{"id":7587,"date":"2021-07-19T11:39:34","date_gmt":"2021-07-19T09:39:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/?p=7587"},"modified":"2022-07-06T09:15:13","modified_gmt":"2022-07-06T07:15:13","slug":"die-autobiographie-des-lazarus-goldschmidt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.talmud.de\/tlmd\/die-autobiographie-des-lazarus-goldschmidt\/","title":{"rendered":"Die Autobiographie des Lazarus Goldschmidt \u2014 den \u00dcbersetzer \u00fcbersetzen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">L<em>azarus Goldschmidt, der \u00dcbersetzer des Talmud, hat sein Wirken in einer Autobiographie beschrieben. Er verfasste diese auf Deutsch in London 1950, im letzten Jahr seines Lebens. Das verschollene Manuskript wurde auf Englisch \u00fcbersetzt und nach Israel gebracht, wo es 1960 in einer hebr\u00e4ischen \u00dcbersetzung erschienen ist. Ich habe versucht die hebr\u00e4ische \u00dcbersetzung dieser Autobiographie zur\u00fcck ins Deutsche zu \u00fcbersetzten. Soweit es ging, wurden Zitate aus deutschsprachigen Quellen verlinkt, oder nach Originalvorlage wieder eingef\u00fcgt. So erhalten wir ein etwas vollst\u00e4ndigeres Bild seiner Lebensleistung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-medium\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Lazarus_Goldschmidt.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"211\" height=\"300\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Lazarus_Goldschmidt.jpg?resize=211%2C300&#038;ssl=1\" alt=\"Bild von Lazarus Goldschmidt\" class=\"wp-image-7467\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Lazarus_Goldschmidt.jpg?resize=211%2C300&amp;ssl=1 211w, https:\/\/i0.wp.com\/www.talmud.de\/tlmd\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Lazarus_Goldschmidt.jpg?w=409&amp;ssl=1 409w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a><figcaption>Elieser (Lazarus) Goldschmidt<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Am Ende des letzten Jahrhunderts, zwischen den Jahren 1892-1895, tobte in Deutschland eine ungew\u00f6hnliche Welle von Hasspropaganda gegen den Talmud und gegen die Juden. An der Hetze beteiligte sich nicht nur das offizielle antisemitische Blatt \u201eStaatsb\u00fcrger Zeitung\u201c, sondern auch alle konservativen Zeitungen. Sie rissen Talmudstellen aus dem Zusammenhang, teilweise fotografiert, um bei den Lesern den Eindruck zu erwecken, der Talmud sei nicht mehr und nicht weniger als die Ausgeburt des Satans. Der Vorwurf lautete nicht nur, der Talmud sei eine Beleidigung des Christentums und seiner Gr\u00fcnder, sondern beinhalte auch grausame Gesetze gegen alle  Religionen, au\u00dfer gegen das Judentum selbst. Es wurde eine popul\u00e4re und preiswerte Ausgabe von Eisenmengers \u201eEntdecktes Judentum\u201c publiziert, unter Weglassung der hebr\u00e4ischen Zitate. Das Buch wurde in dieser Form ver\u00f6ffentlicht, um in der Masse des Volkes etwas zu bewirken, und das, obwohl der ber\u00fchmte Jurist, Ave Lallemant, viele Jahre zuvor das Buch als ein <a href=\"https:\/\/www.deutschestextarchiv.de\/book\/view\/avelallemant_gaunerthum03_1862\/?p=252&amp;hl=Ei%25C5%25BFenmenger%25E2%2580%2599s\"><u>\u201eschm\u00e4hliches, verlogenes Pasquill auf das Judentum und&nbsp;ein&nbsp;Werk \u00fcbler,&nbsp;eitler&nbsp;und&nbsp;bornierter&nbsp;Gelehrsamkeit\u201c<\/u><\/a> bezeichnet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa zur gleichen Zeit spielte sich die glorreiche Angelegenheit des Paul Meier ab. Paul Meier, dieser finstere Konvertit zweifelhafter Vergangenheit, arbeitete zun\u00e4chst f\u00fcr die \u201eJudenmission\u201c in Berlin, wurde aber sp\u00e4ter von dem antisemitischen Lager gekauft. Er bezeugte vor einem Gericht in Leipzig, er habe in seiner polnischen Heimatstadt mit eigenen Augen gesehen, wie Juden einen christlichen Knaben in der Synagoge geschlachtet h\u00e4tten, um sein Blut an Pessach zu verwenden. Dank der Arbeit des \u00f6sterreichischen Parlamentariers Dr. Joseph Samuel Bloch aus Wien, wurde er der L\u00fcge \u00fcberf\u00fchrt und f\u00fcr seine Falschaussage verurteilt, worauf er aus dem Blickfeld verschwand, um seiner schweren Strafe zu entgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte j\u00fcdische Presse schaltete sich ein, um auf diese Anschuldigungen zu antworten und erkl\u00e4rte, dass es keine Erw\u00e4hnung solcher Passagen im Talmud gibt. Die Antisemiten entgegneten, wenn diese Stellen nicht in den neuen Talmud-Ausgaben zu finden seien, so w\u00e4ren sie in alten Ausgaben zu finden. Die Juden wissen und kennen sie, aber sie hielten sie bei sich versteckt und verborgen. Im Reichstag wurde sogar die Forderung geh\u00f6rt, den Talmud im Auftrag des Staates zu \u00fcbersetzen. Als dieser Antrag abgelehnt wurde, versuchten die Antisemiten eine \u00dcbersetzung vorzubereiten, die von dem ber\u00fcchtigten Konvertiten Aron Briman anfertigt werden sollte. Jener lie\u00df sich in Paderborn nieder, ver\u00f6ffentlichte eine Schm\u00e4hschrift \u201eDer Judenspiegel\u201c, die er mit dem Namen Dr. Justus unterzeichnete. Jedoch wurde er wegen verschiedener Straftaten zur Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt und aus Deutschland und \u00d6sterreich ausgewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meines Aufenthalts im Jahre 1895 in Leipzig, dem eigentlichen Zentrum des Antisemitismus, kamen zu mir mehrere Freunde, unter ihnen meine christliche Vermieterin. Sie unterbreiteten mir den Vorschlag, den Talmud ins Deutsche zu \u00fcbersetzen, denn ich hatte in meiner Jugend an einer der ber\u00fchmten Jeschiwot in Litauen studiert und war als ein Kenner des Talmud bekannt. Bei meiner R\u00fcckkehr nach Berlin habe ich mir die Sache durch den Kopf gehen lassen. Nachdem ich mich daf\u00fcr entschieden hatte, beschloss ich, mehr als das zu tun: N\u00e4mlich nach der fr\u00fchesten unzensierten Fassung zu \u00fcbersetzen, da diese Fassung all die verschm\u00e4hten Dinge enthielt. Ich beschloss, auch Textvarianten unterschiedlicher Manuskripte und Texte beizuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wandte mich an den gro\u00dfen Verleger, Trovitzsch &amp; Sohn, der einen j\u00fcdischen Drucker hatte und bot ihm an, die Herausgabe auf mich zu nehmen. Ich wollte nicht in die Lage gedr\u00e4ngt werden, an den T\u00fcren von Vereinen und bei Einzelpersonen zu hofieren und um Mittel f\u00fcr das Werk zu bitten, wie es bei Autoren von gro\u00dfen Werken dieser Art \u00fcblich ist. Dies war das Los z.B. von Kohut, dem Autor des \u201eAruch Haschalem\u201c oder der englischen \u00dcbersetzung des Talmud, die von der Soncino Press herausgegeben wurde. Aber es waren andere Umst\u00e4nde, die mich zu dieser Entscheidung veranlassten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu jenem Zeitpunkt besch\u00e4ftigte ich mich haupts\u00e4chlich mit der \u00e4thiopischen Literatur und stand im Briefwechsel mit allen Experten dieser Sprache, mit den Italienern und sogar mit Dabtira, dem kirchlichen Oberhaupt \u00c4thiopiens. Ich bereitete mich darauf vor, nach \u00c4thiopien zu reisen; als Angestellter des italienischen Staatsdienstes, was mir die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet h\u00e4tte, meine \u00e4thiopischen Studien zu vertiefen. Ich hatte \u00fcberhaupt nicht die Absicht, die Falaschen als einen besonderen j\u00fcdischen Stamm zu behandeln, obwohl ich von dem bekannten j\u00fcdischen Forscher, Dr. Abraham Harkavy aus St. Petersburg, gebeten wurde, die Geschichte der Falaschen zu verfassen. Und genau in diesen Tagen brach bei Adua der Krieg aus, als an der Spitze der \u00c4thiopier Menelik II stand. Die Italiener erlitten eine schwere Niederlage und waren gezwungen, \u00c4thiopien zu verlassen. Damals strebte ich nach Ansehen und mein starker Ehrgeiz war es, etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach wandte ich mich an einen anderen gro\u00dfen Verlag, S. Calvary &amp; Co, aber selbst in ihren Augen schien das Unternehmen hochriskant zu sein. Die \u00dcbersetzung durfte nicht allein, sondern musste zusammen mit der Quelle besorgt werden. Die Textvarianten, die Fu\u00dfnoten, und die Randnotizen m\u00fcssen nat\u00fcrlich in vom Text verschiedenen Lettern erfolgen und auch untereinander variieren. Von Pica bis Nonpareille. Im Ergebnis h\u00e4tte das Layout mehr gekostet als das Setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzige Druckerei in Berlin, die Kompetenz hatte, solch ein Werk zu ver\u00f6ffentlichen, war die von Zvi Hirsch Itzkowski. Jedoch er selbst war nicht die richtige Person, um mein Vorhaben auszuf\u00fchren. Erstens hatte er keine Plantin-Lettern, die ich mochte; zweitens war ich \u00fcberzeugt, dass er das das Werk zu meinen Lebzeiten nicht vollenden w\u00fcrde. Vor zwanzig Jahren machte er sich an die Arbeit, die Mischna mit deutscher \u00dcbersetzung zu drucken, und obwohl vier Personen damit besch\u00e4ftigt waren, ist bis heute nicht einmal ein Drittel des Werkes fertig geworden. Um eine Vorstellung von dem finanziellen Aufwand zu bekommen, trat Calvary &amp; Co. an Itzkowski heran und bat um ein Angebot. Sie hatten auf ein Angebot innerhalb von zwei oder drei Wochen gehofft, aber es waren mehr als sechs Monate vergangen. Ich teilte sofort mit, dass ich mich in dieser Druckerei nicht wohl f\u00fchle und schlug vor, das Werk auf dem kosteng\u00fcnstigsten Weg zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wohnte damals in Charlottenburg und in meiner Nachbarschaft gab es eine gro\u00dfe Druckerei der Charlottenburger Zeitung; das Einzige, was sie tun mussten, war, hebr\u00e4ische Lettern zu besorgen. Alle anderen Ger\u00e4tschaften, die f\u00fcr den Satz der lateinischen Lettern ben\u00f6tigt werden, waren vorhanden. In dieser Situation h\u00e4tte die Druckerei den Druck \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Das letzte, was ben\u00f6tigt wurde, war ein j\u00fcdischer Setzer. Zun\u00e4chst aber wurde der hebr\u00e4ische Text von einem christlichen Arbeiter gesetzt. Die vielen Fehler waren nicht von der Art, dass sie nicht durch Korrektur behoben werden konnten. Die Schwierigkeiten tauchten jedoch auf, als es dazu kam, den Quellentext, die \u00dcbersetzung, die deutschen und hebr\u00e4ischen Fu\u00dfnoten zu setzen, da der Arbeiter den Text nicht verstand. Nur ich allein konnte es machen und es hat mich sehr viel Zeit gekostet. Nach kurzer Zeit bestellte ich einen j\u00fcdischen Arbeiter aus Galizien. Er hatte bereits den deutschen Teil, den Text und alle Fu\u00dfnoten vor sich liegen und er wurde damit beauftragt, den hebr\u00e4ischen Teil zu ordnen und zu setzen. Um das Korrekturlesen zu erleichtern, lernte ich selbst die Technik des Setzens und die damit verbundenen Fachbegriffe. So wurde ich auch zum Setzer der ersten Mischna.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erscheinen des ersten Probeheftes, das zehn Seiten umfasste, verursachte viel L\u00e4rm, da ich meinerseits noch mit niemandem \u00fcber Werk und Verlag gesprochen hatte. Auch hatte ich nichts, wie es damals \u00fcblich war, im B\u00f6rsenblatt unter der Rubrik \u201eDeutscher Buchmarkt\u201c \u00fcber das Werk ver\u00f6ffentlicht. Es traten viele Gegner gegen mich auf und viele Leute wurden eifers\u00fcchtig; in manchen Kreisen berief man sich mit Argwohn auf das blo\u00dfe Ph\u00e4nomen, dass ein junger Mann in seinen Zwanzigern an so eine gro\u00dfe Tat herantritt und nicht erst mit anderen dar\u00fcber spricht, und zudem sei der Talmud Eigentum des orthodoxen Judentum. Das Rabbiner-Seminar zu Berlin war mir gegen\u00fcber schon vorher feindselig eingestellt, weil ich in einem meiner Aufs\u00e4tze gewisse kritische Bemerkungen \u00fcber R. Ezriel Hildesheimer machte und seine Ausgabe der \u201eHilchot Gedolot\u201c verspottete. Die erste Person, die scharfe Worte gegen mich ver\u00f6ffentlichte, war der Talmud-Gelehrte R. Dr. David Zwi Hoffmann, und ich antwortete ihm in einem Sonderheft. Der flei\u00dfige Schriftsteller Simon Bernfeld schrieb, dies sei das erste und das letzte Probeheft der \u00dcbersetzung. Aber er selbst \u00e4u\u00dferte sich in Anwesenheit seines Herausgebers, dass er neidisch auf mich sei, weil er keinen Verleger f\u00fcr seine Bibel\u00fcbersetzung finden konnte, und mir gelang dies f\u00fcr ein so gewaltiges Werk. Welche Neuerung in seiner \u00dcbersetzung steckt, habe ich aufgezeigt in meinem Heft <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/sammlungen.ub.uni-frankfurt.de\/freimann\/content\/pageview\/1305030\" target=\"_blank\">\u201ePhilister \u00fcber dich!\u201c, Seite 7, Anmerkung 5<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier ist eines von vielen Beispielen f\u00fcr den Wert solcher literarischen Kritiker: Nach einer Weile bat der Verleger darum, ein Heft zur Ver\u00f6ffentlichung der Talmud\u00fcbersetzung herauszugeben. Nat\u00fcrlich konnte ich dieses Heft nicht schreiben und er frage mich, wen ich empfehlen w\u00fcrde. Ich nannte den Namen von Simon Bernfeld. H\u00f6chst erstaunt fragte er: \u201eWissen Sie nicht, dass Dr. Bernfeld Ihr gr\u00f6\u00dfter Gegner und Feind ist?\u201c. Ich antwortete, dass er f\u00fcr Geld alles schreiben w\u00fcrde, was von ihm verlangte. Und in der Tat, das 1900 in Berlin erschienene B\u00fcchlein \u201eDer Talmud\u201c von Simon Bernfeld, lobte auf <a href=\"https:\/\/hdl.handle.net\/2027\/hvd.hnsc1d?urlappend=;seq=126\"><u>Seite 116<\/u><\/a> mein Werk und endet mit den Worten: \u201eDieses Unternehmen schreitet r\u00fcstig seiner Vollendung entgegen. Auch in der \u00e4u\u00dferen Ausstattung und Korrektheit wird diese Ausgabe alle fr\u00fcheren bei weitem \u00fcbertreffen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die antisemitische Presse war erz\u00fcrnt. Die Staatsb\u00fcrger Zeitung enthielt die Behauptungen, dass meine \u00dcbersetzung nicht wirklich auf der ersten Originalausgabe beruht und dass das ganze Unternehmen nichts als ein Schwindel sei. Der Name des Autors sei gar nicht Lazarus Goldschmidt, sondern Eliezer ben Gabriel. Wie sich sp\u00e4ter vor Gericht herausstellte, stammt der Artikel von dem ber\u00fchmten Erich Bischof. W\u00e4hrend der Hetzkampagne gegen die Juden unter Hitler war er Streichers wichtigster Stofflieferant.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Gelehrte, ber\u00fchmte Juristen und Theologen lobten die Ausgabe und die \u00dcbersetzung. Damals war unter den regelm\u00e4\u00dfigen G\u00e4sten der Familie Calvary die ber\u00fchmte Autorin und K\u00fcnstlerin Elsa von Schabelski. Sie schreib einen gro\u00dfen Artikel \u00fcber mich und mein Werk in der gr\u00f6\u00dften russischen Zeitung Novaya Vremya, bei der sie als Reporterin arbeitete. Sie war mit dem bedeutenden politischen Schriftsteller Maximilian Harden befreundet, der einer von Bismarcks Vertrauten war. Und Harden ver\u00f6ffentlichte den folgenden Artikel in \u201eDie Zukunft\u201c (<a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/diezukunft53hardgoog\/page\/n152\/mode\/1up\"><u>Jahrgang 7, Seite 29<\/u><\/a>):<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Talmud.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>In dunkler, nur von irren Fl\u00e4mmchen bisher erhellter Winkel der Geisteswelt soll den Blicken des Abendlandes endlich nun entdeckt werden: der Talmud von Babylon erscheint deutsch in Lieferungen bei S. Calvary &amp; Co. in Berlin. Die erste Lieferung ist schon erschienen und der Laie, der den Wert der \u00dcbersetzung freilich nicht kontrollieren kann, darf doch anerkennen, dass er eine offenbar nicht verst\u00fcmmelte, mit wissenschaftlicher Objektivit\u00e4t besorgte Ausgabe vor sich hat. Der hebr\u00e4ische und der deutsche Text sind einander gegen\u00fcbergestellt, die von der j\u00fcdischen und christlichen Zensur beseitigten Teile sind wieder aufgenommen und die technische Ausstattung l\u00e4\u00dft keinen Wunsch nach Klarheit und \u00dcbersichtlichkeit unbefriedigt. Wir werden also in ein paar Jahren \u2014 denn das Werk wird ungef\u00e4hr achtzig Lieferungen umfassen \u2014 eine vollst\u00e4ndige und unparteiische deutsche Ausgabe des babylonischen Talmuds haben, wenn dem Herausgeber nicht, wie seinen Vorg\u00e4ngern, bei der uns\u00e4glich m\u00fchsamen Arbeit die Kraft erlahmt. Er hei\u00dft Lazarus Goldschmidt, ist ein russischer Jude und hat bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre nichts anderes gekannt als die Sprache und den Gedankenkreis der Talmudwelt, die noch heute den \u00f6stlichen, abgeschlossen lebenden Juden die einzige Zerstreuung und den einzigen Anla\u00df zu spitzfindigen Forschungen bietet. Der junge Herr Goldschmidt; er hat sich aus Ru\u00dfland aufgemacht, ist zu Fu\u00df nach Berlin gekommen, hat hier, wo deutsche Gelehrte ihn freundlich unterst\u00fctzten, mit z\u00e4hem Eifer die deutsche Sprache gelernt, seine Studien fortgesetzt und, oft genug wohl hungernd und frierend, nicht eher geruht, als bis er f\u00fcr das Werk seiner Tr\u00e4ume einen Verleger gefunden hatte. Jetzt sitzt er in Charlottenburg, arbeitet t\u00e4glich seine f\u00fcnfzehn Stunden und will, je nachdem es die einzelnen B\u00e4nde des Talmuds verlangen, nach der Theologie auch noch die alte Philosophie, Jurisprudenz und Astronomie studieren. Ein bisschen Ehrgeiz, den man minder wohlwollend, ja auch Eitelkeit nennen kann, ist dabei gewi\u00df im Spiel; jedenfalls aber geh\u00f6rt Herr Goldschmidt zu den besonderen S\u00f6hnen Sems, die, wie Marx, eine au\u00dferordentliche Geringsch\u00e4tzung irdischer G\u00fcter mit einem scharfen, bohrs\u00fcchtigen Verstand und mit z\u00e4hestem Flei\u00df verbinden. Und ein solcher Mensch, ein auf der Sonnenseite des j\u00fcdischen Geistes gezeugter, war n\u00f6tig, um uns das Werk zug\u00e4nglich zu machen, das in der Zur\u00fcckgezogenheit, in dem vergeistigten, zwischen der Familie und der Synagoge sich abspielenden Leben der Judenheit einst entstand. Eine d\u00fcstere Welt wird sich unseren Blicken da auftun, ein lastendes Geb\u00e4ude, das, nach Renans Wort, aus Pedanterie, kl\u00e4glicher Kasuistik und religi\u00f6sem Formalismus gef\u00fcgt worden ist und das nach den griechischen Disziplinen, der Quelle aller klassischen Kultur, keinen erhellenden Ausgang \u00f6ffnet. Aber nicht der Jurist nur wird hier eine F\u00fclle ungehobener Sch\u00e4tze finden: jeder gl\u00e4ubige Christ wird, wenn er die in der Zeit der schwersten K\u00e4mpfe zwischen Christen und Juden entstandenen kabbalistischen Spekulationen unbefangen und ohne \u00c4rgernis pr\u00fcft, in diesem Denkmal des gesetzgl\u00e4ubigen Thorafetischdienstes einen Wegweiser ins dunkle Land der kleinen Rasse erkennen, die, zum Guten und Schlimmen, in der Geschichte der Menschheit eine so ungeheure Rolle gespielt hat und immer noch spielt. Deshalb d\u00fcrfen auch fromme Christen der Entdeckereise in das Ghetto des j\u00fcdischen Geistes fr\u00f6hlichen Fortgang w\u00fcnschen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein eifriger Unterst\u00fctzter und Anh\u00e4nger meiner Arbeit fand ich in der Person von Baron Reuter in London, dem Gr\u00fcnder der ber\u00fchmten Agentur Reuters. Er war nicht nur einer der ersten Subskribenten, sondern schrieb auch einen begeisterten Brief an meine Verleger und ermutigte sie, das Werk zu vollenden. Als ich nach einiger Zeit London besuchte, war ich \u00fcberrascht, dass nicht nur die \u00f6ffentlichen Bibliotheken der Stadt, abgesehen von dem Jews College, sondern auch viele Privatpersonen an dieser Ausgabe interessiert waren und sie benutzten. Als mich Dr. Christian David Ginzburg in Berlin besuchte \u2014 ich war damals ein junger Mann und er bereits f\u00fcnfundsiebzig \u2014 erz\u00e4hlte er mir, dass er meine Talmudausgabe subskribiert hatte und so begeistert davon war, dass er mich einlud, einen Monat lang sein Gast in London zu sein und als Zeichen seiner Anerkennung schenkte er mir sein gro\u00dfes Werk \u201eDie Massorah\u201c, welches in seiner Vollst\u00e4ndigkeit auf dem Markt bereits vergriffen war, ebenso wie andere wichtige Werke von ihm. Er war ein Freund von Gladstone und als ich in den Gladstone Club gebracht wurde, wurden meine Errungenschaften mit solch wunderbaren Worten pr\u00e4sentiert, dass ich von allen Seiten angestarrt wurde wie ein Wunderwerk. Ebenso bei meiner ersten Begegnung mit dem Oberrabbiner, Dr. Joseph Hertz, im Zug zwischen London und Cambridge. Er sagte er mir, er sei einer der ersten Subskribenten und dass meine Ausgabe f\u00fcr ihn so hilfreich und so wichtig sei, dass er sie in vierundzwanzig pr\u00e4chtige B\u00e4nde gebunden habe.<\/p>\n\n\n\n<p>1912 gab es eine ernsthafte St\u00f6rung. Erstens ist dies das Jahr, in dem ich das Hamburger Manuskript zum Druck fertig gestellt hatte, welches das \u00e4lteste und genaueste Manuskript des Talmud ist. Aber als ich fertig wurde, brach der erste Weltkrieg aus, der die Arbeit stoppte. Obendrein fiel ich ins Bett wegen eines schweren Typhus. W\u00e4hrend des Krieges widmete ich mich anderen literarischen Unternehmungen, u.a. einer Neu\u00fcbersetzung des Koran, nach der Ausgabe von Fligel. Der weltweit bekannte Jurist, Joseph Koehler, schrieb \u00fcber die \u00dcbersetzung (Der Tag, Berlin 1917, Nr. 66), dass sie tief in den \u00f6stlichen Geist eindrang und die ganze Ausdrucksweise von einer N\u00e4he zum poetischen arabischen Text zeugte und dass die \u00dcbersetzung ein getreues Echo der Offenbarung, der Leidenschaft und der Ehrfurcht vermittelte. Neben anderen Aufs\u00e4tzen besch\u00e4ftigte ich mich auch mit der Neu\u00fcbersetzung der Bibel in eine gehobene und elegante Sprache, die auch bei der konservativen Presse hoch angesehen war (<a href=\"http:\/\/sammlungen.ub.uni-frankfurt.de\/cm\/periodical\/pageview\/2303171\"><u>Jeschurun 1928, Seite 367<\/u><\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Zeit waren Druckarbeiten in Deutschland extrem teuer und meine Verleger arbeiteten ohne finanzielle Unterst\u00fctzung. Trotzdem erschien um 1920 eine zweite Auflage, die erweitert wurde und nat\u00fcrlich waren die damit verbundenen Ausgaben gr\u00f6\u00dfer. Ich war \u00fcberrascht, als der Verlag eines Tages mit dem Vorschlag an mich herantrat, weitere 5000 Exemplare meiner \u00dcbersetzung zu ver\u00f6ffentlichen, allerdings ohne den Originaltext. Ich glaubte nicht, dass es eine M\u00f6glichkeit gibt, eine so gro\u00dfe Menge zu verkaufen. Das war f\u00fcr mich undenkbar. Aber der Verlag war seinerseits bereit, es auf sich zu nehmen und hat mir sogar eine betr\u00e4chtliche Summe ausgezahlt. Die Summe von 60.000 Goldmark war zur jener Zeit sehr hoch als Gegenleistung f\u00fcr das Recht zum Nachdruck der \u00dcbersetzung aus dem Gesamtwerk. Ich wurde nicht einmal gebeten, etwas zu \u00e4ndern, sondern nur eine letzte Korrektur zu lesen. Ich selbst aber habe aus Gewissensbissen die \u00dcbersetzung gr\u00fcndlich \u00fcberpr\u00fcft, in den ersten drei B\u00e4nden viele Korrekturen vorgenommen und die in diesen B\u00e4nden recht kurzen Anmerkungen erweitert. Allein vom ersten Band wurden sofort 3.500 Exemplare verkauft. Danach erh\u00f6hte der Verlag mit einer Zuzahlung die Auflage auf 6.500 Exemplare. Die gesamte \u00dcbersetzung erschien in zw\u00f6lf B\u00e4nden und ich erhielt mein Honorar immer sofort nach Erscheinen eines jeden Bandes, obwohl dies in Deutschland f\u00fcr diese Art von Arbeit nicht \u00fcblich war. Meine Anh\u00e4nger und Bewunderer haben sich von Tag zu Tag vervielfacht und bis heute habe ich begeisterte Rezensionen in verschiedenen Zeitschriften. Mein sechzigster Geburtstag wurde in Berlin in nie dagewesenem Glanz gefeiert. Obwohl die zionistischen Vertreter der j\u00fcdischen Gemeinde in Berlin behaupteten, es sei nicht mein sechzigster, sondern der siebzigste Geburtstag, fand sie kein offenes Ohr. Ich erfuhr, dass sich anl\u00e4\u00dflich meines Geburtstages verschiedene Delegationen anschickten, mich zu besuchen, um ihre Gr\u00fc\u00dfe zu \u00fcberbringen. Dies war jedoch nicht nach meinem Geschmack und ich verlie\u00df Berlin f\u00fcr ein paar Tage, w\u00e4hrend ich in Hamburg ein paar Gesch\u00e4fte machte. Aber nach meiner R\u00fcckkehr kamen viele Menschen, um mich zu gr\u00fc\u00dfen. Da ich in vielen Kreisen verkehrte, darunter konservative Rabbiner, Freidenker, moderne Schriftsteller und K\u00fcnstler, wurde die Feier auf drei Tage festgelegt. Das amtliche <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/gemeindeblattder51ju_d\/page\/n5\/mode\/1up\">Gemeindeblatt Januar 1932<\/a> ver\u00f6ffentliche Folgendes:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Die Verk\u00fcndigung der \u201em\u00fcndlichen Lehre\u201c in fremder Zunge Ist das Werk eines Einzelnen. Lazarus Goldschmidt hat den babylonischen Talmud von Anfang bis zu Ende ins Deutsche \u00fcbertragen und damit ein Werk geschaffen, das seinem Namen f\u00fcr die Dauer der Zeiten Bedeutung verleihen wird. Wir leben in keiner mythenbildenden Zeit, und dennoch erscheint es auch heute noch vielen als etwas Unglaubliches, da\u00df ein Einzelner dieses Werk vollenden konnte. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, den babylonischen Talmud in andere Sprachen zu \u00fcbersetzen. Alle diese Versuche legen Zeugnis ab von der einzigartigen Bedeutung des Werkes von Lazarus Goldschmidt. Als Nikolaus I., der seinen j\u00fcdischen Untertanen die Wege zur Aufkl\u00e4rung, bzw. Bekehrung ebnen wollte, einen Preis von 50.000 Rubel f\u00fcr eine franz\u00f6sische Talmud\u00fcbersetzung aussetzte, unternahm der Pater Kiarini den mi\u00dfgl\u00fcckten Versuch einer franz\u00f6sischen \u00dcbersetzung des Traktats \u201eBerachoth&#8220;. Auf die gleiche Anregung hin lieferte ein Berliner j\u00fcdischer Gelehrter, Efraim Pinner, eine deutsche Ausgabe des gleichen Traktats, eine Arbeit, die den Verfasser drei\u00dfig Jahre in Anspruch nahm (obgleich fast s\u00e4mtliche F\u00fcrsten Europas hilfreiche Hand boten; Nikolaus I. selbst bezahlte hundert Exemplare). Die Voraussetzung f\u00fcr die \u00dcbersetzung war die Schaffung eines kritischen Textes, auch das ist Goldschmidt in meisterhafter Weise gelungen. Es war, wie er selbst oft erz\u00e4hlt, eine noch schwerere Aufgabe als die \u00dcbersetzung selbst. Die Geschichte des Talmudtextes, die er in seiner Einleitung zu seiner Talmud-\u00dcbersetzung mit wenigen Strichen darstellt, gibt Kunde von den Schwierigkeiten, die er bei der Schaffung des kritischen Textes zu \u00fcberwinden hatte. Diese umfassende l\u00fcckenlose Wiederherstellung des Talmuds bietet nicht nur uns Juden, sondern auch der Umwelt ein getreues Spiegelbild des geistigen Judentums und der j\u00fcdischen Volksseele. Das Fehlen einer vollst\u00e4ndigen Talmud-\u00dcbersetzung ist seit Jahrhunderten sowohl von Gelehrten als auch von Laien als eine gro\u00dfe L\u00fccke in der Wissenschaft empfunden worden. Als Papst Clemens V., der \u00fcber den Talmud das Verdammungsurteil aussprechen sollte, etwas N\u00e4heres \u00fcber dessen als Ausgeburt der H\u00f6lle verschrieenen Inhalt erfahren wollte, fand er unter der christlichen Gelehrtenwelt seinerzeit niemand, der ihm dar\u00fcber etwas h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen. Er machte daher den Vorschlag, da\u00df an verschiedenen Universit\u00e4ten Lehrst\u00fchle f\u00fcr Hebr\u00e4isch. Chald\u00e4isch und andere Hilfswissenschaften des Talmuds errichtet werden sollten, damit eine \u00dcbersetzung dieses Monumentalwerkes m\u00f6glich sei. Auch Johannes Reuchlin verlangte, da\u00df Lehrst\u00fchle an den deutschen Universit\u00e4ten f\u00fcr die Wissenschaft des Talmuds geschaffen werden sollten, \u201edenn der Talmud, dieser stolze Hirsch mit 7 Enden, sei nicht dazu da, da\u00df jedermann mit ungewaschenen F\u00fc\u00dfen dar\u00fcber Lauf und sag, er kinds auch.\u201c Weltliche und kirchliche M\u00e4chte haben ein Jahrtausend lang miteinander gewetteifert, den Talmud aus der Welt zu schaffen. Man hat ihm Scheiterhaufen errichtet, damit er f\u00fcr immer der Vergessenheit anheimfalle. Aber niemand wu\u00dfte, was der Talmud eigentlich enth\u00e4lt, denn es bestand keine M\u00f6glichkeit, mittels einer \u00dcbersetzung seinen Inhalt und sein Wissen zu erforschen. Nun ist es anders geworden. Auch diejenigen, die wenig oder gar keine Kenntnisse des Hebr\u00e4ischen und Aram\u00e4ischen besitzen, sind in der Lage, sich in die talmudische Weisheit zu versenken. Eine Reihe von Gelehrtenarbeiten \u00fcber den Talmud sind unter Zugrundelegung der Goldschmidtschen \u00dcbersetzung entstanden. Wilhelm Ebsteins Buch \u00fcber die Medizin im Neuen Testament und im Talmud und Josef Kohler&#8217;s Darstellung des talmudischen Rechts gehen in ihren Darlegungen auf Goldschmidts Talmud\u00fcbersetzung als Quelle zur\u00fcck. Seit zwei Jahren ist eine handliche Ausgabe der \u00dcbersetzung ohne Abdruck des Textes Im Erscheinen begriffen. Die H\u00e4lfte liegt bereits gedruckt vor. Nun k\u00f6nnen auch weite Kreise dieses eigenartigste aller B\u00fccher lesen. Kaum hat vor ihm irgendeiner jemals den Talmud mit wenig Worten so treffend charakterisiert, wie es Goldschmidt in seiner Einleitung zur handlichen Ausgabe gelungen ist. Es hei\u00dft dort: \u201eNicht ein Corpus iuris sollte es sein, kein Leitfaden des kanonischen und b\u00fcrgerlichen Rechts, wie einst Tora und Mischna, ein Stenogramm vielmehr, das die gesamte Disputation des Lehrhauses getreulich registriert, wie die Worte aus des Meisters Munde geflossen. Kein System, keine Methode: ein Durcheinander von Lehren und Belehrungen, Spr\u00fcchen und Sentenzen. Schnurren und Anekdoten. Neben einer haarspaltigen Deduktion eine Fabel, eine harmlose Zote an eine Rechtsfrage anschlie\u00dfend. Scholastische Hermeneutik und metaphysische Spekulation durcheinandergemengt der historische Bericht mit der Himmelskunde. Wie die Materie, so auch die Sprache: ein Gewirr verschiedener Zungen, ein Jargon ohne Z\u00fcgel.\u201c<\/p><p>Goldschmidts Leistung wird noch bewundernswerter, wenn man an den Weg denkt, den er gegangen. Fr\u00fch vom Ernst des Lebens geh\u00e4rtet, durch viel entsagungsreiche Arbeit hindurchgegangen, kommt er aus einem kurl\u00e4ndischen St\u00e4dtchen nach Berlin, um hier semitische Philologie zu studieren. Nachdem er einige wissenschaftliche Arbeiten ver\u00f6ffentlicht hat (Henoch, Berlin 1892, Bibliotheca Aothiopica, Berlin 1893, \u201eMaa\u00dfe bereschith&#8220;, Charlottenburg 1891, \u201eDas Buch der Sch\u00f6pfung&#8220;, Frankfurt a. M. 1897), beginnt er 25 Jahre alt seine Talmud-\u00dcbersetzung. Kein M\u00e4zen hat f\u00fcr seine Arbeit Interesse, keine Organisation, die die Pflege j\u00fcdischer Wissenschaft sich zur Aufgabe gemacht hatte, hat sich seiner angenommen (die Gesellschaft zur F\u00f6rderung der Wissenschaft des Judentums existierte damals noch nicht). Niemand hatte Verst\u00e4ndnis f\u00fcr sein Unternehmen, und dennoch wu\u00dfte er sich durchzusetzen. Er geht unbeirrt seinen Weg, steigend von Stufe zu Stufe in der Anerkennung von namhaften Gelehrten. \u00dcber ein Menschenalter hat er vom fr\u00fchesten Morgen bis in die Nacht hinein gearbeitet im Dienste der j\u00fcdischen Wissenschaft. In Einfachheit und Schlichtheit ist er seinen Weg gegangen. Scharf im Urteil, voll heftigen Zornes gegen alles Scheinwissen, ausger\u00fcstet mit einem unabh\u00e4ngigen freien Sinn und darum frei von jeder Amtsb\u00fcrde hat er eine Lebensarbeit geleitet, wie sie wohl einzig dastehen d\u00fcrfte. Aus der F\u00fclle seiner wissenschaftlichen Arbeiten m\u00f6ge vor allen Dingen noch erw\u00e4hnt werden, da\u00df er auch den Koran ins Deutsche \u00fcbertragen hat, und da\u00df wir ihm eine ausgezeichnete Bibel\u00fcbersetzung zu verdanken haben, von der noch der letzte Teil fehlt. Im Talmud (Sabbat 88b) lesen wir das Wort: \u201eAm Berge Sinai teilte sich jedes einzelne Wort der g\u00f6ttlichen Offenbarung und wurde in den siebzig Sprachen der Welt vernehmbar.\u201c<\/p><p>Und nach einem anderen Ausspruche des Talmuds (Sota 33 a. Mischna Sota VII 5) war auf dem durch Josua nach der Eroberung des heiligen Landes errichteten Altare die Tora in allen siebzig Sprachen zu lesen. In verschiedener Form kommt hier derselbe Gedanke zum Ausdruck. Deutlich wird hier die Idee zum Ausdruck gebracht, da\u00df Israels Lehre von vornherein f\u00fcr alle Menschen bestimmt war, da\u00df die Wirkung des heiligen Schrifttums nicht an dessen Sprache gekn\u00fcpft war, also von vornherein die Bestimmung hatte, sich jedem Volke in seiner eigenen Sprache verst\u00e4ndlich zu machen. Was in den vorstehenden Ausspr\u00fcchen vielleicht nur bildlich gemeint war, ist von der Wirklichkeit weil \u00fcberholt worden. Hier wird nur von siebzig Sprachen geredet, entsprechend der traditionellen Anzahl der V\u00f6lker der Erde. Heute z\u00e4hlt man bereits 300 Sprachen auf, in denen unsere Bibel ganz oder teilweise vorhanden ist. Was f\u00fcr die \u201eschriftliche Lehre\u201c in Erf\u00fcllung gegangen ist, ihre Verbreitung \u00fcber die ganze Erde, wird sich auch f\u00fcr unsere \u201em\u00fcndliche Lehre\u201c erf\u00fcllen. Lazarus Goldschmidt hat den Talmud in die Kultursprache \u00fcbersetzt, in der die Wissenschaft vom Judentum ihren ersten und tiefsten Ausdruck gefunden hat. Es ist kein Zweifel, da\u00df Goldschmidt deutsche Talmud-\u00dcbersetzung das Vorbild sein wird f\u00fcr Talmud-\u00dcbersetzungen in andere Kultursprachen und so dazu beitragen wird, da\u00df auch Israels \u201em\u00fcndliche Lehre\u201c ein Licht f\u00fcr die V\u00f6lker der Erde sein wird.<\/p><p>Am 17. Dezember d. J. vollendete Lazarus Goldschmidt sein sechzigstes Lebensjahr. Er kann auf eine wissenschaftliche Laufbahn zur\u00fcckblicken, auf die er und mit ihm wir alle stolz sein k\u00f6nnen. Wir w\u00fcnschen ihm, da\u00df es ihm weiterhin verg\u00f6nnt sein m\u00f6ge, in geistiger Vollkraft noch Gro\u00dfes und Fruchtbares zu schaffen. Goethe sagt einmal: \u201eWas man in der Jugend w\u00fcnscht, hat man im Alter die F\u00fclle.\u201c Mag die Jugend ihm vieles versagt haben, so hat ihm doch das Alter vieles gebracht, auch das, was er nicht erstrebt hat, Ehre und Anerkennung.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie ich bereits erw\u00e4hnt habe, war meine Beziehung zum orthodoxen Judentum nicht die beste. Im Gegensatz zu anderen jungen Leuten, die aus dem Osten kamen, habe ich mich weder an der Hochschule noch am Rabbiner-Seminar eingeschrieben und mich mit vielen Mitgliedern dieser beiden Institutionen gestritten. Dennoch erhielt ich sowohl von den orthodoxen Vertretern als auch vom Rabbiner-Seminar zu Berlin Gl\u00fcckw\u00fcnsche:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir haben erfahren, dass Sie am 17. des Monats Ihren sechzigsten Geburtstag feiern werden. Wir nehmen uns die Erlaubnis, Ihnen hiermit unsere besten W\u00fcnsche f\u00fcr diesen Feiertag zu \u00fcbermitteln. Mit einem bedeutenden Teil Ihres Lebens haben Sie sich der Pflege der Weisheit Israels verschrieben und insbesondere auf dem Gebiet der talmudischen Forschung haben Sie gro\u00dfe Leistungen erbracht. Ihre \u00dcbersetzung des Talmuds die dieses gewaltige Werk erstmals in eine Fremdsprache gebracht hat, hat ihren rechtm\u00e4\u00dfigen Platz in der Weltliteratur eingenommen, und dank ihr haben Sie sich einen festen Platz und Ehre in der Welt der Wissenschaft des Judentums gesichert. M\u00f6gen Sie Ihr Werk auch in den n\u00e4chsten Jahrzehnten unerm\u00fcdlich zu Ihrem Wohle fortsetzen. In Anerkennung:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das Kuratorium des Rabbiner-Seminars zu Berlin<br>\nDr. Meir Hildesheimer, Felix Struck.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1935 fand ich in New York viele j\u00fcdische Gelehrte, die meinen Namen kannten und meine Arbeit sch\u00e4tzten. Ich wurde mit der Teilnahme vieler j\u00fcdischer Gelehrter und Schriftsteller aus New York begr\u00fc\u00dft, mit Ausnahme einiger aus dem Rabbiner-Seminar von Sch\u00e4chter. Viele der Anwesenden waren schon einmal in Deutschland gewesen und jeder kannte meinen Namen. Die Feier war ungew\u00f6hnlich erhebend. Dort traf ich auch einen Jugendfreund, Israel Davidson, dessen Name mir aus der Literatur bekannt war, aber niemals im Leben h\u00e4tte ich ihn in Verbindung gebracht mit \u201eder Bachur Alter aus Auschwitz\u201c aus Horadna. Und wie ich, erkannte auch er mich fr\u00fcher nicht, sondern unter dem Spitznamen \u201eDer Grabiner\u201c und ebenso kannte er den Namen Lazarus Goldschmidt aus der Literatur. Er war \u00fcberrascht, als ich ihm seinen ersten Brief aus New York (ca. 1886) m\u00fcndlich vorlas. Leider w\u00e4hrte die erneuerte Freundschaft nicht lange, nach einigen Briefwechseln kam die Nachricht vom Tod dieses hochbegabten Mannes.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier muss ich auch den h\u00f6chst begabten und wortgewandten Schriftsteller, Dr. Melamed, erw\u00e4hnen, der vor langer Zeit in Deutschland lebte und meinen Namen und meine Aktivit\u00e4ten dort kannte. Leider verlie\u00df er die Welt vor ein paar Jahren in einem recht jungen Alter.<\/p>\n\n\n\n<p>Amerika ist ein Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten und es geschehen dort Wunder, von denen man die Bedeutung nicht kennt. W\u00e4hrend meines Studiums an der Jeschiwa in Slobodka h\u00f6rte ich, wie sich die Leute mit jemandem namens Lewke Neust\u00e4dter unterhielten. Er war ein paar Jahre \u00e4lter als ich, da ich einer der J\u00fcngeren war. Ich studierte an der Jeschiwa vom dreizehnten oder vierzehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr. W\u00e4hrend meiner ersten Studienzeit an der Berliner Universit\u00e4t war ich in gro\u00dfer Not und trug abgetragene Kleidung. Eines Tages betrat ich ein Caf\u00e9, ich glaube in der Rosenthaler Stra\u00dfe, das von Studenten des Rabbiner-Seminars besucht wurde. Mit mir ins Gespr\u00e4ch kam ein Mann, der (nach damaligem Verst\u00e4ndnis) prachtvoll gekleidet war, sich als Holl\u00e4nder vorstellte und mich freundlich nach meinem Tun fragte. Als ich ihm antwortete, dass ich ein Jeschiwa-Student sei, sagte er \u2013 und in seiner Stimme lag ein Ausdruck der Verachtung: \u201eIhr, die ihr im Osten lebt, besch\u00e4ftigt euch viel mit dem Talmud.\u201c Ich war stolz auf die Bekanntschaft dieser Generation, die ich machte, und erz\u00e4hlte die Geschichte einem alten Freund aus meiner Jeschiwa-Zeit, der in einer \u00e4hnlichen Lebenssituation wie ich war. Er arbeitete sp\u00e4ter als Arzt in London und starb vor zwanzig Jahren. Er brach in Gel\u00e4chter aus und sagte: \u201eDas ist doch Lewke Neust\u00e4dter\u201c. Seine Eltern sind offenbar in die Niederlande eingewandert, daher stellte er sich in Anwesenheit aller als Holl\u00e4nder vor, er will seine litauische Herkunft verbergen. Sp\u00e4ter las ich seine Biographie im j\u00fcdischen Lexikon, wo er Louis Ginzburg hei\u00dft und Professor am Sch\u00e4chter Rabbiner-Seminar in New York ist. Er war ein paar Jahre j\u00fcnger als ich und in Kaunas geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Satz aus der Gru\u00dfkarte des Rabbiner-Seminars, dass mein Talmud einen Platz in der Weltliteratur einnimmt, hat sich fr\u00fcher erf\u00fcllt, als ich dachte. Als ich den letzten Band der kleinen Ausgabe beendete, etwa 1933, wurde mir in Cambridge gesagt, dass jemand einen Band aus meiner Talmudausgabe kaufen wolle, da er ein Mitarbeiter bei der englischen \u00dcbersetzung des Talmud sei. Tats\u00e4chlich gelang es einem klugen Londoner Verlag (Soncino Press), 28 englische Rabbiner und Gelehrte zu versammeln und eine englische Ausgabe des Talmud zu ver\u00f6ffentlichen, herausgegeben von Dr. J. Epstein (Direktor des Jews College).<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich in Berlin sa\u00df, machte ich mich daran, einen abschlie\u00dfenden Band f\u00fcr meine Talmud-Ausgabe vorzubereiten. Ich beabsichtigte darin alle Zitate aus Talmud, Bibel und Apokryphen aufzunehmen, samt allen biblischen Textvarianten der ersten Talmud-Ausgabe, da die sp\u00e4teren Ausgaben nach dem masoretischen Text korrigiert wurden; sowie alle Ortsnamen, die im Talmud erw\u00e4hnt werden und alle Verse, die sich nicht in unseren B\u00fcchern finden. Aber mit dem Hauptteil dieses Bandes, dem alphabetischen Index zum Talmud, einer Art Enzyklop\u00e4die, habe ich nicht angefangen, sondern erst hier, in London, in den Tagen des Blitzkrieges. Als der Oberrabbiner mich zum ersten Mal besuchte und h\u00f6rte, dass die ganze Arbeit innerhalb von zwei Jahren gemacht worden war, glaubte er nicht, was er h\u00f6rte, und bot sofort an, das Manuskript auf seine Kosten zu fotokopieren, da es in diesen turbulenten Tagen gef\u00e4hrlich war, ein solches Manuskript zu Hause aufzubewahren. Er selbst war ein eifriger und geschmackvoller Sammler, aber als er sich meine Bibliothek und meine Arbeit genau ansah, sagte er zu mir: Du hast mir meine Illusion geraubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die englische \u00dcbersetzung des Talmud machte hier fast keinen Eindruck. Jeder, der sich f\u00fcr den Talmud interessiert, Jude oder nicht, hat meine \u00dcbersetzung zu Hause. Nach kurzer Zeit war es komplett ausverkauft und wurde zu einem Preis verlangt, der dreimal so hoch war wie sein offizieller Preis.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will \u00fcber einen tr\u00fcgerischen Versuch erz\u00e4hlen, den Talmud ins Deutsche zu \u00fcbersetzten. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde in Berlin eine j\u00fcdische Bibliothek gegr\u00fcndet und ein gewisser Dr. Jakob Fromer als ihr Bibliothekar eingesetzt. Es wurden reichlich Mittel f\u00fcr den Kauf von B\u00fcchern bereitgestellt; der Bibliothekar war auf Empfehlung eines Christen, eines Professors an der Universit\u00e4t, gekommen aber ansonsten hatte er keine nennenswerten Verdienste. Zur gleichen Zeit ver\u00f6ffentlichte der bekannte Autor Walther Rathenau einen Artikel mit dem Titel \u201eH\u00f6re Israel!\u201c, der den Juden in Deutschland die Wahrheit entgegenschleuderte und f\u00fcr viel Unruhe sorgte. Rathenaus Publikation weckte die Leidenschaft dieses Bibliothekars und er beschloss, nicht nur in seine Fu\u00dfstapfen zu treten, sondern ihn zu \u00fcbertreffen. Er publizierte einen Artikel in einer Berliner Zeitung, der b\u00f6sartig und taktlos war, auch war er stark gek\u00fcrzt, um sein schlechtes Deutsch zu verh\u00fcllen. Zus\u00e4tzlich zu den abf\u00e4lligen Bemerkungen \u00fcber die Lehren des Judentum, forderte er die Juden ausdr\u00fccklich auf, sich taufen zu lassen. Der Artikel erschien anonym, aber in den Ohren seiner Freunde prahlte er damit, der Autor zu sein. Als er von Gemeindevertretern darauf angesprochen wurde, dementierte er den Artikel. Dann wurde er nicht nur entlassen, sondern in Schande und Verachtung aus der Bibliothek geworfen. Der Pf\u00f6rtner wurde angewiesen, ihn nicht in die Bibliothek zu lassen, um seine Sachen zu holen, sondern sie ihm durch die T\u00fcr oder das Fenster zur\u00fcckzugeben. Danach erz\u00e4hlte mir Prof. Ludwig Geiger, der Vorstandsmitglied der j\u00fcdischen Gemeinde war, dass die Gemeinde ihn sowieso gefeuert h\u00e4tte, da es nicht vorstellbar sei, dass sie einen Menschen besch\u00e4ftigen w\u00fcrde, der das Judentum in einer solchen Weise diffamiert. Aber seinen Rauswurf in Ungnade wurde durch sein grobes Verhalten und seine Arglist verursacht. Nach dieser Begebenheit trat er in der \u00d6ffentlichkeit als Opfer eines eifers\u00fcchtigen, intoleranten Judentums auf, und um L\u00e4rm und Aufruhr zu provozieren, reichte er eine Klage gegen die j\u00fcdische Gemeinde ein, weil sie einen Teil seines Gehalts nicht bezahlt hatte. Er verlor den Prozess in erster Instanz und auch in der Berufung. Nun wandte er sich an christliche Kreise und bat um Mittel zur Herausgabe seines Buches \u00fcber den Talmud in Form einer Konkordanz. Es gelang ihm sogar, gewisse Kreise anzuziehen, die ihm eine Geldsumme zur Verf\u00fcgung stellten \u2013 wenn ich mich nicht irre f\u00fcr einen Zeitraum von zehn Jahren \u2013 in denen er sein Werk vollenden sollte. Die Frucht erschien im Eigenverlag des Autors im Jahre 1909 unter dem Namen \u201eDer Babylonische Talmud. Zur Herstellung einer Realkonkordanz. Einleitung. Der Organismus des Judentums.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Werk ist voller literarischer Diebst\u00e4hle und Unwissenheit. Es enth\u00e4lt Beispiele, die darauf abzielen, die Leser mit antisemitischen Tendenzen zu beeindrucken, sowie einen Anhang von einundsiebzig Seiten im gro\u00dfen Format des Traktats Bawa Kama, samt einer \u00dcbersetzung. Die \u00dcbersetzung ist schlecht und voll von Kommentaren und Erkl\u00e4rungen, die er aus seinem Unwissen sch\u00f6pft. Die Unversch\u00e4mtheit dieser Person hat mich veranlasst, eine vernichtende Kritik an seinem Werk zu schreiben. In seiner Antwort behauptete er wiederholt, er sei nichts weiter als ein Opfer des j\u00fcdischen Fanatismus und dass die Berliner Juden sein Leben genauso beenden wollten, wie es ihre Br\u00fcder in Amsterdam mit seinem Leidensgenossen Spinoza vorhatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Antwortschreiben wurde der Presse zur Rezension zugesandt, nicht aber sein erw\u00e4hntes Buch. Die Rezensionen in den Zeitungen waren negativ, aber ein christlicher Theologe, H. Laible in Rottenburg, wollte erst dar\u00fcber schreiben als er das Buch selbst sah und mich bat, ihm eine Ausgabe zu leihen. Er schickte es mir mit folgendem Brief zur\u00fcck:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich gebe das Buch von Fromer dankend zur\u00fcck. Dies ist, kurz gesagt, eine echte Verschwendung. Ich konnte kein einziges gutes Wort \u00fcber ihn sagen in der Theol. Libl. Ich war froh, dass Sie mir nichts \u00fcber die Person des Autors geschrieben haben, so dass ich mir ein objektives Bild nur auf Grund dieser Makulatur von ihm machen konnte. Ich hoffe, Sie nehmen mir die Fu\u00dfnoten nicht \u00fcber, dass ich mir das Recht genommen habe, Anmerkungen zu schreiben. Ich habe f\u00fcr sie sonst keinen Platz gefunden. Wenn das Buch nur zehn Pfennige wert w\u00e4re, w\u00fcrde ich es mir nicht erlauben, ohne Erlaubnis ein Exemplar zu kommentieren, das jemandem geh\u00f6rt. Aber der Wert dieses Buches ist so gering, dass ich es nicht einmal als Geschenk haben m\u00f6chte.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Solche Briefe erhielt ich auch von anderen christlichen Theologen, die ihm zun\u00e4chst zur Seite standen. Eine Berliner Zeitung bat mich, eine Antwort zu ver\u00f6ffentlichen. Prof. Dr. Abraham Berliner, einer der Lehrer am Rabbiner-Seminar zu Berlin, der zun\u00e4chst einer meiner sch\u00e4rfsten Gegner war, schrieb \u00fcber diese Antwort:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><em>Berlin, 11. November 1909<br> Sie taten nicht gut daran, mich aus meinem Versteck zu locken, um \u00f6ffentlich \u00fcber den Krieg zu bezeugen, den Sie zu f\u00fchren mit mit ihrem Sonderheft \u201e<a href=\"http:\/\/sammlungen.ub.uni-frankfurt.de\/freimann\/content\/titleinfo\/3628980\"><u>Eine Talmudische Realkonkordanz<\/u><\/a>\u201c, gegen die Unwissenheit, was verzeihlich ist und gegen die Verf\u00e4lschung, was nicht verzeihlich ist. Man k\u00f6nnte meinen, in der Welt der Gelehrten und Sprachwissenschaftler sei es nicht n\u00f6tig, auf all die Verf\u00e4lschungen des Textes, die Verdrehungen des Wortlauts und auf das darunter liegende Erkl\u00e4rungs-Unget\u00fcm hinzuweisen. Das ist alles wirklich offensichtlich. Aber es ist m\u00f6glich, dass Sie, w\u00e4hrend Sie ihre Feder spitzten, den Laien vor Augen sahen und gekommen sind, ihn zu warnen, nicht zu stolpern und dieses Feld der F\u00e4lschungen nicht zu betreten. Mit Ihren Worten wurden Sie auf den Rat des Dichters gestellt:<\/em><\/p><p><em>Greif nicht leicht in ein Wespennest,<br> Doch wenn du greifst, so greife fest.<\/em><\/p><p><em>Und in der Tat haben Sie es auf die beste Art und Weise getan und diese Tat sollte Ihnen angerechnet werden. Da Sie sich an mich gewandt haben, habe ich mir die M\u00fche gemacht, alle Argumente, Beweise und Behauptungen, die Sie anhand der Quellen aufgestellt haben, zu pr\u00fcfen, soweit mein Wissen reicht, und ich kam zu der Erkenntnis, dass Sie in der Tat ein treues Handwerk betrieben haben und es dem Sieg der Gerechtigkeit und der Wahrheit helfen wird. Um ehrlich zu sein, musste ich die Versuchung \u00fcberwinden, die ich hatte als ich Ihr Sonderheft las, neue Beweise anzuf\u00fchren und besonders gegen die wundersame Idee, die Sprache des Ghetto-Jargon zu verwenden, um Zweifelsf\u00e4lle \u00fcber die richtige Aussprache oder grammatikalische Form der talmudischen Sprache zu \u00fcberwinden. In der Tat sollte ein solch t\u00f6richter Schritt \u00f6ffentlich gemacht werden, aber es wurde bereits das r\u00f6mische Sprichwort gesagt sapienti sat, dessen korrekte \u00dcbersetzung lautet: <span dir=\"rtl\">\u05d5\u05d3\u05d9 \u05dc\u05de\u05d1\u05d9\u05df<\/span>.<\/em><\/p><p><em>Abschlie\u00dfend freue ich mich, dass Sie auf<\/em> <em><a href=\"http:\/\/sammlungen.ub.uni-frankfurt.de\/freimann\/content\/pageview\/3629040\"><u>Seite 57<\/u><\/a> Ihres Sonderheftes zugeben, dass Sie beim Erscheinen des ersten Bandes Ihrer Talmudausgabe, sich in Ihrer Sturm und Drangperiode der Kritik ausgesetzt waren. In der Tat war es diese Zeit, in der bestimmte Dinge in Ihrer \u00dcbersetzung in unseren Kreisen als fehlerhaft erschienen. Die Tatsache, dass Sie im Laufe der Zeit Verbesserung in dieser Richtung bewiesen, zeigt Ihre vielen Leistungen w\u00e4hrend der dreizehn Jahre, in denen Sie bereits die Fertigstellung von zwei Dritteln des Talmuds in Ihrer neuen Ausgabe und \u00dcbersetzung erreicht haben.<\/em><\/p><p><em>Die besten W\u00fcnsche f\u00fcr Ihren weiteren Erfolg in Ihrer Aufgabe, unserer glorreichen Literatur Achtung zu verschaffen.<\/em><\/p><p><em>Ihr Prof. Dr. Abraham Berliner.<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dann erschien 1910 ein weiteres B\u00fcchlein mit wenigen Seiten, in dem auch eine \u00dcbersetzung eines Teils des Traktats Bava Kama im Selbstverlag es Autors, die keiner ver\u00f6ffentlichen wollte. 1924 ver\u00f6ffentlichte Fromer in einer Luxusausgabe ein Buch mit dem Titel \u201eDer Babylonische Talmud, \u00dcbertragen und erl\u00e4utert von Jakob Fromer, Berlin 1924\u201c. Der Name ist nicht nur irref\u00fchrend sondern falsch und verlogen. Das Buch enth\u00e4lt nichts anderes als eine Aneinanderreihung verschiedener Passagen aus dem Talmud, die alle zusammen nicht einmal einen einzigen kleinen Traktat des Talmud ergeben. Und dies ist die Geschichte der Ver\u00f6ffentlichung dieses Buches. Der Verleger meiner Talmud-Ausgabe ver\u00f6ffentliche eine Luxusausgabe meiner Koran\u00fcbersetzung und war damit so erfolgreich, dass wir uns danach sehnten, weiterhin B\u00fccher im Bereich Religion in einem kleinen Format zu ver\u00f6ffentlichen. Er kam zu mir mit dem Vorschlag, auch die \u00dcbersetzung des Talmud in einem solchen Format zu ver\u00f6ffentlichen. Ich erkl\u00e4rte ihm, dass der Talmud nicht nur drei\u00dfigmal gr\u00f6\u00dfer ist, sondern dass auch der Inhalt und die Sprache f\u00fcr ein popul\u00e4res Buch ungeeignet sind und eine Luxusausgabe wirklich l\u00e4cherlich ist. Und schon der Name \u201eDer Talmud, Deutsch\u201c w\u00e4re ein fundamentaler Akt der T\u00e4uschung. Ich wei\u00df nicht, an wen er sich sonst gewandt hat, aber in Fromer hat er die richtige Person gefunden, um die \u00d6ffentlichkeit zu t\u00e4uschen. Es wurden mehrere Passagen aus dem Talmud gesammelt, aber ich wei\u00df nicht nach welcher Methode die Auswahl getroffen wurde und welchen Wert sie hatte. Offenbar wurden sie einfach aus anderen \u00dcbersetzungen kopiert. Zu dieser Zeit war ich bereits Sammler von Luxusausgaben und konnte diese B\u00fccher sogar zu einem g\u00fcnstigen Preis vom Verlag bekommen, aber es kam mir nie in den Sinn, dieser Sammlung einen Platz in meiner Bibliothek zuzuweisen oder ihr Zeit zum Studium zu widmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Autobiographie von Lazarus Goldschmidt. 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