[1]Als der Meister der Philosophen[2] zu forschen und für gewisse sehr tiefliegende Gedanken Beweise zu erbringen unternahm, sagte er zu seiner Rechtfertigung dem Sinne nach folgendes: Der Leser seiner Schriften dürfe es ihm nicht als Dreistigkeit auslegen, daß er seine Untersuchungen auf solche Dinge richte, noch dürfe er ihn beschuldigen, daß er aus eitler Ruhmsucht verwegen in Dinge eindringe, von denen er keine Kenntnis besitze; vielmehr müsse er ihn als einen gewissenhaften und pflichttreuen Menschen betrachten[3], weil er, soweit es ein Mensch vermag, den wahren Glauben ausfindig mache und zur Geltung bringe. Und ebenso sagen wir: Der Mensch darf mittelst oberflächlichen Denkens in diesen erhabenen und ehrwürdigen Gegenstand (die Metaphysik) nicht voreilig eindringen, ehe er sich mit den übrigen Wissenschaften und wahren Erkenntnissen vertraut gemacht, seinen Charakter gründlich und sorgfältig geläutert und seine sinnlichen Begierden, wie seine der Einbildungskraft entspringenden Leidenschaften abgetötet hat. Wenn er aber wahre Prämissen[4] versteht und kennt, wenn er die Methoden der Schlußfolgerung und Beweisführung erlernt hat, wenn er weiß, auf welche Art er sich vor den Sophismen des Denkens zu hüten hat, dann darf er die Untersuchung über diesen Gegenstand beginnen. Er darf aber nicht sofort im Anfange der Erkenntnis, die in seinem Geiste aufgeht, ein entschiedenes Urteil abgeben und seinen Vorstellungen die Zügel schießen lassen, indem er seinen Gedanken die Kraft zuschreibt, Gott zu begreifen, sondern er muß Scheu und Zurückhaltung bekunden und warten, bis sich ihm nach und nach die Wahrheiten kundtun. Und im Sinne dieses Verhaltens ist der Ausspruch zu verstehen: „Mose verhüllte sein Angesicht, weil er sich scheute, zu Gott emporzuschauen“ (Exod. 3,6), verbunden mit dem, worauf die Erscheinung (des brennenden Dornbusches) hindeutet, daß er sich scheute, das sichtbar gewordene Licht zu betrachten[5], nicht aber, als ob die Augen Gott, der über jede Mangelhaftigkeit unendlich erhaben ist, wahrnehmen könnten. Dies gereichte auch Mose zum Lobe und Gott ließ ihm deshalb von seinem Gute das zuströmen, was ihm gebührte[6], so daß von ihm gesagt wurde: „Er sieht die Gestalt Gottes“ (Num. 12,8). Dazu bemerken unsere Lehrer, dies sei der Lohn dafür gewesen, daß er zuerst sein Antlitz verhüllte, um nicht zu Gott[7] emporzuschauen. Aber die „Auserlesenen der Söhne Israels“ (Exod. 24,11) waren übereilt und ließen ihren Vorstellungen freien Lauf. Sie erlangten zwar auch eine, wenn auch unvollkommene Erkenntnis von Gott. Deshalb sagt die H. Schrift von ihnen: „Sie sahen den Gott Israels und unter seinen Füßen“ usw.; sie sagt aber nicht schlechthin: „Sie sahen den Gott Israels“ (Exod. 24,10). Der ganze Inhalt dieses Satzes will nur ihr Sehen begrenzen, nicht aber die Art schildern, wie sie sahen[8]. Er begrenzt das Maß ihrer Erkenntnis, die eben auch manche körperliche Vorstellungen von Gott enthielt[9]. Daran war die Tatsache schuld, daß sie, ohne die vollständige Eignung erlangt zu haben, voreilig zur Erkenntnis Gottes vordringen wollten. Sie hätten dafür auch den Untergang verdient, doch Mose betete für sie, und Gott ließ ihnen seine Langmut angedeihen bis zu ihrer Verbrennung in Tabb’era (Num. 11,1), während Nadab und Abihu im Stiftszelte dem Feuertode zum Opfer fielen. Dies geht aus der wahren Überlieferung hervor[10]. Wenn nun dies für sie, für diese Auserlesenen gilt, um wieviel mehr muß dies für uns, die Geringen, und für die gelten, die noch unter uns stehen, so daß wir, jeder einzelne unter uns, mit hingebender Sorgfalt darauf bedacht sein und danach trachten müssen, die Fundamentalsätze vollständig kennen zu lernen und jene vorbereitenden Kenntnisse zu erlangen, welche die Erkenntnis läutern, indem sie sie von ihrer Unreinheit, nämlich von den Sophismen befreit, und dann erst können wir dazu gelangen, das heilige Lager Gottes zu schauen, wie die H. Schrift sagt: „Auch die Priester, die sich dem Herrn nähern wollen, müssen sich heiligen, damit er nicht unter ihnen einen Zusammenbruch bewirke“ (Exod. 19, 22). Schon Salomo hat demjenigen, der diese Stufe zu erreichen strebt, überaus große Behutsamkeit empfohlen und in warnender Gleichnisrede gesagt: „Setze deinen Fuß bedächtig, wenn du in das Haus Gottes gehst!“[11] (Pred. 4, 17).
Indem ich mich aber zu meinen Ausführungen über das, was ich zu erläutern begonnen habe, zurückwende, will ich sagen, daß „die Auserlesenen der Söhne Israels“, abgesehen davon, daß sie in ihrer Erkenntnis strauchelten, auch infolge ihrer Handlungen auf Abwege kamen, da sie zum Schaden ihrer geistigen Erkenntnis sich den sinnlichen Dingen zuwandten, wie die H. Schrift sagt: „Obgleich sie Gott sahen, aßen und tranken sie“ (Exod. 24, 11) [12]. Der Schluß dieses Satzes, nämlich die Worte: „Unter seinen Füßen war es wie ein Werk aus hellem Saphir usw.“ wird in einigen Kapiteln dieses Buches[13] erläutert werden. Hier wollten wir nur zeigen, daß die Worte raá, hibbit und chazá, so oft sie in diesem Zusammenhange vorkommen, die durch das Denken gewonnene Erkenntnis, nicht aber das Sehen des Auges bedeuten, da Gott kein Wesen ist, das mit den Sinnen wahrgenommen werden kann. Falls aber jemand von denen, die sich in ein tieferes Studium nicht einlassen wollen, zu der Stufe, auf die ihn emporzuheben wir uns bemühen, nicht gelangen will, und er alle diesen Gegenstand betreffenden Worte so auffaßt, als ob sie sich auf sinnliche Erkenntnisse, z. B. auf erschaffene Lichter, auf Engel oder andere Wesen, bezögen, so liegt darin kein Nachteil.[14]
Entsprechend seiner in der Einleitung oben S. 12 gegebenen Ankündigung will hier der Verf. kein homonymes Wort erklären, sondern auf die im letzten Satze des vorigen Kapitels erwähnte Stelle Exod. 24,10,11, welche überaus zahlreiche Dunkelheiten enthält, näher eingehen. Er will zeigen, daß die „Auserlesenen der Söhne Israels“, weil sie ohne die erforderlichen Voraussetzungen nach den höchsten Erkenntnissen strebten, naturgemäß auf Abwege kommen und infolge ihrer körperlichen Vorstellungen von Gott dem Untergang anheimfallen mußten. ↩︎
Aristoteles. ↩︎
Aristoteles de coelo II, 10 sagt: Δυοῖν δ’ ἀπορίαιν οὐσαιν, περὶ ὧν εἰκότως ἄν ὁστισοῦν ἀπορήσειε, πειρατέον λέγειν τὸ φαινόμενον αἰδοῦς ἀξίαν νομίζοντας τὴν προθυμίαν μᾶλλον ἢ θράσους, εἴ τις διὰ τὸ φιλοσοφίας διψῆν καὶ μικρὰς εὐπορίας ἀγαπᾷ περὶ ὧν τὰς μέγιστας ἔχομεν ἀπορίας. „Da zwei Ungewißheiten vorliegen, über die wohl jeder im ungewissen ist, muß man es wagen, das zu sagen, was man für wahrscheinlich hält, und die Bereitwilligkeit dazu eher für achtungswürdig als für verwegen anzusehen, weil jemand aus Wissensdurst (darüber spricht) oder weil er es vorzieht, eine geringe Kenntnis von dem zu besitzen, worüber wir in äußerster Unkenntnis sind.“ ↩︎
Nach MUNK, Guide I, S. 46, Anm. 2. ↩︎
Wo sich der Verf. dieses Ausdrucks „verbunden mit“ bedient, will er sagen, daß beide Erklärungen in gleicher Weise zulässig sind. ↩︎
Jene Emanation, die ihm infolge der vorausgegangenen Vervollkommnung notwendig zukommen mußte. (Vgl. FÜRSTENTHAL, Komm. z. St.). ↩︎
Vgl. bab. Talm. B’rakhot 7a, Exod. rabb. Kap. 3 Anf., Midr. Tanchuma Sch‘mot c. 19. Dazu gibt Schemtob, Komment. z. St. folgende Erklärung: Weil Mose nur Schritt für Schritt zu Gott emporstieg und sich, solange er noch nicht vorbereitet war, des Schauens enthielt, wurde er gewürdigt, Gott in einer Weise zu erkennen wie kein anderer Mensch. ↩︎
Der unmittelbare Zusammenhang der Worte „Sie sahen den Gott Israels“ mit den Worten „und unter seinen Füßen war es wie ein Werk von leuchtendem Saphir“ läßt, so meint der Verf., darauf schließen, daß die letzten Worte den Gegenstand des von ihnen Gesehenen bezeichnen, nämlich Gott in Verbindung mit der ersten Materie. ↩︎
Wenn sie Gott als unmittelbaren Urheber und Beweger der ersten Materie dachten, mußte ihre Vorstellung von Gott eine körperliche sein. ↩︎
S. Lev. 10,2. Vgl. Midr. Tanchuma Behaalot’kha 16. Lev. rabb. c. 20 Ende. Nach der Tradition waren dies die siebzig Ältesten. Doch Abravanel, Komm. z. St., bemerkt richtig, daß sich die Worte „dies geht aus der wahren Überlieferung hervor“, nicht auf Nadab und Abihu beziehen können, da über ihren Tod die Heilige Schrift ausdrücklich (Lev. 10, 2) berichtet. Zum besseren Verständnis dieser Stelle dient auch die Ausführung des Verf. im I. T., Kap. 32, wo er sagt, daß der Vernunft, wenn sie sich ohne die erforderliche Grundlegung mit den verborgenen Dingen befaßt, dasselbe widerfährt wie den Augen, so daß man, wenn man z. B. anhaltend in die Sonne sieht, nicht nur das nicht wahrnimmt, was man wahrnehmen wollte, sondern sogar das nicht mehr wahrnehmen kann, was man schon früher wahrgenommen hat. ↩︎
Wer sich Gott nähern, d. h. Gott erkennen will, darf nach dem Verf. dies nur in Demut, heiliger Scheu und nach entsprechender Vorbereitung tun. Der Verf. deutet, wie Ephodi und Narbonni (Komm. z. St.) richtig bemerken, auf die Offenbarung am Sinai hin. ↩︎
Ihre Hingabe an die sinnlichen Genüsse führte sie zu falschen Vorstellungen vom Wesen Gottes. ↩︎
S. I. T., Kap. 28 und III. T., Kap. 4. ↩︎
Denjenigen, die der philosophischen Auffassung nicht folgen wollen, bleibt es unbenommen, an allen oben angeführten Stellen das Sehen auf physische Lichterscheinungen, auf Engel oder andere Dinge zu beziehen, da auch die Elemente und die Menschen Engel Gottes sein können. ↩︎
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Der »Führer der Unschlüssigen«

