{"id":739,"date":"2014-05-20T11:08:07","date_gmt":"2014-05-20T09:08:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=739"},"modified":"2025-11-17T11:14:20","modified_gmt":"2025-11-17T09:14:20","slug":"was-geschieht-eigentlich-am-schabbat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/was-geschieht-eigentlich-am-schabbat\/","title":{"rendered":"Was geschieht eigentlich am Schabbat\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Was geschieht eigentlich am Schabbat, wenn an ihm doch alles ruht?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt eine j\u00fcdische Aussage, dass der Messias dann kommen werde, wenn die ganze Welt, wenn alle Menschen den <a href=\"http:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/category\/feiertage-und-feste\/schabbat\/\" title=\"Schabbat\">Schabbat<\/a> einhalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird der Tag des Herrn anbrechen, an dem Friede herrschen wird, und alles Leid dieser Welt ein Ende gefunden haben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Obzwar es nicht so aussieht, dass dieser Zustand bald eintreten wird, scheint es aber immerhin m\u00f6glich zu sein, und es klingt verlockend und w\u00fcnschenswert, &#8211; einerseits. <\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits aber klingt es so, als sei damit dann alles zu Ende, als liefen danach alle nur noch mit der Harfe in der Hand und frohlockend herum, im Zustand ewiger Gl\u00fcckseligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Keine Angst! <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen inzwischen, dass nach jedem Schabbat eine neue Woche beginnt, und davor eine alte zu Ende gegangen ist. Das wiederum klingt profaner als es ist. Denn die neue Woche wird anders sein als es die alte Woche war. Vielleicht nicht f\u00fcr alle. F\u00fcr manche wird vielleicht alles so weitergehen wie bisher. Die neue Woche kann aber anders werden als es die alte Woche war. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Beginn der Schriftlichen Torah, das sind die F\u00fcnf B\u00fccher Moses, wird im Sch\u00f6pfungsbericht geschildert, wie G-tt Himmel und Erde, das Wasser, das Licht und alle Lebewesen erschaffen hat. Am Ende des sechsten Sch\u00f6pfungstages erschuf Er den Menschen. Dann schaute Er an, was Er alles erschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut (I.BM, <a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/bereschit\/bereschit_1_31\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/?ref=Bereschit_1_31\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bereschit, 1, 31<\/a>). Damit h\u00e4tte alles ein Ende haben k\u00f6nnen und alles ein f\u00fcr alle Mal so bleiben k\u00f6nnen.<br> Aber genau so sollte es nicht sein. Denn es hei\u00dft weiter:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eG-tt vollendete am 7. Tag Sein Werk, das Er gemacht, und hielt inne am 7. Tag von all Seinem Werk, das Er gemacht. G-tt segnete den 7. Tag und sonderte ihn ab, denn an ihm hielt Er inne von all Seinem Werk, das G-tt erschaffen hat, es fortzugestalten\u201c<br> (1.BM, <a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/bereschit\/bereschit_2_1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bereschit, 2, 1-3<\/a>).<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auf Hebr\u00e4isch sieht das so aus:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center hetext\">\n&#8222;\u05d5\u05d9\u05d1\u05e8\u05da \u05d0\u05dc\u05d4\u05d9\u05dd \u05d0\u05ea \u05d9\u05d5\u05dd \u05d4\u05e9\u05d1\u05ea \u05d5\u05d9\u05e7\u05d3\u05e9 \u05d0\u05ea\u05d5 \u05db\u05d9 \u05d1\u05d5 \u05e9\u05d1\u05ea \u05de\u05db\u05dc \u05de\u05dc\u05d0\u05db\u05ea\u05d5 \u05d0\u05e9\u05e8 \u05d1\u05e8\u05d0 \u05d0\u05dc\u05d4\u05d9\u05dd \u05dc\u05e2\u05e9\u05d5\u05ea&#8220;\n<\/p>\n\n\n\n<p>In der gegebenen \u00dcbersetzung dieses Textes sto\u00dfen wir auf drei Ausdr\u00fccke, die n\u00e4her zu besprechen sich lohnt:<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Wort ist  &#8211; &#8222;\u05e9\u05d1\u05ea&#8220;\u201eschavath\u201c. Von diesem T\u00e4tigkeitswort leitet sich auch der Begriff \u201eSchabbat\u201c her. Es bedeutet nicht \u201eruhen\u201c, wie es meist \u00fcbersetzt wird; es bedeutet vielmehr \u201einne halten\u201c in einer T\u00e4tigkeit und hat im Neuhebr\u00e4ischen gar die Bedeutung  \u201edie Arbeit niederlegen\u201c, d.h. \u201estreiken\u201c bekommen. \u201eInne halten\u201c aber hei\u00dft, dass nur eine kurze Pause eingelegt wird in einer T\u00e4tigkeit, die man fortzusetzen gedenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Ausdruck ist  &#8211; &#8222;\u05d5\u05d9\u05e7\u05d3\u05e9 \u05d0\u05ea\u05d5&#8220;\u201ewayeqadesch otho\u201c, \u201eEr sonderte ihn ab\u201c, n\u00e4mlich den 7. Tag. Es wird meist \u00fcbersetzt mit \u201eEr heiligte den 7. Tag\u201c. Der Ursprung des zugrunde liegenden Wortes  &#8222;\u05e7\u05d3\u05e9&#8220; &#8211; \u201eqadesch\u201c bedeutet aber \u201eabsondern\u201c. G-tt machte also eine Unterscheidung zwischen den 6 Tagen der zur\u00fcckliegenden Woche und dem 7. Tag. Dieser 7. Tag sollte ein besonderer sein, ein ganz und gar andersartiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dritte Wort schlie\u00dflich ist  &#8211; &#8222;\u05dc\u05e2\u05e9\u05d5\u05ea&#8220;\u201ela\u2019assoth\u201c; w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt bedeutet es \u201ezu machen\u201c. Der 1925 in Berlin geborene und 1991 in Cincinnati verstorbene j\u00fcdische Liturgie-Wissenschaftler Jakob Josef Petuchowski \u00fcbersetzte es mit \u201efortzugestalten\u201c, eine eher ungew\u00f6hnliche, aber treffende \u00dcbertragung. Denn dieses Wort in diesem Zusammenhang zu \u00fcbersetzen ist f\u00fcr alle \u00dcbersetzer schwierig. Einige lassen es daher einfach un\u00fcbersetzt, wie z.B. die (christliche) \u201eEinheits\u00fcbersetzung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere \u00fcbersetzen es, als handele es sich nur um eine andere Wortwahl f\u00fcr ein zuvor verwendetes Wort. So \u00fcbersetzt z.B. Martin Luther \u201edie G-tt erschaffen und gemacht hatte\u201c.  <\/p>\n\n\n\n<p>Naftali Herz Tur-Sinai, geboren 1886 in Lemberg, gestorben 1973 in Jerusalem, Professor f\u00fcr Hebr\u00e4isch an der Universit\u00e4t Jerusalem, \u00fcbersetzte dann aber mit \u201edas G-tt zu wirken geschaffen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Leopold Zunz, geboren 1794 in Detmold, gestorben 1886 in Berlin, Begr\u00fcnder der j\u00fcdischen literargeschichtlichen Forschung, \u00fcbersetzte \u201edas G-tt geschaffen, um es zu fertigen\u201c. Erich Mendel, geboren 1902 in Gronau, gestorben 1988 in Philadelphia, letzter Kantor der j\u00fcdischen Gemeinde Bochum vor dem Holocaust und Begr\u00fcnder einer bedeutenden Sammlung synagogaler Musik, \u00fcbersetzte \u201edas G-tt geschaffen hatte, um fortzuwirken\u201c, und Jakob Josef  Petuchowski \u00fcbersetzte, wie gesagt, mit \u201ees fortzugestalten\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem Exkurs in die Welt der \u00dcbertragungen wiederhole ich den ganzen Satz noch einmal in der \u00dcbersetzung: \u201eG-tt segnete den 7. Tag und sonderte ihn ab, denn an ihm hielt Er inne von all Seinem Werk, das G-tt erschaffen hat, es fortzugestalten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem bisher Gesagten ist zu entnehmen, dass nach sechs Tagen Sch\u00f6pfungswerk G-tt inne hielt, um danach weiterzumachen. Und Er gab dem 7. Tag eine Sonderstellung zwischen dem, was davor war und dem, was danach kommen wird; Er heiligte diesen Tag, an dem Er inne hielt und nannte ihn daher &#8222;\u05e9\u05d1\u05ea&#8220; &#8211; \u201eSchabbat\u201c, &#8211; das bedeutet \u201eInne-halten\u201c. Dieses Wort wird st\u00e4ndig gebraucht. Nur einmal wird das Wort \u201eEr ruhte\u201c &#8211; &#8222;\u05d5\u05d9\u05e0\u05d7&#8220;) \u201ewayanach\u201c) tats\u00e4chlich verwendet (im II.BM 20, 8f) und einmal das Wort \u201eEr sch\u00f6pfte Atem\u201c (&#8222;\u05d5\u05d9\u05e0\u05e4\u05e9&#8220; &#8211; \u201ewayinafasch\u201c), n\u00e4mlich im II.BM 31, 16, wo es hei\u00dft \u201eEr hielt inne und sch\u00f6pfte Atem\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Was G-tt f\u00fcr sich in Anspruch nahm, nach 6 Tagen angestrengten Sch\u00f6pfens eine Pause einzulegen und Atem zu holen, das wollte Er auch dem Menschen, den Er sich zum Partner erschaffen hatte, nicht vorenthalten. Es war ein Geschenk der Liebe, dem Menschen den Schabbat zu schenken. So wird auch im Weihesegen am Beginn des Schabbats betont, dass der Ewige Seinen Schabbat in Liebe und Wohlgefallen den Menschen zum Anteil gegeben hat. Fr\u00fcher arbeiteten die Menschen, bis sie vor Ersch\u00f6pfung tot umfielen. Auch, wenn sich die Idee des w\u00f6chentlichen Ruhetages inzwischen fast \u00fcberall in der Welt durchgesetzt hat, so gibt es immer noch menschliche Gesellschaften, die den Schabbat nicht kennen. Im Japanischen gibt es ein eigenes Wort f\u00fcr \u201eTod durch \u00dcberarbeitung\u201c. Es ist, als w\u00fcrde ein Mensch immer nur ausatmen, solange, bis schlie\u00dflich kein Odem mehr in ihm zur\u00fcckbleibt. Soweit soll es nicht kommen; deshalb ist Atemsch\u00f6pfen notwendig. Und Atem sch\u00f6pfen kann nur, wer inne h\u00e4lt. Das Ziel ist, das Leben zu bewahren. Wer aber den Schabbat nicht heiligt, ihn nicht einh\u00e4lt, wer nicht inne h\u00e4lt und Atem sch\u00f6pft, der wird sein Leben verlieren. Das ist damit gemeint, wenn es im II.BM 31, 13f hei\u00dft: \u201eDer 7. Tag aber ist ein Schabbat dem Ewigen, ein heiliges Innehalten; jeder, der an ihm Werkarbeit verrichtet, wird sein Leben verlieren.\u201c Was aber ist Werkarbeit ( &#8211; &#8222;\u05de\u05dc\u05d0\u05db\u05d4&#8220;\u201emelakhah\u201c)?<\/p>\n\n\n\n<p>In Jesaja 66, 1 hei\u00dft es: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eEs spricht der Ewige: Der Himmel ist Mein Thron, die Erde Meiner F\u00fc\u00dfe Schemel; wo ist das Haus, das ihr Mir bauen wollt, und wo der Ort f\u00fcr Meine Ruhest\u00e4tte?\u201c <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Auch, wenn diese Frage bei Jesaja provokatorisch gemeint ist, stellt sie doch einen Zusammenhang her zwischen dem Werken G-ttes und dem Werken des Menschen. G-tt schuf Himmel und Erde, Seinen Thron und Seinen Fu\u00dfschemel. Die Aufgabe der Menschen ist es, Ihm ein Heiligtum zu errichten, in dem Er Seinen Sitz in der Mitte der Menschen haben kann. In Kapitel 35 \u2013 39 im II.BM wird geschildert, welche Fertigkeiten und T\u00e4tigkeiten f\u00fcr den Bau des Stiftszeltes, der Wohnung des Ewigen, und seiner Einrichtung und Ger\u00e4te notwendig waren. Wie die Weisen erkannten, stellten diese T\u00e4tigkeiten das Grundmuster f\u00fcr alles menschliche Werken dar. Im Schabbat-Traktat der Mischnah, der so genannten M\u00fcndlichen Torah, Abschnitt VII, Satz 2, sind diese Arbeitst\u00e4tigkeiten genannt, die f\u00fcr den Bau des Bundeszeltes erforderlich waren und mit denen der Mensch zugleich seinen Lebensunterhalt verdient, &#8211; es sind 39 T\u00e4tigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6ren z.B. das S\u00e4en, das Ackern, Backen, Waschen, F\u00e4rben, Weben, Knoten, N\u00e4hen, Schlachten (au\u00dfer f\u00fcr Opferhandlungen), das Beschriften, Bauen, Feuer anz\u00fcnden und Feuer l\u00f6schen, Transportieren. Alle anderen T\u00e4tigkeiten des Broterwerbs sind davon abzuleiten. Es handelt sich insgesamt um Arbeiten, bei denen der Mensch eine Ver\u00e4nderung des \u00e4u\u00dferen Zustandes bewirkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine besondere Rolle kommt hierbei dem Feuer anz\u00fcnden zu, &#8211; es ist die einzige der <strong>39 T\u00e4tigkeiten<\/strong>, die schon vor dem Beginn des Baues des Stiftszeltes am Schabbat ausdr\u00fccklich verboten wurde (im II.BM 35, 3).<br> All diese Arbeiten sind am Schabbat zu unterlassen, wie es hei\u00dft:<br> \u201eAn 6 Tagen arbeite und verrichte dein Werk. Der 7. Tag aber ist ein Innehalten dem Ewigen, deinem G-tt; verrichtet keinerlei Werk, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd, dein Rind und dein Esel und all dein Vieh, und der Fremde, der in deinen Toren weilt, aufdass dein Knecht und deine Magd Ruhe finden wie du. Und erinnere dich daran, dass du ein Knecht warst im Lande \u00c4gypten, und der Ewige, dein G-tt, dich von dort hat herausziehen lassen &#8230;\u201c (5.BM, <a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/dewarim\/dewarim_5_13\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dewarim, 5, 13-15<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Tage der Woche magst du ein Knecht sein und dich deinem Brotherrn unterwerfen f\u00fcr deinen Broterwerb. Wenn du den Schabbat heiligst, beendest du deine Alltagst\u00e4tigkeit am Freitagabend, gehst ins rituelle Tauchbad, die Miqweh, als ein Untergebener und steigst aus ihm heraus als ein freier Mensch. Den siebten Tag hat dir der Ewige geschenkt, ihn zu heiligen. An diesem Tag hat dein Brotherr kein Recht \u00fcber dich, auch sollst du dich nicht selbst an diesem Tag versklaven, &#8211; dein Leben steht auf dem Spiel. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Gefahr der Selbstversklavung droht vor allen Dingen Selbst\u00e4ndigen, f\u00fcr die jeder Tag Nichtarbeiten Verdienstausfall bedeutet. Daher wird im <a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/schemot\/schemot_34_21\/\">II.BM 34, 21<\/a>, auch besonders betont: \u201e\u2026 selbst zur Zeit des Pfl\u00fcgens und des Erntens sollst du inne halten.\u201c Jeder, der wei\u00df, worauf es beim Pfl\u00fcgen und Ernten darauf ankommt, kann ermessen, was diese Verpflichtung f\u00fcr den Landwirt bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man also am Schabbat nicht arbeiten darf, &#8211; soll man dann nur die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen? Im 8. Jahrhundert entstand im Judentum eine fundamentalistische Sekte, die Kar\u00e4er, &#8211; die sahen das so und sa\u00dfen am Schabbat hungrig in der K\u00e4lte und im Dunkeln. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Schabbat ist aber ein Tag der Freude, nicht der Askese. Und so fanden Juden zahllose Mittel, den Tag in Licht, in W\u00e4rme, bei guten Speisen und in geselliger Runde genie\u00dfen zu k\u00f6nnen, ohne das Arbeitsverbot zu \u00fcbertreten. Es wurden besondere Schabbat-Lampen konstruiert, deren Licht mindestens 24 Stunden brannte. Seitdem es elektrisches Licht gibt, behilft man sich mit Zeitschaltuhren, die zur gew\u00fcnschten Zeit das Licht an oder ausschalten, &#8211; eine T\u00e4tigkeit, die dem Feuer anz\u00fcnden gleich gesetzt wird, das der Mensch am Schabbat nicht aktiv betreiben sollte. Hausfrauen, die am Schabbat mit ihrer Hausarbeit gleichfalls inne halten sollten, entwickelten wunderbare Gerichte, die die ganze Schabbat-Nacht auf kleinem Feuer vor sich hin k\u00f6cheln und dann zum richtigen Zeitpunkt fertig sind und wahre Delikatessen sind. Was aber ist am Schabbat, au\u00dfer Sich-freuen und Beten, sonst noch nicht verboten?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lernen, das Sich-befassen mit G-ttes Wort, das Nachdenken. Wenn man die Tatsache ernst nimmt, dass man am Schabbat ein freier Mensch ist, keinem menschlichen Dienstherrn untertan, dann wird man die Chance sehen, an diesem Tag \u00fcber sich nachdenken zu k\u00f6nnen, \u00fcber die Art, wie man sein Leben verbringt, womit man sein Brot verdient, und dar\u00fcber nachdenken, was ge\u00e4ndert werden k\u00f6nnte, welche Weichen zu stellen sind f\u00fcr eine notwendige und gew\u00fcnschte Ver\u00e4nderung. Ein solches Nachdenken bewirkt keine \u00e4u\u00dfere, aber eine innere Ver\u00e4nderung. Man wird in die neue Woche anders hinein gehen als man aus der alten heraus gekommen ist. Erst, wenn wir den Sklaven in uns \u00fcberwinden, in unserem Denken und in der Art, wie wir uns verhalten, erst dann werden wir frei sein, auch wenn die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde noch nicht dazu passen. Pharao, &#8211; und wie er alle Gewaltherrscher der Welt und aller Zeiten -, f\u00fcrchtete nichts so sehr, als dass seine Untertanen anfingen \u00fcber ihre Situation nachzudenken. Als Moscheh und Aharon zu Pharao kamen und darum baten, die Kinder Israels f\u00fcr drei Tage freizugeben, damit sie G-tt opfern k\u00f6nnten, da antwortete er barsch:<br> \u201eDie Arbeit muss diesen Menschen erschwert werden, damit sie daran zu tun haben und sich nicht an tr\u00fcgerische Reden kehren.\u201c (<a href=\"https:\/\/talmud.de\/torah\/schemot\/schemot_5_9\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">II.BM 5, 9<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mensch, der nach 17 Stunden schwerer Arbeit ersch\u00f6pft in den Schlaf f\u00e4llt, kann nicht mehr nachdenken. So sollten die Sklaven durch noch schwerere Fron am Atemholen und am Nachdenken gehindert werden. Dieses System wurde von den Nationalsozialisten unter dem Begriff \u201eVernichtung durch Arbeit\u201c dann noch perfektioniert. Allein das Atemsch\u00f6pfen f\u00fchrt dazu, dass wir \u201eneu beseelt\u201c sind im Wortsinn des hebr\u00e4ischen Wortes &#8222;\u05d5\u05d9\u05e0\u05e4\u05e9&#8220; \u2013 \u201ewayinafasch\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir neu beseelt sind, erf\u00fcllt mit neuem Atem und neuer Kraft, wenn wir uns innerlich ver\u00e4ndert haben, werden wir dann auch in der Lage sein, unsere \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde zu ver\u00e4ndern. Und dieses Neu-beseelt-sein erkl\u00e4rt, warum im Weihesegen f\u00fcr den Schabbat, im Text der Qiddusch-Zeremonie, der Schabbat einerseits als eine Erinnerung an die Geschehnisse des Sch\u00f6pfungswerkes bezeichnet wird, andererseits als der Beginn aller G-ttesdienstlichen Versammlungen, eine Erinnerung an den Auszug aus \u00c4gypten. Nur der Freie kann G-tt dienen und Ihm zu Ehren Festtage feiern; der Sklave dient nur seinem menschlichen Dienstherrn, ohne Feiertage.<\/p>\n\n\n\n<p>Derjenige, der den Schabbat in dieser bewussten Weise begeht, der an ihm eine Ver\u00e4nderung erf\u00e4hrt, er ist in seiner alten Gestalt am Ende der vergangenen Woche gestorben, hat sein bisheriges Dasein ausgehaucht. Er ist am Schabbat in einen neuen Zustand gekommen und wird so nun in die neue Woche gehen; dieselbe Person, aber in neuer Gestalt. Eine Raupe kann niemals ein Schmetterling werden ohne durch den Zustand des Kokons gegangen zu sein, des Zustandes, in dem \u00e4u\u00dferlich sich nichts bewegt, keine Ver\u00e4nderung wahrzunehmen ist, in dem im Inneren aber doch alles anders wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Johannes-Evangelium hei\u00dft es: \u201eWenn das Weizenkorn nicht in die Erde f\u00e4llt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.\u201c (Joh. 12, 24) Und das gleiche Evangelium l\u00e4sst Jesus am Kreuz seinen Erdenweg als Mensch beenden mit den Worten \u201eEs ist vollbracht!\u201c (Joh. 9, 30) am Abend des Freitag, am Ende des 6. Tages. Am Samstag, am Schabbat, am 7. Tag, ruhte er im Grab. Da geschah \u00e4u\u00dferlich gar nichts. Am 8. Tag dann aber, am Sonntag, am 1. Tag der neuen Woche, wurde seinen J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern sein neuer Zustand, zu dem er auferstanden war, Gewissheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber hat es mit dem 8. Tag auf sich? F\u00fcr Christen ist der 8. Tag, also der Sonntag, seither der Tag der Auferstehung, der Tag des Neubeginns. Viele Taufkapellen haben einen 8-eckigen Grundriss. Dieser 8. Tag ist ein uraltes j\u00fcdisches Symbol f\u00fcr den neuen Zustand, mit dem, nach dem Untergang des alten Zustandes und nach dem dazwischen liegenden Schabbat, das Leben in neuer Form nun weitergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend des achten Tages kehrte die Taube zur\u00fcck mit dem \u00d6lblatt im Schnabel, die Noach nach dem Ende der Sintflut ausgesandt hatte (I.BM 8, 11), die der bisherigen Welt ein Ende bereitet hatte. Sechs Tage dauerte der Auszug der Kinder Israels aus \u00c4gypten; am 7. Tag sahen sie \u00c4gypten tot am Meeresufer, &#8211; das war ihr bisheriges Dasein -; am achten Tag begann ihr Weg durch die W\u00fcste; sie waren nunmehr Freie. Das Laubh\u00fcttenfest im Herbst dauert 7 Tage, wie die 7 Tage der Woche.<br>\nAn ihm wird der W\u00fcstenwanderung gedacht, die an der Grenze zum Gelobten Land, am Jordan, endete. Bis dahin waren alle, die noch Sklaven in \u00c4gypten gewesen waren, gestorben; eine neue Generation lebte, die keine Sklavenseele mehr hatte. Das dann unmittelbar nach dem Laubh\u00fcttenfest folgende, letzte Fest des j\u00fcdischen Festjahreskreises ist das Fest des 8. Tages, Schemini Atzereth, das Fest, das den Zustand nach dem Ende der 7 Tage beschreibt und feiert. An diesem Tag liegt die W\u00fcstenwanderung bereits hinter den Kindern Israels. Auf die Jordan\u00fcberquerung folgte das Se\u00dfhaftwerden im Land der Verhei\u00dfung. So wird es in der Torah und in dem nachfolgenden Buch Josua (Yehoschua) beschrieben. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Wanderung ist der Weg, auf dem wir uns heute noch befinden. Es ist unser Leben. Das verhei\u00dfene Land ist der Zustand der Vollkommenheit, den wir erreichen wollen, aber noch nicht erreicht haben. So k\u00f6nnen wir am Fest des 8. Tages das Erreichen zwar feiern, m\u00fcssen uns aber eingestehen, dass dieses Ereignis selbst f\u00fcr uns noch in der Zukunft liegt. H\u00e4tten wir das verhei\u00dfene Land schon erreicht, w\u00e4ren wir alle Weise und Vollkommene, dann k\u00f6nnten wir mit dem Lesen der Torah aufh\u00f6ren. Denn die Torah beschreibt unser jetziges Wandern und zeigt uns den Weg. So aber, weil wir eben doch noch nicht angekommen sind, m\u00fcssen wir erneut mit der Torah-Lesung beginnen. Daher ist das Fest des 8. Tages das Fest, an dem die alte Jahreslesung der Torah beendet wird und zugleich die neue Jahreslesung begonnen wird, an dem der Jahresfestkreis zu Ende geht und zugleich ein neuer beginnt. Es ist die j\u00fcdische Form des in Zyklen sich entwickelnden Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum aber ist der 8. Tag \u00fcberhaupt notwendig? Warum kann nicht alles am 7. Tag mit dem gro\u00dfen und endg\u00fcltigen Ausruhen enden? War doch die Sch\u00f6pfung am Ende des 6. Tages \u201esehr gut\u201c, wie es ausdr\u00fccklich hei\u00dft?! <\/p>\n\n\n\n<p>Das Besondere der Welt, in der wir leben, ist, dass es eine Welt des Lebens ist, dass der Ewige in der Sch\u00f6pfung dieser Erde nicht nur Gase, Mineralien und Eis geschaffen hat, wie auf anderen Gestirnen, sondern Leben in vielf\u00e4ltiger Form. Das Eigent\u00fcmliche des Lebens ist die fortw\u00e4hrende Ver\u00e4nderung. Leben bleibt nur Leben, wenn es immer wieder vergeht, sich ver\u00e4ndert und neu ersteht. Nat\u00fcrlich war die Welt vollkommen und sehr gut am Ende des 6. Sch\u00f6pfungstages, &#8211; aber nur f\u00fcr den Moment. Das Sch\u00f6pfungswerk war f\u00fcrs erste vollbracht, aber nicht beendet. W\u00e4re die Sch\u00f6pfung so geblieben, wie sie war, &#8211; sie w\u00e4re in Sch\u00f6nheit erstarrt und museal geworden, \u00e4hnlich einem ausgestopften Pfau.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist die Besonderheit des 7. Tages, des Schabbats, dem Leben neue Impulse zu geben. Deshalb hei\u00dft es: \u201eG-tt segnete den 7. Tag und sonderte ihn ab, denn an ihm hielt Er inne von all Seinem Werk, das G-tt erschaffen hat, es fortzugestalten.\u201c (I.BM 2, 1-3), &#8211; und deshalb wird auch nach dem weltweiten Schabbat am Tag des Herrn wieder eine neue, gewiss interessante Welt beginnen, solange es Leben auf dieser Erde geben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was geschieht eigentlich am Schabbat, wenn an ihm doch alles ruht? Dr. Michael Rosenkranz erkl\u00e4rt den Schabbat f\u00fcr Nichtjuden und Juden.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":743,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[58,94,2],"tags":[152],"class_list":["post-739","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interreligioeses","category-judentum-erklaert","category-schabbat","tag-schabbat"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/tal_shbbtkerzen.jpg?fit=100%2C100&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=739"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10408,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/739\/revisions\/10408"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}