Die drei Wörter ראה (raá, sehen), הביט (hibbit, betrachten) und חזה (chazá, schauen) werden zunächst auf das Sehen des Auges angewandt, jedoch alle auf das Begreifen durch das Denkvermögen übertragen. Hinsichtlich des Wortes ראה (raá) ist dies allgemein bekannt. An der Stelle: „Er blickte auf (וירא, wajjár) und siehe, da war ein Brunnen auf dem Felde“ (Gen. 29,2) ist eine Gesichtswahrnehmung durch das Auge gemeint. Eine andere Stelle lautet: „Mein Herz sah (raá) viel Weisheit und Wissenschaft“ (Qohel. 1,16), worunter eine Vernunfterkenntnis zu verstehen ist. In dieser übertragenen Bedeutung ist jeder Ausdruck des Sehens zu verstehen, der in Beziehung auf Gott gebraucht wird[1]. Z. B. „Ich sah (ראיתי, raiti) den Herrn“ (I. Kön. 22,19; II. Chron. 18,18); „Der Herr erschien (וירא, wajjera) ihm“ (Gen. 18,1; Exod. 3,2); „Gott sah (וירא, wajjár), daß es gut war“ (Gen. 1,4); „Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen“ (הראני, har’eni) (Exod. 33,18); „Sie sahen (ויראו, wajjir’ú) den Gott Israels“ (ibid. 24,10). Alle diese Stellen bedeuten eine Vernunfterkenntnis, keineswegs ein Sehen vermittelst der Augen, denn die Augen nehmen nur Körper wahr, und zwar nur von einer Seite[2] und nur manche ihrer akzidentiellen Beschaffenheiten, nämlich die Farbe eines Körpers, seine Gestalt u. dgl. Ebenso erkennt man Gott[3], wie gezeigt werden wird, nicht durch ein Werkzeug.
Ebenso wird auch das Wort הביט (hibbit) zunächst auf das Betrachten des Dinges mit dem Auge angewandt, wie z. B. „Blicke nicht (אל תבט, al tabbet) hinter dich!“ (Gen. 19,16); „Sein Weib blickte (wattabbet) hinter sich“ (ibid. 26); „Blickt (ונבט, w’nibbat) man zur Erde“ (Jes. 5,30). Es wird aber auch auf das Schauen und Betrachten der Vernunft übertragen, auf das Betrachten eines Dinges, bis man es begriffen hat, wie z. B. in dem Satze: „Er schaut (hibbit) kein Unrecht in Jaqob“ (Num. 23,21), denn das Unrecht kann nicht durch das Auge gesehen werden. Dasselbe gilt von den Worten: „Sie blickten (והביטו, w’hibbitú) dem Mose nach“ (Exod. 33,8), wo, wie die Lehrer sagen, der Sinn der gleiche ist, da dort ausgesagt wird, daß die Israeliten es mit den Taten und Aussprüchen Moses’ sehr genau nahmen und sie beobachteten[4]. Denselben Sinn hat auch der Satz: „Blicke (habbét) doch zum Himmel!“ (Gen. 15,5), da er ja im prophetischen Gesichte gesprochen wurde. Und diese übertragene Bedeutung hat der Ausdruck des Wortes הביט allenthalben, wo er von Gott gebraucht wird, z. B. „Er scheute sich, zu Gott emporzublicken“ (מהביט, mehabbit) (Exod. 3,6); „Er schaut (יביט, jabbit) die Gestalt des Herrn“ (Num. 12,8); „Du vermagst nicht, das Leid anzuschauen (והבט, w’habbet)“ (Habak. 1,13).
Ebenso wird חזה (chazá) zunächst vom Sehen der Augen gebraucht, wie in dem Satze: „Du läßt unsere Augen Zion schauen“ (ותחז, wattáchaz) (Micha 4,11); es wird aber auch auf die innere Erkenntnis übertragen, wie z. B. „die er inbetreff Judas und Jerusalems schaute (chazá)“ (Jes. 1,1); „Es erging an Abraham das Wort des Herrn im Gesichte (במחזה, bamach’zé)“ (Gen. 15,1), und in dieser übertragenen Bedeutung steht es auch in dem Satze „Sie sahen (ויחזו, wajjech’zú) Gott“ (Exod. 24,11). Beachte dies wohl![5]
Sowohl wenn von Menschen ausgesagt wird, daß sie Gott sehen, als auch, wenn von Gott ausgesagt wird, er sehe, bedeutet dies ausschließlich eine Vernunfterkenntnis, wenn auch die Vernunfterkenntnis des Menschen nicht mit der Gottes vergleichbar ist. ↩︎
Nach MUNK, Guide I, S. 44 Anm. 3. ↩︎
S. I. T., Kap. 44. ↩︎
Sie betrachteten ihn argwöhnisch. Vgl. bab. Talm. Qidduschin 33b und ähnlich Midrasch Tanchuma ki tissa 27 u. Exod. rabb. c. 51. ↩︎
Diese Bemerkung bezieht sich auf das letzterwähnte Beispiel, aus welchem hervorgeht, daß auch eine mangelhafte Vernunfterkenntnis, wie sie „den Auserlesenen der Söhne Israels“ zuteil wurde, mit chaza bezeichnet wird. ↩︎
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