{"id":685,"date":"2004-12-02T00:25:52","date_gmt":"2004-12-01T22:25:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=685"},"modified":"2014-05-26T11:49:51","modified_gmt":"2014-05-26T09:49:51","slug":"sein-blut-komme-ueber-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/sein-blut-komme-ueber-uns\/","title":{"rendered":"\u201eSein Blut komme \u00fcber uns.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Seit Mel Gibson in seinem neusten Film die Kreuzigung Jesu auf der Kinoleinwand in Blut ertr\u00e4nkt, wird in den letzten Wochen immer wieder der Vorwurf laut, nicht nur der Film enthielte antisemitische Tendenzen, sondern bereits die Erz\u00e4hlungen der Verurteilung und der Hinrichtung Jesu im \u201eNeuen Testament&#8220; seien von einem Antijudaismus gepr\u00e4gt.<!--more--><\/p>\n<p>N\u00e4hert man sich den Berichten im Neuen Testament, wird einem ein Bild gezeichnet, wie es eindr\u00fccklicher kaum sein kann: Da fordert eine von der Priesterelite aufgestachelte j\u00fcdische kurz vor der Raserei stehende Volksmenge immer wieder die Hinrichtung dieses Jesus und schlie\u00dflich knickt der schwache erscheinende Vertreter der r\u00f6mischen Besatzungsmacht, Pilatus ein und l\u00e4sst Jesus zur Kreuzigung abf\u00fchren. Damit aber nicht genug in der drastischen Darstellung, dass rasende Volk vor die Wahl gestellt, wer denn freigelassen werden soll, entscheidet sich f\u00fcr den M\u00f6rder und gegen den unschuldigen Jesus. Die Rollen sind damit klar verteilt, hier der schwache Pilatus, der ohne die Juden wahrscheinlich gar nicht auf die Idee gekommen w\u00e4re, diesen Jesus hinzurichten und dort die Juden, nichts anderes im Sinn, als diesen Jesus endlich am Kreuz enden zu sehen. Wer wagt da noch zu fragen, wer Schuld am Tod Jesu ist? Und so ziehen die Karfreitagspogrome ihr blutiges Band durch die Geschichte des Christentums, denn schlie\u00dflich waren die Juden doch Schuld am Tod des Heilands und so soll das Blut \u00fcber sie kommen, wie sie es sich selbst vorausgesagt haben (Matth\u00e4us 27, 25). Bleibt einem ernsthaften Zeitgenossen da nichts anderes \u00fcbrig, dem Vorwurf des Antijudaismus der Evangelien zuzustimmen und damit auch einen latenten Antijudaismus in den Wurzeln des Christentums zu erkennen?<\/p>\n<p>So verst\u00e4ndlich diese Sicht ist, sie sieht aber nur die halbe Wahrheit. Es gibt Aspekte, die mit bedacht werden m\u00fcssen und wohl zu einem anderen Schluss f\u00fchren. Einer dieser Aspekte ist die Frage nach der historischen Schuld am Tod des Jesus von Nazareth. Aus theologischer Sicht ist diese Frage nicht sachgem\u00e4\u00df, aber darauf ist sp\u00e4ter noch einzugehen. Da sie aber dennoch immer wieder eine wichtige Rolle spielt und viele Menschen, wenn auch unterschwellig, bereits eine Entscheidung gef\u00e4llt haben, muss doch auf sie eingegangen werden. Dabei lassen sich historische Aussagen nur mit allergr\u00f6\u00dfter Vorsicht machen. So l\u00e4sst sich vermuten, dass Jesus mit seiner Tempelkritik als Bestandteil seiner Verk\u00fcndigung der kleinen j\u00fcdischen st\u00e4dtischen Elite in Jerusalem ein Dorn im Auge war. Schlie\u00dflich lag die Legitimation ihrer Macht im Tempel und die Zahl innerj\u00fcdischer Kritiker an der Situation im Tempel und an der herrschenden Elite war nicht allzu klein. Die zweite Gruppe die mit ins Spiel kommt, ist die r\u00f6mische Besatzungsmacht. Israel war ein st\u00e4ndiger Unruheherd und so galt es jeglichen Anflug von m\u00f6glicher Gefahr f\u00fcr die Aufrechterhaltung des Besatzungsstatus im Keim zu ersticken. Anscheinend stellte f\u00fcr sie dieser Jesus eine solche Gefahr dar. Diese beiden Faktoren k\u00f6nnen wohl als Gr\u00fcnde der Hinrichtung Jesus angenommen werden, es geht also um politische und gesellschaftliche Macht. Die letzte Verantwortung liegt allerdings bei den R\u00f6mern, den nur sie besa\u00dfen die Vollmacht zur Beschlie\u00dfung und Ausf\u00fchrung von Todesurteilen. Diese Tatsache scheint auch in den Evangelien durch (Johannes 18, 31). Historisch gesichert ist nur dies, die genauen Gr\u00fcnde lassen sich nur vermuten, denn au\u00dferbiblische Quellen mit genaueren Angaben liegen nicht vor.<\/p>\n<p>Man ist also an die innerbiblischen Quellen verwiesen und hier entgehen dem aufmerksamen Leser nicht die Unterschiede zwischen den Erz\u00e4hlungen der Verurteilung und Hinrichtung Jesu. Desto j\u00fcnger das Evangelium, desto mehr bekommen \u201edie Juden&#8220; eine negative Rolle zugewiesen, Pilatus dagegen wird immer mehr ins positive Licht ger\u00fcckt, bis er schlie\u00dflich seine H\u00e4nde in Unschuld badet (Matth\u00e4us 27, 24). Diese auffallenden Diskrepanzen verdanken sich haupts\u00e4chlich zwei Tatsachen: Die Evangelien verstehen sich nicht als historische Quelle in unserem heutigen Sinn. Sie sind Ausdruck einer Glaubens\u00fcberzeugung, einer Erfahrung des Glaubens. Die Autoren der Evangelien glauben an das Handeln Gottes in Jesus Christus in seinem irdischen Leben, in seiner Kreuzigung und in seiner Auferweckung. Von diesem Ort aus schreiben sie ihre Evangelien und von diesem Punkt aus werden sie in den christlichen Gemeinden damals wie heute gelesen. Es handelt sich also nicht um minuti\u00f6se Protokolle oder einer Biographie Jesu, sondern um vom Glauben aus gedeutete Geschichte. Daher besitzen die Evangelien nicht nur eine Ebene. Sie sind gedeutete Darstellungen der \u00dcberlieferungen \u00fcber das Leben, Sterben und die Auferweckung Jesu, gleichzeitig haben sie aber auch die aktuelle Situation, die aktuellen Fragen und Probleme der christlichen Gemeinden ihrer Zeit im Blick. Aus diesem Grund muss immer auch diese Situation der Autoren f\u00fcr ein angemessenes Verst\u00e4ndnis in den Blick genommen werden. Wie kam es also zu der Rolle \u201eder Juden&#8220; in den Erz\u00e4hlungen? Ein grunds\u00e4tzlicher Antisemitismus kann ausgeschlossen werden, da nicht nur viele Christusgl\u00e4ubige j\u00fcdischer Abstammung waren, sondern auch ein Teil der Autoren, so z.B. der Verfasser des Matth\u00e4usevangelium. Nach der Zerschlagung des j\u00fcdischen Aufstandes und der Zerst\u00f6rung des Tempels 70 \u00e4nderte sich die Situation der Christusgl\u00e4ubigen. Verstanden sich die meisten der Christusgl\u00e4ubigen zu diesem Zeitpunkt noch als Bestandteil der Synagogengemeinde, kommt es nun im Zuge der j\u00fcdischen Reorganisation zu einer immer st\u00e4rker werdenden Trennung zwischen Synagogengemeinde und Christusgl\u00e4ubigen. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Trennung sind vielschichtig, einerseits kam es zu einem bewussten Ausschluss der Christusgl\u00e4ubigen, andererseits auch zu einer bewussten Abtrennung, begr\u00fcndet in dem starken Zustrom von Nichtjuden zu der Gruppe der Christusgl\u00e4ubigen. Die Wege trennten sich endg\u00fcltig. Damit ver\u00e4nderte sich die soziale Situation der Christusgl\u00e4ubigen. Galten vorher f\u00fcr sie die gleichen Privilegien wie f\u00fcr alle Juden im r\u00f6mischen Reich, die Befreiung vom direkten Kaiserkult und dem Milit\u00e4rdienst, so fallen diese Privilegien nun f\u00fcr die Christusgl\u00e4ubigen weg. Da sie aber als Christen kein Bekenntnis zum Kaiser als Gott ablegen konnten und wollten, sahen sie sich als Minderheit nun doppelt bedr\u00e4ngt: Von der Synagogengemeinde, von der sie ausgeschlossen wird und von dem r\u00f6mischen Reich, dass sie unterdr\u00fcckt und verfolgt. In dieser Situation kommt es zu den antijudaistischen \u00c4u\u00dferungen in den Evangelien, denn, so scheint es die Sicht der Verfasser gewesen zu sein, waren es nicht \u201edie Juden&#8220;, die jetzt sich gegen die Christusgl\u00e4ubigen stellten und sie dem Vorwurf der Aufruhr aussetzen, die damals Christus genau mit diesem Argument ans Kreuz haben schlagen lassen. Die Darstellungen der j\u00fcngeren Evangelien k\u00f6nnen und d\u00fcrfen also nicht ohne den Konflikt zwischen der Synagogengemeinde und der Gruppe der Christusgl\u00e4ubigen um 100 gesehen werden.<\/p>\n<p>Diese bedenkenswerten Aspekte stellen sich also gegen die Annahme, das Christentum sei in sich antijudaistisch, als auch gegen eine Verharmlosung der antijudaistischen Aussagen in den Verurteilungs- und Kreuzigungserz\u00e4hlungen. Die Situation der Christusgl\u00e4ubigen zur Zeit der Verfasser der Evangelien darf nicht als Entschuldigung f\u00fcr den Antijudaismus und Antisemitismus, der sich durch die Geschichte der Christenheit zieht, herhalten.<\/p>\n<p>Es sollte also nicht zu einer vorschnellen Verurteilung des Christentums kommen, noch darf auf christlicher Seite weiterhin am Karfreitag der Eindruck entstehen, am Ende seien dann doch schlie\u00dflich \u201edie Juden&#8220; am Tod Jesu schuld gewesen. Dies ist nicht nur antijudaistisch und steht in einer unguten Tradition, sondern folgt auch nicht der neutestamentlichen Botschaft, die f\u00fcr die Christen bindend ist. Folgt man ihr, so ist die Frage nach der historischen Schuld nicht sachgem\u00e4\u00df, denn sie spricht davon, dass G-tt an Jesus Christus Ostern und Karfreitag gehandelt hat! Und so hei\u00dft es auch konsequenterweise in den beiden christlichen Glaubensbekenntnis, dem sog. Apostolischem und dem Bekenntnis von Niz\u00e4a-Konstantinopel: \u201eIch glaube an Jesus Christus (&#8230;) gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt und gestorben (&#8230;)&#8220; und \u201eEr wurde f\u00fcr uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden (&#8230;)&#8220;. Von irgendeiner Schuld \u201eder Juden&#8220; am Tod Jesu ist dort keine Rede.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Mel Gibson in seinem neusten Film die Kreuzigung Jesu auf der Kinoleinwand in Blut ertr\u00e4nkt, wird in den letzten Wochen immer wieder der Vorwurf laut, nicht nur der Film enthielte antisemitische Tendenzen, sondern bereits die Erz\u00e4hlungen der Verurteilung und der Hinrichtung Jesu im \u201eNeuen Testament&#8220; seien von einem Antijudaismus gepr\u00e4gt.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[92,58],"tags":[],"class_list":["post-685","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-christentum","category-interreligioeses"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/685","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=685"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/685\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":686,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/685\/revisions\/686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=685"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=685"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=685"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}