{"id":719,"date":"2014-03-31T22:37:29","date_gmt":"2014-03-31T20:37:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=719"},"modified":"2025-11-06T17:30:24","modified_gmt":"2025-11-06T15:30:24","slug":"mikwe-das-eintauchen-in-lebendiges-wasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/mikwe-das-eintauchen-in-lebendiges-wasser\/","title":{"rendered":"Mikwe  \u2013 Das Eintauchen in lebendiges Wasser"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-very-light-gray-background-color has-background\"><strong>Was ist eine Mikwe?<\/strong><br>Die Mikwe (oder Hebr\u00e4isch \u05de\u05b4\u05e7\u05b0\u05d5\u05b6\u05d4 \/ \u05de\u05e7\u05d5\u05d5\u05d4) ist ein Tauchbad, das nicht der Reinigung im Sinne der Hygiene dient, sondern rituellen Zwecken. Dem Untertauchen geht eine umfangreiche K\u00f6rperreinigung voraus. Damit eine Mikwe die halachischen (religionsgesetzlichen) Voraussetzungen erf\u00fcllt, muss sie \u00bblebendiges Wasser\u00ab beinhalten und eine Mindestmenge von 500 Litern.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende von Synagogenf\u00fchrungen werde ich oft von christlichen Besuchern gefragt, ob es im Judentum denn auch eine Taufe gebe. Das ist eine schwierige Frage, denn eine Taufe wie im Christentum, wodurch der Getaufte nach christlichem Verst\u00e4ndnis ein Glied des Leibes Christi wird (I.Kor. 12: 13; 27), also zum Christ wird, gibt es im Judentum gewiss nicht. <br>Was aber machte Johannes der T\u00e4ufer, von dem die Evangelien berichten, am Jordan?<br>Machte er Juden zu Christen? Das gewiss auch nicht. Das Christentum gab es damals noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bekehrte er Heiden?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das nicht, denn, diejenigen, die zu ihm kamen, um getauft zu werden, waren Juden (Matth. 3: 5-7).<br>Was also machte er?<\/p>\n\n\n\n<p>Er war ein Lehrer, dem daran gelegen war, Menschen von verwerflichem Tun und Leben abzubringen, sie zur Umkehr zu bewegen und dazu, sich und ihr Leben zu heiligen gem\u00e4\u00df dem Wort des Ewigen \u00bb\u2026Ich bin der Ewige euer G-tt. Heiligt euch und seid heilig, denn heilig bin Ich \u2026\u00ab (<a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/?ref=Wajikra_11_44\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">III. BM. 11:44<\/a>) Wenn die Menschen zur Umkehr bereit waren, dann wies er sie an, im Wasser des Jordan sich vollst\u00e4ndig unterzutauchen und war ihnen dabei behilflich. So erfuhren sie durch das lebendige Wasser eine L\u00e4uterung. Durch dieses Untertauchen im Wasser hatten sie nun wieder rituelle Reinheit erlangt und hatten damit wieder Zugang zur Sph\u00e4re des Heiligen. Dies ist die <em>Taufe<\/em> im Judentum.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich waren die meisten der Menschen, die zum Jordan kamen, keine dramatischen S\u00fcnder, die es nach Umkehr d\u00fcrstete. Es waren einfache Leute, die nach einer schweren Woche sich rituell unrein f\u00fchlten und vor dem Schabbat, dem Ruhetag, wieder Reinheit vor dem Gang ins Heiligtum erlangen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum aber spielt rituelle Reinheit im Judentum eine so gro\u00dfe Rolle?<br>Im III. Buch Moses spricht der Ewige zu den Kindern Israels<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bb\u2026 Ich bin der Ewige, der euch aus dem Land \u00c4gypten herauff\u00fchrt, um euch G-tt zu sein; so seiet heilig, denn heilig bin Ich.\u00ab<\/p>\n<cite>(<a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/?ref=Wajikra_11_44\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">III.BM. 11: 45<\/a>)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dieses Gebot zur Heiligung zu erf\u00fcllen, ist also eine wichtige Voraussetzung, um mit dem Ewigen eine Gemeinschaft eingehen zu k\u00f6nnen. Sich zu heiligen und sein Leben in Heiligkeit zu f\u00fchren, ist also eine Bedingung f\u00fcr den Menschen, um Partner sein zu k\u00f6nnen in dem Bund, den der Ewige mit dem Menschen schloss (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/bereschit-das-buch-genesis\/#Kapitel17\">I.BM.<\/a><a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/?ref=Bereschit_17_7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> <\/a><a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/bereschit-das-buch-genesis\/#Kapitel17\">17: 7-8<\/a>; <a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/?ref=Schemot_19_5\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">II.BM. 19: 5-8<\/a> und 34: 27; <a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/?ref=Dewarim_29_11\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">V.BM. 29: 11-14<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Der hebr\u00e4ische Begriff f\u00fcr die rituelle Reinheit ist \u00bb<em>tahor<\/em>\u00ab \u2013 \u00bb\u05d8\u05d4\u05d5\u05e8\u00ab, \u00bbrein\u00ab, was nur insofern etwas mit Sauberkeit zu tun hat, als die Sauberkeit ihrerseits eine Voraussetzung f\u00fcr die Reinheit ist. So, wie nach j\u00fcdischem Verst\u00e4ndnis Seele und K\u00f6rper eine Einheit sein m\u00fcssen, damit der Mensch \u00fcberhaupt sein Menschsein erf\u00fcllen kann (vgl. Psalm 115: 17-18), und einer der beiden, ohne den anderen, zu Nichts im Stande ist, so ist es auch erforderlich, dass alle Anteile des Menschen in gleicher Weise rein sind, um in Heiligkeit das Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen.<br>Das Gegenteil von \u00bbrein\u00ab ist \u00bbtame\u00ab \u2013 \u00bb\u05d8\u05de\u05d0\u00ab, \u00bbunrein\u00ab. Unreinheit ist eine alle Teile des Menschen umfassende Befleckung, die sich mit der Heiligungsbestimmung nicht vertr\u00e4gt und damit ein Hindernis ist f\u00fcr die Teilnahme an der Gemeinschaft.<br>Die Gemeinschaft w\u00fcrde Schaden nehmen durch die Anwesenheit des Unreinen und die Ber\u00fchrung mit ihm. So muss die Gemeinschaft, in deren Mitte der Ewige Seine Wohnung genommen hat (II.BM. 29: 45-46; III.BM. 4: 1-3), wenn sie rein bleiben will, das Unreine, und damit auch den Tr\u00e4ger der Unreinheit, aus sich heraussetzen. Der Verlust der Gemeinschaft, das Ausgeschlossen- und Einsam-Sein ist f\u00fcr jedes Lebewesen aber kaum ertr\u00e4glich und daher mit dem Leben nur schwer vereinbar.<br>Alle Verbannten haben das zu sp\u00fcren bekommen. Das bedeutet es, wenn schon kurz nach der Erschaffung des Menschen, den Er als Sein Ebenbild als nur Einen schuf,<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbder Ewige sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei.\u00ab<\/p>\n<cite>(<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/bereschit-das-buch-genesis\/#Kapitel2\">I.BM. 2:18<\/a>)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und deswegen ermahnt der Ewige Moses und Aharon, den Priester, daf\u00fcr zu sorgen und alles zu unternehmen, dass die Kinder Israels sich nicht verunreinigen, und die Gemeinschaft nicht durch Verunreinigung Schaden nehme, und sie daran st\u00fcrben (III.BM. 15: 31).<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber kann Verunreinigung bedingen?<br>Die Ursachen k\u00f6nnen sehr unterschiedlich sein und ebenso unterschiedlich die notwendigen Schritte ihrer \u00dcberwindung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Zum Beispiel geistige oder k\u00f6rperliche Unfreiheit, die Abh\u00e4ngigkeit von fremden Interessen bedingt, so genannten \u00bbfremden G\u00f6ttern\u00ab, und verhindert, das vom Ewigen gegebene Leben selbst bestimmt zu leben. Die Sklaverei in \u00c4gypten war ein solcher Zustand; die Kinder Israels waren in \u00c4gypten im Zustand der Unreinheit. In solchem Fall ist ein erster Schritt zur \u00dcberwindung, die Unfreiheit wahrzunehmen und dagegen aufzubegehren bis zur Erlangung der Freiheit. Das Hindurchgehen durch das Schilfmeer hatte f\u00fcr die Kinder Israels dann die reinigende Wirkung des Wassers.<\/li>\n\n\n\n<li>In die Kategorie der Fremdbestimmung geh\u00f6rt auch eine Lebensweise, die sich nicht nach den Weisungen der Thorah ausrichtet, weshalb z.B. auch jemand, der von einer anderen Religion zum Judentum \u00fcbertreten m\u00f6chte, zun\u00e4chst seine Lebensweise \u00e4ndern und zuletzt sich einer rituellen Reinigung im Tauchbad unterziehen muss (Rabb. Chajim haLevy Donin: \u00bbJ\u00fcdisches Leben\u00ab, Kap. 17, Verlag Morascha, Z\u00fcrich, 1987).<\/li>\n\n\n\n<li>Auch schuldhaftes Verhalten, das zu einer Gefahr f\u00fcr die Gemeinschaft wird und einen Ausschluss aus ihr nach sich zieht, eine so genannte Verbannung, kann rituelle Unreinheit bedingen. Voraussetzung f\u00fcr eine L\u00e4uterung und Wiederaufnahme in die Gemeinschaft ist die Wahrnehmung des eigenen Fehlverhaltens, das Zugeben, das Sich-\u00c4ndern, das Wieder-gut-Machen, schlie\u00dflich die Bitte um Vergebung (vgl. Mirjams Ausschluss\/IV.BM. 12: 15).<\/li>\n\n\n\n<li>Lebenskrisen oder das Ende einer schwierigen Beziehung k\u00f6nnen den Wunsch hervorrufen, rituelle Reinheit wieder zu erlangen f\u00fcr einen Neuanfang.<\/li>\n\n\n\n<li>Schwere Erkrankungen, die f\u00fcr eine Gemeinschaft gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnen, z. B. ansteckende Krankheiten, bedingen rituelle Unreinheit und machen medizinische Hilfe, zugleich Isolierung bis zur Heilung, notwendig.<\/li>\n\n\n\n<li>Auch Zust\u00e4nde von seelischer oder k\u00f6rperlicher Verletzlichkeit, etwa Menstruation oder eine Entbindung bedingen rituelle Unreinheit, &#8211; hier im Sinne von Unber\u00fchrbarkeit durch andere zugunsten einer Schonung bis zur Beendigung der Verletzlichkeit.<\/li>\n\n\n\n<li>Der am st\u00e4rksten verunreinigende Zustand aber ist derjenige der absoluten Lebensferne, der Tod. Sosehr der Tod auch zum Leben geh\u00f6rt, sosehr der Kreislauf des Lebens mit Geburt, Leben, Tod und neuem Leben eben auch den Tod umfasst, so ist der Tod doch auch der Gegensatz vom Leben. Der Ewige wohnt nicht unter den Toten, und nicht die Toten preisen den Ewigen (<a href=\"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/tanach\/tehillim-psalmen\/tehillim-buch-5-psalmen-107-bis-150\/#Psalm115\">PS 115: 17<\/a>).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>So kann Unreinheit also verschiedene Ursachen haben, kann durch eigene Schuld erworben werden, kann durch schicksalhafte Lebensbedingungen \u00fcber einen kommen, kann durch biologische Vorg\u00e4nge bedingt oder mitten aus dem Leben durch den Tod verursacht werden.<br>Wichtig f\u00fcr den Einzelnen und wichtig f\u00fcr die Gemeinschaft ist es, die Unreinheit zu \u00fcberwinden und Reinheit wieder zu erlangen, um das Leben fortf\u00fchren und an ihm wieder teilhaben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die genannten kritischen Zust\u00e4nde Schritt f\u00fcr Schritt \u00fcberwunden sind, bleibt noch ein letzter Schritt, um die rituelle Reinheit wieder zu erlangen: Das Eintauchen in lebendiges Wasser. Obwohl es theoretisch auch andere M\u00f6glichkeiten zur L\u00e4uterung gibt, etwa das Feuer (IV.BM. 31: 22-23), so ist das Wasser doch die f\u00fcr uns Menschen zutr\u00e4glichste. Und so kommt Maimonides, ein bedeutender j\u00fcdischer Religionsphilosoph, zu dem Schluss:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbAlles, was unrein geworden ist, seien es Menschen, seien es Gegenst\u00e4nde, \u2026 kann nur durch das Untertauchen in \u2026 Wasser wieder rein werden.\u00ab<\/p>\n<cite>(Abschnitt Hilkhoth miqwa\u2019oth in: Yad ha-chazaqqah von Rav Moscheh ben Maimon, gen. Maimonides)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Es gibt Dinge, die prinzipiell nicht verunreinigt werden k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt die Thorah, das Wort G-ttes. Und dazu geh\u00f6rt das Wasser, dass der Ewige uns zuflie\u00dfen l\u00e4sst. Der Prophet Jeremiah nennt den Ewigen den Quell des lebendigen Wassers (Jerem. 2: 13), &#8211; selbst der Tod kann das lebendige Wasser nicht verunreinigen (III.BM. 11: 36).<br>Durch dieses Wasser leben wir. Im Sch\u00f6pfungsbericht wird erz\u00e4hlt, wie der Ewige Alles schuf, das Licht, die Finsternis, die Himmelsk\u00f6rper, Pflanzen, Tiere, den Menschen, &#8211; nur das Wasser war schon da, vor der Erschaffung der Welt, und der Geist G-ttes schwebte \u00fcber dem Angesicht des Wassers (I.BM. 1: 2). Der Ewige schied das Wasser in ein oberes und ein unteres (I.BM. 1: 7).<br>Als dann die gro\u00dfe Sintflut \u00fcber die verderbte Menschheit gebracht wurde \u00bbbrachen alle Quellen der tiefen Abgr\u00fcnde hervor und die Schleusen des Himmels taten sich auf, und der Regen fiel auf die Erde vierzig Tage und vierzig N\u00e4chte.\u00ab (I.BM. 7: 11-12; vgl. auch 8: 2) Dasselbe Wasser, ohne das es kein Leben geben kann, kann auch den Tod bringen (Hiob 1: 21; II.BM. 14: 22 und 28).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ma&#8217;ayan und Mikwe<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Menschen verstanden, wo sie das lebendige Wasser finden k\u00f6nnten: in dem Wasser, das aus den Quellen der Tiefe kommt und dahin flie\u00dft.<br>Diese Art von lebendigem Wasser wird einfach \u00bb<em>Ma\u2019ayan<\/em>\u00ab, \u00bbQuelle\u00ab genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind die B\u00e4che und Fl\u00fcsse, ein See, durch den sie hindurch flie\u00dfen, das mit ihnen in Verbindung stehende Grundwasser, schlie\u00dflich das Meer.<br>Und es sind nat\u00fcrliche Wasseransammlungen in Gruben, in die es hinein geregnet hat oder hinein geschneit.<br>In diesem Fall ist es stehendes Wasser, ohne Abfluss, &#8211; es kann aber \u00fcberflie\u00dfen, von einer Grube in eine benachbarte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Wasseransammlung nennt man \u00bbMiqweh (Mikwe)\u00ab \u2013 \u00bb\u05de\u05e7\u05d5\u05d4\u00ab, \u00bbWasseransammlung\u00ab.<br>Beide Arten, die Quelle und die Wasseransammlung, sind in der Thorah genannt, und von beiden hei\u00dft es, Totes kann sie nicht verunreinigen (III.BM. 11: 36).<br>Im Lauf der Zeit setzte sich das Wort Mikwe im Sinne eines rituellen Tauchbades als \u00dcberbegriff f\u00fcr beide Arten durch, f\u00fcr den Ma\u2019ayan, also die Quelle, und die Mikwe im engeren Sinne, also die Regenwasseransammlung.<br>Wo Fl\u00fcsse, durchflossene Seen oder ein Meer sind, war und ist es f\u00fcr die Menschen relativ einfach, unterzutauchen. Dies erkl\u00e4rt auch, warum so viele Menschen, wenn sie ihrem Leben eine Wendung geben wollten, zum Jordan gingen, um dort unterzutauchen. Denn der Jordan ist ein Fluss, geh\u00f6rt also zur Sorte \u00bbMa\u2019ayan\u00ab.<br>Schwierig wird es, wenn der Fluss nur wenig Wasser f\u00fchrt, wie es in s\u00fcdlichen L\u00e4ndern im Sommer oft der Fall ist. Schwierig wird es auch, wenn der Fluss zufriert, wie es in n\u00f6rdlichen L\u00e4ndern im Winter geschehen kann. Und das Flusswasser l\u00e4sst sich nur sehr schwer erw\u00e4rmen \u2026 So spielt in anderen Gegenden, wo es kaum aus der Erde flie\u00dfendes Wasser gibt, die Regenwasseransammlung eine gro\u00dfe Rolle.<br>Doch auch sie ist nicht ohne Probleme.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schriftliche Thorah, die die Weisungen meist nur in knapper Sprache erteilt, h\u00e4lt sich nicht mit Details der Ausf\u00fchrung auf.<br>Das war und ist die Aufgabe der M\u00fcndlichen Thorah, in deren Diskussionen Menschen darum ringen, zu verstehen, wie die Weisungen im t\u00e4glichen Leben konkret umzusetzen sind.<br>So steht in der Schriftlichen Thorah \u00fcber jemanden, der unrein geworden ist durch Ber\u00fchrung von Unreinem:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbEr wasche seine Kleider, bade in Wasser und bleibt dann noch bis zum Abend unrein\u00ab.<\/p>\n<cite>(III.BM. 15: 5-7)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hat der Unrein-gewordene in seiner N\u00e4he einen Fluss, so ist alles recht unkompliziert.<br>Lebt er aber in einem wasserarmen Land, dessen Flusst\u00e4ler meist ausgetrocknet sind, ist er auf eine Regenwasseransammlung angewiesen, die ihm das v\u00f6llige Untertauchen im Wasser erm\u00f6glicht. Denn dies ist immer gemeint, wenn die Thorah davon spricht, dass einer \u00bbsich bade\u00ab (Angabe von Rav Yonah haKohen (John Cohn) in \u00bbMischnajot, Teil IV\/Toharoth; Verlag Victor Goldschmidt, Basel, 1968). So galt es zu kl\u00e4ren, wie eine Regenwasseransammlung beschaffen sein muss, um ein sinnvolles Untertauchen m\u00f6glich zu machen.<br>Hier\u00fcber geben Traktate der M\u00fcndlichen Thorah, der so genannten \u00bbMischnah\u00ab, Auskunft, die im Talmud dann noch weiter ausgef\u00fchrt und in sp\u00e4teren Codices, v.a. im \u00bbSchulchan Aruch\u00ab, in Gebrauchsanweisungen und Handreichungen umgesetzt wurden.<br>Es zeigte sich, dass eine Mikwe im engeren Sinn, also eine Regenwasseransammlung, folgende Bedingungen erf\u00fcllen muss: Um f\u00fcr eine L\u00e4uterung tauglich zu sein, muss sie mindestens 40 Se\u2019ah, das sind etwa 532 Liter (1 Se\u2019ah (altisraelisches Hohlma\u00df) ~ 13,3 l) Regen- oder Schneeschmelzwasser enthalten, das unmittelbar vom Himmel in das Becken geflossen ist.<br>Einer stehenden Person sollte dieses Wasser bis 3 Handbreit oberhalb des Nabels reichen, damit sie sich im Stehen vollkommen untertauchen kann. Ist nur wenig Wasser vorhanden, ist Untertauchen auch im Sitzen oder gar im Liegen statthaft.<br>Das Becken muss wasserdicht sein, das Wasser darin also stehen.<br>H\u00e4tte das Becken Risse, k\u00f6nnte das Wasser entweichen und w\u00fcrde dadurch zu einem flie\u00dfenden Wasser. Was f\u00fcr eine Quelle Bedingung ist, n\u00e4mlich flie\u00dfendes Wasser, w\u00fcrde eine Wasseransammlung untauglich machen. Umgekehrt ist ein Fluss als Tauchbad ungeeignet, der fast nur aus vom Himmel gekommenem Schneeschmelzwasser besteht (Schulchan Aruch, Jore de\u2019a, <a href=\"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/jd_mikwah.pdf\">\u00a7201, 2<\/a>).<br>Es w\u00fcrde die vom Ewigen bestimmte Scheidung zwischen den Wassern aufheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Sonderform stellen Grundwasser-gef\u00fcllte Mikwen dar, die als Himmelswasser-Mikwen gelten, es sei den, sie befinden sich in unmittelbarer N\u00e4he zu einem Fluss und zeigen mit ihm korrespondierende, wechselnde Wasserst\u00e4nde, &#8211; dann gelten sie als Ma\u2019ayan.<br>Zur L\u00e4uterung v\u00f6llig untauglich ist vom Menschen gesch\u00f6pftes Wasser, also Wasser, das mit einem Sch\u00f6pfgef\u00e4\u00df in das Becken gegeben wird. Es ist kein Wasser direkt vom Himmel. Nur wenn die Mindestmenge von 40 Se\u2019ah an Regenwasser sich in der Mikwe bereits befinden, darf gesch\u00f6pftes Wasser hinzu gegeben werden, etwa erw\u00e4rmtes Wasser.<br>Fr\u00fcher waren Menschen offenbar an h\u00e4rtere Lebensbedingungen gew\u00f6hnt. In ihrer Glaubenstreue hackten sie auch zugefrorene Fl\u00fcsse auf, um darin unterzutauchen.<br>Seit etwa 300 Jahren sind die Anforderungen an Komfort gestiegen. Da Regenwasser-Mikwen leichter auf die Bed\u00fcrfnisse moderner Menschen hergerichtet werden k\u00f6nnen, werden sie in den meisten J\u00fcdischen Gemeinden gegen\u00fcber den Quellwasser-Mikwen bevorzugt, und erst seither gibt es auch so genannte Warmwasser-Mikwen.<br>Zur Erw\u00e4rmung des Wassers wurden verschiedene Techniken entwickelt.<br>Heutige Mikwen in St\u00e4dten bieten neben zeitgem\u00e4\u00dfen hygienischen Standards immer auch die Annehmlichkeit erw\u00e4rmten Wassers<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007700000000000000000_719\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\">Georg Heuberger (Hrsg.): \u00bbMikwe: Geschichte und Architektur j\u00fcdischer Ritualb\u00e4der in Deutschland; eine Ausstellung des j\u00fcdischen Museums Frankfurt am Main 1992\u00ab, J\u00fcdisches Museum, Frankfurt\/M., 1992<\/span>.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Moderne_mikweh.png\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"840\" height=\"678\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Moderne_mikweh-1024x827.png?resize=840%2C678\" alt=\"Moderne Mikweh Die Grafik ist frei nutzbar\" class=\"wp-image-723\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Moderne_mikweh.png?resize=1024%2C827&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Moderne_mikweh.png?resize=300%2C242&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Moderne_mikweh.png?w=1067&amp;ssl=1 1067w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Moderne Mikweh &#8211; schematische Darstellung<br>(<em>Die Grafik ist frei nutzbar<\/em>)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Untertauchen<\/h3>\n\n\n\n<p>Wie geht das Untertauchen nun aber konkret vor sich?<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Gr\u00fcnden der <em>Keuschheit<\/em> ist die Mikwe zu bestimmten Zeiten f\u00fcr Frauen, zu anderen Zeiten f\u00fcr M\u00e4nner ge\u00f6ffnet.<br>M\u00e4nnliche Personen f\u00fcr M\u00e4nner, weibliche Personen f\u00fcr Frauen sind anwesend um zu helfen, Anweisungen und Ratschl\u00e4ge zu geben. Voraussetzung f\u00fcr das g\u00fcltige Eintauchen in lebendes Wasser ist, dass alles Trennende entfernt wird.<br>Dazu geh\u00f6ren Schmutz, Schminke, Nagellack, Schmuck, K\u00f6rperersatzteile, die abgelegt, bzw. in einem voraus gehenden S\u00e4uberungsbad, f\u00fcr das man sich Zeit nehmen sollte, entfernt werden m\u00fcssen<sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"2\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007700000000000000000_719\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-2\">2<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-2\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"2\">Schulchan Aruch, Jore de\u2019a, \u00a7198, 1<\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist dies geschehen, betritt man den eigentlichen Mikwe-Raum, entkleidet sich, geht meist einige Stufen hinab zum Wasser, steigt ins Wasser hinein und taucht ein erstes Mal vollst\u00e4ndig unter.<br>Dann richtet man sich auf, spricht den Segensspruch \u00fcber das Untertauchen (\u00bb \u2026 <em>\u2019al ha-tevilah<\/em>\u00ab) und taucht hernach ein zweites Mal vollst\u00e4ndig unter.<br>In F\u00e4llen einfacher Unreinheit gen\u00fcgt dies zur Wiedererlangung ritueller Reinheit, etwa wenn ein Mensch etwas Unreines ber\u00fchrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aber F\u00e4lle von Unreinheit, bei denen das Untertauchen alleine doch nicht ausreicht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>F\u00e4lle von schwerer Krankheit etwa, nach deren Ausheilung noch eine Karenzzeit von 7 Tagen vor dem Untertauchen eingehalten werden muss und dann, am 8. Tag, ein S\u00fchneopfer und ein Ganzopfer darzubringen ist (III.BM. 15: 3 und 19; vgl. dazu jedoch: III.BM. 14: 2f). &#8211; Um einem Menschen wieder zu ritueller Reinheit zu verhelfen, der die besonders schwere Verunreinigung durch die Ber\u00fchrung eines toten Menschen erlitten hat, ist es notwendig, ihn am 3. Tag und am 7. Tag mit der in lebendigem Wasser gel\u00f6sten Asche zu besprengen, die von einer vollkommen roten, fehlerlosen, noch unter kein Joch gespannten Kuh stammt, die als S\u00fcndopfer dargebracht worden war. Am 7. Tag w\u00e4scht der Verunreinigte hernach seine Kleider, taucht in lebendigem Wasser unter und ist am Abend dann wieder rein <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"3\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007700000000000000000_719\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-3\">3<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-3\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"3\">IV.BM. 19: 19 und 31: 19. Zur Bedeutung der Roten Kuh: Eliahu Kitov: \u00bbDas J\u00fcdische Jahr\u00ab, Bd. I (Adar), Verlag Morascha, Z\u00fcrich, 1984<\/span>. Einst frug mich ein j\u00fcdischer Totengr\u00e4ber, wie er aus seiner Unreinheit wieder herauskomme, da doch der Tempel nicht mehr stehe und es die Asche der Roten Kuh nicht mehr gebe. Tats\u00e4chlich wurden all die Opfervorschriften niemals aufgehoben, nur ausgesetzt, da wir sie nicht mehr durchf\u00fchren k\u00f6nnen.<br>Doch schon zur Zeit als der Erste Tempel noch stand, erkannte der Prophet Hoschea\u2019 (Hosea), dass es dem Ewigen letztlich nicht um Tieropfer geht, vielmehr um Liebe und G-tterkenntnis, auch dass ein Gebet Tieropfer ersetzen kann (Hosea 6: 6 und 14: 3). Unter anderem half dies unseren Weisen nach der Zerst\u00f6rung des Tempels, zu verstehen, dass Gebet und Meditation an die Stelle der tats\u00e4chlich durchgef\u00fchrten Tieropfer zu treten verm\u00f6gen <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"4\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007700000000000000000_719\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-4\">4<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-4\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"4\">vgl. Psalm 141: 2 und Sifre Deuteronomium \u00a7 41<\/span>.<br>So liest man an einem der Vorbereitungs-Schabbat vor dem Pessachfest, an dem jeder den Auszug aus \u00c4gypten nachvollziehen soll, als sei er selbst dabei gewesen, die Bestimmungen \u00fcber die Rote Kuh, denn der Zustand in \u00c4gypten war ein Zustand des Todes f\u00fcr die Kinder Israels. Die Meditation \u00fcber die Rote Kuh bereitet die Reinigung vor, das Aufsuchen der Mikwe am Vorabend vor dem Pessachfest stellt die rituelle Reinheit dann wieder her.<br>In diesem Sinn geht man auch vor anderen Festtagen in die Mikwe, insbesondere vor Schabbat-Beginn.<br>Denn die Dienstbarkeit gegen\u00fcber unserem menschlichen Dienstherrn unter der Woche \u00e4hnelt dem Zustand in \u00c4gypten.<\/li>\n\n\n\n<li>Ein besonderer Fall biologisch bedingter und wiederkehrender Unreinheit ist die Menstruation der Frau. Im III. Buch Moses hei\u00dft es ausdr\u00fccklich: \u00bbEiner Frau in ihrer unreinen Absonderung darfst du dich nicht nahen und ihre Bl\u00f6\u00dfe aufdecken\u00ab (III.BM. 18: 19).<br>Hier haben wir eine Situation, in der ein Mensch nicht krank ist, aber sich in einem verletzlichen Zustand befindet, in dem er vor Zugriff gesch\u00fctzt werden muss. Das klappt bei vielen M\u00e4nnern nur, indem man ihnen erkl\u00e4rt, ihre Frauen seien in diesem Zustand unrein und daher f\u00fcr sie verboten. Und es ist einem Mann in dieser Zeit verboten, seine Frau auch nur ber\u00fchren. Unsere Weisen weiteten diesen, zum Schutz der Frau bestimmten Erlass, aus, indem sie zu angenommenen 5 Tagen Menstruation noch 7 Tage Karenzzeit hinzuf\u00fcgten, damit also eine 12-t\u00e4gige Enthaltsamkeit zwischen Mann und Frau bewirkten, an deren Ende die Frau in die Mikwe geht und nun rituell wieder rein ist, ihrem Mann also nicht mehr verboten ist und nun bereit ist zur Vereinigung mit ihm.<br>Sie erkannten, dass dieser Wechsel zwischen Enthaltsamkeit und sexueller Aktivit\u00e4t eine au\u00dferordentliche Dynamik in die Beziehung zwischen den Eheleuten bringt, die zugleich der Erf\u00fcllung des ersten Gebotes der Thorah dient, sich zu Vermehren (I.BM. 1: 28).<br>Denn nach dem 12. Zyklustag hat die Frau Ihre fruchtbarste Zeit, und Mann und Frau freuen sich aufeinander. Das Ausleben von Sexualit\u00e4t in ritueller Reinheit gilt im Judentum als etwas G-ttgef\u00e4lliges.<\/li>\n\n\n\n<li>Eine andere besondere Situation ist gegeben, wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"5\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007700000000000000000_719\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-5\">5<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-5\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"5\">III. BM. 12: 1-8; \u00bbCode of Jewish Family Purity\u00ab von Rabbi Elijohu Blasz, Committee For the Preservation of Jewish Familiy Purity, Monsey\/N. Y., 1982\/83<\/span>.<br>Mit dem Einsetzen der Wehen wird sie f\u00fcr ihren Mann zur Unber\u00fchrbaren. Bei Entbindung von einem M\u00e4dchen bleibt sie mindestens 14 Tage f\u00fcr ihn unber\u00fchrbar, dann kann sie ins Tauchbad gehen und wird rein. Die Thorah schreibt hernach noch eine Zeitspanne von 66 Tagen vor, in der die W\u00f6chnerin nicht ins Heiligtum kommen und Geweihtes nicht ber\u00fchren darf.<br>In einer Zeit, als es noch keine Mutterschutz-Gesetze gab, hatte diese Karenzzeit auch die Funktion des Schutzes der W\u00f6chnerin vor harter Arbeit und behielt diese Funktion sp\u00e4ter auch in der christlichen Gesellschaft (<a href=\"\u00abhttp:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Muttersegen\u00ab\">de.wikipedia.org\/wiki\/Muttersegen<\/a>). <p>\u00a0Hernach ist ein Ganzopfer und ein S\u00fchneopfer zu leisten, das waren zur Zeit des Tempels ein Schaf und eine Taube, bei armen Leuten zwei Tauben. Bei der Entbindung von einem Jungen verk\u00fcrzt sich die Zeit der Unber\u00fchrbarkeit der W\u00f6chnerin gem\u00e4\u00df der Thorah auf mindestens 7 Tage, um ihr die M\u00f6glichkeit der Teilnahme an der Beschneidung des Sohnes am 8. Tag zu geben. Nach rabbinischen Vorschriften bleibt sie jedoch mindestens 12 Tage unber\u00fchrbar bis sie durch das Tauchbad wieder rein wird. In diesem Fall folgt eine 33-t\u00e4gige Karenzzeit bis die Frau das Heiligtum wieder betreten darf, um die vorgeschriebenen Opfer darzubringen. Wenn der Junge das erste Kind der Frau ist, muss er vor der Opfergabe noch als Erstgeborener dieser Frau mit Hilfe eines Kohen, eines Nachfahren eines Priesters, ausgel\u00f6st werden, was ab dem 31. Lebenstag m\u00f6glich ist (IV.BM. 18: 15f).<br>Dieser Vorgang ist im Lukas-Evangelium in Bezug auf den Erstgeborenen Marias recht genau beschrieben:<br>\u00bbUnd als 8 Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus \u2026\u00ab (Luk. 2: 21).<br>Nach dem gregorianischen Kalender ist das der 1. Januar, der fr\u00fcher den Namen \u00bbFest des allerheiligsten Namens Jesu\u00ab trug.<br>Im Lukas-Evangelium hei\u00dft es dann weiter: \u00bbUnd als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz Mose um waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn \u201aAlles M\u00e4nnliche, das zuerst den Mutterscho\u00df durchbricht, soll dem Herrn geheiligt hei\u00dfen\u2019 (II.BM. 13: 2; 13: 15), und um das Opfer darzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn \u201aein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben\u2019 (III.BM. 12: 6- 8).<br>Diese Ereignisse, n\u00e4mlich die Ausl\u00f6sung Jesus\u2019 und Marias S\u00fchneopferdarbringung, wurden in der r\u00f6misch-katholischen Kirche am 2. Februar, gefeiert, 40 Tage nach Weihnachten, unter dem Namen \u00bbFest Mari\u00e4 Reinigung oder Lichtme\u00df\u00ab. <sup class=\"modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--expands-on-desktop \" data-mfn=\"6\" data-mfn-post-scope=\"00000000000007700000000000000000_719\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-6\">6<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000007700000000000000000_719-6\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"6\">Aus: \u00bbDas vollst\u00e4ndige R\u00f6mische Messbuch mit allgemeinen und besonderen Einf\u00fchrungen im Anschlu\u00df an das Messbuch von Anselm Schott O.S.B.; Herder Verlagsbuchhandlung Freiburg i.Br., 1937; S. 75 und S. 788<\/span><\/p><\/li>\n\n\n\n<li><p>Es mag befremdlich erscheinen, dass eine Frau, die entbunden hat, ein S\u00fchneopfer darbringen soll.<br>Nach j\u00fcdischem Verst\u00e4ndnis hat die Frau weder in S\u00fcnde empfangen, noch in S\u00fcnde ihr Kind zur Welt gebracht. Im I. Buch Moses wird berichtet, dass es im Garten Eden den Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se gab, von dem zu essen der Ewige dem ersten Menschenpaar verboten hatte (I.BM. 2: 17). Doch sie a\u00dfen davon. F\u00fcr die Frau war die Folge davon, dass sie seither unter Schmerzen Kinder zur Welt bringt, und f\u00fcr den Mann, dass um seinetwillen die Erde verflucht wurde und er sich seither mit Schmerzen von ihr ern\u00e4hrt (I.BM. 3: 16-17). Es ist nicht eine ererbte S\u00fcnde, die uns von Geburt an anhafte.<br>Nach j\u00fcdischer Auffassung wird der Mensch mit reiner Seele geboren (bT, Berachoth 60b). Es sind vielmehr die Folgen der Handlungen unserer Ureltern und Vorfahren, die zu einer Zerr\u00fcttung der Sch\u00f6pfung f\u00fchrten, die bis heute noch nicht behoben ist.<br>Die Welt wieder zu heilen, sie zu reparieren, sie von ihrer Verfluchung zu erl\u00f6sen, ist eines der gro\u00dfen Anliegen des Judentums, das jeden Einzelnen aufruft, durch sein Verhalten sich daran zu beteiligen.<br>Der hebr\u00e4ische Ausdruck daf\u00fcr ist \u00bb<em>Tikkun \u2019olam<\/em>\u00ab \u2013 \u00bb\u05ea\u05e7\u05d5\u05df \u05e2\u05d5\u05dc\u05dd\u00ab, \u00bbReparatur der Welt\u00ab.<br>Am Ende jedes G-ttesdienstes wird das Lied \u00bb\u2019Alejnu\u00ab \u2013 \u00bb\u05e2\u05dc\u05d9\u05e0\u05d5\u00ab, \u00bbEs ist an uns \u2026\u00ab zur Verherrlichung des Ewigen gesungen, in dem es hei\u00dft \u00bbDeshalb hoffen wir \u2026 die Welt zu vervollkommnen als Reich des Allm\u00e4chtigen \u2026\u00ab, womit dieser Gedanke zum Ausdruck gebracht wird (\u00bbSiddur Schma Kolenu\u00ab, Verlag Morascha, Z\u00fcrich, 1997.)<\/p> <p>Und in diesem Sinn bringt die Frau, die unter Schmerzen ihr Kind zur Welt gebracht hat, ein S\u00fchneopfer dar, ihre S\u00fchne f\u00fcr die von Menschen zu verantwortende Zerr\u00fcttung der Welt. Der Gedanke der Unber\u00fchrbarkeit der Frau nach der Geburt eines Kindes mit der nachfolgenden Karenzzeit und der S\u00fchnegabe erhielt sich, wenn auch in abgewandelter Form, durch die Jahrhunderte hindurch auch im Christentum. Im R\u00f6mischen Katholizismus war es \u00fcblich, dass eine Frau sich nach der Entbindung noch eine Zeit lang vom Kirchgang zu enthalten hatte und vor dem Wieder-Betreten der Kirche sich erst noch einer Reinigung und Ents\u00fchnung zu unterziehen hatte. Die Zeremonie wird im Rituale Romanum seit 1614 zwar unter der Bezeichnung \u00bbSegnung der Mutter nach der Geburt\u00ab gef\u00fchrt, wurde aber noch bis zum II. Vatikanischen Konzil in den 1960-iger Jahren im Sinne eines \u00e4lteren Verst\u00e4ndnisses als so genannte \u00bbAussegnung\u00ab durchgef\u00fchrt:<br>Die W\u00f6chnerin kniete an der Schwelle zur Kirche, eine brennende Kerze in der Hand. Der Priester kam aus dem Kircheninnern zu ihr heraus, besprengte sie mit Weihwasser, \u00fcbertrug ihr den so genannten \u00bbMuttersegen\u00ab und f\u00fchrte sie dann erst in die Kirche zur\u00fcck, wo sie eine Opfergabe darbrachte. \u00c4hnliche Riten gab es auch im protestantischen Christentum, die dort als \u00bbEinsegnung\u00ab bezeichnet wurden. (<a href=\"\u00abhttp:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Muttersegen\u00ab\">de.wikipedia.org<\/a> au\u00dferdem: Pius Parsch: \u00bbLaien-Rituale. Das Buch des Lebens\u00ab, Volksliturgischer Verlag, Wien, 1939)<\/p> <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Heute<\/h3>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die traditionellen Formen religi\u00f6sen Lebens bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts f\u00fcr die meisten Menschen selbstverst\u00e4ndlich waren, ist seither eine sp\u00fcrbare Entfremdung eingetreten, sowohl bei Juden als auch bei Christen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher galt der Bau einer Mikwe als f\u00fcr die rituelle Reinheit der Gemeinde wichtiger als der Bau einer Synagoge.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Sich-Benetzen oder Besprengt-Werden mit geweihtem Wasser war f\u00fcr die meisten Christen bei zahlreichen Anl\u00e4ssen eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Das hat sich ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele meinen, wenn sie sich ausgiebig geduscht haben, nun w\u00e4ren sie rein. Der Prophet Jeremiah gab aber schon damals zu bedenken:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00bbAuch wenn du dich mit Lauge w\u00e4schst und n\u00e4hmest noch soviel Seife dazu, so bleibt doch als Befleckung dein Vergehen vor Meinem Angesicht, Wort G-ttes, des Herrn\u00ab (Jerem. 2: 22).<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dies ist eine schreckliche Gewissheit f\u00fcr Menschen, die sich einer seelischen oder k\u00f6rperlichen Beschmutzung im rituellen Sinn bewusst werden. Sie leiden oft sosehr darunter, dass sie in fortw\u00e4hrendem Waschzwang sich immer wieder von der Befleckung zu reinigen versuchen, oft, bis sie ganz wund sind. Solchen Menschen hilft eine Dusche nicht. Das Bewusstsein, mit dem Spender des Lebens \u00fcber das unmittelbar von Ihm erhaltene Wasser in Beziehung treten zu k\u00f6nnen und hierdurch Reinheit wieder zu erlangen, ist f\u00fcr solche Menschen ein m\u00f6glicher Trost.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserer schnelllebigen Lebensweise fehlt uns oft die Zeit, oder genauer: die innere Ruhe, um uns auf so etwas einzulassen.<br>Wer nimmt sich noch die Zeit f\u00fcr ein Bad? Die Dusche muss reichen. Und doch sehnen wir uns auch heute nach M\u00f6glichkeiten und Wegen, mit uns selbst, und auch mit unserem Sch\u00f6pfer ins Reine zu kommen.<br>Viele Wellness-Center greifen dieses Bed\u00fcrfnis auf. Der Gang in eine Mikwe kann zu einem Meditationsereignis werden, wenn ich mir Zeit, Ruhe und Bereitschaft dazu mitnehme. Die Vorbereitung vor dem Eintauchen und schlie\u00dflich das Eintauchen selbst k\u00f6nnen uns auch im 21. Jahrhundert eine Hilfe sein, uns auf die essentiellen Dinge in unserem Leben zur\u00fcckzubesinnen.<\/p>\n<ul class=\"modern-footnotes-list \"><li><span>1<\/span><div>Georg Heuberger (Hrsg.): \u00bbMikwe: Geschichte und Architektur j\u00fcdischer Ritualb\u00e4der in Deutschland; eine Ausstellung des j\u00fcdischen Museums Frankfurt am Main 1992\u00ab, J\u00fcdisches Museum, Frankfurt\/M., 1992<\/div><\/li><li><span>2<\/span><div>Schulchan Aruch, Jore de\u2019a, \u00a7198, 1<\/div><\/li><li><span>3<\/span><div>IV.BM. 19: 19 und 31: 19. Zur Bedeutung der Roten Kuh: Eliahu Kitov: \u00bbDas J\u00fcdische Jahr\u00ab, Bd. I (Adar), Verlag Morascha, Z\u00fcrich, 1984<\/div><\/li><li><span>4<\/span><div>vgl. Psalm 141: 2 und Sifre Deuteronomium \u00a7 41<\/div><\/li><li><span>5<\/span><div>III. BM. 12: 1-8; \u00bbCode of Jewish Family Purity\u00ab von Rabbi Elijohu Blasz, Committee For the Preservation of Jewish Familiy Purity, Monsey\/N. Y., 1982\/83<\/div><\/li><li><span>6<\/span><div>Aus: \u00bbDas vollst\u00e4ndige R\u00f6mische Messbuch mit allgemeinen und besonderen Einf\u00fchrungen im Anschlu\u00df an das Messbuch von Anselm Schott O.S.B.; Herder Verlagsbuchhandlung Freiburg i.Br., 1937; S. 75 und S. 788<\/div><\/li><\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Michael Rosenkranz wird h\u00e4ufig nach dem Zusammenhang von Taufe und dem Untertauchen in der Mikwe gefragt. Oder gar, ob es im Judentum auch eine Taufe g\u00e4be.<br \/>\nUm dies aus j\u00fcdischer Sicht zu beantworten, erkl\u00e4rt er, was eine Mikwe ist und wie sie heute genutzt wird.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[58,94,221,29],"tags":[32],"class_list":["post-719","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-interreligioeses","category-judentum-erklaert","category-lexikohn","category-orte","tag-mikweh"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/719","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=719"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/719\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10391,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/719\/revisions\/10391"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}