtet, um sie zu bessern, wendet sich die Philosophie an nur wenige Erw\u00e4hlte, die nach der wahren Lehre der Religion, \u00fcber G-tt, das All und die Bestimmungen des Menschen suchen.<\/p>\n<p>Eine von Mosche ben Maimons philosophischen Hauptfragen war die nach dem Sinn der j\u00fcdischen Geschichte. Vor dem Hintergrund seiner eigenen Vita stellte er sich existentielle Fragen: Warum wurde das Volk Israel so vielen Pr\u00fcfungen unterzogen? Weshalb wurde dieses kleine Volk immerzu verfolgt und war dazu verdammt, umherzuirren? Und wie h\u00e4tte sich wohl das j\u00fcdische Volk in einem eigenen Land entwickelt, wenn es die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tte, wie andere V\u00f6lker in Frieden und Wohlstand zu leben?<\/p>\n<p>Mischne Tora: Die Zusammenfassung der Lehre<\/p>\n<p>In der nachbiblischen Zeit war einzig und allein das biblische Wort Gegenstand von Studium und Forschung j\u00fcdischer Gelehrsamkeit. Zu Beginn des dritten Jahrhunderts konnten die Resultate aus dem jahrhundertelangen Studium und der Auslegung der Heiligen Schrift in der Mischna zusammengetragen werden, dessen Redaktion in der Hand Rabbi Jehuda Hanassis lag. Mit der Mischna war das autoritative Gesetzbuch f\u00fcr die Praxis des Studiums und des Lebens geschaffen.  W\u00e4hrend der kommenden Jahrhunderte sammelten sich eine ganze F\u00fclle neuer Erkenntnisse und Ansichten, die den Text der Mischna eingehend kommentierten. Zusammen mit der Mischna bildet dieser Text den Talmud, der im f\u00fcnften Jahrhundert abgeschlossen wurde.<\/p>\n<p>Zu Maimonides Zeiten bildete der Talmud seit sieben Jahrhunderten die Grundlage aller religi\u00f6sen Forschungen, den &#8222;Mittelpunkt aller geistigen T\u00e4tigkeit unter den Juden&#8220;. Allerdings erwies sich im Laufe der Zeit, da\u00df ein gro\u00dfer Teil der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung der &#8222;hohen Schule&#8220; des Talmud nicht gewachsen war. Aus diesem Grund bem\u00fchten sich Generationen von nachtalmudischen Gelehrten, das Werk f\u00fcr das Volk verst\u00e4ndlich zu machen. Jedoch besa\u00dfen nur einige Wenige das Talent und die F\u00e4higkeit, den Talmud selbst\u00e4ndig zu studieren.<\/p>\n<p>Maimonides stellte mit gro\u00dfem Bedauern fest, da\u00df das Volk somit &#8222;ohne ein Gesetzbuch ist, in dem es feststehende Lehrs\u00e4tze finden k\u00f6nnte, die unvermischt mit Kontroversen und Irrt\u00fcmern w\u00e4ren&#8220;. Vor diesem Hintergrund fa\u00dfte Maimonides den Entschlu\u00df zur Zusammenstellung eines religionsgesetzlichen Werkes, an dem sich seine Glaubensbr\u00fcder orientieren konnten.<\/p>\n<p>In dem auf hebr\u00e4isch verfa\u00dften Werk Mischne Tora stellt Rambam zum erstenmal das gesamte j\u00fcdische Religionsgesetz systematisch dar. Er tr\u00e4gt hier das un\u00fcbersehare Material aus den Diskussionen des Talmud in seiner Gesamtheit zusammen und systematisiert sie nach einem bis ins kleinste Detail durchdachten Plan. Nach eigener Aussage hat er zehn Jahre an diesem Werk gearbeitet, das er im Jahre 1180 vollendete.<\/p>\n<p>Mit seinem Werk steht Maimonides auf festem Boden der Tradition und leistet den Vorschriften des Talmud unbedingten Gehorsam. Er klassifiziert Gesetze nicht in wichtig oder minderwichtig, denn ihm sind alle Bestimmungen gleicherma\u00dfen heilig, seien sie nun rabbinischem oder biblischen Ursprungs.  Das Werk Mischne Tora umfa\u00dft insgesamt 14 B\u00fccher, wobei jedes Buch in mehrere Halachot (Abschnitte) zerf\u00e4llt, die aus Perakim (Kapitel) bestehen.<\/p>\n<p>Maimonides l\u00e4\u00dft in seinem Werk die einzelnen Phasen der Entwicklung von Diskussionen und Kontroversen, die sich im Talmud finden, beiseite und konzentriert sich statt dessen auf deren Endresultate. Was Maimonides im Talmud als gesetzlich entschieden fand, nimmt er in sein Werk als Gesetz auf und trifft in unentschiedenen F\u00e4llen selbst Entscheidungen. Selten legt er in Mischne Tora religi\u00f6se Er\u00f6rterungen dar und unterl\u00e4\u00dft meist, dem Leser Begr\u00fcndungen f\u00fcr (seine) religi\u00f6sen Vorschriften mitzuteilen, denn er will &#8222;hier nicht \u00fcberzeugen und erkl\u00e4ren, sondern entscheiden und richten&#8220;. Leider kann im Rahmen dieser Arbeit nicht ausf\u00fchrlich auf den Inhalt der Mischne Tora eingegangen werden. Trotzdem sollen nun einige wenige Themen aufgezeigt werden, die Maimonides in seinem Werk behandelt.<\/p>\n<p>Inhaltlich umfa\u00dft Rambams Religionskodex s\u00e4mtliche 613 Ge- und Verbote der hebr\u00e4ischen Bibel. Er befa\u00dft sich mit allen Vorschriften des Judentums, seien sie religi\u00f6sritueller, b\u00fcrgerlicher oder strafrechtlicher Natur. Es finden sich hier Gedanken \u00fcber die Einheit G-ttes ebenso wie \u00fcber das Verbot des G\u00f6tzendienstes. In Mischne Tora betont Maimonides, da\u00df die G-tteserkenntnis die h\u00f6chstm\u00f6gliche Form der Erkenntnis des Menschen sei. Weiterhin hebt er die Unk\u00f6rperichkeit G-ttes hervor und f\u00fchrt aus, da\u00df die anthropomorphen Ausdr\u00fccke der Bibel \u00fcber G-ttes Gestalt einfache Bilder sind, damit alle Menschen sie verstehen.  Rambam legt ferner seine Ansichten zur Moral- und Sittenlehre des Judentums dar. Hier unternimmt er den Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Auffassunen der Religion zu vereinen. So betrachtet er die Erhaltung der Gesundheit als Voredingung eines Gttgef\u00e4lligen Lebens und somit als religi\u00f6se Pflicht, gleichbedeutend mit den Vorschriften zur Heiligung des Schabbat. Nach Mosche ben Maimon besteht die messianische Hoffnung des j\u00fcdischen Volkes darin, da\u00df die Welt voller &#8222;G-tteserkenntnis&#8220; sein wird und sich Israel sorgenfrei der Erforschung der Tora widmen kann.  Ferner stellt Maimonides Vorschriften \u00fcber die Gebete, die Schabbatot und die Chagim auf. Ein weiterer Themenpunkt der Mischne Tora sind zwischenmenschliche Beziehungen. Rambam erl\u00e4utert in diesem Zusammenhang die Ehegesetze, die Reinlichkeitsvorschriften Taharat ha Mischpacha sowie Verbote den Geschlechtsverkehr betreffend. Des weiteren legt Rambam die Bestimmungen f\u00fcr das Schabbat- und Jobeljahr aus, um dann zu den Vorschriften f\u00fcr den Tempelbau \u00fcberzugehen. Maimonides geht an dieser Stelle also selbst auf Themen ein, die Israel in der Galut nicht erf\u00fcllen kann: Er spricht hier ebenso \u00fcber die Bereiche der opferdienstbezogenen Reinheit und Unreinheit wie \u00fcber den Dienst der Kohanim im Heiligtum und die Regelungen f\u00fcr die Korbanot, die Opfer, im Tempel.  Weiters behandelt er rechtliche Punkte wie die Sachbesch\u00e4digungen eines Menschen am Besitztum anderer sowie andere Rechtsprobleme. Abschlie\u00dfend geht Maimonides auf richterliche Entscheidungen, wie die Voraussetzungen f\u00fcr den Verhang der Todesstrafe, ein.<\/p>\n<p>Maimonides erhielt f\u00fcr sein Werk durchaus nicht nur Lob und Anerkennung, sondern mu\u00dfte sich die Kritik gefallen lassen, man k\u00f6nne seinen Argumentationsstr\u00e4ngen teilweise nicht folgen, da die exakten Quellen dazu fehlen. Zudem erweckte sein Monumentalwerk bei manchen den Eindruck, es wolle den Talmud verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Trotz aller Kritik hat sich die Mischne Tora schnell durchgesetzt und erlangte vor allem bei der sefardischen Judenheit gro\u00dfe Popularit\u00e4t und Anerkennung. Das Werk wurde zum Lehrbuch f\u00fcr Studierende, zum Kompendium f\u00fcr Richter und zum Nachschlagewerk f\u00fcr alle Wi\u00dfbegierigen.<\/p>\n<p>More Nebuchim: F\u00fchrer der Unschl\u00fcssigen<\/p>\n<p>Die Schrift &#8222;F\u00fchrer der Unschl\u00fcssigen&#8220;, die als sein religionsphilosophisches Hauptwerk gilt, wurde erst 1190 von Maimonides ver\u00f6ffentlicht. Dieses Werk widmete er seinem Lieblingssch\u00fcler Josef ben Jehuda Ibn Aknin, der sich im Zuge der Machtergreifung der Almohaden in Marokko zum Islam bekennen mu\u00dfte und 1185 nach Fostat kam, um drei Jahre bei Maimonides zu lernen.<\/p>\n<p>Das auf arabisch geschriebene Buch dient dem Ziel &#8222;mit der Fackel der Wissenschaft in das innere Heiligtum der Religion hineinzuleuchten&#8220; und besteht aus drei Teilen, die wiederum in Kapitel oder Abschnitte aufgeteilt sind.<\/p>\n<p>Im ersten Teil definiert Mosche ben Maimon seinen G-ttesbegriff und schlie\u00dft jedwede K\u00f6rperlichkeit G-ttes aus, um im zweiten Teil den Beweis f\u00fcr die Existenz G-ttes zu f\u00fchren.Der dritte Teil des &#8222;F\u00fchrers&#8220; beschreibt schlie\u00dflich die Vision des Propheten Ezechiel vom Thronwagen und beleuchtet die Beziehung G-ttes zur Menschenwelt.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst geht es Mosche ben Maimon im &#8222;F\u00fchrer&#8220; um eine Bestimmung seines G-ttesbegriffs. Er unterscheidet zwei Gruppen von Menschen. Zur ersten Gruppe z\u00e4hlt er einfache, fromme Gl\u00e4ubige, die nicht die M\u00f6glichkeit und den Willen haben, Wissenschaften zu studieren und sich deshalb an den exakten Buchstabensinn der Tora halten. Lediglich den Menschen der zweiten Gruppe ist der tiefere Sinn der Tora zug\u00e4nglich, die die Erkenntnisse der Philosophen in der Heiligen Schrift wiederzufinden versuchen. Maimonides schrieb den &#8222;F\u00fchrer der Unschl\u00fcssigen&#8220; nicht f\u00fcr die Menge, sondern f\u00fcr Josef und andere, die von der Wahrheit der Tora \u00fcberzeugt sind und Philosophie studieren.<\/p>\n<p>So erl\u00e4utert Maimonides im &#8222;F\u00fchrer der Unschl\u00fcssigen&#8220; seine \u00dcberzeugung, die Tora mu\u00dfte sich der Sprache des &#8222;einfachen Mannes&#8220; bedienen, um sich dem gesamten Volk verst\u00e4ndlich zu machen. G-tt ist nicht \u00e4u\u00dferlich oder k\u00f6rperlich, er besitzt keine Eigenschaften, dennoch mu\u00dfte sich die Tora einer &#8222;leibhaftigen Sprache&#8220; \u00fcber G-tt (Hayoun) bedienen, um sich einer gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Menschenzahl verst\u00e4ndlich zu machen. Maimonides G-ttesbegriff ist also rein geistiger Natur, erhaben \u00fcber alle sinnlichen Vorstellungen. Seiner Vorstellung entsprechend ist die Existenz G-ttes ab-solut notwendige Voraussetzung f\u00fcr die Schaffung der Welt. Eine Zuschreibung von jedweden Attributen G-ttes ist f\u00fcr ihn unzul\u00e4ssig, da alle beigef\u00fcgten Eigenschaften das Wesen G-ttes nur begrenzen w\u00fcrden. Zul\u00e4ssig sind seiner Meinung nach lediglich verneinende Formen von Eigenschaften, die jegliche Unvollkommenheit G-ttes beseitigen und keine positiven, reduzierenden Eigenschaften beinhalten. Da wir mit menschlicher Erkenntnis nichts N\u00e4heres \u00fcber die Vollkommenheit G-ttes aussagen k\u00f6nnen, bleibt uns nur, seine Unvollkommenheit zu negieren: &#8222;Wir k\u00f6nnen nur wissen, da\u00df G-tt ist, nicht aber, was er ist&#8220;.<\/p>\n<p>Eine weitere zentrale Frage ist die nach der Weltsch\u00f6pfung. W\u00fcrde man \u2013 wie Aristoteles \u2013 die Lehre von der Ewigkeit der Welt bejahen, w\u00e4ren die Grundlagen der j\u00fcdischen Religion gesprengt, denn zentral ist demnach der Sch\u00f6pfungsbericht der Tora. Im Einklang mit der Tora geht Maimonides von der Sch\u00f6pfung der Welt durch G-tt aus, der alle Dinge bestimmten Gesetzen unterwarf, die lediglich durch abweichende Wunder unterbrochen werden k\u00f6nnen. G-tt hat also die Welt durch seinen freien Willen erschaffen und erh\u00e4lt sie fortw\u00e4hrend. Da alles, was G-tt erschaffen hat, gut ist, kann das &#8222;B\u00f6se&#8220; nur in einer Abwesenheit des Guten bestehen. Man betrachtet also das Nichtvorhandensein gewisser Dinge, so z.B. der Gesundheit, als \u00dcbel. Auch wenn G-ttes gesamte Sch\u00f6pfung &#8222;gut&#8220; ist, so existiert das \u00dcbel dennoch, obwohl G-tt es nicht im positiven Sinne erschaffen hat.  Maimonides f\u00fchrt aus, da\u00df das Gute wie das B\u00f6se, das dem Menschen begegnet, im Verh\u00e4ltnis zu seinen Handlungen steht. Alles Sein der Welt unterliegt der g\u00f6ttlichen Vorsehung, wobei das Ausma\u00df der g\u00f6ttlichen F\u00fcrsorge teilhaftig zu werden, von der W\u00fcrdigkeit des einzelnen Menschen abh\u00e4ngig ist. Der Mensch mu\u00df demgem\u00e4\u00df nach Vollkommenheit streben, nach dem biblischen Wort: &#8222;Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein&#8220;.  Dementsprechend sieht Mosche ben Maimon die Lebensaufgabe des Menschen darin, &#8222;zu einer immer h\u00f6heren Stufe der geistigen Vollendung emporzusteigen&#8220;. Der Mensch mu\u00df also durch selbst\u00e4ndiges Denken und intensives Forschen zu einem &#8222;Mehr&#8220; an G-tteserkenntnis kommen. Diejenigen, die die h\u00f6chste Stufe dieser Vollkommenheit erlangen, werden Propheten genannt. Je h\u00f6her die geistige und sittliche Vollkommenheit des Propheten, desto h\u00f6her auch seine Rangstufe: Mosche Rabbenu bekleidet nach Ansicht Mosche ben Maimon die h\u00f6chste Stufe. Alle Propheten, die nach Mosche Rabbenu lebten, konnten seiner Lehre keine neuen Gesetze mehr hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das religi\u00f6se Lebensideal, das Maimonides im &#8222;F\u00fchrer&#8220; aufzeigt, ist das Bem\u00fchen des Menschen, &#8222;seine Gedanken von allen weltlichen Dingen abzuwenden und auf G-tt zu konzentrieren und das Band, welches den Zusammenhang mit G-tt herstellt, immer fester und inniger zu gestalten&#8220;.<\/p>\n<p>Au\u00dfer einer F\u00fclle von Gutachten und Sendschreiben verfa\u00dfte Mosche ben Maimon nach Abschlu\u00df des letzten Kapitels des &#8222;F\u00fchrers der Unschl\u00fcssigen&#8220; keine gr\u00f6\u00dferen Werke mehr, sondern konzentrierte sich zunehmend auf seine Praxis als Mediziner. 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