{"id":679,"date":"2013-12-31T02:11:45","date_gmt":"2013-12-31T00:11:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=679"},"modified":"2018-05-21T18:24:52","modified_gmt":"2018-05-21T16:24:52","slug":"judentum-und-sexualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/judentum-und-sexualitaet\/","title":{"rendered":"Judentum und Sexualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Drei Dinge sind, im Kleinen, ein Vorgeschmack auf \u00bbOlam Haba \u2013 die kommende Welt\u00ab: \u00bbSchabbat, Sonnenlicht und Sex\u00ab. Das sagt der Talmud in Berachot 57b und damit ist gleich zu Beginn dokumentiert, dass Sexualit\u00e4t als etwas angenehmes, gutes, ja sogar Heiliges wahrgenommen wird. <!--more--><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/jjd_slt_icon-150x150.png?resize=150%2C150\" alt=\"jjd_slt_icon\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-681\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/jjd_slt_icon.png?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/jjd_slt_icon.png?w=200&amp;ssl=1 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Weil das Judentum jeden Aspekt des Lebens umfasst, hat es nicht nur eine ethische Haltung zur Sexualit\u00e4t, sondern sie auch mit umfassenden Regelungen eingerahmt. <\/p>\n<p>Wie viele angenehme Dinge des Lebens, ist auch die Sexualit\u00e4t im Judentum nichts schlechtes, sondern sogar etwas (sehr) Gutes. Das l\u00e4sst schon das Zitat aus dem Talmud erahnen. \u00c4hnlich ist es beim Essen. Es wird nicht nur zur blo\u00dfen Nahrungsaufnahme herabqualifiziert. Es kann mehr sein als das. Allerdings innerhalb gewisser Leitlinien. Hier haben wir die \u00bbKaschrut\u00ab und die \u00bbKaschrut\u00ab regelt die Nahrungsaufnahme und macht aus einer \u00bbnat\u00fcrlichen\u00ab Handlung, eine heilige.<br \/>\nDie sexuelle Vereinigung von Mann und Frau hat nicht nur den Zweck der Fortpflanzung, aber nat\u00fcrlich auch diesen. Denn \u00bbSeid fruchtbar und mehret Euch\u00ab (1.B.Mose 1,28)  ist die erste Mitzwah in der Torah. Es geht viel weiter. Soweit sogar, dass die Torah den Mann dazu verpflichtet, seine Frau zu befriedigen (Ketubot 61b) und ihr umf\u00e4nglich zur Verf\u00fcgung zu stehen.<br \/>\nSelbst, wie oft der Mann einer Frau zur \u00bbVerf\u00fcgung\u00ab stehen muss, ist reglementiert. So hei\u00dft es in der Mischnah (Ketubbot 5,6) \u00bbDie Zeiten der ehelichen Pflichten aus der Torah sind: Die Unabh\u00e4ngigen jeden Tag, die Arbeiter zweimal w\u00f6chentlich, Eseltreiber einmal w\u00f6chentlich, die Kameltreiber einmal in drei\u00dfig Tagen, die Schiffer einmal in sechs Monaten. So ist die Meinung von Rabbi Eliezer.\u00ab<br \/>\nDie Frau kann ihrerseits aber auch das m\u00e4nnliche Verlangen jederzeit zur\u00fcckweisen und der Mann ist verpflichtet, sich dem Wunsch der Frau zu f\u00fcgen. Andererseits hat dieser auch ein Recht auf Sexualit\u00e4t. Dieses kann jedoch nicht etwa mit Gewalt eingefordert werden, sondern nur durch eine Verminderung der Entsch\u00e4digungssumme bei einer m\u00f6glichen Scheidung, welche die Folge ist, wenn die Frau sich l\u00e4ngere Zeit dem Mann entzieht (Mischnah, Ketubbot 5,7).<\/p>\n<p>Der Schabbat, genauer genommen, der Freitagabend gilt gemeinhin als besonders guter Zeitpunkt daf\u00fcr, sexuellen Aktivit\u00e4ten nachtzugehen. Man kann sogar sagen, es sei eine Mitzwah, am Freitagabend Sex zu haben. In Rabbiner Josef Karos (1488\u20131575) Schulchan Aruch, dem gro\u00dfen halachischen Werk, hei\u00dft es (Orach Chajim 280,1), der eheliche Verkehr geh\u00f6re zur Schabbatfreude. Damit bezieht er sich vermutlich auf Maimonides, den Rambam (1135\u20131204), der dies auch als Schabbatfreude auflistet. Interpretierend kann am deuten, dass mit der Vereinigung von Mann und Frau, die Vereinigung von K\u00f6nigin Schabbat mit dem j\u00fcdischen Volk nachvollzogen wird und ganz praktisch eine weitere Facette erh\u00e4lt<\/p>\n<p><em>Wie geht das dann vor sich<\/em>? Es geht der Mythos um, dass es j\u00fcdische Gruppen g\u00e4be, die Sex durch ein Loch in einem Tuch h\u00e4tten. Dieser Mythos ist tats\u00e4chlich falsch und es gibt keine solche Gruppe. <\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t gibt es sehr wenige Einschr\u00e4nkungen, was die konkreten Spielarten der Sexualit\u00e4t betrifft. Vorzuziehen ist zwar, dass Mann und Frau sich w\u00e4hrend der Vereinigung anschauen k\u00f6nnen. Aber es ist kein Zwang, sondern zwischendurch k\u00f6nnen Mann und Frau  auch vollkommen anders zu Werke gehen und die Stellungen durchaus wechseln. Maimonides schreibt in den Halachot Issurej Biah (23,9), der Mann d\u00fcrfe jedes K\u00f6rperteil der Frau k\u00fcssen und mit ihr in jeder erdenklichen Stellung verkehren. Vorausgesetzt, es w\u00fcrde kein \u00bbSamen verschwendet\u00ab.<br \/>\nIn  Ja\u2019akow ben Aschers (1269\u20131343) halachischem Werk Arba\u2019ah Turim, kurz \u00bbTur\u00ab, wird auch der Analverkehr erlaubt (Ewen HaEzer 25). Oralverkehr an anderer Stelle ebenfalls (Tosafot Jewamot 34b). Aber auch bei diesen Varianten muss darauf geachtet werden muss, dass der Mann seinen Samen nicht \u00bbverschwendet\u00ab, ihn also au\u00dferhalb des K\u00f6rpers der Frau \u00bbentl\u00e4sst\u00ab.<\/p>\n<p>Um diese \u00bbKaschrut\u00ab der Sexualit\u00e4t ein wenig besser zu verstehen, kann es nicht schaden, einen Weg auf die Leitlinien zu werfen.<\/p>\n<p>Eindeutig verbotene sexuelle Handlungen sind Ehebruch, Inzest oder Sodomie.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig wird auch gefragt, wie es mit Sex vor der Ehe ausschaut.<br \/>\nUm diese Frage zu beantworten, muss man etwas weiter ausholen und zun\u00e4chst einen Umweg \u00fcber ein anderes Thema und eine andere Einschr\u00e4nkung gehen.<\/p>\n<p>Sex ist w\u00e4hrend der Menstruation nicht erlaubt (3.B.Mose 18,19 und 20,18). In der Torah hei\u00dft es (3.B.Mose 15,19): \u00bbKomme zu keiner Frau, wenn sie \u00bb<em>tamej<\/em>\u00ab ist von ihrer Menstruation f\u00fcr sieben Tage\u00ab. In der Torah wird zwar nur der eigentliche Geschlechtsakt verboten, jedoch haben die Rabbinen dieses auf jeglichen k\u00f6rperlichen Kontakt ausgedehnt. Dies bis zum siebenten Tag, nachdem der letzte Blutstropfen festgestellt worden ist und die Frau in einer Mikweh untergetaucht ist. Der Zustand der Frau bis zur Reinigung in der <a href=\"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-mikweh\/\" title=\"Die Mikweh\">Mikweh<\/a> wird mit dem Begriff  \u00bbNiddah\u00ab bezeichnet und die Regelungen, die sich mit diesen Aspekten der Sexualit\u00e4t befassen, werden als \u00bb<em>Taharat HaMishpacha<\/em> \u2013 Reinheit der Familie\u00ab bezeichnet. <em>Niddah<\/em> kann eine Frau auch sein durch die Geburt eines Kindes.<br \/>\nUnd noch etwas: Hier wurden wohl\u00fcberlegt die un\u00fcbersetzten hebr\u00e4ischen Bezeichnungen \u00bb<em>tamej<\/em>\u00ab und \u00bb<em>Niddah<\/em>\u00ab verwendet. Das hat den Grund, dass \u00bb<em>tamej<\/em>\u00ab (das Gegenteil von \u00bbtamej\u00ab ist \u00bbtahor\u00ab) zwar h\u00e4ufig mit \u00bbunrein\u00ab \u00fcbersetzt wird, es jedoch nicht mit \u00bbschmutzig\u00ab gleichzusetzen ist. Das liegt beim deutschen Sprachgebrauch durchaus nahe. Der Begriff meint aber einen anderen \u00bbZustand\u00ab. Einen Zustand in dem eine Sache oder eine Person dem \u00bbZugriff\u00ab durch Dritte entzogen ist und dieses \u00bbEntzogen\u00ab sein endet erst, wenn die Person oder die Sache wieder  den Zustand \u00bbtahor\u00ab (rein) angenommen hat. \u00bb<em>Tamej<\/em>\u00ab kann bedeuten, dass etwas in den Bereich des G-ttlichen geh\u00f6rt und uns Menschen deshalb nicht zur Verf\u00fcgung steht. Diesen Zusammenhang stellt Rabbi Elieser in der Mischna her. Er wird gefragt, was der Unterschied zwischen reinen und unreinen Tieren sei. Rabbi Eliezer antwortet: \u00bbDas reine (Tier), seine Seele geh\u00f6rt dem Himmel, und sein K\u00f6rper geh\u00f6rt seinem Besitzer. Aber das unreine, dessen Seele und K\u00f6rper geh\u00f6ren dem Himmel\u00ab (Mischna Nedarim 4,3). Um das Prinzip von \u00bb<em>tahor<\/em>\u00ab und \u00bb<em>tamej<\/em>\u00ab zu verstehen, muss man sich von der Vorstellung trennen, die Worte, die mit \u00bbunrein\u00ab \u00fcbersetzt werden, negativ zu verstehen. Wir k\u00f6nnen vielmehr daraus ableiten, dass alle nichtkoscheren Tiere zu G\u2019ttes Besitz geh\u00f6ren. Die Unreinheit dieser Tiere ist die Grenze f\u00fcr den Menschen.<br \/>\nDer Status der Unreinheit (um nun das Wort mit neuer Bedeutung zu verwenden) wird im Wesentlichen durch die Dinge verursacht, die etwas mit dem Ursprung und dem Ende des menschlichen Lebens haben. Durch die Menstruation, durch die Geburt eines Kindes, oder auch durch den Kontakt mit einem Toten, etwa der Aufenthalt im gleichen Geb\u00e4ude mit einer Leiche.<br \/>\nDie Erschaffung und das Ende des Lebens fallen also in den Bereich des G-ttlichen. Das Leben, seine Entstehung und sein Ende sind Bereiche, die dem Menschen unzug\u00e4nglich sind. Es gibt Bereiche, die dem Menschen aus gutem Grund verschlossen sind. Das sind die Erschaffung des Lebens, der Tod des Menschen, aber auch ein Teil der Tierwelt. Wir sehen, wie nah das Thema Kaschrut tats\u00e4chlich am Thema Sexualit\u00e4t oder <em>Taharat HaMischpachah<\/em> liegt.<\/p>\n<p>Der Zustand der \u00bbNiddah\u00ab endet mit dem Eintauchen in die <a href=\"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-mikweh\/\" title=\"Die Mikweh\">Mikweh<\/a>. Die Mikweh  \u2013 das Tauchbad, muss \u00bblebendiges\u00ab Wasser enthalten. Theoretisch kann deshalb auch das Meer, ein Fluss oder ein See zum Untertauchen verwendet werden. Viele Mikwaot in Europa werden aus diesem Grund mit Grundwasser gespeist. Einige aber auch mit Regenwasser. Die Frau besucht die Mikweh das erste Mal vor ihrer Hochzeit.<br \/>\nDas Untertauchen in der Mikweh soll nicht k\u00f6rperlich reinigen, eine k\u00f6rperliche Reinigung ist sogar die Zugangsvoraussetzung zur Mikweh, sondern geistig.<\/p>\n<p>Und nun zur\u00fcck zum vorehelichen Sex. Wenn er nicht direkt \u00bbverboten\u00ab ist, so ist er eher \u00bbschwierig\u00ab, denn wie wir gesehen haben, darf ein Mann nicht mit einer Frau zusammen sein, die \u00bbNiddah\u00ab ist. <\/p>\n<p>Ist die Frau nicht Niddah, gilt das, was bereits zum freien Ausleben der Sexualit\u00e4t gesagt wurde.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/eac06e1582754e34a018f84e8509c57d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viele angenehme Dinge des Lebens, ist auch die Sexualit\u00e4t im Judentum nichts schlechtes, sondern sogar etwas (sehr) Gutes. Welche Regeln im Bezug auf die Sexualit\u00e4t gelten, zeigt dieser Artikel.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":681,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[89],"tags":[],"class_list":["post-679","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-sexualitaet"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/jjd_slt_icon.png?fit=200%2C200&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=679"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":691,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679\/revisions\/691"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/681"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=679"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=679"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=679"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}