{"id":6132,"date":"2020-08-13T15:39:38","date_gmt":"2020-08-13T13:39:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=6132"},"modified":"2021-06-28T11:27:08","modified_gmt":"2021-06-28T09:27:08","slug":"1096-die-ermordung-der-juden-im-rheinland-koln-und-umgebung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/1096-die-ermordung-der-juden-im-rheinland-koln-und-umgebung\/","title":{"rendered":"1096 &#8211; Die Ermordung der Juden im Rheinland &#8211; K\u00f6ln und Umgebung"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Bericht des Chronisten Schlomoh bar Schimon (<em>Gezerot Tatnu<\/em> \u05d2\u05d6\u05d9\u05e8\u05d5\u05ea \u05ea\u05ea\u05e0&#8220;\u05d5), der um 1140 die Geschichte der j\u00fcdischen M\u00e4rtyrer der St\u00e4dte Worms, Mainz, Speyer und K\u00f6ln beschrieb. <br>Nach der \u00dcbersetzung und Neuordnung von Nathan Birnbaum und Hugo Herrmann. Die \u00dcbersetzung wurde sprachlich leicht \u00fcberarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"445\" height=\"560\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/uebersicht_gezerot_tatnu.png?resize=445%2C560&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-6133\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/uebersicht_gezerot_tatnu.png?w=445&amp;ssl=1 445w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/uebersicht_gezerot_tatnu.png?resize=238%2C300&amp;ssl=1 238w\" sizes=\"auto, (max-width: 445px) 100vw, 445px\" \/><figcaption>\u00dcbersicht \u00fcber die Massaker im Jahre 1096, die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung floh aus K\u00f6ln in andere Orte in der weiteren Umgebung, wie Neuss, Moers, Kerpen und Wewelinghofen.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>Hier beginnt der wahrhaftige Bericht von den Leiden und Verfolgungen, so die fromme Gemeinde von K\u00f6ln erfahren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nun will ich erz\u00e4hlen, was die Gemeinde zu <strong>K\u00f6ln<\/strong> tat und wie sie den erhabenen Namen des Einzigen heiligte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war am <strong>5. Siwan, (29. Mai 1096)<\/strong> dem Vortag des Schawuotfestes, als die Botschaft von <strong>Speyer<\/strong>, <strong>Worms<\/strong> und <strong>Mainz<\/strong> nach <strong>K\u00f6ln<\/strong> kam, der sch\u00f6nen Stadt, der St\u00e4tte der Gerechtigkeit, aus der Recht und F\u00fcrsorge ausgingen f\u00fcr unsere nach allen Winden zerstreuten Br\u00fcder. Und auch hier begann das Morden und w\u00e4hrte vom Schawuotfest bis zum <strong>achten Tage des Tammus<\/strong> (1. Juni 1096).<br>\nAls sie h\u00f6rten, dass die Gemeinden erschlagen seien, fl\u00fcchteten sie, ein jeglicher zu seinem christlichen Bekannten, und verweilten da die beiden Tage des Festes. Aber am Morgen des dritten Tages brach der Sturm los. Die Feinde zerst\u00f6rten j\u00fcdische H\u00e4user, raubten und pl\u00fcnderten, rissen das Bethaus nieder, holten die Torahrollen heraus, sch\u00e4ndeten sie und verstreuten sie auf den Stra\u00dfen. An demselben Tage, da einst die Erde erbebte und ihre S\u00e4ulen wankten, weil die Torah gegeben wurde, wurde diese jetzt von Frevlern zerrissen, verbrannt, zertreten, entweiht.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Frommen, Mar Izchak ben R. Eljakim, der wegen des Festes nicht hatte fl\u00fcchten wollen und lieber freudig das Urteil des Himmels annahm, trafen die Feinde eben, da er aus seinem Hause trat. Sie ergriffen ihn und f\u00fchrten ihn in die Kirche. Er aber spie vor ihnen und ihren Bildern aus und schm\u00e4hte sie. Da erschlugen sie ihn, und er starb und heiligte den g\u00f6ttlichen Namen. Auch eine angesehene Frau, namens Riwkah, hatte das gleiche Los. Sie wollte zu ihrem Mann, R. Schlomo, der schon vordem bei einem christlichen Bekannten Zuflucht gefunden hatte, und trug goldenes und silbernes Ger\u00e4t in den H\u00e4nden. Die Feinde nahmen ihr das Gut und erschlugen sie. So starb sie in Heiligkeit, und gleicherweise noch eine Frau, namens Matrona. Die \u00fcbrigen der Gemeinde wurden verschont; sie blieben bei ihren christlichen Bekannten, bis sie Bischof Hermann am <strong>10. Siwan<\/strong> (3. Juni 1096) in sieben seiner Ortschaften verteilte, um sie zu retten. Dort harrten sie bis zum Neumond des Tammus, t\u00e4glich des Todes gew\u00e4rtig und fastend. Auch an den beiden Neumondstagen, einem Montag und Dienstag, und noch am Tage darauf, drei volle Tage; fasteten sie Tag und Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am <strong>Dienstag<\/strong> (24. Juni 1096) wurden die get\u00f6tet, so im Dorf <strong>Neuss<\/strong> untergebracht waren. An diesem Tage wurde dort das Johannisfest gefeiert, zu dem die Leute aus den D\u00f6rfern ringsum zusammengestr\u00f6mt waren. Sie erschlugen den frommen Mar Schemuel ben R. Ascher samt seinen beiden S\u00f6hnen am Ufer des Rheins und begruben ihn auch im Sand des Flusses; einen der S\u00f6hne aber h\u00e4ngten sie zum Hohn am Tor seines Hauses auf. Einen anderen Frommen, R. Izchak haLevi, peinigten sie mit schweren Martern, bis er das Bewusstsein verlor. Dann tauften sie ihn. Als er nach drei Tagen wieder zu sich kam, kehrte er nach <strong>K\u00f6ln<\/strong> in sein Haus zur\u00fcck, verweilte dort und ruhte eine Stunde lang, ging dann an den Rhein und st\u00fcrzte sich in den Strom. Seine Leiche trieb bis <strong>Neuss<\/strong>. Dort warf sie das Wasser aus, gerade neben Mar Schmuel, der da erschlagen worden. Die beiden Frommen, die den Namen Gottes geheiligt hatten, wurden im Sand des Ufers nebeneinander in einem Grab bestattet. Auch die Frau und die Kinder des Mar Gedaljah, der noch vor den Verfolgungen zum Dorf Bonn gefahren war, wurden in <strong>Neuss<\/strong> erschlagen und verherrlichten den Namen Gottes.<\/p>\n\n\n\n<p>An <strong>demselben Tage<\/strong> (24. Juni 1096), am Dienstag, kamen die Feinde, die Feinde des Herrn, gegen Abend in den Ort <strong>Wewelinghoven<\/strong>. Br\u00e4utigame und Br\u00e4ute, Greise und Greisinnen, J\u00fcnglinge und M\u00e4dchen streckten den Hals hin, schlachteten einer den anderen und sprangen in die Teiche, die den Ort umgaben. Einige stiegen auf den Turm, warfen sich von dort in den vor\u00fcberflie\u00dfenden Rhein und ertranken. Nur zwei J\u00fcnglinge konnten nicht im Wasser sterben: R. Schemuel ben R. Gedaljah, der verlobt und ein sch\u00f6ner, stattlicher J\u00fcngling war, und Mar Jechiel ben R. Schemuel. Als sie den Entschlu\u00df fassten, sich in den Strom zu st\u00fcrzen, umarmten und k\u00fcssten sie einander, weinten und sprachen: \u00bbWehe unserer Freundschaft! dass wir das Gl\u00fcck nicht hatten, einer des andern Kinder zu sehen, dass wir nicht zusammen alt werden konnten! Doch wollen wir durch die Hand des Herrn fallen, des wahren und barmherzigen K\u00f6nigs. Besser, dass wir hier f\u00fcr Seinen gro\u00dfen Namen sterben und dann mit den Gerechten durch den Garten Eden wallen, als dass uns diese Unreinen ergreifen und uns wider unsern Willen zur Taufe n\u00f6tigen!\u00ab Die andern, die nicht auf den Turm gestiegen waren, sahen vom Ufer, wie sich die beiden liebenden Freunde im Wasser fest umschlungen hielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der fromme Schmuel aber, der Vater des einen, rief seinem Sohn, der noch lebte, die Worte zu: \u00bbJechiel, mein Sohn, mein Sohn! Strecke deinen Hals her! Ich will dich dem Herrn zum Opfer bringen, mein liebes Kind! Ich will den Segensspruch \u00fcber die Schlachtung sprechen, du antworte: Amen.\u00ab Und so tat er und schlachtete seinen Sohn im Wasser. Doch da R. Schemuel ben R. Gedaljah h\u00f6rte, wie sein Freund Jechiel einwilligte, sich von seinem Vater schlachten zu lassen, beschloss er sogleich desselbigen Todes zu sterben. Er rief Menachem, den Synagogendiener aus K\u00f6ln, und sprach zu ihm: \u00bbIch beschw\u00f6re dich bei deinem Leben, nimm dein scharfes Messer, untersuche es genau, dass keine Scharte daran sei, und schlachte mich, auf dass ich den Tod meines Freundes nicht sehe. Sprich den Segensspruch \u00fcber die Schlachtung, und ich will Amen sagen.\u00ab Schon waren die beiden frommen J\u00fcnglinge geschlachtet, als sie noch im letzten Augenblicke ihres Lebens einander an den H\u00e4nden fassten. So wurden, die sich im Leben so sehr geliebt hatten, auch im Tode nicht getrennt. Der alte R. Schmuel aber, der Vater des R. Jechiel, sagte, da er dies angesehen hatte, zu Menachem, dem Synagogendiener: \u00bbJetzt, Menachem, unterdr\u00fccke dein Mitleid wie ein Held und schlachte mich mit demselben Messer, mit dem ich meinen Sohn Jechiel geschlachtet habe. Ich habe es genau gepr\u00fcft, es ist keine Scharte daran, durch die die Schlachtung ung\u00fcltig werden k\u00f6nnte.\u00ab Da nahm R. Menachem das Messer, pr\u00fcfte es und schlachtete den Alten. Er sprach den Segensspruch, und jener antwortete Amen. Dann st\u00fcrzte sich der fromme Menachem selber in das Messer, durchstach seinen Leib und starb. So heiligten diese Frommen den Namen Gottes. Kommet doch, ihr Geborenen alle, kommt und seht, ob seit den Tagen des ersten Menschen die Einzigkeit Gottes in solcher Erhabenheit bekannt wurde! Welche Gr\u00f6\u00dfe dieser heiligen, die da alle geschlachtet wurden! Welche St\u00e4rke des Vaters, der das Erbarmen um seinen Sohn \u00fcberwand!<\/p>\n\n\n\n<p>Viele taten so zu jener Zeit; wes Augen es sahen, der zeugt davon, wessen Ohren es h\u00f6rten, der preist sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war auch ein alter Mann dort, namens Mar El\u2019asar halevi, der Schwager des R. Levi ben R. Schlomo; ihn und seine Frau qu\u00e4lten die Feinde mit schweren Martern, um sie zur Taufe zu bewegen. Jede Stunde kamen sie und peinigten sie; denn die Teiche, in die sie sich gest\u00fcrzt hatten, waren nahe am Dorf. Die Feinde setzten ihnen ihre Speisen vor, doch die beiden wiesen alles zur\u00fcck und wollten lieber verschmachten. Die Frau starb bald; ihr Mann aber lebte noch drei Tage und rief laut den Herrn an, dass er seinem Leben ein Ende mache. Beide starben an Hunger und Durst und wurden dort begraben. Noch viele andere, deren Namen ich vergessen habe, starben in den beiden Ortschaften, indem sie den Namen Gottes heiligten. Nur zwei J\u00fcnglinge und zwei Kinder blieben am Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Am <strong>dritten Tammus<\/strong> (26. Juni 1096), einem Donnerstag, wurden die Frommen in <strong><em>Altenahr<\/em><\/strong> bei J\u00fclich [gemeint ist wohl <strong>Aldenhoven<\/strong>], den Namen des einzigen Gottes bekennend, get\u00f6tet. Nur eine ganz kleine Zahl blieb \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Am <strong>vierten Tage des Tammus<\/strong> (27. Juni), Freitag, scharten sich die Feinde gegen die Frommen, so in <strong>Altenahr<\/strong> bei <strong>Ahrweiler<\/strong> waren, und marterten und peinigten sie schwer, um sie zur Taufe zu bewegen. Die Frommen fassten aber den Entschluss, zu sterben, bekannten ihre S\u00fcnden vor ihrem Sch\u00f6pfer und erlasen f\u00fcnf gottesf\u00fcrchtige und beherzte M\u00e4nner, die alle andern schlachteten. So starben gegen dreihundert angesehene Mitglieder der Gemeinde von K\u00f6ln. Auch nicht einer blieb \u00fcbrig, alle starben in Reinheit um der Heiligung des g\u00f6ttlichen Namens willen. Unter diesen M\u00e4rtyrern war auch der Vorsteher Mar Jehudah den R. Awraham, ein hochangesehener Mann, der edelste der Edlen, der erste der Sprecher. So oft Leute aus den anderen Gemeinden nach K\u00f6ln zu Markte kamen \u2014 es geschah dies dreimal im Jahr \u2014, sprach er im Bethaus als erster, und alle schwiegen und lauschten aufmerksam seiner Rede. Selbst wenn die H\u00e4upter der Gemeinden das Wort nehmen wollten, wehrte man ihnen und lie\u00df sie schweigen und seinem Worte lauschen. Denn alle wussten: was er sprach, war lauter, wahr und zuverl\u00e4ssig. Er war vom Stamme Dan, ein ausgezeichneter und treuer Mann, der sich f\u00fcr den leidenden N\u00e4chsten hingab und in seinem ganzen Leben auch nicht einem einzigen Menschen \u00dcbles tat. Dieser Gott und Menschen wohlgef\u00e4llige Mann sah, wie Sarith, die bl\u00fchende Braut seines Sohnes Awraham, eine sch\u00f6ne und anmutige Jungfrau, vor Schrecken \u00fcber das, was sie ansehen musste, durchs Fenster entfliehen wollte. Da rief er ihr zu und sprach: \u00bbLiebe Tochter, da ich nicht das Gl\u00fcck haben konnte, dich als Frau meines Sohnes Awraham zu sehen, so sollst du auch nicht einem Fremden geh\u00f6ren.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Und er griff sie und zog sie vom Fenster zur\u00fcck, k\u00fcsste sie auf den Mund, schluchzte mit ihr zusammen laut auf und rief aus betr\u00fcbter Seele aus: \u00bbO, sehet alle, welche Hochzeit ich heute meiner Tochter, meiner Schnur, bereite!\u00ab Alle weinten laut, jammerten und klagten. Er aber sprach zu ihr: \u00bbKomm und gehe ein in den Scho\u00df Awrahams, unseres Vaters. In einem Augenblicke gewinnst du die Seligkeit und kommst an die St\u00e4tte der frommen Gerechten.\u00ab Und er nahm sie und legte sie seinem Sohne Awraham als Braut in den Scho\u00df und hieb sie mit seinem scharfen Schwert in zwei St\u00fccke. Danach schlachtete er auch seinen Sohn. Dar\u00fcber weine ich und es klagt mein Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach drei Tagen, als die Feinde Gottes vor\u00fcbergezogen waren, kamen, von Mitleid getrieben, gewaltsam getaufte Juden, um die Leichen zu begraben, die frei dalagen, den V\u00f6geln der Luft und den Tieren der Erde zum Fra\u00df. Da fanden sie eine Frau in ihrem Blut, die noch Zeichen von Leben gab. Sie wuschen ihr das Blut ab und brachten sie in ein Haus. Dort lag sie sieben Tage, ohne Sprache, und ohne Speise noch Trank zu genie\u00dfen. Dann aber lebte sie wieder auf und wurde gesund. Von diesem Tage aber fastete sie immer und a\u00df, mit Ausnahme der Schabbatot, Feste und Neumondstage, nur einmal am Tag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freitag, am vierten Tage des Tammus<\/strong> (27. Juni 1096), in der D\u00e4mmerungsstunde des Ruheabends, kamen die Feinde Gottes \u00fcber die Frommen in <strong>Xanten<\/strong>. Die Feinde kamen in der Stunde des Schabbatanfangs. Eben hatten sie sich zum Mahl gesetzt, den Schabbatsegen und den Segen \u00fcber das Brot gesprochen, als sie den Sturm ihrer Feinde und die tosenden Wogen heranbrausen h\u00f6rten. Da a\u00dfen sie nichts denn einen Bissen Brot, soviel als f\u00fcr den Brotsegen gen\u00fcgte, dann begann R. Mosche HaKohen, der fromme Priester, und sprach zu der mit ihm zu Tische sitzenden Gemeinde:<br>\n\u00bbLasset uns zuerst das Tischgebet vor dem lebendigen Gotte, unserm Vater im Himmel, sprechen. Und dann lasset uns nach dem Willen unseres Sch\u00f6pfers tun, Die Feinde sind \u00fcber uns gekommen. So wollen wir heute am Schabbat ein jeder seinen Sohn oder seine Tochter oder seinen Bruder schlachten. Niemand schone sich selbst oder seinen N\u00e4chsten, und der letzte schneide sich mit einem Messer selber die Kehle durch oder durchbohre sich mit seinem Schwerte, auf dass uns die Unreinen und Frevler nicht besudeln. Wir wollen uns selbst als Opfer darbringen auf dem Altar des Allerh\u00f6chsten, auf dass wir in jene Welt kommen, die ganz Tag ist, in den strahlenden Garten Eden, und Gott von Angesicht zu Angesicht schauen in Seiner Herrlichkeit und Gr\u00f6\u00dfe. Dort werden wir unter dem Baume des Lebens auf goldenem Stuhle sitzen, zwischen den St\u00fctzen der Welt, im Verein mit dem Frommen, mit Edelgestein und perlen besetzte Kronen auf den H\u00e4uptern. Dort erst werden wir den Schabbat feiern, den wir in dieser finsteren Welt nicht also achten und h\u00fcten k\u00f6nnen, wie es geziemte.\u00ab \u00bbAmen, so soll es sein!\u00ab antworteten alle einm\u00fctig und laut. \u00bbSo m\u00f6ge Gottes Wille geschehen!\u00ab<br>\nUnd R. Mosche, der Priester, er\u00f6ffnete das Tischgebet: \u00bbLasset uns preisen unsern Gott, von dem wir Speise erhielten.\u00ab \u00bbGepriesen sei er, unser Gott!\u00ab fielen die andern ein. Und nun betete er: \u00bbM\u00f6ge der Barmherzige noch in den Tagen derer, die nach uns \u00fcbrigbleiben, und vor ihren Augen, das Blut seiner Diener r\u00e4chen, das vergossen wurde und noch vergossen werden wird. M\u00f6ge er uns retten vor den M\u00e4nnern des Frevels, vor Verfolgung und vor G\u00f6tzendienst, vor der Unreinheit der V\u00f6lker und ihren Abscheulichkeiten!\u00ab<br>\nMeine Eltern und andere alte Leute, die Zeugen solcher Taten gewesen, erz\u00e4hlten mir, wie er noch viele andere Gebete sprach, die sich auf das Verh\u00e4ngnis bezogen. Dann, als alle vom Tische aufstanden, sagte er: \u00bbIhr S\u00f6hne des lebendigen Gottes, sprechet nun laut und einm\u00fctig: H\u00f6re Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!\u00ab<br>\nSie taten es so. \u00bbUnd nunmehr,\u00ab sprach er weiter, \u00bbz\u00f6gert nicht l\u00e4nger. Denn die Zeit zu handeln ist da, auf dass wir Ihm unser Leben als Opfer darbringen.\u00ab Sie gehorchten und opferten sich. Es war in der Abendd\u00e4mmerung, am Vortag des Schabbats. Und wie Leute, die gute Beute machen oder die frohe Ernte feiern, so freuten sie sich, Gottes Dienste sich zu weihen und Seinen gro\u00dfen und heiligen Namen zu verherrlichen. Froh und freudig traten sie vor den H\u00f6chsten.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Frommen war R. Natronai ben R. Izchak. Er war ein sch\u00f6ner junger Mann, und schon vordem waren Pfaffen, mit denen er bekannt war, t\u00e4glich zu ihm gekommen und hatten versucht, ihn zur Taufe zu bewegen. Doch er wies ihr abscheuliches Ansinnen zur\u00fcck und sprach: \u00bbFerne sei es von mir, dass ich meinen Gott da droben verleugne. Auf Ihn will ich vertrauen, bis meine Seele mich verl\u00e4sst.\u00ab Und nun schlachtete er zuerst seinen Bruder, dann sich selbst, um der Heiligkeit und Einzigkeit Gottes willen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein frommer Bekehrter war dort und fragte unsern gro\u00dfen Lehrer R. Mosche HaKohen: \u00bbWas wird aus mir werden, o Meister, wenn ich mich opfern werde, um die Einzigkeit des Herrn zu bekennen?\u00ab Und jener sprach: \u00bbDann wirst du bei uns weilen, denn ein frommer Bekehrter bist du. Zusammen mit allen \u00fcbrigen frommen Bekehrten wirst du bei Awraham unserm Vater sein, der selbst der erste der Bekehrten war.\u00ab Kaum hatte der Fromme diese Antwort vernommen, als er das Messer ergriff und sich schlachtete. Seine Seele ist mit eingeschlossen in den Bund des Lebens im Garten Eden, im Licht des Herrn.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Feinde eindrangen, fanden sie nur Tote vor. Einige, die sich verwundet in ihrem Blut zwischen den Leichen gew\u00e4lzt hatten, hatten sich noch des Nachts fortgeschleppt. Preis sei dem Sch\u00f6pfer, dass sie alle zu Grabe gebracht werden konnten. M\u00f6ge ihr Verdienst und das Verdienst der andern, die aus Liebe und um ihrer heiligen reinen Gottesfurcht willen geschlachtet, erstochen, erdrosselt, verbrannt, ertr\u00e4nkt, gesteinigt und lebendig begraben wurden, unser F\u00fcrsprecher sein vor Gott, dem Allerh\u00f6chsten; auf dass Er bald, noch in unsern Tagen, uns aus der Verbannung in Edom erl\u00f6se, die Mauern Jeruschalaims wieder aufrichte, wieder sammle die zerstreuten Jehudas und Israels, die wie mit der Worfschaufel durch alle Tore der Erde geworfen sind, der letzte Rest, der in Gefangenschaft und Unechtschaft, in Not und Drangsal unter den V\u00f6lkern \u00fcbriggeblieben ist: um Seines gro\u00dfen, gewaltigen, furchtbaren Namens willen, nach dem wir genannt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Am <strong>Sonntag, den 6. Tammus<\/strong> (29. Juni 1096), erhoben sich die Feinde des Herrn auch gegen Seine Frommen in <strong>Moers<\/strong>, um sie zu vertilgen. Ein Haufen Volkes, zahllos wie der Sand am Meer, lagerte vor der Stadt. Der B\u00fcrgermeister kam zu ihnen auf das Feld hinaus und bat sie, bis zum n\u00e4chsten Morgen zu warten. \u00bbVielleicht kann ich die Juden \u00fcberreden,\u00ab sprach er, \u00bbvielleicht h\u00f6ren sie aus Furcht auf mich.\u00ab Die Frist wurde gew\u00e4hrt, und er kehrte in die Stadt zur\u00fcck. Alsbald lie\u00df er die Juden kommen und sprach zu ihnen: \u00bbAnfangs versprach ich, euch zu schirmen und zu sch\u00fctzen, solange es noch einen Juden auf der Welt gibt. Bis hierher habe ich mein Wort treulich gehalten; von nun ab kann ich euch vor all diesem Volke nicht l\u00e4nger retten. Sehet nun selbst zu, was ihr tun k\u00f6nnt. Ihr wisset wohl, wenn ihr ihnen nicht den Willen tut, dass dann die Stadt belagert und die Burg niedergerissen wird.\u00ab Darauf antworteten sie alle, Alt wie Jung, aus einem Munde: \u00bbSo sind wir bereit und willig, unsern hals hinzustrecken, um unsere Gottesfurcht und unseren Glauben an den Einzigen zu bezeugen.\u00ab Da fasste der B\u00fcrgermeister einen anderen Gedanken, um ihnen beizukommen. Er wollte sie mit den Kreuzfahrern schrecken und sie so gef\u00fcgig machen und zur Taufe bewegen.<br>\nUnd so gab er Befehl, sie aus der Stadt und an das Lager der Kreuzfahrer zu bringen. Doch all dies n\u00fctzte nichts. Denn alle, wie einer, sprachen sie: \u00bbWir haben keine Furcht vor den Kreuzfahrern.\u00ab Nun lie\u00df er sie in die Stadt zur\u00fcckbringen, festnehmen und einsperren, einen jeden f\u00fcr sich allein, damit sie einander nicht t\u00f6teten, wie er von anderw\u00e4rts geh\u00f6rt hatte. Am andern Morgen wurden sie mit St\u00f6\u00dfen aus der Stadt getrieben und den Krenzfahrern ausgeliefert. Diese brachten etliche von ihnen um; die sie leben lie\u00dfen, tauften sie und verfuhren mit ihnen nach ihrer Willk\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Von dort war noch nachts ein Frommer namens Mar Schemarjah samt seiner Frau und seinen drei Kindern entflohen. Um vieles Geld hatte ihnen der Schatzmeister des Bischofs versprochen, sie herauszubringen und zu retten. Aber er f\u00fchrte sie in den Wald, und dort streiften sie bis zum <strong>9. Aw<\/strong> (31. Juli 1096) unstet und fl\u00fcchtig in der Irre umher. Erst, als Mar Schemarjah zu seinen S\u00f6hnen R. Nathan und R. Mordechai in <strong>Speyer<\/strong> um Geld geschickt und dieses dem Schatzmeister gegeben hatte, f\u00fchrte er sie wieder heraus nach <strong>Dortmund<\/strong>. Die Bewohner dieses Dorfes, die Mar Schemarjah gut kannten, freuten sich ob seiner Ankunft. Er versprach ihnen, bis zum anderen Tage zu bleiben und nach ihrem Wunsch und Begehr zu tun. Vor gro\u00dfer Freude dar\u00fcber veranstalteten sie ein Gastmahl. Allein die Fl\u00fcchtlinge, die von den unreinen Speisen nichts genie\u00dfen, sondern nur Reines und Erlaubtes und mit neuen Messern essen wollten, sagten: \u00bbSolange wir noch unseres Glaubens sind, wollen wir uns halten wie bisher. Morgen werden wir dann eines Volkes mit euch werden. Nun aber gebt uns f\u00fcr diese Nacht ein besonderes Zimmer. Denn wir sind m\u00fcde und matt von der beschwerlichen Wanderung.\u00ab Die Bitte wurde erf\u00fcllt. In der Nacht aber stand der Fromme auf, nahm ein Messer, fasste sich ein Herz und schlachtete seine Frau und seine drei Kinder und dann sich selbst. Er starb jedoch nicht, sondern fiel nur in Ohnmacht.<br>\nAls die Feinde des Morgens vergeblich auf ihn gewartet hatten, traten sie ein und fanden ihn auf dem Boden liegen. \u00bbWillst du deinem Gott absagen\u00ab, fragten sie ihn, \u00bbund zu unserm Glauben dich bekehren, dann magst du noch genesen.\u00ab \u00bbBewahre mich Gott davor,\u00ab erwiderte er, \u00bbdass ich Ihn, den Lebendigen, verleugne. Nein, ich will f\u00fcr Ihn und Seine heilige Lehre den Tod erleiden und dann an die St\u00e4tte der Gerechten kommen, wie ich mein ganzes Leben lang gehofft habe.\u00ab Darauf sagten sie: \u00bbGlaube nur nicht, dass wir dich einfach umbringen werden. Entweder bekennst du dich zu unserm Glauben oder wir begraben dich bei lebendigem Leibe.\u00ab Doch er sprach: \u00bbTut mit mir nach eurem Willen. Ich nehme alles in Tiebe auf mich.\u00ab<br>\nDa gruben die Frevler eine Grube f\u00fcr ihn und er, der fromme Schemarjah, legte sich selbst hinein. Seine drei Kinder bettete er zu seiner Linken, seine Frau zur Rechten, so dass er in der Mitte zu liegen kam. Dann warfen die B\u00f6sewichter Erde \u00fcber sie alle. Er aber schrie und weinte laut und wehklagte \u00fcber sich und seine Kinder und seine Fran den ganzen Tag hindurch bis an den n\u00e4chsten Morgen. Da kamen die Feinde des Herrn nochmals zu ihm und zogen ihn noch lebend aus dem Grabe, damit er seinen Sinn \u00e4ndere und sich zu ihrem Glauben bekehre. Nochmals fragten sie ihn: \u00bbWillst du nun deinen Gott hergeben?\u00ab Doch er weigerte sich auch weiter, den Gro\u00dfen und Erhabenen abzuschw\u00f6ren, und hielt an seiner Fr\u00f6mmigkeit fest, bis die Seele ihn verlie\u00df. Sie taten ihn zum zweiten Male ins Grab und warfen Erde \u00fcber ihn. So starb er, der fromme Mann, in Verherrlichung des gro\u00dfen einzigen Gottes, bestand in der Pr\u00fcfung wie unser Vater Awraham. heil ihm und seinem Anteil! Von ihm und seinesgleichen gilt das Wort: \u00bbDie den Herrn lieben, sind, wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Von all den sieben Orten, wohin die Gemeinde <strong>K\u00f6ln<\/strong> zerstreut wurde, war es nur die Stadt <strong>Kerpen<\/strong>, wo die Fl\u00fcchtlinge nicht umgebracht wurden. Aber der Herr dieser Stadt f\u00fcgte ihnen auf andere Weise B\u00f6ses zu. Er lie\u00df n\u00e4mlich durch seine Knechte die Grabsteine der in <strong>K\u00f6ln<\/strong> begrabenen Toten bringen und damit einen Bau ausf\u00fchren. Doch als sie die Steine zum Bau hinaufzogen, um die Mauer aufzurichten, da f\u00fcgte es der eifernde und r\u00e4chende Gott, dass dem Herrn der Stadt ein Stein auf den Kopf fiel und ihm den Sch\u00e4del zerschmetterte, so dass das Gehirn herausspritzte und er starb. Seine Frau wurde darob irre und starb im Wahnsinn. So bewies Gott, dass Er ihnen nach ihrem Tun vergalt. M\u00f6ge Er also auch bald, noch in unseren Tagen, das Blut aller Seiner Diener r\u00e4chen, das um Seinetwillen vergossen wurde und Tag um Tag vergossen wird!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die Feinde in der Bosheit ihres Herzens in den genannten Gemeinden w\u00fcteten, so w\u00fcteten sie auch in anderen, wie <strong>Trier<\/strong>, <strong>Metz<\/strong>, <strong>Regensburg<\/strong>, <strong>Prag<\/strong>, <strong>Pappenheim<\/strong>. Und \u00fcberall heiligten die Juden den gro\u00dfen und furchtbaren Namen Gottes in Liebe und Treue. Alles dies aber geschah in jenem Jahre zu ein und derselben Zeit, vom Monat Ijar bis zum Monat Tammus. Denn Gott hatte sich jenes ganze fromme Geschlecht erkoren, um dessen Verdienste den nachfolgenden Generationen zugutekommen zu lassen. Darum m\u00f6ge es Ihm, dem Erhabenen, gefallen, dass die Fr\u00f6mmigkeit und Reinheit dieser Gerechten uns f\u00fcr immer beistehe, auf dass uns die Erl\u00f6sung werde und das ewige Leben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bericht des Chronisten Schlomoh bar Schimon (Gezerot Tatnu \u05d2\u05d6\u05d9\u05e8\u05d5\u05ea \u05ea\u05ea\u05e0&#8220;\u05d5), der um 1140 die Geschichte der j\u00fcdischen M\u00e4rtyrer der St\u00e4dte Worms, Mainz, Speyer und K\u00f6ln beschrieb, in deutscher \u00dcbersetzung.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6136,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[42,44],"tags":[287],"class_list":["post-6132","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-themen","tag-gezerot-tatnu"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/gezerot_tatnu.png?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6132"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6139,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6132\/revisions\/6139"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6136"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6132"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}