{"id":7515,"date":"2021-05-24T17:23:48","date_gmt":"2021-05-24T15:23:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=7515"},"modified":"2023-03-24T09:31:25","modified_gmt":"2023-03-24T07:31:25","slug":"konfrontation-von-rabbiner-joseph-ber-soloveitchik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/konfrontation-von-rabbiner-joseph-ber-soloveitchik\/","title":{"rendered":"Konfrontation \u2013 von Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Rabbiner Joseph Soloveitchiks Artikel (aus dem Jahr 1964) befasst sich mit dem christlich-j\u00fcdischen Dialog und diskutiert hierf\u00fcr mehrere Themen: die Inkommensurabilit\u00e4t religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen, die Risiken eines Interreligi\u00f6sen Dialogs f\u00fcr die j\u00fcdische Minderheit und die Gefahren von Synkretismus. Mit Gedanken \u00fcber die Zukunft des christlich\u2013j\u00fcdischen Dialogs endet der Artikel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die \u00dcbersetzung stammt von Konstantin Silov<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br><em>Rabbiner<\/em> <em>Joseph B. Soloveitchik<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"i\">I<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section\">1.<\/h3>\n\n\n\n<p>Der biblische Bericht von der Erschaffung des Menschen stellt ihn auf drei aufsteigenden Ebenen dar.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der ersten Ebene erscheint er als schlichtes, nat\u00fcrliches Wesen. Er ist sich weder seiner einzigartigen Stellung im Kosmos bewusst, noch wird er vom Bewusstsein seiner paradoxen F\u00e4higkeit belastet, gleichzeitig frei und gehorsam, sch\u00f6pferisch bis zur Selbsttranszendenz, und doch auf eine an Selbstverleugnung grenzende Weise unterw\u00fcrfig zu sein. In diesem Stadium reagiert dieser <em>nat\u00fcrliche Mensch<\/em> weder auf Anweisungen von au\u00dfen noch auf das \u201eSollen&#8220; von innen \u2013 den inneren Ruf seines Mensch-Seins, der aufsteigt <em>de profundis<\/em> \u2013 <em>mi-ma\u2019amakim.<\/em><a href=\"#fn1\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref1\" role=\"doc-noteref\"><sup>1<\/sup><\/a> Denn die Norm, sei es von innen oder von au\u00dfen, spricht nur den Menschen an, der f\u00fcr seine eigene Unstimmigkeit und sein tragisches Dilemma empf\u00e4nglich ist. Der illusorische Frohsinn des nat\u00fcrlichen Menschen steht zwischen ihm und der Norm. Dieser nat\u00fcrliche Mensch, der sich der Spannung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt, deren integraler Teil er ist, nicht bewusst ist, hat kein Bed\u00fcrfnis danach, ein normatives Leben zu f\u00fchren und in der Hingabe an einen h\u00f6heren moralischen Willen Erl\u00f6sung zu finden. Seine Existenz ist ungebunden, harmonisch mit der allgemeinen Ordnung der Dinge und Ereignisse verschmolzen. Er ist eins mit der Natur, bewegt sich mit dem Vieh und den V\u00f6geln des Feldes geradlinig vorw\u00e4rts, auf einer ungebrochenen Linie mechanischer Lebensaktivit\u00e4ten, dreht sich niemals um, blickt nie zur\u00fcck, und f\u00fchrt ein Dasein, das weder mit Widerspr\u00fcchen belastet, noch durch Paradoxien verwirrt, noch von Schrecken getr\u00fcbt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"hetext\"><span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b0\u05db\u05b9\u05dc \u05e9\u05b4\u05c2\u05d9\u05d7\u05b7 \u05d4\u05b7\u05e9\u05b8\u05bc\u05c2\u05d3\u05b6\u05d4 \u05d8\u05b6\u05e8\u05b6\u05dd \u05d9\u05b4\u05d4\u05b0\u05d9\u05b6\u05d4 \u05d1\u05b8\u05d0\u05b8\u05e8\u05b6\u05e5, \u05d5\u05b0\u05db\u05b8\u05dc \u05e2\u05b5\u05e9\u05b6\u05c2\u05d1 \u05d4\u05b7\u05e9\u05b8\u05bc\u05c2\u05d3\u05b6\u05d4 \u05d8\u05b6\u05e8\u05b6\u05dd \u05d9\u05b4\u05e6\u05b0\u05de\u05b8\u05d7&#8230; \u05d5\u05b0\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd \u05d0\u05b7\u05d9\u05b4\u05df, \u05dc\u05b7\u05e2\u05b2\u05d1\u05b9\u05d3 \u05d0\u05b6\u05ea \u05d4\u05b8\u05d0\u05b2\u05d3\u05b8\u05de\u05b8\u05d4. \u05d5\u05b0\u05d0\u05b5\u05d3 \u05d9\u05b7\u05e2\u05b2\u05dc\u05b6\u05d4 \u05de\u05b4\u05df \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05e8\u05b6\u05e5, \u05d5\u05b0\u05d4\u05b4\u05e9\u05b0\u05c1\u05e7\u05b8\u05d4 \u05d0\u05b6\u05ea \u05db\u05b8\u05bc\u05dc \u05e4\u05b0\u05bc\u05e0\u05b5\u05d9 \u05d4\u05b8\u05d0\u05b2\u05d3\u05b8\u05de\u05b8\u05d4. &nbsp;\u05d5\u05b7\u05d9\u05b4\u05bc\u05d9\u05e6\u05b6\u05e8 \u05d4<\/span><span dir=\"rtl\">&#8218; \u05d0&#8216; \u05d0\u05b6\u05ea \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd, \u05e2\u05b8\u05e4\u05b8\u05e8 \u05de\u05b4\u05df \u05d4\u05b8\u05d0\u05b2\u05d3\u05b8\u05de\u05b8\u05d4, \u05d5\u05b7\u05d9\u05b4\u05bc\u05e4\u05b7\u05bc\u05d7 \u05d1\u05b0\u05bc\u05d0\u05b7\u05e4\u05b8\u05bc\u05d9\u05d5 \u05e0\u05b4\u05e9\u05b0\u05c1\u05de\u05b7\u05ea \u05d7\u05b7\u05d9\u05b4\u05bc\u05d9\u05dd; \u05d5\u05b7\u05d9\u05b0\u05d4\u05b4\u05d9 \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd \u05dc\u05b0\u05e0\u05b6\u05e4\u05b6\u05e9\u05c1 \u05d7\u05b7\u05d9\u05b8\u05bc\u05d4.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd alles Gew\u00e4chs des Feldes war noch nicht auf der Erde, und alles Kraut des Feldes war noch nicht hervorgesprossen, (\u2026) und kein Mensch war da, den Erdboden zu bebauen.&nbsp;Ein Dunst aber stieg auf von der Erde und tr\u00e4nkte die ganze Fl\u00e4che des Bodens.&nbsp;Da bildete HaSchem, G-tt, den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies in seine Nase Hauch des Lebens, und es wurde der Mensch zu einer lebenden Seele.&#8220; (Genesis 2.5-7)<a href=\"#fn2\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref2\" role=\"doc-noteref\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch, der aus dem Staub des Erdbodens erschaffen, in einen aus dem Urwald aufsteigenden Dunst eingeh\u00fcllt, durch biologische Unmittelbarkeit und mechanische Notwendigkeit bedingt wurde, kennt keine Verantwortung, keinen Widerstand, keinen Zwiespalt und keine Furcht; somit ist er der Last des Menschseins ledig.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz, dieser Mensch ist ein konfrontationsloses Wesen. Weder wei\u00df er von seiner Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr etwas, was au\u00dferhalb seiner selbst liegt, noch ist er sich seiner existenziellen Andersartigkeit bewusst als ein Wesen, das von seinem Sch\u00f6pfer dazu berufen ist, sich zu tragischer Gr\u00f6\u00dfe zu erheben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section-1\">2.<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn ich vom Menschen auf der Ebene der Nat\u00fcrlichkeit spreche, so denke ich nicht an den <em>Urmenschen<\/em> vergangener Zeiten, sondern an den modernen Menschen. Ich rede nicht in anthropologischen, sondern in typologischen Kategorien. Denn der konfrontationslose Mensch ist nicht nur in der H\u00f6hle oder im Urwald zu finden, sondern auch an den St\u00e4tten des Lernens, in den S\u00e4len von Philosophen und K\u00fcnstlern. Konfrontationslosigkeit ist nicht nur auf primitive Existenz beschr\u00e4nkt, sondern gilt f\u00fcr jede menschliche Existenz zu allen Zeiten, so kultiviert und fortgeschritten sie auch sein mag. Der am Genuss (<em>H\u00eadon\u00e9<\/em>) orientierte, egozentrische Mensch, der Sch\u00f6nheitsanbeter, der ausschlie\u00dflich sinnlichen G\u00fctern verpflichtet ist und ungebundenes \u00e4sthetisches Erleben begehrt; der L\u00fcstling, der neue Bed\u00fcrfnisse erfindet, um sich die M\u00f6glichkeit st\u00e4ndiger Befriedigung zu verschaffen; der Schlemmer, der st\u00e4ndig neue Bereiche entdeckt, wo er dem Genuss nachjagen, Gl\u00fcck finden und verlieren kann &#8211; sie alle f\u00fchren eine konfrontationslose Existenz. Auf dieser Stufe ist intellektuelles Gebaren nicht das endg\u00fcltige Ziel, sondern Mittel zum Zweck \u2013 die Erlangung grenzenloser \u00e4sthetischer Erfahrung. Daher ist der konfrontationslose Mensch nicht im Stande, sich selbst zu finden und seine Existenz als eigenst\u00e4ndig und einzigartig abzugrenzen. Er verkennt seine bedeutsame F\u00e4higkeit, Freiheit von einer unver\u00e4nderlichen nat\u00fcrlichen Ordnung zu gewinnen, und eben diese Freiheit als das bedeutsame Opfer f\u00fcr G-tt darzubringen, dessen Wille es ist, dass der Mensch frei sei, auf dass er sich vorbehaltlos hingebe und auf seine Freiheit verzichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee unkultivierter, aber unwiderstehlicher Sch\u00f6nheit, die den Menschen verf\u00fchrt und zu Fall bringt, erscheint auf der biblischen B\u00fchne zum ersten Mal in der Gestalt von Naamah (\u201edie Liebliche&#8220;), der Schwester Tubal-Kains. So besagt ein Midrasch, den Nachmanides in seinem Kommentar zu Gen.&nbsp;4,22 zitiert:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"hetext\"><span dir=\"rtl\">\u05d5\u05de\u05d3\u05e8\u05e9 \u05d0\u05d7\u05e8 \u05dc\u05e8\u05d1\u05d5\u05ea\u05d9\u05e0\u05d5 \u05e9\u05d4\u05d9\u05d0 \u05d4\u05d0\u05e9\u05d4 \u05d4\u05d9\u05e4\u05d4 \u05d4\u05d9\u05d0 \u05de\u05d0\u05d3 \u05e9\u05de\u05de\u05e0\u05d4 \u05ea\u05e2\u05d5 \u05d1\u05e0\u05d9 \u05d4\u05d0\u05dc\u05d4\u05d9\u05dd \u05d5\u05d4\u05d9\u05d0 \u05d4\u05e0\u05e8\u05de\u05d6\u05ea \u05d1\u05e4\u05e1\u05d5\u05e7 \u05d5\u05d9\u05e8\u05d0\u05d5 \u05d1\u05e0\u05d9 \u05d4\u05d0\u05dc\u05d4\u05d9\u05dd \u05d0\u05ea \u05d1\u05e0\u05d5\u05ea \u05d4\u05d0\u05d3\u05dd<\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnsere Weisen boten eine weitere Auslegung, wonach Naamah die sch\u00f6nste aller Frauen war, welche die S\u00f6hne der M\u00e4chtigen verf\u00fchrte, und auf sie bezieht sich der Vers \u201ada sahen die S\u00f6hne der M\u00e4chtigen die T\u00f6chter der Menschen, dass sie sch\u00f6n waren\u2019 [Gen 6,2].&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre verf\u00fchrerischen Reize zogen die \u201eS\u00f6hne der M\u00e4chtigen&#8220; in ihren Bann und f\u00fchrten zu deren erschreckender Missachtung der zentralen g\u00f6ttlichen Norm, die dem Menschen untersagt, nach dem Faszinierenden und Sch\u00f6nen zu greifen, das ihm nicht geh\u00f6rt. Die S\u00f6hne der M\u00e4chtigen ergaben sich dem hedonistischen Trieb und verloren die Kontrolle \u00fcber ihr Tun. Sie waren eine Gruppe ohne Konfrontation und ohne Norm. Sie verehrten die Sch\u00f6nheit und erlagen ihrer \u00fcberw\u00e4ltigenden Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Naamah, die Verk\u00f6rperung ungeheiligter und ungel\u00e4uterter Sch\u00f6nheit, ist f\u00fcr den Midrasch weniger ein Individuum als vielmehr eine Idee, nicht nur eine reale Figur, sondern ein Symbol unerl\u00f6ster Sch\u00f6nheit. Als solches erscheint sie im biblischen Drama in zahlreichen Verkleidungen: ein Mal hei\u00dft sie Delilah und verf\u00fchrt Samson; ein anderes Mal hei\u00dft sie Tamar und verf\u00fchrt einen Prinzen. Sie tritt als Prinzessin oder K\u00f6nigin auf und richtet uns\u00e4glichen Schaden an in einer heiligen Nation und einem K\u00f6nigreich von Priestern, dessen K\u00f6nig, der weiseste aller Menschen, seine Weisheit durch die Begegnung mit \u00fcberw\u00e4ltigender Sch\u00f6nheit einb\u00fc\u00dfte. Das Buch der Weisheit (Spr\u00fcche) beschreibt sie als die anonyme Frau mit dem \u201eunversch\u00e4mten Gesicht&#8220; die \u201ean jeder Ecke auf der Lauer liegt&#8220;, und die Aggadah \u2013 auch hier von Nachmanides zitiert \u2013 schildert sie als die sch\u00f6ne K\u00f6nigin der D\u00e4monen, die den Menschen in Versuchung f\u00fchrt und um seine Ruhe bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weniger als ihre Verf\u00fchrerin stellen auch die S\u00f6hne der M\u00e4chtigen einen universalen Typus dar. Der konfrontationslose Mensch \u2013 mag er ein primitiver H\u00f6hlenmensch, der in <em>Ecclesiastes<\/em> dargestellte K\u00f6nig oder ein modernes Gegenst\u00fcck sein \u2013 wird von zwei Eigenschaften beherrscht: Er kann sich selbst nichts verweigern, und er wei\u00df weder um den un\u00fcberwindlichen Widerstand, den er als Einschr\u00e4nkungen von Au\u00dferhalb zu erwarten hat, noch um die Absurdit\u00e4t des menschlichen Glaubens an das Sch\u00f6ne als Ursprung von Freude statt einer Quelle von Frustration und Desillusion. Der \u00c4sthet von heute wie der \u00c4sthet von einst ist der Gefangene einer a-moralischen Sch\u00f6nheit, deren angeborene Unmittelbarkeit ungez\u00e4hmt geblieben ist \u2013 wie immer sie hei\u00dfen mag. Er genie\u00dft ein Gef\u00fchl der Einheit mit dem nat\u00fcrlichen Lauf der Dinge und Geschehnisse, und sein vor\u00fcbergehender Erfolg ermutigt ihn, nach dem Absurden zu streben \u2013 einem unbehinderten und unwidersprochenen hedonistischen <em>modus existentiae<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"hetext\"><span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b7\u05d9\u05b4\u05bc\u05d8\u05b7\u05bc\u05e2 \u05d4&#8216; \u05d0&#8216; \u05d2\u05b7\u05bc\u05df \u05d1\u05b0\u05bc\u05e2\u05b5\u05d3\u05b6\u05df \u05de\u05b4\u05e7\u05b6\u05bc\u05d3\u05b6\u05dd; \u05d5\u05b7\u05d9\u05b8\u05bc\u05e9\u05b6\u05c2\u05dd \u05e9\u05b8\u05c1\u05dd \u05d0\u05b6\u05ea \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd \u05d0\u05b2\u05e9\u05b6\u05c1\u05e8 \u05d9\u05b8\u05e6\u05b8\u05e8. \u05d5\u05b7\u05d9\u05b7\u05bc\u05e6\u05b0\u05de\u05b7\u05d7 \u05d4&#8216; \u05d0&#8216; \u05de\u05b4\u05df \u05d4\u05b8\u05d0\u05b2\u05d3\u05b8\u05de\u05b8\u05d4 \u05db\u05b8\u05bc\u05dc \u05e2\u05b5\u05e5 \u05e0\u05b6\u05d7\u05b0\u05de\u05b8\u05d3 \u05dc\u05b0\u05de\u05b7\u05e8\u05b0\u05d0\u05b6\u05d4, \u05d5\u05b0\u05d8\u05d5\u05b9\u05d1 \u05dc\u05b0\u05de\u05b7\u05d0\u05b2\u05db\u05b8\u05dc \u05d5\u05b0\u05e2\u05b5\u05e5 \u05d4\u05b7\u05d7\u05b7\u05d9\u05b4\u05bc\u05d9\u05dd \u05d1\u05b0\u05bc\u05ea\u05d5\u05b9\u05da\u05b0 \u05d4\u05b7\u05d2\u05b8\u05bc\u05df, \u05d5\u05b0\u05e2\u05b5\u05e5 \u05d4\u05b7\u05d3\u05b7\u05bc\u05e2\u05b7\u05ea \u05d8\u05d5\u05b9\u05d1 \u05d5\u05b8\u05e8\u05b8\u05e2<\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd es pflanzte HaSchem, G-tt, einen Garten in Eden nach Morgen hin, und tat dahin den Menschen, den er gebildet.&nbsp;Und es lie\u00df hervorsprie\u00dfen HaSchem, G-tt, aus dem Erdboden alle B\u00e4ume, lieblich zum Ansehen und gut zum Essen; und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis von Gut und B\u00f6se.&#8220; (Genesis 2,8-9)<a href=\"#fn3\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref3\" role=\"doc-noteref\"><sup>3<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der in diesen Versen dargestellte Mensch ist hedonistisch orientiert und vergn\u00fcgungss\u00fcchtig, wobei ihm eine F\u00fclle von M\u00f6glichkeiten sinnlicher Befriedigung zur Verf\u00fcgung steht. Vor ihm erstreckt sich ein riesiger Garten mit einer schier endlosen Auswahl an begehrenswerten guten B\u00e4umen, die ihn verlocken, faszinieren, und seine ungebundene Fantasie mit ihren glanzvollen Farben anregen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section-2\">3.<\/h3>\n\n\n\n<p>Auf der zweiten Ebene h\u00e4lt der nat\u00fcrliche Mensch auf seinem geradlinigen Weg pl\u00f6tzlich an, dreht sich um und wirft von au\u00dfen einen nachdenklichen Blick auf seine Umgebung. Selbst der z\u00fcgelloseste Hedonist erf\u00e4hrt, wie Kohelets K\u00f6nig, eine Ern\u00fcchterung und findet sich mit etwas konfrontiert, das etwas ganz anderes ist als er selbst, einem \u201eAu\u00dferhalb\u201c, das ihm entgegensteht und ihn herausfordert. In genau diesem Augenblick geschieht die Scheidung des Menschen von kosmischer Unmittelbarkeit, von der Einheitlichkeit und Einfachheit, die er mit der Natur gemeinsam hatte. Er entdeckt einen furchterregenden und mysteri\u00f6sen Bereich von Dingen und Ereignissen, der von ihm unabh\u00e4ngig und ihm widerspenstig ist, eine objektive Ordnung, welche die Aus\u00fcbung seiner Macht beschr\u00e4nkt und ihm Widerstand bietet. Infolge dieser Entdeckung entdeckt der Mensch sich selbst. Sobald diese Selbstentdeckung vollbracht und ein neues Ich-Bewusstsein einer Existenz entstanden ist, die durch ein Nicht-Ich von au\u00dfen auf Schranken und Widerst\u00e4nde st\u00f6\u00dft \u2013 in diesem Moment wird etwas Neues geboren: n\u00e4mlich die g\u00f6ttliche Norm. <span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b7\u05d9\u05b0\u05e6\u05b7\u05d5 \u05d4&#8216; \u05d0&#8216; \u05e2\u05b7\u05dc \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd \u05dc\u05b5\u05d0\u05de\u05b9\u05e8<\/span> \u2013 \u201eUnd es gebot HaSchem,<br>\nG-tt, dem Menschen also\u201d.<a href=\"#fn4\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref4\" role=\"doc-noteref\"><sup>4<\/sup><\/a> Mit der Entstehung der Norm wird sich der Mensch seiner einzigartigen Existenz bewusst, die sich in der zwief\u00e4ltigen Erfahrung ausdr\u00fcckt, unfrei, eingeschr\u00e4nkt, unvollkommen und unerl\u00f6st zu sein, und gleichzeitig potenziell m\u00e4chtig, gro\u00df, erhaben, einzigartig begabt und f\u00e4hig, sich in Erwiderung auf die moralische Herausforderung durch G-tt weit \u00fcber seine Umwelt zu erheben. Nachdem er von G-tt erfahren hat, dass er nicht nur ein gebundener, sondern auch ein freier Mensch ist, bef\u00e4higt, seiner Verpflichtung nachzukommen, erlangt der Mensch seine einzigartige Identit\u00e4t; er begreift die Unvereinbarkeit dessen, was er ist, mit dem, was er sein soll: von <em>va-yehi<\/em> (\u201aes ward\u2019) mit <em>yehi<\/em> (\u201aes werde\u2019).<\/p>\n\n\n\n<p>Als Antwort auf Moses Frage nach Seinem Namen nannte sich G-tt <em>Ehiyeh ascher Ehiyeh<\/em> \u2013 Ich bin der, der Ich bin. G-tt unterliegt nicht dem Widerspruch zwischen Potenzial und Wirklichkeit, zwischen Ideal und Realit\u00e4t. Er ist reine Wirklichkeit, <em>die<\/em> Existenz schlechthin \u2013 <em>par excellence<\/em>.<a href=\"#fn5\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref5\" role=\"doc-noteref\"><sup>5<\/sup><\/a> Dem Menschen dagegen ist es unm\u00f6glich, von sich selbst zu sagen, er sei <em>ehiyeh ascher ehiyeh<\/em>, weil seine reale Existenz stets hinter dem Ideal zur\u00fcckbleibt, das sein Sch\u00f6pfer ihm als das gro\u00dfe Ziel gesetzt hat. Diese tragische Gespaltenheit spiegelt auf paradoxe Weise menschliche Gr\u00f6\u00dfe und Besonderheit wider.<\/p>\n\n\n\n<p>Das tragische Schicksal des Menschen beginnt, sich gleichzeitig mit der Erkenntnis seiner inneren Unstimmigkeit und seiner v\u00f6lligen Entfremdung von seiner Umwelt zu entfalten. Bei seiner Begegnung mit einer objektiven Welt und durch \u00dcbernahme der Rolle eines Subjekts, das bisher einfache Dinge in Frage stellt, gibt der Mensch das Gef\u00fchl friedlicher Sorglosigkeit auf. Er ist nicht mehr gl\u00fccklich. Er beginnt, seine Stellung in dieser Welt zu \u00fcberpr\u00fcfen, und findet sich pl\u00f6tzlich durch Verwirrung, Furcht und vor allem Einsamkeit angefochten. <span dir=\"rtl\">\u05d5\u05d9\u05d0\u05de\u05e8 \u05d4&#8216;<\/span> <span dir=\"rtl\">\u05d0&#8216;, \u05dc\u05d0 \u05d8\u05d5\u05d1 \u05d4\u05d9\u05d5\u05ea \u05d4\u05d0\u05d3\u05dd \u05dc\u05d1\u05d3\u05d5<\/span> \u2013 \u201eUnd es sprach HaSchem, G-tt: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei\u201c.<a href=\"#fn6\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref6\" role=\"doc-noteref\"><sup>6<\/sup><\/a> Die Ich-Erfahrung ist schmerzhaft. Der wahre Mensch wird aus den Schmerzen der Konfrontation mit einer \u201eb\u00f6swilligen\u201d Umgebung geboren, der er bis dahin als integraler Bestandteil angeh\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der so konfrontierte Mensch ist nun aufgerufen, eine von zwei M\u00f6glichkeiten zu w\u00e4hlen:<br>\n1) Eine aktive Rolle als Subjekt und Wissender zu spielen, indem er seine gr\u00f6\u00dfte Begabung, den Intellekt, verwendet und so versucht, die Vorherrschaft \u00fcber die objektive Ordnung zu erlangen. Dieses Vorgehen ist jedoch mit Schwierigkeiten verbunden, da Wissen nur durch Konflikt erworben wird und intellektuelles Handeln ein Akt von Eroberung ist.<a href=\"#fn7\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref7\" role=\"doc-noteref\"><sup>7<\/sup><\/a> Die Ordnung der Dinge und Ereignisse reagiert, trotz der ihr innewohnenden Erfassbarkeit und Rationalit\u00e4t, nicht immer auf menschliche Nachfrage, und weist nicht selten jedes Flehen um eine kooperative Beziehung zur\u00fcck. Das erkennende Subjekt muss mit dem erkennbaren Objekt ringen, es sich unterwerfen und ihm seine kognitiven Inhalte entrei\u00dfen.<a href=\"#fn8\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref8\" role=\"doc-noteref\"><sup>8<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>2) Der Mensch k\u00f6nnte auch aufgeben, sich dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Druck der objektiven Au\u00dfenwelt unterwerfen und in stummer Resignation enden. Damit w\u00fcrde er jedoch die Erf\u00fcllung seiner Pflicht als ein mit Intellekt begabtes Wesen vers\u00e4umen, und ein intelligentes Dasein in einen absurden Albtraum aufl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich hat die Tora dem Menschen geboten, die erste M\u00f6glichkeit zu w\u00e4hlen und seine Vollmacht als intelligentes Wesen anzuwenden, dessen Aufgabe darin besteht, sich mit der objektiven Ordnung in einen kognitiven Wettstreit einzulassen. Wir haben das Nirvana der Unt\u00e4tigkeit immer abgelehnt, weil die Flucht vor Konfrontation einer Bankrotterkl\u00e4rung des Menschen gleichkommt. Als der Mensch der Natur entfremdet war und sich pl\u00f6tzlich allein wiederfand, im Gegen\u00fcber zu allem au\u00dferhalb seiner selbst, brachte G-tt \u201ealles Getier des Feldes und alles Gev\u00f6gel des Himmels, und Er brachte sie zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie nennen w\u00fcrde\u2026 da gab der Mensch Namen allem Vieh und dem Gev\u00f6gel des Himmels und allem Getier des Feldes.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"hetext\"><span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b7\u05d9\u05b4\u05bc\u05e6\u05b6\u05e8 \u05d4&#8216; \u05d0&#8216; \u05de\u05b4\u05df \u05d4\u05b8\u05d0\u05b2\u05d3\u05b8\u05de\u05b8\u05d4 \u05db\u05b8\u05bc\u05dc \u05d7\u05b7\u05d9\u05b7\u05bc\u05ea \u05d4\u05b7\u05e9\u05b8\u05bc\u05c2\u05d3\u05b6\u05d4 \u05d5\u05b0\u05d0\u05b5\u05ea \u05db\u05b8\u05bc\u05dc \u05e2\u05d5\u05b9\u05e3 \u05d4\u05b7\u05e9\u05b8\u05bc\u05c1\u05de\u05b7\u05d9\u05b4\u05dd, \u05d5\u05b7\u05d9\u05b8\u05bc\u05d1\u05b5\u05d0 \u05d0\u05b6\u05dc \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd, \u05dc\u05b4\u05e8\u05b0\u05d0\u05d5\u05b9\u05ea \u05de\u05b7\u05d4-\u05d9\u05b4\u05bc\u05e7\u05b0\u05e8\u05b8\u05d0-\u05dc\u05d5\u05b9&#8230; \u05d5\u05b7\u05d9\u05b4\u05bc\u05e7\u05b0\u05e8\u05b8\u05d0 \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd \u05e9\u05b5\u05c1\u05de\u05d5\u05b9\u05ea \u05dc\u05b0\u05db\u05b8\u05dc \u05d4\u05b7\u05d1\u05b0\u05bc\u05d4\u05b5\u05de\u05b8\u05d4 \u05d5\u05bc\u05dc\u05b0\u05e2\u05d5\u05b9\u05e3 \u05d4\u05b7\u05e9\u05b8\u05bc\u05c1\u05de\u05b7\u05d9\u05b4\u05dd, \u05d5\u05bc\u05dc\u05b0\u05db\u05b9\u05dc \u05d7\u05b7\u05d9\u05b7\u05bc\u05ea \u05d4\u05b7\u05e9\u05b8\u05bc\u05c2\u05d3\u05b6\u05d4<\/span>.<a href=\"#fn9\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref9\" role=\"doc-noteref\"><sup>9<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch ging nicht mehr im gleichen Trott wie die Tiere in Feld und Wald. Er machte eine Kehrtwende und trat ihnen gegen\u00fcber als intelligentes Wesen, von ihnen distanziert und darauf begierig, sie zu untersuchen und zu klassifizieren. G-tt ermutigte ihn, die wundersamste aller menschlichen T\u00e4tigkeiten auszuf\u00fchren \u2013 die kognitive. Der so konfrontierte Adam ging darauf ein, denn er hatte bereits verstanden, dass er kein Bestandteil der Natur mehr war, sondern ein Au\u00dfenstehender, ein einzigartiges Wesen, mit Verstand begabt. In dieser neuen Rolle wurde er sich seiner Einsamkeit und seiner Isolation von der gesamten Sch\u00f6pfung bewusst. <span dir=\"rtl\">\u05d5\u05bc\u05dc\u05b0\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd \u05dc\u05b9\u05d0 \u05de\u05b8\u05e6\u05b8\u05d0 \u05e2\u05b5\u05d6\u05b6\u05e8 \u05db\u05b0\u05bc\u05e0\u05b6\u05d2\u05b0\u05d3\u05bc\u05d5\u05b9<\/span> . \u201eAber f\u00fcr den Menschen fand [G-tt] keine Gehilfin, als sein Gegen\u00fcber.&#8220;<a href=\"#fn10\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref10\" role=\"doc-noteref\"><sup>10<\/sup><\/a> Als einsames Wesen entdeckte Adam seine au\u00dferordentliche F\u00e4higkeit, der nicht-menschlichen Ordnung entgegenzutreten und sie zu beherrschen.<a href=\"#fn11\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref11\" role=\"doc-noteref\"><sup>11<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section-3\">4.<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach der Beschreibung der vier Str\u00f6me, die aus dem Garten Eden entspringen, bietet uns das Buch Genesis einen neuen Bericht von der Einsetzung Adams in diesen Garten.<\/p>\n\n\n\n<p><span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b7\u05d9\u05b4\u05bc\u05e7\u05b7\u05bc\u05d7 \u05d4&#8216; \u05d0&#8216; \u05d0\u05b6\u05ea \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd; \u05d5\u05b7\u05d9\u05b7\u05bc\u05e0\u05b4\u05bc\u05d7\u05b5\u05d4\u05d5\u05bc \u05d1\u05b0\u05d2\u05b7\u05df \u05e2\u05b5\u05d3\u05b6\u05df, \u05dc\u05b0\u05e2\u05b8\u05d1\u05b0\u05d3\u05b8\u05d4\u05bc \u05d5\u05bc\u05dc\u05b0\u05e9\u05b8\u05c1\u05de\u05b0\u05e8\u05b8\u05d4\u05bc<\/span>. \u201eUnd es nahm HaSchem, G-tt, den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bauen und zu erhalten.&#8220; Dieser Vers (Genesis 2,15) ist eine fast w\u00f6rtliche Wiederholung von Gen.&nbsp;2,8, aber die Berichte unterscheiden sich in zwei Punkten.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens benutzt die Schrift in der zweiten Version ein Verb, das eine Handlung vor der Einsetzung des Menschen in den Garten anzeigt \u2013 \u201eund G-tt <em>nahm<\/em> (<em>va-yikach<\/em>) den Menschen und setzte ihn&#8220; \u2013 wohingegen in der ersten Version das Verb \u201eer setzte&#8220;, <em>va-yassem<\/em>, von keiner vorbereitenden Handlung des Allm\u00e4chtigen begleitet wird. Der Ausdruck <em>va-yikach<\/em> kommt in der ersten Version nicht vor. Zweitens wird in der ersten Version keinerlei Auftrag an den Menschen erw\u00e4hnt, w\u00e4hrend die zweite Version erl\u00e4utert, dass der Mensch beauftragt wurde, den Garten zu pflegen und zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Grund f\u00fcr diese Unterschiede liegt darin, dass die zwei Versionen sich auf zwei verschiedene Menschen beziehen. Die erste Erz\u00e4hlung handelt, wie wir bereits angedeutet haben, vom konfrontationslosen Menschen, der sich von der m\u00e4chtigen Flut eines einheitlichen, schlichten, unreflektierten Lebens tragen l\u00e4sst und der nur aus einem Grund in den Garten Eden gesetzt wurde: seinem Vergn\u00fcgen nachzugehen, ohne Anstrengung die Frucht der B\u00e4ume zu genie\u00dfen, ohne Wissen um seine menschliche Bestimmung zu leben, auf kein Problem zu sto\u00dfen und mit keinerlei Verpflichtung behelligt zu werden. Wie schon erw\u00e4hnt, ist der konfrontationslose Mensch ein Wesen ohne Normen. Die zweite Geschichte handelt vom konfrontierten Menschen, der begonnen hat, seine Stellung gegen\u00fcber seiner Umwelt kritisch zu hinterfragen, und festgestellt hat, dass seine existenzielle Erfahrung zu komplex ist, um mit der Einfachheit und Richtungslosigkeit des nat\u00fcrlichen Lebensstromes gleichgesetzt zu werden. Dieser Mensch, der als erkennendes Subjekt einer fast undurchdringlichen objektiven Ordnung gegen\u00fcbersteht, war von G-tt aus der Position eines nat\u00fcrlichen und harmonischen Seins entfernt und in einen neuen existenziellen Bereich versetzt worden: in die konfrontierte Existenz. Der konfrontierte Mensch ist ein Entwurzelter. Nachdem er sich nicht mehr in einem behaglichen Zustand von optimistischer Unbefangenheit befindet, endet f\u00fcr ihn die intime Beziehung mit der tats\u00e4chlichen Ordnung in Spannung und Konflikt. Das Verb <em>va-yikach<\/em> besagt, dass G-tt den Menschen aus einer Dimension entfernt und ihn in eine andere katapultiert hat \u2013 in die konfrontierte Existenz. An diesem Punkt, als der Mensch der Natur entfremdet und sich seines bedeutsamen und tragischen Schicksals voll bewusst geworden war, wurde er zum Empf\u00e4nger der ersten Norm &#8211; <span dir=\"rtl\">\u05d5\u05d9\u05e6\u05d5 \u05d4&#8216; \u05d0&#8216; \u05e2\u05dc \u05d4\u05d0\u05d3\u05dd<\/span> \u2013 \u201eUnd es gebot HaSchem, G-tt, dem Menschen also&#8220;. Der g\u00f6ttliche Auftrag brach aus der Unendlichkeit hervor und \u00fcberw\u00e4ltigte den endlichen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings kommt der schaffende Mensch den normativen Forderungen G-ttes, die den inneren Kern seines neuen existenziellen Status als konfrontiertes Wesen ausmachen, nicht immer bereitwillig nach. Allzu oft ist die treibende Kraft des kreativen Menschen nicht der ihm anvertraute g\u00f6ttliche Auftrag, den er auf der kognitiven wie auf der normativen Ebene vollst\u00e4ndig erf\u00fcllen soll, sondern ein d\u00e4monischer Drang nach Macht. Durch unvollst\u00e4ndige Ausf\u00fchrung seiner Aufgabe f\u00e4llt der moderne Mensch zur\u00fcck in eine konfrontationslose, nat\u00fcrliche Existenz, die von normativem Druck nichts wissen will. Das Scheitern des konfrontierten Menschen, seiner Rolle ganz gerecht zu werden, liegt daran, dass kognitives Handeln dem Menschen zwar das Gef\u00fchl von F\u00e4higkeit und Erfolg verleiht, normatives Handeln dagegen vom Menschen Unterwerfung verlangt.<a href=\"#fn12\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref12\" role=\"doc-noteref\"><sup>12<\/sup><\/a> An dieser Schaltstelle begeht der moderne Mensch denselben Fehler wie sein Urvater Adam: er neigt sein Ohr der d\u00e4monischen Einfl\u00fcsterung \u201eIhr werdet sein wie G-tt, Gut und B\u00f6se erkennen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section-4\">5.<\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt allerdings noch eine dritte Ebene, die der Mensch erklimmen muss, wenn er nach Selbstverwirklichung strebt. Auf dieser Ebene findet sich der Mensch von neuem konfrontiert. Nur ist es dieses Mal nicht die Konfrontation eines Subjektes mit einem Objekt, auf das es mit einem Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit herunterschaut. Diesmal sind es zwei gleichwertige Subjekte, beide einsam in ihrer Anders- und Einzigartigkeit, beide von der objektiven Ordnung abgelehnt und zur\u00fcckgesto\u00dfen; beide sehnen sich nach Partnerschaft. Diese Konfrontation ist gegenseitig, nicht einseitig. Diesmal stehen die beiden Konfrontationspartner nebeneinander, wobei jeder die Existenz des anderen anerkennt. Ein abgeschottetes Dasein verwandelt sich in ein gemeinsames.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"hetext\"><span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b7\u05d9\u05b9\u05bc\u05d0\u05de\u05b6\u05e8 \u05d4&#8216; \u05d0&#8216;: \u05dc\u05b9\u05d0 \u05d8\u05d5\u05b9\u05d1 \u05d4\u05b1\u05d9\u05d5\u05b9\u05ea \u05d4\u05b8\u05d0\u05b8\u05d3\u05b8\u05dd \u05dc\u05b0\u05d1\u05b7\u05d3\u05bc\u05d5\u05b9; \u05d0\u05b6\u05e2\u05b1\u05e9\u05b6\u05c2\u05d4 \u05dc\u05bc\u05d5\u05b9 \u05e2\u05b5\u05d6\u05b6\u05e8, \u05db\u05b0\u05bc\u05e0\u05b6\u05d2\u05b0\u05d3\u05bc\u05d5\u05b9<\/span><strong>..<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd es sprach HaSchem, G-tt: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm entgegen (<em>sic<\/em>) eine Gehilfin machen\u2026 Und so baute HaSchem, G-tt, die Rippe, die er von dem Menschen genommen hatte, zu einer Frau, und brachte sie zu dem Menschen.&#8220;<a href=\"#fn13\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref13\" role=\"doc-noteref\"><sup>13<\/sup><\/a> G-tt erschuf Chava (Eva), ein weiteres menschliches Wesen. Zwei Individuen, beide einsam und hilflos in ihrem Alleinsein, treffen sich, und so entstand die erste Gemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinschaft kann jedoch nur durch einen Akt von Kommunikation entstehen. Nachdem sie einander schweigend und herausfordernd angesehen haben, beginnen die zwei Individuen, in ihrer einzigartigen Begegnung miteinander zu kommunizieren. Aus dem Nebel der Stummheit erhebt sich das wundersame Wort und beginnt zu leuchten. Pl\u00f6tzlich beginnt Adam zu sprechen &#8211; <strong><span dir=\"rtl\">\u05d5\u05d9\u05d0\u05de\u05e8 \u05d4\u05d0\u05d3\u05dd<\/span><\/strong>, \u201eUnd der Mensch sprach&#8220;. Er spricht Eva an, und mit dieser einleitenden Bemerkung \u00f6ffnen sich einander zwei abgeschottete, isolierte menschliche Existenzen und beide brechen begeistert zueinander durch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Wort ist ein paradoxes Kommunikationsmittel und enth\u00e4lt einen inneren Widerspruch. Einerseits ist das Wort ein Medium, mit dem Zustimmung und Einverst\u00e4ndnis ausgedr\u00fcckt, Verst\u00e4ndigung erreicht, Zusammenarbeit organisiert und gemeinsames Tun vereinbart wird. Andererseits ist das Wort aber auch das Mittel, mit dem Besonderheit artikuliert, Unvereinbarkeit betont und Getrenntheit unterstrichen wird. Das Wort bringt nicht nur das zum Ausdruck, was zwei Existenzen gemeinsam ist, sondern auch die Eigenheit und Einzigartigkeit jeder einzelnen Existenz. Es betont nicht nur gemeinsame Probleme, Bestrebungen und Belange, sondern auch individuelle, pers\u00f6nliche Fragen, Sorgen und \u00c4ngste, von denen jeder Mensch heimgesucht wird. Unsere Weisen suchten den graphischen Unterschied zwischen dem offenen und dem geschlossenen Buchstaben <em>Mem<\/em> (<strong><span dir=\"rtl\">\u05de\/\u05dd<\/span><\/strong>) zu erhellen, indem sie von <em>Ma\u2019amar satum<\/em> und <em>Ma\u2019amar patuach<\/em> sprachen \u2013 der r\u00e4tselhaften, bzw. klaren oder deutlichen \u00c4u\u00dferung. Sie erfassten die manchmal erleuchtende und manchmal verwirrende Wirkung des Wortes, wie auch dessen Hervorhebung des Unverst\u00e4ndlichen und Unerkennbaren bei anderen Gelegenheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Adam sich an Eva wandte und dabei das Wort als Kommunikationsmittel benutzte, erz\u00e4hlte er ihr sicher nicht nur, was sie vereinte, sondern auch, was sie trennte. Eva erfuhr durch seine Anrede sowohl Aufkl\u00e4rung als auch Verwirrung, Vergewisserung und gleichzeitig Verunsicherung. Schlie\u00dflich bleiben die <em>modi existentiae<\/em> [Existenzweisen] in allen pers\u00f6nlichen Beziehungen wie Ehe, Freundschaft oder Kameradschaft &#8211; so stark die Bindung zwischen zwei Individuen auch sein mag &#8211; v\u00f6llig einzigartig und daher unvereinbar, und zwar auf der ontologischen\/wesenhaften als auch auf der Erfahrungsebene. Die Hoffnung, zwei menschliche Wesen pers\u00f6nlich und existenziell gleichsetzen zu k\u00f6nnen, basiert auf der gef\u00e4hrlichen und verkehrten Vorstellung, menschliche Existenzen seien abstrakte Gr\u00f6\u00dfen, die einfachen mathematischen Prozessen unterliegen. Dieser Irrtum ist die philosophische Grundlage des Gemeinschaftsstaates und der mechanischen Verhaltenssteuerung. Im Gegenteil, je n\u00e4her zwei Individuen einander kennenlernen, desto deutlicher wird ihnen ihr metaphysischer Abstand voneinander bewusst. Jeder Einzelne existiert auf singul\u00e4re Weise, geht v\u00f6llig auf in seiner individuellen Wahrnehmung, die exklusiv und Ich-bezogen ist. Die Sonne der Existenz geht auf, sobald das Selbst-Bewusstsein eines Menschen entsteht, und mit dessen Erl\u00f6schen geht sie unter. Es \u00fcbersteigt den Erfahrungshorizont eines Menschen, sich eine Existenz vorzustellen, die der seinigen vorangeht oder nachfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist paradox und doch wahr, dass jeder Mensch einerseits in einer existenziellen Gemeinschaft umringt von Freunden lebt, und andererseits in einem Zustand existenzieller Einsamkeit und Spannung, konfrontiert mit Fremden. In Jedem, zu dem ich eine menschliche Beziehung unterhalte, finde ich sowohl einen Freund, denn wir haben vieles gemeinsam, als auch einen Fremden, denn jeder von uns ist einzigartig und ganz anders. Dieses Anderssein steht einem vollst\u00e4ndigen gegenseitigen Verst\u00e4ndnis im Weg. Der Abstand der Einzigartigkeit ist zu weit, als dass er sich \u00fcberbr\u00fccken lie\u00dfe. Eigentlich ist es kein Abstand, sondern ein Abgrund. Es kommt nat\u00fcrlich h\u00e4ufig vor, dass sich wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Interessen, die von zwei Individuen verfolgt werden, \u00fcberschneiden. Doch zwei Menschen, die denselben Gegenstand ins Auge fassen, f\u00fchren dabei immer noch ihre isolierte, abgekapselte Existenz. Koordination von Interessen ist kein Rezept f\u00fcr existenzielle Vereinigung. H\u00e4ufig machen wir gemeinsame Sache und sind darauf bedacht, gemeinsame Ziele zu erreichen. Wir gehen zeitweilig auf parallelen Wegen, aber das Ziel unserer Reise ist nicht dasselbe. Wir sind, mit den Worten der Torah, ein <em>eser<\/em> \u2013 einander behilflich, doch gleichzeitig erfahren wir den Zustand von <em>ke-negdo<\/em> \u2013 wir bleiben unterschiedlich und einander entgegengesetzt.<a href=\"#fn14\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref14\" role=\"doc-noteref\"><sup>14<\/sup><\/a> Unser Denken, F\u00fchlen und Reagieren auf Ereignisse ist nicht einheitlich, sondern individuell, jeder auf seine Weise. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das sich nach einem Zusammenleben sehnt, in dem Dienstleistungen ausgetauscht und Erfahrungen geteilt werden. Aber er ist auch ein einsames Gesch\u00f6pf, sch\u00fcchtern und zur\u00fcckhaltend, das den durchdringenden, zynischen Blick seines Nachbarn f\u00fcrchtet. Trotz unserer Geselligkeit und Extrovertiertheit bleiben wir einander fremd. Unsere Gef\u00fchle von Sympathie und Liebe f\u00fcr unser Gegen\u00fcber wurzeln in der \u00e4u\u00dferen Seite der Pers\u00f6nlichkeit. Sie reichen nicht hinab in die innersten Bereiche unserer tieferen Pers\u00f6nlichkeit, die ihre ontologische Verborgenheit nie verl\u00e4sst und sich auf keine gemeinschaftliche Existenz einl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz, die Gr\u00f6\u00dfe des Menschen zeigt sich in seinem dialektischen Zugang zu seinem Gegen\u00fcber, in ambivalentem Verhalten zu seinem N\u00e4chsten, Gew\u00e4hrung von Freundschaft und Entgegensetzen von Widerstand, auf ihn Zugehen und sich von ihm Zur\u00fcckziehen. In dem Zwiespalt von <em>eser<\/em> und <em>ke-negdo<\/em> finden wir sowohl unseren Triumph als auch unsere Niederlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Der moderne Mensch, der schon die Herausforderung der Konfrontation auf der zweiten Ebene nicht vollst\u00e4ndig bew\u00e4ltigt hat, ist auch auf der Ebene der pers\u00f6nlichen Konfrontation nicht sehr erfolgreich. Er hat vergessen, wie man die schwierige dialektische Kunst des <em>eser kenegdo<\/em> meistert \u2013 mit seinem menschlichen Gegen\u00fcber zugleich vereint und von ihm verschieden zu sein, gleichzeitig in Gemeinschaft und Einsamkeit zu leben. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, mit seinem Mitmenschen auf die Art umzugehen, wie sie auf der Ebene der Subjekt-Objekt-Beziehung vorherrscht: Er versucht, ihn zu dominieren und zu unterwerfen, statt sich mit ihm zu verst\u00e4ndigen und gemeinsame Sache zu machen. So wird die wunderbare, pers\u00f6nliche Begegnung zwischen Adam und Eva zu einem h\u00e4sslichen Versuch der Entpers\u00f6nlichung. Der heutige Adam will als Herrscher und Held auftreten und Eva unter seine ideologische, religi\u00f6se, wirtschaftliche oder politische Herrschaft und Kontrolle bringen. Tats\u00e4chlich hat der g\u00f6ttliche Fluch, an Eva nach ihrer S\u00fcnde gerichtet, <span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b0\u05d4\u05d5\u05bc\u05d0 \u05d9\u05b4\u05de\u05b0\u05e9\u05b8\u05c1\u05dc \u05d1\u05b8\u05bc\u05da\u05b0<\/span> \u2013 \u201eund er soll \u00fcber dich herrschen&#8220; in unserer heutigen Gesellschaft seine Verwirklichung gefunden. Die warmherzige pers\u00f6nliche Beziehung zwischen zwei Individuen ist durch eine formale Subjekt-Objekt-Beziehung ersetzt worden, die sich im Streben nach Macht und \u00dcberlegenheit \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"ii\">II<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section-5\">1.<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir Juden sind mit einer zweifachen Aufgabe betraut: Wir m\u00fcssen uns mit dem Problem einer doppelten Konfrontation auseinandersetzen. Wir begreifen uns als Menschen, die Adams Schicksal bei seiner allgemeinen Begegnung mit der Natur teilen, sowie als Mitglieder einer Bundesgemeinschaft, die ihre Identit\u00e4t unter den widrigsten Bedingungen bewahrt hat und sich mit einer anderen Glaubensgemeinschaft konfrontiert sieht. Wir glauben, dass wir die Tr\u00e4ger einer doppelten charismatischen Last sind: der W\u00fcrde des Menschen und der Heiligkeit der Bundesgemeinschaft. In dieser schwierigen Rolle sind wir berufen von G-tt \u2013 der sich sowohl auf der Ebene universeller Sch\u00f6pfung als auch auf der des pers\u00f6nlichen Bundes offenbart hat &#8211; uns einer doppelten Konfrontation zu stellen: der universal menschlichen und der exklusiven des Bundes.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sein Vorvater Jakob \u2013 dessen erbitterter n\u00e4chtlicher Kampf mit einem mysteri\u00f6sen Gegner in der Bibel so dramatisch geschildert wird \u2013 war der Jude von einst ein doppelt konfrontiertes Wesen. Der moderne, emanzipierte Jude versucht allerdings schon seit geraumer Zeit, sich der schweren Last dieser zweifachen Verantwortung zu entledigen. Der Jude der westlichen Welt geht davon aus, es sei unm\u00f6glich, beide Konfrontationen auf sich zu nehmen; die universale und die Bundesverpflichtung seien miteinander unvereinbar. Es sei absurd, meint er, an der Seite der Menschheit zu stehen, wenn diese sich kognitiv und technisch um das allgemeine Wohl bem\u00fcht, und so die uns vom Sch\u00f6pfer verliehene Aufgabe zu erf\u00fcllen, und in der n\u00e4chsten Minute eine Kehrtwendung zu vollziehen, um die Angeh\u00f6rigen unserer eigenen Sondergemeinschaft zu konfrontieren. Deshalb, so folgert der westliche Jude, m\u00fcssten wir uns zwischen diesen beiden Begegnungen entscheiden. Wir sind entweder konfrontierte Menschen oder konfrontierte Juden. Eine doppelte Konfrontation enth\u00e4lt einen inneren Widerspruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Charakteristisch f\u00fcr diese Anh\u00e4nger der Einzelkonfrontation ist ihre optimistische und sorglose Veranlagung. Wie der seinerzeit nat\u00fcrliche Adam, der sich als Teil seiner Umwelt f\u00fchlte und gar nicht auf die Idee kam, er sei existenziell anders, betrachten sie sich als sicher und voll in die allgemeine Gesellschaft integriert. Sie stellen die Vern\u00fcnftigkeit und Rechtfertigung einer solchen optimistischen Haltung weder in Frage, noch versuchen sie, in den tiefen Schichten ihrer Pers\u00f6nlichkeit Bindungen zu entdecken, die \u00fcber profane gesellschaftliche Verpflichtungen hinausreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Ausnahme einiger Randgruppen predigen die Verfechter der Einzelkonfrontation nicht den v\u00f6lligen Verzicht auf alles J\u00fcdische und die uneingeschr\u00e4nkte Assimilation. Auch sie sprechen von j\u00fcdischer Identit\u00e4t (zumindest im religi\u00f6sen Sinne), von j\u00fcdischer Individualit\u00e4t und vom nat\u00fcrlichen Willen, die j\u00fcdische Gemeinschaft als Sonderidentit\u00e4t zu erhalten. Tats\u00e4chlich sprechen sie sogar recht h\u00e4ufig mit Eifer und W\u00e4rme vom vergangenen und k\u00fcnftigen Beitrag des Judentums zum Fortschritt der Menschheit und ihrer Institutionen. Dabei verkennen sie allerdings das wahre Wesen und die vollst\u00e4ndigen Schlussfolgerungen einer bedeutsamen j\u00fcdischen Identit\u00e4t v\u00f6llig.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section-6\">2.<\/h3>\n\n\n\n<p>Dieses Missverst\u00e4ndnis beruht auf zwei irrigen Auffassungen vom Wesen einer Glaubensgemeinschaft. Erstens sprechen die Anh\u00e4nger nur einer einzigen Konfrontation von j\u00fcdischer Identit\u00e4t, ohne sich klar zu machen, dass dieser Begriff nur im Hinblick auf Eigenheit und Anderssein zu verstehen ist. Ohne Einzigartigkeit gibt es keine Identit\u00e4t. So wie es zwischen zwei Individuen keine Gleichheit geben kann, es sei denn, man verwandelt sie in Abstraktionen, ist es genauso absurd, von der Vereinbarkeit zweier Glaubensgemeinschaften zu sprechen, da sie doch individuelle Wesenheiten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Individualit\u00e4t einer Glaubensgemeinschaft \u00e4u\u00dfert sich auf dreierlei Weise. Erstens d\u00fcrfen die g\u00f6ttlichen Anweisungen und Gebote, zu denen sich eine Glaubensgemeinschaft vorbehaltlos verpflichtet, nicht mit Ritual und Ethos einer anderen Gemeinschaft gleichgesetzt werden. Jede Glaubensgemeinschaft hat ihr einzigartiges normatives Gebaren, worin sich das Numinose des Glaubensakts selbst widerspiegelt, und das Suchen nach gemeinsamen Nennern ist vergeblich. Insbesondere, wenn wir von der j\u00fcdischen Glaubensgemeinschaft sprechen \u2013 deren innerstes Wesen sich in der Einhaltung der <em>Halacha<\/em> ausdr\u00fcckt, was sie in hohem Ma\u00dfe individualisiert \u2013 ist jeder Versuch, unsere Identit\u00e4t mit einer anderen gleichzusetzen, v\u00f6llig absurd. Zweitens ist das auf Axiome gegr\u00fcndete Bewusstsein jeder Glaubensgemeinschaft exklusiv, denn sie glaubt \u2013 und dieser Glaube ist f\u00fcr ihr Bestehen unverzichtbar \u2013 dass ihr System von Glaubenss\u00e4tzen, Lehren und Werten am besten dazu geeignet ist, das h\u00f6chste Gut zu erlangen. Drittens h\u00e4lt jede Glaubensgemeinschaft an ihren Endzeit-Erwartungen eisern fest. Sie nimmt die Ereignisse der Endzeit mit freudiger Gewissheit wahr und erwartet vom Menschen, \u00fcber den Schatten seines Egoismus zu springen, sich der bedeutsamen Bestimmung des Lebens hinzugeben und den Glauben anzunehmen, den die jeweilige Gemeinschaft \u00fcber die Jahrhunderte hin gepredigt hat. Standardisierung von Praktiken, Gleichmachung dogmatischer Gewissheiten und Verzicht auf eschatologische Anspr\u00fcche sind Zeichen f\u00fcr das Ende der lebendigen und bedeutsamen Glaubenserfahrung jeder Religionsgemeinschaft. Die religi\u00f6se Gemeinschaft ist n\u00e4mlich so einzigartig und r\u00e4tselhaft wie das Individuum selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen zweiten Fehler machen die Anh\u00e4nger nur einer Konfrontation, indem sie nicht begreifen, dass die zwei Rollen in Wirklichkeit kompatibel sind. Wenn die Beziehung der nichtj\u00fcdischen zur j\u00fcdischen Welt der g\u00f6ttlichen Anordnung entsprochen h\u00e4tte, wonach ein Mensch dem anderen auf der Grundlage von Gleichheit, Freundschaft und Sympathie begegnet, h\u00e4tte der Jude sich zusammen mit der \u00fcbrigen Menschheit vollkommen in die Konfrontation mit dem Kosmos einbringen k\u00f6nnen. Seine durch den Gottesbund bedingte Einzigartigkeit und sein zus\u00e4tzliches Mandat, einer anderen Glaubensgemeinschaft als Mitglied seiner eigenen entgegenzutreten, h\u00e4tten seiner Bereitschaft und F\u00e4higkeit, an der Kulturmission der Menschheit mitzuwirken, nicht im Wege gestanden. Es liegt kein Widerspruch darin, kulturell mit allen Menschen zusammenzuarbeiten, und sie gleichzeitig als Mitglieder einer anderen Glaubensgemeinschaft zu konfrontieren. Selbst in der nichtj\u00fcdischen Welt betrachtet sich doch jeder Mensch in zweifacher Hinsicht: einmal als Mitglied einer kulturschaffenden Gemeinschaft, in der alle auf dasselbe Ziel hinarbeiten, und zugleich als Individuum, das einsam und zur\u00fcckgezogen lebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider jedoch ist uns die nichtj\u00fcdische Gesellschaft durch alle Zeiten hindurch mit Widerstand begegnet, als ob wir der unter-menschlichen, gegenst\u00e4ndlichen Ordnung angeh\u00f6rten, durch einen Abgrund vom Menschlichen getrennt, als ob wir nicht im Stande w\u00e4ren, logisch zu denken, leidenschaftlich zu lieben, tiefe Sehnsucht, Verlangen und Hoffnung zu empfinden. Solange wir einer so seelenlosen und unpers\u00f6nlichen Konfrontation von <span dir=\"rtl\"><\/span>Seiten der nichtj\u00fcdischen Gesellschaft ausgesetzt waren, war es uns nat\u00fcrlich unm\u00f6glich, an der gro\u00dfen, universalen, sch\u00f6pferischen Konfrontation zwischen Mensch und Welt-Ordnung voll und ganz teilzunehmen. Die eingeschr\u00e4nkte Rolle, die wir bis in die Moderne in dieser bedeutsamen kosmischen Konfrontation spielten, war nicht unsere Wahl. Der Himmel sei Zeuge, dass wir die Welt niemals zu ihrem grausamen Verhalten uns gegen\u00fcber ermutigt haben! Wir haben uns stets als untrennbaren Teil der Menschheit gesehen und waren immer bereit, der g\u00f6ttlichen Aufforderung <span dir=\"rtl\">\u05de\u05dc\u05d0\u05d5 \u05d0\u05ea \u05d4\u05d0\u05e8\u05e5 \u05d5\u05db\u05d1\u05e9\u05d4<\/span> \u201ef\u00fcllet die Erde und macht sie euch untertan&#8220;<a href=\"#fn15\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref15\" role=\"doc-noteref\"><sup>15<\/sup><\/a> Folge zu leisten. Wir haben nie die Philosophie des <em>contemptus<\/em> oder <em>odium seculi<\/em> [Verachtung oder Hass gegen\u00fcber allem Weltlichen] verk\u00fcndet. Wir haben stets daran festgehalten, dass Beteiligung am sch\u00f6pferischen Ganzen verpflichtend ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Um es noch einmal zu sagen: Mitarbeit an der kosmischen Konfrontation zusammen mit der \u00fcbrigen Menschheit bildet keinen Widerspruch zu der zweiten pers\u00f6nlichen Konfrontation zweier Glaubensgemeinschaften, von denen jede sich bewusst ist, was sie mit der anderen teilt, und was ihr Sondergut ist. Adam und Eva waren mit einer widerspenstigen Natur konfrontiert, was sie nicht daran hinderte, einander als einzelne Individuen zu begegnen, die um ihre Unvereinbarkeit und Einzigartigkeit wussten. Ebenso sollten zwei Glaubensgemeinschaften, die gemeinsame Anstrengungen unternehmen, es mit der Weltordnung aufzunehmen, im Stande sein, einander im vollen Bewusstsein ihrer Verschiedenheit und Individualit\u00e4t zu begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir weisen die Theorie einer ausschlie\u00dflichen Einzelkonfrontation zur\u00fcck und bestehen auf der Unentbehrlichkeit der Doppelkonfrontation. Erstens ruht auf uns als G-ttes Ebenbildern, wie bereits erw\u00e4hnt, die Verantwortung f\u00fcr die gro\u00dfe Konfrontation des Menschen mit dem Kosmos. Wir stehen in Reih\u2019 und Glied mit der zivilisierten Gesellschaft gegen\u00fcber einer uns allen trotzenden Ordnung. Zweitens m\u00fcssen wir uns als charismatische Glaubensgemeinschaft der Konfrontation mit der allgemeinen, nichtj\u00fcdischen Glaubensgemeinschaft stellen. Wir sind berufen, dieser Gemeinschaft nicht nur zu erz\u00e4hlen, was sie schon wei\u00df &#8211; dass wir Menschen sind, die sich dem allgemeinen Wohlergehen und Fortschritt der Menschheit verschrieben haben, dass wir den Kampf gegen Krankheiten f\u00fchren, menschliches Leid lindern, Menschenrechte sch\u00fctzen, den Schwachen helfen wollen, usw. &#8211; sondern auch, was sie noch nicht wei\u00df: dass wir als metaphysische Bundesgemeinschaft anders sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section-7\">3.<\/h3>\n\n\n\n<p>Es versteht sich von selbst, dass eine Konfrontation zweier Glaubensgemeinschaften nur m\u00f6glich ist, wenn sie von der klaren Zusage begleitet ist, dass beide Seiten gleiche Rechte und volle religi\u00f6se Freiheit genie\u00dfen sollen. Wir werden jeden Versuch der Mehrheitsgemeinschaft zur\u00fcckweisen, uns zu einer Art von Begegnung zu dr\u00e4ngen, wo unser Gegen\u00fcber uns einen Platz unter sich zuweist und sich selbst nicht neben, sondern \u00fcber uns stellt. Demokratische Konfrontation verpflichtet uns nicht, uns der Selbstgerechtigkeit der Mehrheitsgemeinschaft zu beugen, die zwar dar\u00fcber debattiert, ob die Minderheitsgemeinschaft vielleicht von einer mythischen Schuld \u201efreizusprechen&#8220; sei, dabei aber v\u00f6llig ihre eigene historische Verantwortung ignoriert f\u00fcr die Leiden und Martern, die in den Annalen der Wenigen, Schwachen und Verfolgten so h\u00e4ufig verzeichnet sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind nicht bereit zu einer Begegnung mit einer anderen Glaubensgemeinschaft, wo wir zum Objekt von Beobachtung, Beurteilung und Bewertung gemacht werden, auch wenn die Mehrheitsgemeinschaft daraufhin so freundlich ist, ein gewisses Mitgef\u00fchl mit der Minderheitsgemeinschaft zu \u00e4u\u00dfern und empfiehlt, diese nicht zu verletzen oder zu verfolgen. Eine solche Begegnung w\u00fcrde das pers\u00f6nliche Zusammentreffen im Sinne von Adam und Eva in ein feindseliges Gegen\u00fcber zwischen erkennendem Subjekt und erkennbarem Objekt verwandeln. Wir haben nicht die Absicht, die Rolle des Objekts gegen\u00fcber dem m\u00e4nnlichen Beherrscher zu spielen. Das Erregen von Mitleid geht mit einer demokratischen Konfrontation nicht zusammen. Vielmehr gilt es, auf den unver\u00e4u\u00dferlichen Rechten als menschliches Wesen, als G-ttes Gesch\u00f6pf zu bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Anbetracht dieser Ausf\u00fchrungen bleibt festzuhalten, dass wir bei jeglicher Konfrontation auf vier Grundvoraussetzungen bestehen m\u00fcssen, um unsere Individualit\u00e4t und Handlungsfreiheit zu wahren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erstens<\/em> haben wir folgende unmissverst\u00e4ndliche Erkl\u00e4rung abzugeben: Wir sind eine v\u00f6llig unabh\u00e4ngige Glaubensgemeinschaft. Wir sind kein Satellit, der um irgendein Gestirn kreist. Genauso wenig sind wir die (wenn auch \u201egetrennten\u201c) \u201eMitbr\u00fcder\u201d einer anderen Glaubensgemeinschaft. Beim Reden von einer gemeinsamen Tradition, die zwei Glaubensgemeinschaften vereine, etwa die christliche und die j\u00fcdische, wird h\u00e4ufig zweierlei verwechselt. Der Begriff \u201egemeinsame Tradition&#8220; mag zutreffen, wenn man eine Glaubensgemeinschaft in historisch-kultureller Hinsicht betrachtet und ihre Beziehung zu einer anderen solchen Gemeinschaft in menschlich-soziologischen Kategorien interpretiert, in denen die Entfaltung des kreativen Bewusstseins beim Menschen beschrieben wird. Religi\u00f6ses Bewusstsein manifestiert sich ja nicht nur als singul\u00e4res apokalyptisches Glaubenserlebnis, sondern auch als weltlich-kulturelle Erfahrung. Religion ist sowohl ein g\u00f6ttlicher Imperativ, der dem Menschen von au\u00dfen auferlegt wurde, als auch eine neue Dimension des eigenen Seins, die der Mensch in sich entdeckt. Kurz, die Glaubenserfahrung hat einen kulturellen Aspekt, der psychologisch betrachtet eine \u00fcberaus integrierende, inspirierende und erhebende geistige Kraft darstellt. \u00dcbertragung religi\u00f6ser Werte, Glaubenss\u00e4tze und Vorstellungen in kulturelle Kategorien, die auch s\u00e4kularen Menschen als wertvoll und positiv gelten, ist m\u00f6glich und hat stattgefunden. Bezugnahmen aller Zeiten auf universale Religion, philosophische Religion, etc. berufen sich auf den kulturellen Aspekt der Glaubenserfahrung, von dem nicht nur Gl\u00e4ubige, sondern auch pragmatische, utilitaristische Gesellschaften Gebrauch machen. Die kulturelle religi\u00f6se Erfahrung erh\u00f6ht die W\u00fcrde und den Wert des Menschen auch auf weltlicher Ebene, indem sie menschlicher Existenz Sinn und Richtung verleiht und sie an bedeutsamen Endzielen orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir die Beziehung zwischen Judentum und Christentum unter diesem Gesichtspunkt betrachten, ist es wohl legitim, von einer j\u00fcdisch-christlichen kulturellen Tradition zu sprechen, und zwar aus zwei Gr\u00fcnden: Zum einen hat das Judentum als Kultur das ethisch-philosophische Weltbild des Christentums beeinflusst, ja sogar geformt. Die grunds\u00e4tzlichen Kategorien und Voraussetzungen des letzteren haben sich im Umkreis der j\u00fcdischen Kultur entwickelt. Zum anderen hat unsere westliche Zivilisation sowohl j\u00fcdische als auch christliche Elemente in sich aufgesogen. In der Tat ist unser westliches Erbe aus der Verkn\u00fcpfung dreier Komponenten entstanden, der klassischen, der j\u00fcdischen und der christlichen, so dass wir ohne weiteres von einer j\u00fcdisch-hellenistisch-christlichen Tradition im Rahmen unserer westlichen Zivilisation sprechen k\u00f6nnten. Wenn wir allerdings den Schwerpunkt von der Dimension der Kultur auf die des Glaubens verlagern \u2013 wo unbedingte Hingabe und Einbeziehung gefordert sind \u2013 erscheint es absurd, eine \u00dcberlieferung mehrerer Glaubenssysteme anzunehmen und sich die Offenbarung von auf unterschiedliche Referenzsysteme bezogenen und daher von Natur aus unvereinbaren Glaubenss\u00e4tzen als ein Kontinuum vorzustellen \u2013 es sei denn, man schlie\u00dft sich der christlich-theologischen Behauptung an, das Judentum sei durch das Christentum \u00fcberholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Glaubensindividualit\u00e4t genie\u00dft die Gemeinschaft der Wenigen eine innere W\u00fcrde, die vor ihrem eigenen metahistorischen Hintergrund zu betrachten ist, ohne Bezugnahme auf den Rahmen einer anderen Glaubensgemeinschaft. Denn die blo\u00dfe Einsch\u00e4tzung einer Gemeinschaft auf Grund des Dienstes, den sie einer anderen Gemeinschaft erwiesen hat, so wichtig und bedeutsam dieser Dienst auch gewesen sein mag, verletzt die Souver\u00e4nit\u00e4t und W\u00fcrde selbst der kleinsten Glaubensgemeinschaft. Als G-tt den Menschen erschuf und ihm individuelle W\u00fcrde verlieh, entschied Er, dass die ontologische Legitimit\u00e4t und Bedeutung des individuellen Menschen nicht au\u00dferhalb, sondern innerhalb des Individuums zu finden sei. Der Mensch wurde geschaffen, weil G-tt ihn als autonomes menschliches Wesen best\u00e4tigte, nicht als Handlanger im Dienste eines anderen. Die ontologische Zielgebundenheit seiner Existenz ist ihm immanent. Dasselbe gilt f\u00fcr eine Religionsgemeinschaft, deren Wert nicht mit \u00e4u\u00dferen Ma\u00dfst\u00e4ben gemessen werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist jegliche, offene oder verdeckte, Andeutung der Mehrheitsgemeinschaft, die Gemeinschaft der Wenigen solle ihre Einzigartigkeit ablegen und aufh\u00f6ren zu existieren, da sie ihre Aufgabe als Wegbereiterin f\u00fcr die Gemeinschaft der Vielen erf\u00fcllt habe, als undemokratisch zur\u00fcckzuweisen; sie verst\u00f6\u00dft n\u00e4mlich gegen den Gedanken der religi\u00f6sen Freiheit. Die kleine Gemeinschaft hat nicht weniger Recht als die gro\u00dfe, ihren Glauben an die letztendliche Gewissheit in Bezug auf den doktrin\u00e4ren Wert ihres Weltbildes zu bekunden und ihre eigene endzeitliche Sicht zu vertreten. Ich will der Mehrheitsgemeinschaft nicht das Recht absprechen, ihre eigenen eschatologischen Begriffe an die Gemeinschaft der Wenigen heranzutragen. Allerdings ist es schwerlich mit religi\u00f6ser Demokratie und Liberalismus vereinbar, wenn sie auf dieses Recht ein Programm f\u00fcr praktische Zusammenarbeit gr\u00fcnden will.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zweitens<\/em> l\u00e4sst sich der <em>logos<\/em>, das Wort, in dem die vielf\u00e4ltige religi\u00f6se Erfahrung ihren Ausdruck findet, weder vereinheitlichen noch universalisieren. Das Wort des Glaubens spiegelt das Intime, Private wider, die paradoxerweise unaussprechliche Sehnsucht des Einzelnen nach seinem Sch\u00f6pfer und nach Kontakt zu Ihm. Es reflektiert den numinosen Charakter und die<br>\nFremdheit des Glaubensakts einer bestimmten Gemeinschaft, die dem Angeh\u00f6rigen einer anderen Gemeinschaft v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich sind. Es ist daher wichtig, den religi\u00f6sen oder theologischen <em>logos<\/em> nicht als Kommunikationsmittel zwischen zwei Glaubensgemeinschaften einzusetzen, denn deren Ausdrucksweisen sind nicht weniger einzigartig als ihre Offenbarungserlebnisse. Die Konfrontation sollte nicht auf der theologischen, sondern auf der allgemein menschlichen Ebene stattfinden, denn dort sprechen wir alle die universale Sprache des modernen Menschen. Tats\u00e4chlich liegen unsere gemeinsamen Interessen nicht im Bereich des Glaubens, sondern in den Ordnungen des S\u00e4kularen.<a href=\"#fn16\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref16\" role=\"doc-noteref\"><sup>16<\/sup><\/a> Dort stehen wir alle einem m\u00e4chtigen Gegner gegen\u00fcber, wir alle haben es mit einer betr\u00e4chtlichen Anzahl wichtiger Belange aufzunehmen. Die Beziehung zwischen zwei Gemeinschaften muss sich nach au\u00dfen richten und auf die s\u00e4kularen Ordnungen eingehen, denen Menschen des Glaubens sich gegen\u00fcber sehen. Im weltlichen Bereich k\u00f6nnen wir uns dar\u00fcber diskutieren, was f\u00fcr Haltungen wir einnehmen wollen, was f\u00fcr Ideen wir entwickeln und was f\u00fcr Pl\u00e4ne wir ausarbeiten. In diesen Dingen k\u00f6nnen religi\u00f6se Gemeinschaften gemeinsame Empfehlungen \u00e4u\u00dfern, was zu tun sei, und Anregungen geben, die dann von der Gesamtgesellschaft in die Tat umgesetzt werden. Unsere gemeinsame Beteiligung an dieser Art von Unternehmungen darf allerdings unser Identit\u00e4tsbewusstsein als Glaubensgemeinschaft nicht verunkl\u00e4ren. Wir m\u00fcssen uns stets vor Augen halten, dass unsere einzigartige Bindung an G-tt, und unsere Hoffnung und unb\u00e4ndiger Wille zu \u00fcberleben weder verhandelbar noch rationalisierbar sind, und keinerlei Debatte und Argumentation unterliegen. Die bedeutsame Begegnung zwischen G-tt und Mensch ist eine v\u00f6llig pers\u00f6nliche und private Angelegenheit, die Au\u00dfenstehenden unverst\u00e4ndlich bleibt \u2013 selbst einem anderen Angeh\u00f6rigen derselben Glaubensgemeinschaft. Die g\u00f6ttliche Botschaft ist nicht mitteilbar, denn sie l\u00e4uft s\u00e4mtlichen \u00fcblichen Informationsmitteln und allen objektiven Kategorien zuwider. Wenn die m\u00e4chtige Gemeinschaft der Vielen das Bed\u00fcrfnis empfindet, eine ungute menschliche Situation zu verbessern oder eine historische Schuld abzutragen, dann soll sie das auf der menschlich-ethischen Ebene tun. Aber sobald das Gespr\u00e4ch auf Glaubensfragen kommt, m\u00fcsste sich einer der Konfrontationspartner der Sprache des Gegners bedienen, und schon das w\u00e4re ein Verzicht auf Individualit\u00e4t und Besonderheit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Drittens<\/em>, wir Angeh\u00f6rige der Minderheitsgemeinschaft sollten so viel Takt und Verst\u00e4ndnis aufbringen, der Mehrheitsgemeinschaft, die ja ihren eigenen Stolz und Verstand hat, keine \u00c4nderungen ihrer Rituale oder Korrekturen ihrer Texte vorzuschlagen. Sollten die wahrhaft liberal gesonnen Vertreter der Mehrheitsgemeinschaft gewisse \u00c4nderungen f\u00fcr angebracht halten, so werden sie nach ihren \u00dcberzeugungen handeln, ohne jeglichen Ansto\u00df von unserer Seite. Wir sind nicht befugt, entsprechende Ratschl\u00e4ge oder Anregungen an sie zu richten. Es w\u00e4re n\u00e4mlich sowohl unversch\u00e4mt als auch unklug, wenn ein Au\u00dfenstehender in den privatesten Bereich menschlicher existenzieller Erfahrung eindringen wollte, n\u00e4mlich die Art und Weise, wie eine Glaubensgemeinschaft ihre Beziehung zu G-tt zum Ausdruck bringt. Wir d\u00fcrfen uns weder einmischen noch verwickeln in etwas, was uns v\u00f6llig fremd ist; das ist eine <em>conditio sine qua non<\/em> [unerl\u00e4ssliche Bedingung] f\u00fcr die F\u00f6rderung von gutem Willen und gegenseitigem Respekt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Viertens<\/em> sind wir auf Grund unserer, durch das Martyrium von Millionen, geheiligten Geschichte sicherlich nicht berechtigt, einer anderen Glaubensgemeinschaft gegen\u00fcber auch nur anzudeuten, wir seien darauf gefasst, historische Einstellungen zu \u00fcberpr\u00fcfen, in fundamentalen Glaubensfragen Zugest\u00e4ndnisse zu machen und \u201eein paar&#8220; Differenzen auszugleichen. Ein solches Ansinnen w\u00e4re nichts Geringeres als Verrat an unserer gro\u00dfen Tradition und unserem Verm\u00e4chtnis und w\u00fcrde uns au\u00dferdem keine praktischen Vorteile verschaffen. Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass die Gemeinschaft der Vielen sich nicht mit Kompromissen und Halbheiten, die nur auf Unsicherheit und innere Leere hindeuten, zufrieden geben wird. Wir k\u00f6nnen den Respekt unseres Gegen\u00fcbers nicht erlangen, indem wir uns unterw\u00fcrfig geb\u00e4rden. Nur eine offene, aufrichtige und unmissverst\u00e4ndliche Haltung, aus der bedingungslose Hingabe an unseren G-tt spricht, ein Gef\u00fchl der W\u00fcrde, des Stolzes und innerer Freude an dem, was wir sind, gro\u00dfer, leidenschaftlicher Glaube an die letztendliche Wahrheit unserer Anschauungen, inbr\u00fcnstiges Gebet um die Erf\u00fcllung unserer endzeitlichen Vision und deren zuversichtliche Erwartung, wenn unser Glaube sich von der Partikularit\u00e4t zur Universalit\u00e4t erheben wird \u2013 nur das wird Eindruck machen auf die Angeh\u00f6rigen der anderen Glaubensgemeinschaft, unter denen wir sowohl Freunde als auch Widersacher haben. Es ist Gegenstand meiner Hoffnung und meines Gebets, dass unsere Freunde in der Gemeinschaft der Vielen ihre liberalen \u00dcberzeugungen und humanit\u00e4ren Ideale bew\u00e4hren m\u00f6gen, indem sie ihre Einstellung zum Recht der Minderheit artikulieren, auf deren eigene Weise zu leben, zu schaffen und G-tt in Freiheit und mit W\u00fcrde zu dienen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"section-8\">4.<\/h3>\n\n\n\n<p>Unsere Vertreter, die mit den Sprechern der Mehrheitsgemeinschaft zusammenkommen, sollten \u00e4hnliche Anweisungen erhalten wie jene, die unser Vorvater Jakob erlie\u00df, als er seine Boten seinem Bruder Esau entgegensandte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"hetext\"><span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b7\u05d9\u05b0\u05e6\u05b7\u05d5 \u05d0\u05b6\u05ea \u05d4\u05b8\u05e8\u05b4\u05d0\u05e9\u05c1\u05d5\u05b9\u05df, \u05dc\u05b5\u05d0\u05de\u05b9\u05e8<\/span>: <span dir=\"rtl\">\u05db\u05b4\u05bc\u05d9 \u05d9\u05b4\u05e4\u05b0\u05d2\u05b8\u05e9\u05b0\u05c1\u05da\u05b8 \u05e2\u05b5\u05e9\u05b8\u05c2\u05d5 \u05d0\u05b8\u05d7\u05b4\u05d9, \u05d5\u05bc\u05e9\u05b0\u05c1\u05d0\u05b5\u05dc\u05b0\u05da\u05b8 \u05dc\u05b5\u05d0\u05de\u05b9\u05e8: \u05dc\u05b0\u05de\u05b4\u05d9 \u05d0\u05b7\u05ea\u05b8\u05bc\u05d4? \u05d5\u05b0\u05d0\u05b8\u05e0\u05b8\u05d4 \u05ea\u05b5\u05dc\u05b5\u05da\u05b0? \u05d5\u05bc\u05dc\u05b0\u05de\u05b4\u05d9 \u05d0\u05b5\u05dc\u05b6\u05bc\u05d4 \u05dc\u05b0\u05e4\u05b8\u05e0\u05b6\u05d9\u05da\u05b8?<\/span><br>\n<span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b0\u05d0\u05b8\u05de\u05b7\u05e8\u05b0\u05ea\u05b8\u05bc: \u05dc\u05b0\u05e2\u05b7\u05d1\u05b0\u05d3\u05b0\u05bc\u05da\u05b8 \u05dc\u05b0\u05d9\u05b7\u05e2\u05b2\u05e7\u05b9\u05d1 &#8211; \u05de\u05b4\u05e0\u05b0\u05d7\u05b8\u05d4 \u05d4\u05b4\u05d5\u05d0 \u05e9\u05b0\u05c1\u05dc\u05d5\u05bc\u05d7\u05b8\u05d4, \u05dc\u05b7\u05d0\u05d3\u05b9\u05e0\u05b4\u05d9 \u05dc\u05b0\u05e2\u05b5\u05e9\u05b8\u05c2\u05d5; \u05d5\u05b0\u05d4\u05b4\u05e0\u05b5\u05bc\u05d4 \u05d2\u05b7\u05dd \u05d4\u05d5\u05bc\u05d0 \u05d0\u05b7\u05d7\u05b2\u05e8\u05b5\u05d9\u05e0\u05d5\u05bc<\/span>. <span dir=\"rtl\">\u05d5\u05b7\u05d9\u05b0\u05e6\u05b7\u05d5 \u05d2\u05b7\u05bc\u05dd \u05d0\u05b6\u05ea \u05d4\u05b7\u05e9\u05b5\u05bc\u05c1\u05e0\u05b4\u05d9, \u05d2\u05b7\u05bc\u05dd \u05d0\u05b6\u05ea \u05d4\u05b7\u05e9\u05b0\u05bc\u05c1\u05dc\u05b4\u05d9\u05e9\u05b4\u05c1\u05d9, \u05d2\u05b7\u05bc\u05dd \u05d0\u05b6\u05ea \u05db\u05b8\u05bc\u05dc \u05d4\u05b7\u05d4\u05b9\u05dc\u05b0\u05db\u05b4\u05d9\u05dd \u05d0\u05b7\u05d7\u05b2\u05e8\u05b5\u05d9 \u05d4\u05b8\u05e2\u05b2\u05d3\u05b8\u05e8\u05b4\u05d9\u05dd \u05dc\u05b5\u05d0\u05de\u05b9\u05e8:&nbsp; \u05db\u05b7\u05bc\u05d3\u05b8\u05bc\u05d1\u05b8\u05e8 \u05d4\u05b7\u05d6\u05b6\u05bc\u05d4 \u05ea\u05b0\u05bc\u05d3\u05b7\u05d1\u05b0\u05bc\u05e8\u05d5\u05bc\u05df \u05d0\u05b6\u05dc-\u05e2\u05b5\u05e9\u05b8\u05c2\u05d5, \u05d1\u05b0\u05bc\u05de\u05b9\u05e6\u05b7\u05d0\u05b2\u05db\u05b6\u05dd \u05d0\u05b9\u05ea\u05d5\u05b9.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd er gebot dem Ersten also: Wenn dir begegnet Esaw, mein Bruder, und dich<br>\nalso fragt: Zu wem geh\u00f6rst du? und wohin gehst du? und f\u00fcr wen sind diese vor dir? So sprichst du: Deinem Knechte, dem Jaakow; ein Geschenk ist es, gesandt an meinen Herrn, an Esaw; und siehe, er selbst ist hinter uns. Und er gebot auch dem Zweiten, auch dem Dritten, und allen, die hinter den Herden gingen, also: Mit diesen Worten sollt ihr reden zu Esaw, wenn ihr ihn treffet.&#8220; (Genesis 32,18-20).<\/p>\n\n\n\n<p>Was hatte es mit diesen Anweisungen auf sich? Unsere Haltung und Beziehung zur Au\u00dfenwelt war schon immer ambivalenter Art, zutiefst antithetisch, was manchmal ans Paradoxe grenzte. Wir nehmen Kontakt auf zur Welt Esaus und ziehen uns gleichzeitig von ihr zur\u00fcck, wir n\u00e4hern und entfernen uns zugleich. Wenn der Prozess des N\u00e4herkommens beinahe vollzogen ist, treten wir sofort den schleunigen R\u00fcckzug in die Abgeschiedenheit an. Wir kooperieren mit den Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften auf allen Gebieten konstruktiver menschlicher Bem\u00fchung, aber gleichzeitig mit unserer Einbindung in den allgemeinen gesellschaftlichen Rahmen treten wir den R\u00fcckzug an und machen alles r\u00fcckg\u00e4ngig. Kurz, wir geh\u00f6ren der menschlichen Gesellschaft an und f\u00fchlen uns gleichzeitig als Fremde und Au\u00dfenseiter. Wir sind als Bewohner dieser Erde in der Wirklichkeit des Hier und Jetzt verwurzelt, und doch sp\u00fcren wir Einsamkeit und Heimatlosigkeit, als geh\u00f6rten wir woanders hin. Wir sind Realisten und Tr\u00e4umer, klug und praktisch auf der einen Seite, Vision\u00e4re und Idealisten auf der anderen. Wir sind am kulturellen Einsatz beteiligt und doch einer anderen Erfahrungsdimension verpflichtet. Schon unser erster Erzvater Abraham stellte sich mit den Worten vor \u201eIch bin bei euch ein Fremder und Ans\u00e4ssiger (<em>ger ve-toschaw<\/em>) &#8211; <span dir=\"rtl\">\u05d2\u05b5\u05e8 \u05d5\u05ea\u05d5\u05e9\u05d1 \u05d0\u05e0\u05b9\u05db\u05d9 \u05e2\u05b4\u05de\u05db\u05dd<\/span>&#8222;<a href=\"#fn17\" class=\"footnote-ref\" id=\"fnref17\" role=\"doc-noteref\"><sup>17<\/sup><\/a>. Ist es m\u00f6glich, beides gleichzeitig zu sein \u2013 <em>ger ve-toschaw<\/em>? Ist diese Definition nicht absurd? Schlie\u00dflich verletzt sie das zentrale Prinzip klassischer Logik, dass ein kognitives Urteil nicht zwei einander widersprechende Begriffe enthalten darf. Und doch handelte der Jude alter Zeiten diesem altehrw\u00fcrdigen Prinzip zuwider und begriff sich selbst in widerspr\u00fcchlichen Kategorien. Er wusste sehr wohl, in welchen Bereichen er seinen Nachbarn seine volle Kooperation anbieten und sich als <em>toschaw<\/em>, als Einwohner, als Ans\u00e4ssiger verhalten konnte; und an welchem Punkt dieses Gebaren der Kooperation und des guten Willens zu enden hatte und er sich zur\u00fcckziehen musste, als sei er ein <em>ger<\/em>, ein Fremder. Er wusste, an was f\u00fcr Vorhaben er sich nach besten Kr\u00e4ften beteiligen konnte, und was f\u00fcr Vorschl\u00e4ge und Angebote, er entschlossen zur\u00fcckweisen musste, so anziehend und verf\u00fchrerisch sie auch sein mochten. Er war sich der Belange bewusst, wo er Kompromisse machen konnte, wo er nachgiebig sein durfte; und auf der anderen Seite der Prinzipien, \u00fcber die nicht zu verhandeln war, und der spirituellen G\u00fcter, die verteidigt werden mussten &#8211; es koste, was es wolle. Die Trennlinie zwischen einer begrenzten Idee und einem auf Unendlichkeit beruhenden Prinzip, zwischen fl\u00fcchtigen Besitzt\u00fcmern und ewigen Sch\u00e4tzen, war klar und deutlich. In seinen Anweisungen an seine Boten legte Jakob die Regeln nieder:<\/p>\n\n\n\n<p><span dir=\"rtl\">\u05db\u05b4\u05bc\u05d9 \u05d9\u05b4\u05e4\u05b0\u05d2\u05b8\u05e9\u05b0\u05c1\u05da\u05b8 \u05e2\u05b5\u05e9\u05b8\u05c2\u05d5 \u05d0\u05b8\u05d7\u05b4\u05d9, \u05d5\u05bc\u05e9\u05b0\u05c1\u05d0\u05b5\u05dc\u05b0\u05da\u05b8 \u05dc\u05b5\u05d0\u05de\u05b9\u05e8: \u05dc\u05b0\u05de\u05b4\u05d9 \u05d0\u05b7\u05ea\u05b8\u05bc\u05d4? \u05d5\u05b0\u05d0\u05b8\u05e0\u05b8\u05d4 \u05ea\u05b5\u05dc\u05b5\u05da\u05b0? \u05d5\u05bc\u05dc\u05b0\u05de\u05b4\u05d9 \u05d0\u05b5\u05dc\u05b6\u05bc\u05d4 \u05dc\u05b0\u05e4\u05b8\u05e0\u05b6\u05d9\u05da\u05b8?<\/span> \u201eWenn dir begegnet Esaw, mein Bruder, und dich also fragt: Zu wem geh\u00f6rst du und wohin gehst du, und f\u00fcr wen sind diese vor dir?&#8220; Mein Bruder Esau, sagte Jakob seinen Boten, wird euch drei Fragen stellen. \u201eZu wem geh\u00f6rst du?&#8220; &#8211; Zu wem geh\u00f6rst du als metaphysisches Wesen, als Seele, als geistige Pers\u00f6nlichkeit? \u201eUnd wohin gehst du?&#8220; \u2013 Wem ist dein historisches Schicksal verpflichtet? Wem hast du deine Zukunft geweiht? Was ist dein h\u00f6chstes Ziel, dein endg\u00fcltiges Anliegen? Wer ist dein Gott, und was ist deine Art zu leben? Diese zwei Fragen beziehen sich auf deine Identit\u00e4t als Angeh\u00f6riger einer Bundesgemeinschaft. Allerdings, fuhr Jakob fort, wird mein Bruder Esau auch eine dritte Frage stellen: \u201eUnd f\u00fcr wen sind diese vor dir?&#8220; \u2013 Bist du bereit, mit deinen Talenten, F\u00e4higkeiten und Bem\u00fchungen zum materiellen und kulturellen Nutzen der Gesellschaft beizutragen? Bist du bereit, mir Geschenke zu geben, Ochsen, Ziegen, Kamele und Stiere? Bist du bereit, Steuern zu zahlen, das Land zu entwickeln und zu industrialisieren? Diese dritte Anfrage dreht sich um zeitliche Aspekte des Lebens. Darauf sollten Jakobs Boten positiv antworten. \u201eEs ist ein Geschenk an meinen Herrn, sogar an Esau.&#8220; Ja, wir sind entschlossen, an jedem b\u00fcrgerlichen, wissenschaftlichen und politischen Projekt mitzuarbeiten. Wir f\u00fchlen uns verpflichtet, die Gesellschaft mit unseren kreativen Talenten zu bereichern und konstruktive, n\u00fctzliche B\u00fcrger zu sein. Bez\u00fcglich der ersten zwei Fragen allerdings \u2013 zu wem geh\u00f6rst du? und wohin gehst du? \u2013 befahl Jakob seinen Vertretern, negativ zu antworten, klar und deutlich, mutig und unerschrocken. Er befahl ihnen, Esau zu sagen, dass ihre Seelen, ihre Pers\u00f6nlichkeit, ihre metaphysische Bestimmung, ihre geistige Zukunft und heiligen Verpflichtungen allein G-tt und seinem Diener Jakob geh\u00f6rten: \u201edeinem Knechte, dem Jakob&#8220;, und keiner menschlichen Macht wird es gelingen, den ewigen Bund zwischen ihnen und G-tt zu zerrei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses uns von Jakob \u00fcberlieferte Verm\u00e4chtnis ist nun im Jahre 1964 sehr aktuell geworden. Wie einst Jakob, sehen wir uns wieder einmal konfrontiert, und unser Gegen\u00fcber steht im Begriff, uns eben diese drei Fragen zu stellen: \u201eZu wem geh\u00f6rst du? Wohin gehst du? Und f\u00fcr wen sind diese vor dir?&#8220; Eine jahrtausendealte Geschichte verlangt von uns, dass wir dieser Herausforderung mutig begegnen und dieselben Antworten geben, die Jakob vor vielen tausend Jahren seinen Boten auftrug.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"stellungnahme-des-rabbinical-council-of-america-bei-der-winterkonferenz-3.-5.-februar-1964\">Stellungnahme des RABBINICAL COUNCIL OF AMERICA bei DER WINTERKONFERENZ, 3.-5. FEBRUAR 1964<\/h2>\n\n\n\n<p>Erfreut nehmen wir zur Kenntnis, dass sowohl in unserem Land als auch weltweit in den letzten Jahren der Wunsch aufgekommen ist, besseres Verst\u00e4ndnis und gegenseitigen Respekt unter den Weltreligionen zu suchen. Die derzeitige Bedrohung durch S\u00e4kularismus, Materialismus und die moderne atheistische Verneinung der Religion und religi\u00f6ser Werte macht eine harmonische Beziehung zwischen den Religionen umso dringlicher. Diese Beziehung kann allerdings nur von Wert sein, wenn sie nicht mit der Einzigartigkeit jeder religi\u00f6sen Gemeinschaft kollidiert, da jede religi\u00f6se Gemeinschaft eine individuelle Gr\u00f6\u00dfe ist, die nicht mit einer Gemeinschaft verschmolzen oder gleichgesetzt werden darf, die ihrerseits einem anderen Glauben anh\u00e4ngt. Jede religi\u00f6se Gemeinschaft besitzt ihre innere W\u00fcrde und ihren metaphysischen Wert. Ihre historische Erfahrung, ihre derzeitige Verfassung, ihre Hoffnungen und Bestrebungen im Hinblick auf die Zukunft k\u00f6nnen nur in voller geistiger Unabh\u00e4ngigkeit und frei von jeglicher Bezogenheit auf eine andere Glaubensgemeinschaft interpretiert werden. Jeder Vorschlag, den historischen und metahistorischen Wert einer Glaubensgemeinschaft vor dem Hintergrund eines anderen Glaubens zu betrachten, und die blo\u00dfe Andeutung, eine Revision historischer Grundpositionen sei zu erwarten, sind mit den Grunds\u00e4tzen von Religions- und Gewissensfreiheit unvereinbar und k\u00f6nnen nur Zwietracht und Misstrauen hervorbringen. Das ist unzumutbar f\u00fcr jede sich selbst respektierende Glaubensgemeinschaft, die stolz auf ihre Geschichte, aktiv und lebendig in der Gegenwart, und entschlossen ist, in der Zukunft weiter zu leben und G-tt weiterhin auf die ihr eigent\u00fcmliche Weise zu dienen. Nur eine allseitige vollst\u00e4ndige Anerkennung der einzigartigen Rolle, innewohnenden W\u00fcrde und Grundrechte jeder religi\u00f6sen Gemeinschaft kann dazu beitragen, den Geist der Zusammenarbeit unter den Religionen zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Rabbinical Council of America<\/em> hofft und betet darum, dass jegliche interreligi\u00f6se Diskussion und Aktivit\u00e4t sich an diese Schranken halten m\u00f6ge, geleitet durch das Wort des Propheten Micha (4,5): \u201eDenn alle V\u00f6lker werden einhergehen, jedes im Namen seines Gottes, wir aber werden einhergehen im Namen von HaSchem, unserem G-tt, f\u00fcr ewig und alle Zeit.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"nachtrag-zur-originalausgabe-von-konfrontation\">Nachtrag zur Originalausgabe von \u201eKONFRONTATION&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p>Der folgende Nachtrag wurde von Rabbi Soloveitchik verfasst und zusammen mit dem Aufsatz \u201eKonfrontation&#8220; publiziert (<em>A Treasury of Tradition<\/em>, New York: Hebrew Publishing Company, 1967, pp.&nbsp;78-80.)<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"\u00fcber-interreligi\u00f6se-beziehungen\">\u00dcBER INTERRELIGI\u00d6SE BEZIEHUNGEN<\/h3>\n\n\n\n<p>Die j\u00fcdische Tradition artikuliert sich in einer Mischung aus Universalismus und Partikularismus. Einerseits sind Juden entscheidend beteiligt an Fragen, die das gemeinsame Schicksal der Menschheit betreffen. Wir sehen uns als Mitglieder der universalen Gemeinschaft und sind daf\u00fcr verantwortlich, den Fortschritt in allen Bereichen zu f\u00f6rdern, ob wirtschaftlich, gesellschaftlich, wissenschaftlich oder ethisch. Insofern sind wir Gegner einer Philosophie des Isolationismus oder Esoterismus, die Juden als Angeh\u00f6rige einer kulturell abgeschlossenen Gesellschaft betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits sind wir eine gesonderte Glaubensgemeinschaft mit einer einzigartigen Bindung, einer singul\u00e4ren Beziehung zu G-tt und einer ganz speziellen Lebensweise. Wir d\u00fcrfen unsere Rolle als Tr\u00e4ger einer besonderen Beziehung und Bestimmung niemals mit unserer Rolle als Mitglieder der Menschheitsfamilie verwechseln.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bereichen von universalem Belang ist uns der Austausch von Gedanken und Eindr\u00fccken willkommen. Kommunikation der verschiedenen Gemeinschaften untereinander ist der gemeinsamen Verst\u00e4ndigung \u00fcberaus zutr\u00e4glich und kann dazu beitragen, unsere Kenntnis der uns alle betreffenden universalen Aspekte des Menschseins zu verbessern und zu vertiefen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Bereichen von Glauben und Religionsgesetz, religi\u00f6ser Lehre und Ritual sind Juden zu allen Zeiten eine Gemeinschaft gewesen, die sich ausschlie\u00dflich durch gesonderte Interessen, Ideale und Verpflichtungen leiten lie\u00df. Unsere Liebe und Hingabe zu G-tt sind pers\u00f6nlich und zeugen von einer intimen Beziehung, die mit Menschen, deren eigene Beziehung zu G-tt durch andere historische Ereignisse und unter anderen Bedingungen geformt wurde, nicht zu diskutieren ist. <em>Diskussion ist nicht das geeignete Mittel zur Erhebung oder Heiligung dieser Gef\u00fchle.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Von daher sind wir gegen jede Art von \u00f6ffentlicher Debatte, Dialog oder Tagung, wo doktrin\u00e4re, dogmatische oder rituelle Aspekte unseres Glaubens \u201e\u00e4hnlichen&#8220; Aspekten einer anderen Glaubensgemeinschaft gegen\u00fcbergestellt werden sollen. Unser Glaube an unseren Sch\u00f6pfer und unsere Verpflichtung ihm gegen\u00fcber sind von ganz besonderer Art, und wir werden in Dialogen, die sich um solche \u201eprivaten&#8220; Dinge drehen, worin sich unsere pers\u00f6nliche Beziehung zum G-tt Israels \u00e4u\u00dfert, unseren Glauben nicht in Frage stellen, verteidigen, entschuldigen, analysieren oder rationalisieren. Wir nehmen an, dass Angeh\u00f6rige anderer Glaubensgemeinschaften in Bezug auf ihre individuellen religi\u00f6sen Verpflichtungen \u00e4hnlich empfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit lehnen wir es ab, \u00fcber folgende Themen zu disputieren:<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcdischer Monotheismus und die christliche Lehre von der Dreieinigkeit;<\/p>\n\n\n\n<p>die messianische Idee in Judentum und Christentum;<\/p>\n\n\n\n<p>die j\u00fcdische Einstellung zu Jesus;<\/p>\n\n\n\n<p>das Konzept des G-ttesbundes in Judentum und Christentum;<\/p>\n\n\n\n<p>die katholische Messe und der j\u00fcdische Gebetsgottesdienst;<\/p>\n\n\n\n<p>der Heilige Geist und die prophetische Inspiration;<\/p>\n\n\n\n<p>Jesaja und das Christentum;<\/p>\n\n\n\n<p>der Priester und der Rabbiner;<\/p>\n\n\n\n<p>Opfer und Eucharistie;<\/p>\n\n\n\n<p>Kirche und Synagoge \u2013 ihre Heiligkeit, metaphysische Natur, u. dgl.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesen Punkten ist kein gemeinsames Verst\u00e4ndnis m\u00f6glich, denn Jude und Christ operieren mit unterschiedlichen Begriffen und bewegen sich in unvereinbaren Referenz- und Evaluationsrahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sobald wir uns allerdings aus der privaten Welt des Glaubens in die \u00f6ffentliche Welt humanit\u00e4rer und kultureller Bestrebungen begeben, ist Kommunikation zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften w\u00fcnschenswert und sogar unabdingbar. Wir sind bereit, Zwiesprache aufzunehmen \u00fcber Themen wie Krieg und Frieden, Armut, Freiheit, die moralischen Werte des Menschen, die Bedrohung durch den S\u00e4kularismus, Technologie und menschliche Werte, B\u00fcrgerrechte, usw., in denen es um geistig-religi\u00f6se Aspekte unserer Zivilisation geht. Innerhalb dieser Bereiche wird die Diskussion selbstverst\u00e4ndlich im Rahmen unserer religi\u00f6sen Anschauungen und Terminologie stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcdische Rabbiner und christliche Geistliche k\u00f6nnen \u00fcber soziokulturelle und moralische Probleme nicht als Soziologen, Historiker oder kulturelle Ethiker in agnostischen oder s\u00e4kularen Begriffen sprechen. Als M\u00e4nner G-ttes haben wir Gedanken, Gef\u00fchle, Auffassungen und Ausdrucksweisen, die von religi\u00f6ser Weltsicht gepr\u00e4gt sind. Wir definieren Ideen in religi\u00f6sen Kategorien und dr\u00fccken unsere Gef\u00fchle in einer eigent\u00fcmlichen Sprache aus, die einem s\u00e4kularen Menschen h\u00e4ufig unverst\u00e4ndlich w\u00e4re. In Diskussionen verwenden wir den religi\u00f6sen Ma\u00dfstab und religi\u00f6se Sprache. Wir beurteilen den Menschen als G-ttes Ebenbild. Wir definieren moralisches Handeln als einen Akt von <em>Imitatio Dei<\/em> [Nachahmung G-ttes]<em>,<\/em> usw. Kurz, selbst unser Dialog auf sozio-humanit\u00e4rer Ebene gr\u00fcndet unweigerlich in universalen religi\u00f6sen Kategorien und Werten. Diese Begriffe und Werte sind zwar religi\u00f6ser Natur und biblischen Ursprungs, repr\u00e4sentieren aber doch das Universale und \u00d6ffentliche der Religion \u2013 nicht das Individuelle und Private.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch einmal: Wir sind bereit, \u00fcber universale religi\u00f6se Probleme zu diskutieren. Wir werden uns jeglichem Versuch widersetzen, \u00fcber unsere private, individuelle religi\u00f6se Bindung zu disputieren.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ver\u00f6ffentlichung der \u00dcbersetzung mit freundlicher Erlaubnis von Rabbiner Haym Soloveitchik <\/em><\/p>\n\n\n\n<section class=\"footnotes\" role=\"doc-endnotes\">\n<hr>\n<ol>\n<li id=\"fn1\" role=\"doc-endnote\"><p>*Urspr\u00fcnglich englisch in der Zeitschrift <em>Tradition<\/em> 6 (1964), H. 2, S. 5-28; \u00fcbersetzt von Konstantin Silov, sprachlich \u00fcberarbeitet von Dr.&nbsp;Dafna Mach, Jerusalem.<\/p>\n<p>Anm.d.\u00dcb.: aus den Tiefen, vgl. Psalm 130,1.<a href=\"#fnref1\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn2\" role=\"doc-endnote\"><p>W\u00e4hrend der biblische Ausdruck <span dir=\"rtl\">\u05e0\u05e4\u05e9 \u05d7\u05d9\u05d4<\/span> (<em>nefesch chaya<\/em> \u2013 eine lebende Seele) den nat\u00fcrlichen Menschen bezeichnet, bezieht sich Onkelos\u2019 [aram\u00e4ische \u00dcbersetzung] <span dir=\"rtl\">\u05e8\u05d5\u05d7 \u05de\u05de\u05dc\u05dc\u05d0<\/span> (<em>ruach memalela<\/em> \u2013 ein sprechender Geist) auf ein typologisch h\u00f6heres Niveau.<a href=\"#fnref2\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn3\" role=\"doc-endnote\"><p>Maimonides \u00fcbertrug die Begriffe Gut und B\u00f6se (<span dir=\"rtl\">\u05d8\u05d5\u05d1 \u05d5\u05e8\u05e2<\/span> &#8211; <em>tov ve-ra<\/em>) ins \u00c4sthetische: \u201eangenehm und unangenehm&#8220;. Indem der paradiesische Mensch das g\u00f6ttliche Gebot verletzte und vom Baum der Erkenntnis a\u00df, hob er das Ethische auf und ersetzte es durch das \u00e4sthetische Erlebnis (<em>F\u00fchrer der Unschl\u00fcssigen,<\/em> I, 2).<a href=\"#fnref3\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn4\" role=\"doc-endnote\"><p>Genesis 2,16<a href=\"#fnref4\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn5\" role=\"doc-endnote\"><p>Siehe <em>F\u00fchrer der Unschl\u00fcssigen,<\/em> I, 63<a href=\"#fnref5\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn6\" role=\"doc-endnote\"><p>Genesis 2,18<a href=\"#fnref6\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn7\" role=\"doc-endnote\"><p>Vokabeln wie das lateinische <em>objectus<\/em>, von <em>objicere<\/em>, \u201aentgegenwerfen\u2019, das deutsche Wort <em>Gegenstand<\/em>, das etwas Gegen\u00fcberstehendes bezeichnet, und das hebr\u00e4ische Wort f\u00fcr Gegenstand, <em>chefetz<\/em> (vom Verb chafetz=begehren) mit der Konnotation von \u2018etwas besitzen, das intensiv begehrt wird, aber nicht immer erreichbar ist\u2019 sind recht bezeichnend f\u00fcr die Art von Spannung, die mit der logischen Beziehung zwischen dem erkennenden Subjekt und dem erkennbaren Objekt einhergeht.<a href=\"#fnref7\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn8\" role=\"doc-endnote\"><p>Die Spannung in der Subjekt-Objekt-Beziehung ist nicht das Resultat von S\u00fcnde, sondern von Unstimmigkeiten zwischen den Standpunkten der konfrontierten Parteien. Die Haltung des Menschen ist Herrschaft und deren Aus\u00fcbung, w\u00e4hrend die \u201aHaltung\u2019 der objektiven Ordnung die Unbeweglichkeit, das Fehlen von Reaktion ist. Das erkennbare Objekt weigert sich, dem Subjekt zu willfahren. Die S\u00fcnde des Menschen resultierte nicht in Spannung und Widerstand \u2013 diese Zust\u00e4nde gab es bereits vor der Verbannung des Menschen aus dem Paradies \u2013 sondern in einem Wandel von Spannung zu Frustration, von kreativer und erfolgreicher T\u00e4tigkeit zu Niederlage. Indem Er dem Menschen diesen metaphysischen Fluch auferlegte, verf\u00fcgte G-tt, dass jener trotz all seiner glorreichen Errungenschaften am Ende doch von Tod und Unwissenheit besiegt werden w\u00fcrde. Das Judentum glaubt nicht, dass dem Menschen sein k\u00fchner Versuch, das <em>mysterium magnum<\/em> [das gro\u00dfe Geheimnis] des Seins zu entr\u00e4tseln und die Natur in ihrer Ganzheit zu beherrschen, je gelingen wird. Die kognitiven und technologischen Entwicklungen des Menschen, so das Judentum, haben nur in begrenzten Bereichen des Daseins eine Chance auf Erfolg. <span dir=\"rtl\">\u05e7\u05d5\u05e5 \u05d5\u05d3\u05e8\u05d3\u05e8 \u05ea\u05e6\u05de\u05d9\u05d7 \u05dc\u05da<\/span>, \u201eDornen und Disteln lasse [der Acker] dir hervorsprie\u00dfen&#8220; (Genesis 3,18).<a href=\"#fnref8\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn9\" role=\"doc-endnote\"><p>Genesis 2,19-20<a href=\"#fnref9\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn10\" role=\"doc-endnote\"><p>Genesis 2,20<a href=\"#fnref10\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn11\" role=\"doc-endnote\"><p>Siehe Nachmanides zu Genesis 2,9.<a href=\"#fnref11\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn12\" role=\"doc-endnote\"><p>Anm.d.\u00dcb: Die Beziehung und Bedeutung dieser zwei gegens\u00e4tzlichen Rollen wird in Rabbi Soloveitchiks Abhandlung <em>The Lonely Man of Faith<\/em> ausf\u00fchrlich behandelt.<a href=\"#fnref12\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn13\" role=\"doc-endnote\"><p>Genesis 2,18.22<a href=\"#fnref13\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn14\" role=\"doc-endnote\"><p>Die Interpretation von <em>kenegdo<\/em> als \u201eentgegengesetzt\u201c, \u201egegeneinander\u201d wurde von den talmudischen Weisen angenommen. Siehe <em>Yevamot<\/em> 63a.<a href=\"#fnref14\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn15\" role=\"doc-endnote\"><p>Genesis 1:28<a href=\"#fnref15\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn16\" role=\"doc-endnote\"><p>Der Ausdruck \u201es\u00e4kulare Ordnung&#8220; wird hier im umgangssprachlichen Sinne verwendet. F\u00fcr den Gl\u00e4ubigen ist dieser Begriff unzutreffend. G-tt beansprucht den ganzen Menschen, nicht nur einen Teil von ihm, und was immer Er als Ordnung innerhalb des Sch\u00f6pfungswerkes eingesetzt hat, ist heilig.<a href=\"#fnref16\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<li id=\"fn17\" role=\"doc-endnote\"><p>Genesis 23,4<a href=\"#fnref17\" class=\"footnote-back\" role=\"doc-backlink\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rabbiner Joseph Soloveitchiks Artikel (aus dem Jahr 1964) befasst sich damit mit dem christlich-j\u00fcdischen Dialog und diskutiert hierf\u00fcr mehrere Themen: die Inkommensurabilit\u00e4t religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen, die Risiken eines Interreligi\u00f6ser Dialogs f\u00fcr die j\u00fcdische Minderheit und die Gefahren von Synkretismus. Mit Gedanken \u00fcber die Zukunft des christlich\u2013j\u00fcdischen Dialogs endet der Artikel.<\/p>\n","protected":false},"author":45,"featured_media":7519,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_themeisle_gutenberg_block_has_review":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[58],"tags":[],"class_list":["post-7515","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interreligioeses"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/soloveitchik_text.jpg?fit=1200%2C800&ssl=1","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/users\/45"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7515"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7515\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7523,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7515\/revisions\/7523"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7519"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7515"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}