{"id":6742,"date":"2021-01-06T16:35:42","date_gmt":"2021-01-06T14:35:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=6742"},"modified":"2021-01-07T09:18:20","modified_gmt":"2021-01-07T07:18:20","slug":"chance-fuer-die-deutschsprachige-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/chance-fuer-die-deutschsprachige-welt\/","title":{"rendered":"Chance f\u00fcr die deutschsprachige Welt"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Unter den ersten R\u00fcckmeldungen zur Online-Ver\u00f6ffentlichung der Talmud-\u00dcbersetzung war eine ausf\u00fchrliche W\u00fcrdigung des Regierungsbeauftragten <em>gegen Antisemitismus<\/em><\/em> <em>des Landes Baden-W\u00fcrttemberg , Dr. Michael Blume<\/em><br><em>Den Text geben wir nat\u00fcrlich gerne weiter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum die Onlinepublikation des Talmud eine Chance f\u00fcr die deutschsprachige Welt ist<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Liebes Team von <em>talmud<\/em>.<em>de<\/em>,<\/p>\n\n\n\n<p>zu den Klischees, die meinem Stamm \u2013 den Schwaben \u2013 zugeschrieben werden, geh\u00f6rt die Schwierigkeit, au\u00dferhalb des Gottesdienstes irgendwen zu loben. Jahrhunderte der lutherisch-pietistischen Reformation h\u00e4tten uns, so wird gesagt, zwar flei\u00dfig, gebildet und wohlhabend, aber auch wenig genussfreudig, gr\u00fcblerisch und misstrauisch gemacht. Wir seien eben eines dieser V\u00f6lker, die es bei der V\u00f6lkerwanderung doch nicht \u00fcber die Alpen geschafft h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Dank an Euch gilt dem Umstand, dass ich diesen Vorurteilen hiermit deutlich widersprechen kann: Denn ich kann, will, ja muss <em>talmud.de<\/em> aus ganzen Herzen loben. Aus Freude an der Bildung im biblischen Sinn des Wortes. Und aus der ausdr\u00fccklichen Anerkennung heraus, dass wahres Gl\u00fcck eher hier als in materiellem Besitz zu finden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entstamme einer nichtreligi\u00f6sen Familie mit Wurzeln in der damaligen DDR und lie\u00df mich erst als Erwachsener evangelisch taufen. Meine Frau Zehra ist Muslimin t\u00fcrkischer Herkunft. Doch ich hatte das gro\u00dfe Gl\u00fcck \u2013 das ich jeder Studentin und jedem Studenten auf diesem Planeten v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Religionszugeh\u00f6rigkeit w\u00fcnsche -, die \u201eWeisheit des Talmud\u201c kennenzulernen; in meinem Fall durch das gleichnamige Buch des Holocaust-\u00dcberlebenden und Friedensnobelpreistr\u00e4gers Elie Wiesel (1928 \u2013 2016). Meiner Bitte, eine Neuausgabe von Wiesels bedeutenden Werken zu unterst\u00fctzen, hat die Baden-W\u00fcrttemberg-Stiftung vor wenigen Wochen entsprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn der bleibende Wert des Talmud f\u00fcr die ganze Welt besteht \u2013 so m\u00f6chte ich behaupten \u2013 gerade \u201enicht\u201c nur darin, dass er \u00fcble Vorurteile des Antisemitismus widerlegen kann. Er besteht dar\u00fcber hinaus darin, Menschen aller Religionen und Weltanschauungen erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, wie Schriftreligionen immer und ausnahmsweise leben \u2013 wenn und solange sie denn leben. Der Talmud ist das \u00e4lteste Dokument der Weltgeschichte, das 1. dokumentiert, dass jede Heilige Schrift immer wieder neu ausgelegt werden muss, um relevant zu bleiben und 2. das die dabei entstehende Vielfalt nicht etwa verleugnet und verschweigt, sondern feiert. Seine pr\u00e4gende Kraft liegt dabei nicht nur in den Inhalten, sondern schon in den verwendeten Alphabetschriften selbst \u2013 denn erst mit den Alphabeten entstanden Schriftsysteme, die von jedem Kind gelernt werden konnten. Dass der Noahsohn Schem im Talmud gerade nicht als Begr\u00fcnder einer angeblichen \u201eRasse\u201c, sondern eines Lehrhauses in Alphabetschrift vorgestellt wird, hat mir pers\u00f6nlich ein tieferes Verst\u00e4ndnis des Semitismus und des Bildungsneides im Antisemitismus er\u00f6ffnet. Und ich hoffe sehr, in Zukunft daran mitwirken zu d\u00fcrfen, ein tieferes Verst\u00e4ndnis des \u201etalmudischen\u201c Schem sowie seiner Br\u00fcder und Nachkommen zu erschlie\u00dfen. Meere des Wissens liegen noch vor uns!<\/p>\n\n\n\n<p>Der Talmud ist bis in seine Debatten und Geschichten hinein sich selbst reflektierende und lebensbejahende Erkenntnistheorie. Selbstverst\u00e4ndlich bietet er eine grundlegende Chance, das Judentum besser aus sich selbst heraus zu verstehen. Aber schon Lazarus Goldschmidt \u2013 Elieser ben Gabriel \u2013 (1871 \u2013 1950) hat den Ma\u00dfstab der Gelehrsamkeit dar\u00fcber hinaus gesetzt, indem er neben dem Talmud auch noch das Buch Henoch \u2013 u.a. im Kanon afrikanischer Kirchen \u2013 und den Koran \u00fcbersetzte. Auch damit stand er in der Tradition gro\u00dfer Gelehrter wie Rabia von Basra, Maimonides oder Meister Eckhart, die bereits vor Jahrhunderten weit \u00fcber das Wissen ihrer je eigenen Traditionen hinausgriffen.<\/p>\n\n\n\n<p>So will ich auch aus meiner eigenen, beschr\u00e4nkten Erfahrung hinaus w\u00fcrdigen: <em>talmud.de<\/em> ist ein Geschenk an alle Religionen und Weltanschauungen, ja an die gesamte deutschsprachige Welt. Auch die Christin kann durch den Talmud besser verstehen, was es mit dem Leben und den Worten des Juden Jesus auf sich hat. Sie wird unter anderem erkennen, dass Jesus selbst die Heiligen Schriften nie als \u201eAltes Testament\u201c bezeichnet h\u00e4tte \u2013 denn nichts \u201everaltet\u201c an einer Schrift, die lebendig und vielf\u00e4ltig ausgelegt wird. Auch die Muslimin kann entdecken, dass der Koran direkt auch den Talmud als g\u00f6ttliches Wort zitiert \u2013 beispielsweise in der bekannten und zu selten reflektierten Aussage, dass jedes Menschenleben f\u00fcr die ganze Welt z\u00e4hle. Die Humanisten k\u00f6nnen entdecken, dass religi\u00f6se Schriften nur dadurch lebendig bleiben, dass sie immer neu ausgelegt werden \u2013 und dieser Prozess auch kritisch begleitet werden muss. Und alle gemeinsam k\u00f6nnen wir alle entdecken, dass es in Bibel und Talmud sowohl bewundernswerte Frauen wie M\u00e4nner gibt, die uns und unseren Nachkommen viel zu sagen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Deutschlandweit begehen wir in diesem Jahr die erste urkundliche Erw\u00e4hnung j\u00fcdischen Lebens n\u00f6rdlich der Alpen vor 1.700 Jahren. J\u00fcdinnen und Juden haben \u2013 m\u00f6glicherweise vor Christinnen und Christen \u2013 den Beweis angetreten, dass es auch n\u00f6rdlich der Alpen einen Fortschritt geben kann. Auch im Siegel meines Landes, das ich diesem Dankesbrief zur Ver\u00f6ffentlichung beilege, wird in Erinnerung an diese gro\u00dfe und oft ersch\u00fctternd schwere Geschichte die Vergangenheit mit der Hoffnung auf eine bessere, gemeinsame Zukunft verklammert. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"720\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/1700_bw.jpg?resize=800%2C720&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-6746\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/1700_bw.jpg?w=800&amp;ssl=1 800w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/1700_bw.jpg?resize=300%2C270&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/1700_bw.jpg?resize=768%2C691&amp;ssl=1 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Indem <em>talmud.de<\/em> mit der kompletten, <a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/talmud-uebersetzung\/\">digitalen Erschlie\u00dfung der Goldschmidt-\u00dcbersetzung<\/a> sowie mit weiterf\u00fchrendem Material an die deutsch-j\u00fcdische Gelehrsamkeit ankn\u00fcpft, die durch die Vertreibungen und Massenmorde der Nationalsozialisten so brutal unterbrochen wurde, symbolisiert es nicht nur einen Triumph des Lebens und Lesens \u00fcber den Hass. Es verweist auch in eine denkbare Zukunft, in der jeder Mensch, der sich f\u00fcr wirklich gebildet h\u00e4lt, dazu mindestens die Grundlagen des Talmud verstanden haben m\u00fcsste. Mit jeder lernwilligen Besucherin, jedem Besucher auf dieser Seite kommen wir dieser besseren, gemeinsamen Zukunft einen Schritt n\u00e4her. Daf\u00fcr gilt allen Mitwirkenden von Herzen mein Dank. F\u00fcr mich ist <em>talmud.de<\/em> schon jetzt eine Quelle des Wissens \u2013 und der Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Dank und Segensw\u00fcnschen<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Michael Blume am 05.01.2021<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dr. Michael Blume ist Religions- und Politikwissenschaftler, Buchautor, Wissenschaftsblogger. Auf Vorschlag der j\u00fcdischen Landesgemeinden ernannten ihn Landtag und Landesregierung von Baden-W\u00fcrttemberg im M\u00e4rz 2018 zum ersten, deutschen Regierungsbeauftragten gegen Antisemitismus.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter den ersten R\u00fcckmeldungen zur Online-Ver\u00f6ffentlichung der Talmud-\u00dcbersetzung war eine ausf\u00fchrliche W\u00fcrdigung des Regierungsbeauftragten gegen Antisemitismus des Landes Baden-W\u00fcrttemberg , Dr. Michael Blume<\/p>\n","protected":false},"author":43,"featured_media":6661,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[155],"class_list":["post-6742","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","tag-talmud"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/talmud_uebersetzung_talmudde.jpg?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6742","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/43"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6742"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6742\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6754,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6742\/revisions\/6754"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6661"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6742"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6742"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6742"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}