Führer der Unschlüssigen

More Newuchim – Buch 1 – Kapitel 18

Die drei Wörter קרב (qarábh, nahe sein), נגע (nagá, berühren) und נגש (nagásch, herantreten) bedeuten manchmal Berührung und Annäherung, manchmal aber das Haften des Wissens an dem Gewußten, welches gewissermaßen so dargestellt wird wie die Annäherung eines Körpers an einen anderen[1]. So kommt tatsächlich קרב (qarabh) in seiner ersten Bedeutung, nämlich in der der räumlichen Annäherung an folgenden Stellen vor: „Pharao rückte heran“ (הקריב, hiqribh) (Exod. 14, 10); „Als er sich dem Lager näherte“ (קרב, qarabh) (ibid. 32, 19). נגע (naga) in seiner ersten Bedeutung, nämlich der Berührung zweier Körper, an folgenden Stellen: „Sie berührte (ותגע, wattagga) damit seine Füße“ (Exod. 4, 28); „Er berührte (ויגע, wajjagga) meinen Mund“ (Jes. 6, 6). Die erste Bedeutung von נגש (nagasch, hinzutreten, jemandes Kommen zu einem andern und seine Bewegung zu ihm hin) an folgender Stelle: „Juda trat (ויגש, wajjiggasch) zu ihm hin“ (Gen. 44, 18). Die zweite Bedeutung dieser drei Wörter ist das Anhaften des Wissens, die Berührung des Wissens, aber kein räumliches Erfassen. So sagt die H. Schrift, indem sie das Wort נגע im Sinne von Festhalten der Erkenntnis gebraucht: „Bis in den Himmel gelangt (נגע, naga) ihr Urteil“ (Jirm. 51, 9). Das Wort קרב (qarabh) wird in dem Ausspruch angewendet: „Die Sache, die euch zu schwer wird, bringet (תקריבון, taqribhun) vor mich!“ (Deut. 1, 16), nämlich setzet mich davon in Kenntnis, und dies geschieht ja durch die Bekanntgabe des Gewußten. Das Wort נגש (nagasch) in dem Ausspruche: „Abraham trat hin (ויגש, wajjiggasch) und sprach“ (Gen. 18, 23). Dies geschah im Zustande der Prophetie und des prophetischen Schlafes, wie dargelegt werden wird[2]. „Weil dieses Volk mit seinem Munde mir naht (נגש, nagasch) und mit seinen Lippen mich ehrt“ (Jes. 29, 13)[3].

Jedesmal, wenn in den Büchern der Prophetie die Ausdrücke קרב (qarabh) und נגש (nagasch) von der Beziehung zwischen Gott und einem seiner Geschöpfe gebraucht werden, hat es durchaus diese letztere Bedeutung, da Gott, wie in diesem Buche bewiesen werden wird[4], kein Körper ist. Daher tritt Gott nicht zu einem Dinge und nähert sich keinem Dinge, und kein Ding nähert sich ihm oder berührt ihn. Denn wenn man von Gott die Körperlichkeit ausschließt, wird auch der Raum von ihm ausgeschlossen und es gibt kein Annähern, Berühren, Entfernen, Anhaften, Trennen, Betasten oder Anlehnen an ihn. Ich glaube daher nicht, daß bei dir ein Zweifel obwaltet über die Bedeutung der Aussprüche: „Nahe (קרוב, qarobh) ist der Herr allen, die ihn anrufen“ (Ps. 145, 18); „Die Annäherung (קרבת, qirbhat) an Gott wünschen sie“ (Jes. 58, 2); „Mir ist die Nähe (קרבת, qirbat) Gottes wohltuend“ (Ps. 73, 28). Alle diese Ausdrücke bedeuten eine Annäherung durch die Erkenntnis, ein Erfassen durch das Wissen, nicht aber eine räumliche Nähe. Dasselbe gilt für die Aussprüche: „Die ihm nahe (קרובים, q’robhim) sind“ (Deut. 4, 7); „Tritt du hin (קרב, q‘rabh) und höre!“ (ibid. 5, 24); „Mose trat (ויגש, wajjiggasch) allein zu dem Herrn hin, sie aber traten nicht hin“ (Exod. 24, 2). Wenn du jedoch die Bedeutung dessen, was von Mose gesagt wird[5], dahin verstehen willst, daß Mose sich jener Stelle des Berges näherte, auf der das Licht, nämlich die Herrlichkeit Gottes, ruhte, so ist dies zulässig. Halte jedoch an dem Grundsatze fest, daß, gleichviel ob der Mensch sich im Mittelpunkt der Erde oder, wenn dies möglich wäre, an dem obersten Punkte der neunten Sphäre[6] befindet, er hier nicht von Gott entfernter, dort aber Gott nicht näher sein kann, daß vielmehr die Annäherung an Gott geschieht, indem man ihn begreift, die Entfernung, indem man ihn verkennt[7]. Es gibt aber in Bezug auf die Annäherung und auf die Entfernung von Gott sehr viele Grade und Abstufungen. In einem der Kapitel dieses Buches werde ich erläutern, welches die relativ höchste Stufe der Erkenntnis Gottes ist[8]. Aber der Ausspruch: „Berühre (גע, gá) die Berge, daß sie rauchen!“ (Ps. 144, 5) bedeutet allegorisch: „Laß deinen Befehl über sie ergehen!“, wie der Ausspruch: „Berühre (וגע, w‘gá) sein Gebein!“ (Job. 2, 5) bedeutet: „Laß deine Plage über ihn kommen!“. Also muß נגע (nagá) und die von ihm abgeleiteten grammatischen Formen an jeder Stelle dem Zusammenhang gemäß erklärt werden. Manchmal bedeutet es die Berührung eines Körpers mit einem anderen; manchmal das Anhaften des Wissens und das begriffliche Erfassen eines Gegenstandes, als ob derjenige, der ein Ding begreift, welches er vorher nicht begriffen hat, einem ihm bisher fernen Gegenstande nahegekommen wäre. Beachte dies![9]



  1. Im Sinne der Vereinigung des Denkenden mit dem Gedachten. ↩︎

  2. S. I. T., Kap. 21; II. T., Kap. 41. ↩︎

  3. Da die Annäherung mit dem Munde oder mit den Lippen nur Anrede oder Gebet bedeuten kann, läßt sich die Stelle Gen. 18, 23, will der Verf. sagen, in gleichem Sinne erklären. ↩︎

  4. S. II. T., Kap. 1. ↩︎

  5. Nämlich der letzterwähnten Stelle Exod. 24, 2. ↩︎

  6. Über die Zahl der Sphären s. II. T., Kap. 4. ↩︎

  7. S. unten Kap. 54. ↩︎

  8. S. unten Kap. 59 und 60. ↩︎

  9. So könnte נגע in dem Satze „Ihr sollt nicht von ihm essen und ihn nicht berühren“ (Gen. 3, 3) in dem Sinne aufgefaßt werden: „Ihr sollt die Dinge, die dem Werturteil unterliegen, nicht zu erkennen suchen“, in dem Satze: „Keine Hand soll ihn berühren“ (Exod. 19, 19), in dem Sinne: „Seine Erkenntnis soll nicht beeinträchtigt werden“ und in dem Satze: „Mose trat zur Nebelwolke hin“ (ibid. 20, 21), daß er der Erkenntnis Gottes durch negative Attribute näher kam“. S. Ephodi, Komm. z. St. ↩︎

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Dr. Adolf Weiß wurde am 29. Juni 1849 in Třešť geboren und starb am 15. August 1924 in Wien. Er arbeitete als Religionslehrer (Schulrat) am Akademischen Gymnasium in Wien. Er war Sekretär der »Israelitischen Allianz«.