{"id":625,"date":"2013-11-15T01:16:24","date_gmt":"2013-11-14T23:16:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=625"},"modified":"2013-12-15T01:18:13","modified_gmt":"2013-12-14T23:18:13","slug":"was-ist-chanukkah-mai-chanukkah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/was-ist-chanukkah-mai-chanukkah\/","title":{"rendered":"Was ist Chanukkah? Mai Chanukkah?"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Mai Channuka?&#8220; fragt der Talmud. &#8222;Was ist Channuka?&#8220; Dies ist vordergr\u00fcndig leicht erkl\u00e4rt; zum Beispiel, indem man mit dem historischen Hintergrund der Feier beginnt: Im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung siegten die Makkab\u00e4er gegen die griechische Besatzung und reinigten den Tempel von fremden Kulten.<!--more--> Doch als man den siebenarmigen Leuchter, die Menora, anz\u00fcnden wollte, fand sich nur reines \u00d6l f\u00fcr einen Tag. Der Legende nach brannte der Leuchter dennoch acht Tage lang, so dass genug Zeit blieb, neues \u00d6l f\u00fcr den Tempelkult herzustellen. In Erinnerung daran wird im j\u00fcdischen Haushalt acht N\u00e4chte lang jeweils eine zus\u00e4tzliche Kerze an einem speziellen Leuchter, der Channukia, angez\u00fcndet.<\/p>\n<p>Man kann Channuka auch erkl\u00e4ren, indem man von den beliebten Br\u00e4uchen erz\u00e4hlt: Man spielt mit einem Kreisel, man singt Maoz Tsur, man backt Latkes, eine Art Pfannkuchen. Die Leuchter werden so platziert, dass sie sichtbar sind: Am Fenster, in der Synagoge, vermehrt veranstalten religi\u00f6se Gruppen auch mitten in der Stadt ein \u00f6ffentliches Anz\u00fcnden einer Riesen-Channukia, um von dem Wunder zu k\u00fcnden. Frauen arbeiten nicht, w\u00e4hrend die Kerzen brennen; sie sind zu dieser Mitsva verpflichtet &#8211; ausnahmsweise, denn die Erf\u00fcllung zeitlich gebundener Gebote steht einer Frau in der Regel frei.<\/p>\n<p>Man kann, in guter j\u00fcdischer Tradition, bei der Erkl\u00e4rung des Festes auch eng am Wort haften: Channuka bedeutet &#8222;Einweihung&#8220; und bezieht sich damit auf die Reinigung des Tempels. Eine andere Deutung \u00fcbersetzt &#8211; da jeder hebr\u00e4ische Buchstabe auch einen Zahlenwert hat und das Verb chana &#8222;lagern&#8220; bedeutet &#8211; wie folgt: &#8222;Sie ruhten am f\u00fcnfundzwanzigsten&#8220; [des Monats Kislev].<\/p>\n<p>Und damit beginnen die Probleme: Wieso am 25. des Monats? J\u00fcdische Feste pflegen in der Mitte eines Monats zu beginnen, in Vollmondn\u00e4chten &#8211; denn der j\u00fcdische Monat beginnt mit dem Neumond. Nun kann man sicherlich einwenden, Channuka erinnere eben an ein historisches Ereignis, was den verschobenen Termin erkl\u00e4ren w\u00fcrde. Dennoch ist Channuka in mehrfacher Hinsicht ein Ausnahmefall.<\/p>\n<p>Dass es sich um kein Fest handelt, das die Torah vorschreibt, ist an sich unproblematisch. Der j\u00fcdische Kalender kennt zahlreiche Gedenktage, die sp\u00e4ter eingef\u00fcgt wurden, um markante Geschehnisse in der Geschichte der Israeliten zu w\u00fcrdigen. Doch erinnerte Channuka urspr\u00fcnglich an den Sieg \u00fcber assimilatorische Tendenzen, ist die Herkunft mancher heutiger Br\u00e4uche gerade Ausdruck von Assimilation. Dies ist kritisch, denn nicht nur der Monotheismus ist f\u00fcr J\u00fcdinnen und Juden verpflichtend, sondern auch ein weitergehendes Gebot, keinen hukkat ha-goi, einen &#8222;Brauch der V\u00f6lker&#8220; zu \u00fcbernehmen. Nun ist die Debatte, wie weit dieses Verbot unj\u00fcdischer Lebensf\u00fchrung reicht, omnipr\u00e4sent und zentraler Streitpunkt unter den verschiedenen Str\u00f6mungen des Judentums, manchmal auch innerhalb der Familien selbst. Doch jeder Jude, der sich als gl\u00e4ubig, aber kritisch versteht, muss sich ernsthaft fragen, ob Channuka nicht ein solcher verbotener, heidnischer Brauch ist, oder es zumindest mit der Zeit wurde.<\/p>\n<p>Da w\u00e4re zun\u00e4chst einmal das Weihnukka-Problem. &#8222;Aber Papa&#8220;, fragte der kleine j\u00fcdische Junge verst\u00f6rt, &#8222;feiern die Christen denn auch Weihnachten?&#8220; Mit diesem Witz pflegt mein Vater zu erkl\u00e4ren, wie sehr die liberalen Juden in Deutschland einst in die christlichen Br\u00e4uche eingebunden waren. Auch heute spielt Channuka in der Praxis j\u00fcdischen Lebens eine gr\u00f6\u00dfere Rolle, als ihm als kleineres Fest des Kalenders eigentlich zukommen sollte. Zwar wird \u00fcberraschenderweise auch an Channuka Hallel gesagt &#8211; was sonst bei rabbinischen Festen unbekannt ist. Eine Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr k\u00f6nnte sein, dass Psalm 135 von denen spricht, die &#8222;im Haus G&#8217;ttes, in den H\u00f6fen des Hauses unseres Herrn&#8220; stehen, was an den Tempel gemahnt. Aber auch wenn von der Liturgie her somit eine Ann\u00e4herung an die Feste der Torah vorgenommen wurde, nehmen viele J\u00fcdinnen und Juden Channuka inzwischen deutlich wichtiger als Sukkot oder Shavuot &#8211; beides einst zentrale Punkte des j\u00e4hrlichen Zyklus. Zweifellos f\u00fchrte aber auch der Weihnachtsrummel zur Aufwertung des Festes im Dezember. Zumindest in den Vereinigten Staaten kann man neben Weihnachtdekoration \u00e4hnliche &#8222;Channuka Decorations&#8220; kaufen. Channuka war auch urspr\u00fcnglich kein Fest, an dem es Geschenke gab. J\u00fcdinnen und Juden beschenkten sich zu Purim, oft zu Rosch HaSchana, und Kinder wurden in der Pessachnacht mit der Aussicht auf ein Afikoman (w\u00f6rtlich: einen &#8222;Nachtisch&#8220;) wachgehalten. Aber der Druck der christlichen Umwelt hat es in Europa und den Vereinigten Staaten dennoch zu einem Geschenkfest gemacht &#8211; oft wird an jedem der acht Tage eines ausgepackt. Da es in Deutschland zahlreiche gemischte Ehen zwischen Juden und Christen gibt, und die Feste sich zeitlich meist \u00fcberschneiden, sind die Symbole oft auch noch in einer einzigen Wohnung vorzufinden &#8211; was nicht nur f\u00fcr Kinder verwirrend sein kann.<\/p>\n<p>Da die christliche Religion wesentlich weniger streng bez\u00fcglich der Rezeption heidnischer Elemente war und ist, kennt auch das Weihnachtsfest selbst Rituale aus Dritt-Religionen: Der Mistelzweig d\u00fcrfte keltisch sein, die Dekoration mit Stechpalme ist vermutlich r\u00f6misch, da es sich um eine Opferpflanze f\u00fcr Saturn handelte. Saturn wiederum war \u00fcbrigens voraussichtlich eine etruskische Gottheit, so dass hier eine mittelbare Einflussnahme eines recht weit zur\u00fcck liegenden Kultes anzunehmen ist.<\/p>\n<p>Und genau hier liegt das allergr\u00f6\u00dfte Problem, das Channuka bietet: Inwieweit wurden Br\u00e4uche der r\u00f6mischen Religion \u00fcbernommen? Die Frage liegt sicherlich f\u00fcr viele gl\u00e4ubige J\u00fcdinnen und Juden nicht derart auf der Hand wie die Abgrenzung zum christlichen Fest, schon weil die r\u00f6mische Religion nicht mehr praktiziert wird, wohingegen man sich weihnachtlichen Symbolen kaum entziehen kann. Fest steht: Eigentlich jede Religion feierte in der dunkleren Jahreszeit ein Fest, an dem das Licht eine zentrale Rolle spielte. Fest steht auch, dass die Geschichte vom Wunder des Tempelleuchters relativ sp\u00e4t dokumentiert ist &#8211; in der Mischna findet sich kein derartiger Hinweis. Dies wird allerdings teilweise dadurch erkl\u00e4rt, dass die Rabbiner unter der &#8211; inzwischen r\u00f6mischen &#8211; Besatzung eine Geschichte vom Sieg weniger mutiger Juden \u00fcber eine milit\u00e4rische \u00dcbermacht nur zur\u00fcckhaltend erz\u00e4hlen durften, denn ein Guerrilla-Krieg war verst\u00e4ndlicherweise etwas, was bei der r\u00f6mischen Armeef\u00fchrung Nervosit\u00e4t ausl\u00f6ste. Ab wann Channuka mit einem Wunder im Tempel in Verbindung gebracht wurde, ist daher nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt. Von einigen Weisen wird sogar die N\u00e4he zu Sukkot f\u00fcr die achtt\u00e4gige Dauer angef\u00fchrt &#8211; beide Feste w\u00fcrden das Thema des &#8222;Behaust-Seins&#8220; thematisieren. Dass es aber genau zu der Zeit, wo heute Channuka liegt, ein r\u00f6misches Fest zu Ehren von Saturn gab, an dem man sich gegenseitig mit Kerzen beschenkte, d\u00fcrfte den frommen Juden beunruhigen, sobald er es erst einmal erfahren hat. Im schlimmsten Fall sieht es dann also so aus: Neben einem &#8211; keltischen &#8211; Tannenbaum entz\u00fcndet man einem r\u00f6mischen Brauch zufolge Kerzen, was einem etruskischen G\u00f6tzenritual entspricht. Und das alles f\u00fcr ein j\u00fcdisches Symbol &#8211; den Tempel &#8211; welches heute ebenfalls sehr umstritten ist.<\/p>\n<p>Zwar wird die Errichtung des dritten Tempels anl\u00e4sslich der messianischen Erl\u00f6sung im t\u00e4glichen Gebet noch immer herbeigefleht; sehr liberale Str\u00f6mungen lassen dies aber g\u00e4nzlich aus, und andere Gruppen streiten zumindest um den Stellenwert des Tempels. Teils wird eine Abwertung des Synagogeng&#8217;ttesdienstes bef\u00fcrchtet; und viele lehnen Tieropfer ab. Gefeiert wird also die Wiedereinf\u00fchrung von Ritualen, die viele J\u00fcdinnen und Juden heute befremden w\u00fcrden. Channuka ist ein Fest mit fragw\u00fcrdiger Herkunft und schwierigem Aussagegehalt. Es ist (vielleicht neben Schemini Atzeret) das r\u00e4tselhafteste Fest des j\u00fcdischen Kalenders. Ist Channuka-Feiern koscher? Es ist das am meisten gefeierte Fest in der j\u00fcdischen Welt; auch nicht sehr religi\u00f6s gepr\u00e4gte Familien begehen es, und Bedenken hiergegen w\u00e4ren zumindest eins: Unpopul\u00e4r.<\/p>\n<p>Man kann die Einw\u00e4nde aber zerstreuen, wenn man dar\u00fcber nachdenkt, was wir an Channuka feiern. Obwohl nur noch eine winzige Menge reinen \u00d6ls f\u00fcr den Tempelleuchter aufzufinden war, kam trotz der intensiven Assimilation an die griechische Kultur, die das j\u00fcdische Volk vorher hatte durchlaufen m\u00fcssen, offenbar niemand auf die Idee, unreines \u00d6l hierf\u00fcr zu verwenden, und sei es nur f\u00fcr einen \u00dcbergang. Wir feiern nicht so sehr, dass der Leuchter acht Tage lang brannte, sondern dass die, die ihn wieder entz\u00fcndeten, lieber bescheidenere, aber den Geboten entsprechende Mittel verwendeten als den \u00e4u\u00dferlichen Effekt mit unreinem \u00d6l herbeizuschummeln. Sie r\u00e4umten dem Gesetz Vorrang vor der \u00c4sthetik ein. Und hatten damit die Hellenisierung der Israeliten beendet.<\/p>\n<p>Dies sollte ein Vorbild sein, und in dieser geistigen &#8211; nicht so sehr der milit\u00e4rischen &#8211; Souver\u00e4nit\u00e4t lag der eigentliche Sieg der Makkab\u00e4er. W\u00e4hrend die Kerzen angez\u00fcndet werden, sagen wir traditionell Haneros Halelu, ein Text, der ermahnt, die Kerzen w\u00fcrden f\u00fcr die Zeichen, Wunder und Rettungen angez\u00fcndet und d\u00fcrften keinem profanen Gebrauch dienen. W\u00e4hrend der ganzen acht Tage von Channuka seien sie &#8222;kodesch&#8220;, heilig, und man d\u00fcrfe sie lediglich ansehen. Die Kerzen auf der Channukia sind zweckfreie Symbole. F\u00fcr was, dar\u00fcber wird weiterhin diskutiert werden.<\/p>\n<p>Die Frage: Mai Channuka? erweist sich somit als \u00fcberraschend schwierig und d\u00fcrfte immer noch nicht beantwortet sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Mai Channuka?&#8220; fragt der Talmud. &#8222;Was ist Channuka?&#8220; Dies ist vordergr\u00fcndig leicht erkl\u00e4rt; zum Beispiel, indem man mit dem historischen Hintergrund der Feier beginnt: Im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung siegten die Makkab\u00e4er gegen die griechische Besatzung und reinigten den Tempel von fremden Kulten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[31],"tags":[],"class_list":["post-625","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chanukkah"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/625","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=625"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/625\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":626,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/625\/revisions\/626"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}