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Kitzur Schulchan Aruch – Kapitel 29 bis 33 – Die Lebensführung

Die Übersetzung des Kitzur Schulchan Aruch von Schlomoh Ganzfried auf talmud.de
Inhaltsverzeichnis

Kapitel 29. Die Tugenden, an die sich ein Mensch gewöhne

Enthält 21 Paragraphen

§1

Die Menschen sind verschieden in ihrem Charakter (d. h. in ihrer Naturanlage); es gibt Menschen, die schnell zornig werden und immer grollen, und Menschen, die immer ruhig bleiben und überhaupt nicht zürnen oder nur einmal in vielen Jahren zornig werden. Es gibt sehr hochmütige und sehr bescheidene; es gibt Genußsüchtige, deren Gier nie satt wird, Genüssen nachzugehn, und es gibt solche sehr reinen Herzens, daß sie nicht einmal nach den wenigen Dingen verlangen, die der Körper nötig hat. Es gibt Habsüchtige, deren Seele an allem Geld der Welt nicht satt wird, wie es heißt (Koh. 5, 9), wer das Geld liebt, wird nicht satt vom Gelde. Mancher verkürzt sich und begnügt sich auch mit Wenigem, was nicht für ihn hinreicht, und gibt sich keine Mühe, soviel zu erwerben, als er braucht. Mancher peinigt sich durch Hunger und legt immer zurück, und was er von dem Seinigen essen muß, genießt er mit Kummer; und mancher vergeudet sein ganzes Vermögen. Und so verhält es sich mit allen Eigenschaften und Charakteranlagen, wie Ausgelassenheit und Traurigkeit, Geiz und Edelmut, Grausamkeit und Barmherzigkeit, weichem und starkem Herzen und dergleichen.

§2

Der gute und gerade Weg ist, daß sich der Mensch gewöhne, den Mittelweg zu gehn; er verlange nur die Dinge, die der Körper braucht und ohne die man nicht leben kann; so wie es heißt (Spr. 13, 25), der Gerechte ißt, um satt zu werden; ebenso widme man sich seinen Geschäften nur so weit, um das zu erreichen, was man für sein irdisches Dasein braucht, wie es heißt (Ps. 37, 16), besser das Wenige für den Gerechten. Man verschließe seine Hände nicht zu sehr, auch vergeude man sein Vermögen nicht, sondern gebe Almosen seinem Vermögen entsprechend und leihe gebührend dem, der es nötig hat. Man sei nicht ausgelassen lustig und auch nicht betrübt und traurig, sondern freue sich alle seine Tage mit Ruhe und freundlichem Angesicht. Und so bei den meisten übrigen Eigenschaften: wer den Mittelweg geht, wird ein Weiser genannt.

§3

Der Hochmut aber ist eine sehr schlechte Eigenschaft, und von ihm darf man selbst wenig auch nicht anwenden, sondern man gewöhne sich, demütigen Sinnes zu sein, wie unsere Weisen sel. And. befohlen haben (Abot IV, 4), gar sehr sei demütigen Sinnes. Und wie kannst du dich daran gewöhnen, bescheiden und demütigen Sinnes zu sein? Alle deine Worte seien sanft, dein Haupt gesenkt, deine Augen mögen zur Erde schauen und dein Herz zum Himmel; jeder Mensch sei in deinen Augen angesehen, daß er größer als du; wenn er ein größerer Thoragelehrter als du, bist du verpflichtet, ihn zu ehren; ebenso wenn er reicher ist als du, bist du ebenfalls verpflichtet, ihn zu ehren, wie wir finden (Erub. 86a), Rabbi Jehuda hanassi ehrte die Reichen; und denke, da der Ewige, gepriesen sei Er, ihm Reichtum gegeben, hat er ihn wohl verdient. Wenn er kleiner als du an Weisheit oder Reichtum, so denke, daß er vielleicht gerechter ist als du; denn wenn er eine Sünde begeht, wird es ihm als Versehen oder Notfall angerechnet; wenn du aber eine Sünde begehst, bist du ein Frevler. Wenn du immer so denkst, kannst du nicht hochmütig werden und wird es gut für dich sein.

§4

Ebenso ist der Zorn eine sehr schlechte Eigenschaft; darum soll sich der Mensch sehr weit von ihm entfernen und sich gewöhnen, selbst wegen einer Sache, die des Zornes wert wäre, nicht zu zürnen. Wenn man nötig hat, seinen Kindern oder seinen Hausgenossen Furcht einzuflößen, stelle man sich vor ihnen so, als ob man zürne, um sie zurechtzuweisen, aber in seinem Innern bleibe der Sinn ganz ruhig. Elijahu sagte zu Raw Jehuda, dem Bruder von R. Sala, dem Frommen: Zürne nicht, so wirst du nicht sündigen (zürne nicht; denn durch den Zorn kommst du zur Sünde); betrinke dich nicht, so wirst du nicht sündigen (trinke nicht zu viel Wein) (Berachot 29b). – Ferner haben unsere Lehrer sel. And. gesagt: Wer zürnt, ist einem Götzendiener gleich und alle Arten von Gehinnom herrschen über ihn, so heißt es (Koh. 11, 10), entferne den Zorn aus deinem Herzen, so hältst du Böses fern von deinem Fleisch; und unter dem Bösen ist das Gehinnom zu verstehen, so steht (Spr. 16, 4), auch den Bösewicht für den Tag des Unglücks. Der Zornigen Leben ist kein Leben, darum haben unsere Weisen befohlen, daß man sich vom Zorn so weit entferne, bis man sich gewöhnt hat, selbst zornerregende Dinge nicht mehr zu fühlen. Das ist der gute Weg und der Weg der Frommen, die sich kränken lassen und selbst nicht kränken, ihre Lästerung anhören und selbst nicht lästern, aus Liebe Gutes tun und sich mit den Schmerzen freuen; von ihnen sagt die Schrift (Richt. 5, 31), die Ihn lieben, sind gleich einem Sonnenaufgang in seiner Stärke.

§5

Jederzeit übe der Mensch das Schweigen und rede nur entweder Worte der Thora oder Worte, die er zur Erhaltung seines Körpers braucht, und selbst bei dem, was er für die Notwendigkeiten seines Körpers braucht, mehre er nicht die Worte. Unsere Lehrer sel. And. haben bereits gesagt (Abot I, 17), wer viel redet, führt die Sünde herbei; ferner sagten sie (dort), ich habe für den Menschen nichts Besseres als das Schweigen gefunden. Und Rawa sagte (Erech. 15b): was lehrt der Vers (Spr. 18, 21), Tod und Leben ist in der Gewalt der Zunge? Wer das Leben wünscht, hat es in der Zunge, und wer den Tod wünscht, hat ihn in der Zunge.

§6

Der Mensch gebe sich nicht mit Lachen und Spott ab, sei auch nicht betrübt und traurig, sondern freudig; so haben unsere Weisen sel. And. gesagt (Abot III, 17): Lachen und Leichtfertigkeit verführen den Menschen zur Unmoral; er sei auch nicht habsüchtig und geldgierig; auch nicht trübselig und müßig, sondern wohlwollend, beschränke seine Tätigkeit, um sich mit der Thora zu beschäftigen, und mit dem Wenigen, das sein Anteil ist, freue er sich, wie unsere Lehrer sel. And. gesprochen (Abot IV, 28): der Neid, die Begierde und die Ehrsucht bringen den Menschen aus der Welt; darum soll man sich von ihnen fernhalten.

§7

Vielleicht könnte einer sagen: weil der Neid, die Begierde und die Ehrsucht und ähnliche Eigenschaften ein schlechter Weg sind, da sie den Menschen aus der Welt bringen, so will ich mich ganz besonders von ihnen trennen und mich bis zum entgegengesetzten Ende von ihnen entfernen; so daß er kein Fleisch mehr ißt, keinen Wein trinkt, nicht heiratet, in einer schönen Wohnung nicht wohnt, ein schönes Gewand nicht anzieht, sondern sich in härene Kleider und dergl. hüllt; auch das wäre ein schlechter Weg, auf dem man nicht gehn darf. Wer diesen Weg geht, wird ein Sünder genannt, denn es heißt beim Enthaltsamen (Num. 6, 11), er sühne für ihn, weil er sich an seiner Seele versündigt hat; und dazu sagen unsre Weisen sel. And.: wenn schon der Enthaltsame, der sich nur vom Wein abgesondert hat, einer Sühne bedarf, um wieviel mehr erst derjenige, der sich von allem absondert. Darum haben unsere Lehrer sel. And. befohlen, daß sich der Mensch nur der Dinge enthalte, welche die Thora uns verboten hat, und sich nicht durch Gelübde und Schwüre die erlaubten Dinge verbiete. So haben die Weisen sel. And. gesprochen: Ist dir nicht genug, was die Thora untersagt hat, daß du dir noch das Erlaubte verbietest! Ferner haben unsere Weisen sel. And. verboten, sich durch Fasten über Gebühr zu peinigen; über alle diese Dinge und ähnliche hat der König Schelomo, Friede sei mit ihm, gesprochen (Koh. 7, 16): wolle nicht mehr als gerecht sein und sei nicht all zu klug; warum willst du in die Irre gehen! Ferner (Spr. 4, 26): Prüfe den Pfad deines Fußes, und all deine Wege werden wohl gegründet sein!

§8

Wir haben bereits (Kap. 1 § 3) den Ausspruch von Jehuda b. Tema „sei dreist wie ein Leopard. . .“ gebracht, daß man sich nicht vor Menschen schäme, die einen beim Dienst des Schöpfers, gepriesen sei sein Name, verspotten; dennoch aber erwidere man ihnen nicht mit dreisten Worten, damit man seine Seele nicht daran gewöhne, dreisten Angesichts zu sein, auch wenn es sich nicht um den Dienst des Ewigen, gepriesen sei sein Name, handelt.

§9

Ebenso soll man wegen irgendeiner Mizwa nicht streiten, zum Beispiel um vor der heiligen Lade vorzubeten oder zur Thora aufgerufen zu werden und dergl.; wie wir bei den Schaubroten finden; obschon es eine Pflicht war, sie zu essen, lernen wir doch (Joma 39a), die Frommen zogen ihre Hände (bei der Verteilung) davon zurück, und nur die Gierigen griffen schnell zu und aßen.

§10

Es liegt in der Natur des Menschen, sich in seinen Handlungen nach seinen Freunden und Gefährten und nach den Leuten seines Ortes zu richten; darum soll sich der Mensch den Frommen zugesellen und sich immer bei den Weisen aufhalten, um von ihren Werken zu lernen, und den Schlechten, die im Finstern wandeln, fernbleiben, um nicht von ihren Werken zu lernen. Der König Schelomo, Friede sei mit ihm, hat gesagt (Spr. 13,20): wer mit den Weisen geht, wird weise; wer sich aber den Toren zugesellt, verdirbt. Ferner heißt es (Ps. 1,1): Heil dem Manne. . . Wenn man in einer Stadt wohnt, deren Führer schlecht sind und deren Einwohner nicht den geraden Weg gehen, ziehe man von dort weg, um in einer Stadt zu wohnen, deren Einwohner fromm sind und den Lebenswandel der Frommen führen.

§11

Es ist ein Gebot, sich den Thoragelehrten anzuschließen, um von ihren Werken zu lernen, so wie es heißt (Deut. 10,20): Ihm sollst du anhangen! Ist aber dem Menschen möglich, der Schechina anzuhangen? Nur, so haben unsere Lehrer sel. And. erklärt: schließe dich den Thoragelehrten an. Darum muß sich der Mensch bemühen, die Tochter eines Thoragelehrten zu heiraten und seine Tochter einem Thoragelehrten zu geben, mit Thoragelehrten zusammen zu essen und zu trinken, für Thoragelehrte Geschäfte zu machen und sich ihnen auf jede mögliche Weise anzuschließen; so steht (Deut. 11,22), und sich Ihm anzuschließen. Und so haben auch unsere Lehrer sel. And. befohlen, indem sie sprachen (Abot 1,4): bestaube dich mit dem Staub ihrer Füße und trinke mit Durst ihre Worte.

§12

Es ist ein Gebot für jedermann, jeden einzelnen von Jisrael wie sich selbst zu lieben; so heißt es (Lev. 19,18): Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Darum soll man Gutes von ihm sagen und sein Vermögen schützen, wie man sein eigenes Vermögen bewahrt und selbst wünscht, geehrt zu werden. Wer durch Herabsetzung eines Anderen Ehre für sich zu erlangen sucht, wenn auch der Andere nicht zugegen ist und eine Beschämung ihn nicht erreichte, und selbst wenn er ihn nicht schmähte, sondern nur seine eigenen guten Handlungen und seine eigene Weisheit den Handlungen seines Nächsten oder dessen Weisheit gegenüberhielt, damit dadurch erkannt werde, daß er selbst zu ehren und sein Nächster zu verachten sei, so hat er keinen Anteil an der zukünftigen Welt, wenn er sich nicht aufrichtig bessert.

§13

Wer einen von Jisrael im Herzen haßt, übertritt ein Verbot; so heißt es (Lev. 19,17): Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen! (Siehe weiter Kap. 189 § 5). Und wenn sich jemand gegen ihn vergangen hat, trage er ihm nicht schweigend den Haß nach, wie von den Bösen gesagt wird (II Sam. 13,22): Abschalom sprach mit Amnon kein Wort, weder ein böses noch ein gutes; denn Abschalom haßte Amnon; sondern es ist seine Pflicht, es ihm mitzuteilen und zu sagen: warum hast du mir das und das getan, und warum hast du dich in dieser Sache gegen mich vergangen? So heißt es (Lev. 19,17): zurechtweisen sollst du deinen Nächsten! Und wenn der Andere abläßt und bittet, ihm zu verzeihen, muß man ihm verzeihen und sei nicht grausam; so steht (Gen. 20,17), und Abraham betete zu Gott. Abot von R. Natan (Ende Kap. 16): Was versteht man unter Menschenhaß? Das lehrt, daß der Mensch nicht mit Absicht sage: liebe die Weisen und hasse die Schüler, oder liebe die Schüler und hasse die Unkundigen; sondern liebe alle und hasse nur die Abtrünnigen und die Verführer und zum Abfall Verleitenden und ebenso die Verräter. So sagt auch David (Ps. 139,21), die Dich hassen, Ewiger, hasse ich, und mit Deinen Widersachern hadre ich, mit äußerstem Haß hasse ich sie, sie sind mir zu Feinden geworden. Siehe, es heißt (Lev. 19,18): liebe deinen Nächsten wie dich selbst; ich bin der Ewige! Das ist die Begründung: weil ich ihn erschaffen habe; und wenn er die Pflichten deines Volkes erfüllt, liebe ihn, und wenn nicht, liebe ihn nicht!

§14

Man darf sich nicht gegen seinen Nächsten, der einem Böses getan hat, an das Gericht im Himmel wenden; aber nur dann nicht, wenn man einen Richter auf Erden hat. Wer über seinen Nächsten zum Himmel schreit, wird zuerst gestraft. Manche sagen, auch wenn man keinen Richter auf Erden hat, darf man nicht das Gericht im Himmel gegen den Nächsten anrufen, wenn man es diesem nicht zuerst mitgeteilt hat.

§15

Wenn man den Nächsten sündigen oder einen Weg gehen sieht, der nicht gut, ist es eine Pflicht, ihn zur Besserung zurückzuführen und ihm zu sagen, daß er durch seine bösen Handlungen sich versündige, so heißt es (Lev. 19,17): zurechtweisen sollst du deinen Nächsten! Wer seinen Nächsten zurechtweist, sei es betreffs Dinge zwischen ihm und seinem Nächsten, sei es betreffs Dinge zwischen seinem Nächsten und dem Ewigen, muß er ihn unter vier Augen zurechtweisen und spreche sanft und mit milden Worten mit ihm und teile ihm mit, daß er nur zu seinem Wohle mit ihm rede, um ihn zum Leben der zukünftigen Welt zu führen. Wer in seiner Macht hat zu wehren und nicht wehrt, wird selbst für die betreffende Sünde verantwortlich gemacht, weil es ihm möglich gewesen, zu wehren.

§16

Wann ist das gesagt? Wenn man annehmen kann, daß der Andere auf einen hört. Wenn man aber von ihm weiß, daß er nicht auf einen hören wird, darf man ihn nicht zurechtweisen. Denn es sagt (Jeb. 65b) R. Ilaa im Namen von R. Elaser b. R. Schimon: Wie der Mensch verpflichtet ist, ein Wort zu sprechen, das befolgt wird, ebenso ist der Mensch verpflichtet, ein Wort, das nicht befolgt wird, nicht zu sprechen. R. Aba sagt: Es ist eine Schuldigkeit (noch mehr als מצוה); denn so heißt es (Spr. 9,8): Weise den Spötter nicht zurecht, daß er dich nicht hasse; weise den Einsichtigen zurecht, und er wird dich lieben!

§17

Es ist verboten, seinen Nebenmenschen zu beschämen, sei es durch ein Wort, sei es durch eine Handlung, und umsomehr öffentlich; unsere Lehrer sel. And. haben gesagt (Bab. m. 58b): Wer das Angesicht seines Nächsten öffentlich beschämt, hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt. Ferner haben unsere Weisen sel. And. gesagt (dort 59a): Es wäre für den Menschen besser, in einen glühenden Ofen zu stürzen, als das Angesicht seines Nächsten öffentlich zu beschämen; so heißt es (Gen. 38,25), sie ward hinausgeführt, da ließ sie ihrem Schwiegervater sagen: Durch den Mann, dem diese Pfänder gehören, werde ich Mutter; und sie sagte es nicht deutlich, sondern deutete es nur an; würde er eingestehen, so sollte er es eingestehen; wenn aber nicht, wollte sie ihn nicht öffentlich nennen. Darum muß sich der Mensch sehr in acht nehmen, daß er seinen Nächsten nicht öffentlich beschäme, weder einen kleinen noch einen großen; er rufe ihn nicht mit einem Namen, durch den er sich schämt, und erzähle nichts vor ihm, worüber er sich schämt, und wenn der andere sich gegen ihn vergangen hat, daß er ihn zurechtweisen muß, beschäme er ihn nicht; so heißt es (Lev. 19,17): lade dir durch ihn keine Schuld auf. Wann ist das gesagt? Bei Dingen zwischen einem Menschen und seinem Nebenmenschen; aber bei Dingen dem Ewigen gegenüber, wenn sich einer nicht bessert, nachdem man ihn im Geheimen zurechtgewiesen, beschäme man ihn öffentlich und mache seine Sünde bekannt und schmähe ihn ins Angesicht und gebe ihn der Verachtung und der Verwünschung preis, bis er zur Besserung zurückkehrt, wie alle Propheten in Jisrael getan haben. Dabei geht nicht das Verbot der Kränkung durch Worte an; denn es heißt (Lev. 25,17): Kränket nicht einer seinen Nächsten, und das haben unsere Lehrer sel. And. so erklärt עמיתו ־ den Volksgenossen, der gleich dir die Lehre und die Gebote beobachtet, hat die Thora verboten zu kränken, aber nicht denjenigen, der sie übertritt und sich nicht bessert, nachdem man ihn im Geheimen und mit sanften Worten zurechtgewiesen.

§18

Wenn sich jemand gegen seinen Nächsten versündigt hat, und dieser will ihn nicht zurechtweisen und ihm nichts darüber sagen und verzeiht ihm in seinem Herzen, er haßt ihn nicht und stellt ihn nicht zur Rede, so ist das die Eigenschaft besonderer Frömmigkeit. Die Thora verbietet nur, Haß nachzutragen.

§19

Man muß sich Waisen und Witwen gegenüber besonders in acht nehmen, daß man mit ihnen nur milde Worte spreche; man behandle sie ehrend und bereite ihnen selbst durch Worte keinen Schmerz, weil ihre Seele sehr gebeugt und ihr Gemüt bedrückt ist; auch wenn sie begütert sind; selbst der Witwe des Königs und seinen Waisen gegenüber sind wir dazu verpflichtet; denn es heißt (Exod. 22,21): Jede Witwe und Waise sollt ihr nicht kränken! Einen Bund hat mit ihnen geschlossen Er, der durch Sein Wort die Welt ins Dasein rief, daß sie jederzeit, wenn sie über ihnen angetanes Unrecht klagen, erhört werden; so heißt es (Exod. 22,22): Denn wenn sie zu mir rufen, höre ich ihre Klage! Wann ist das gesagt? Wenn man sie in seinem eigenen Interesse bedrückt; wenn sie aber der Lehrer züchtigt, um sie Thora oder ein Handwerk zu lehren oder sie den rechten Weg zu führen, dann ist es erlaubt; dennoch achte man darauf, sie sanft und mit großem Erbarmen zu leiten; da es heißt (Spr. 22,23): Der Ewige nimmt sich ihrer Sache an. Es ist kein Unterschied zwischen Waisen väterlicher- oder mütterlicherseits. Wie lange werden sie in dieser Hinsicht Waisen genannt? Bis sie alles, was sie nötig haben, wie alle anderen Erwachsenen selbst besorgen können.

§20

Der Mensch soll sich davor hüten, irgend etwas zu tun, wodurch man ihn in Verdacht bekommen könnte, er habe eine Sünde begangen, (obschon er eine solche nicht begeht); so finden wir, daß der Kohen, der das Geld für die Opfer aus dem dazu bestimmten Tempelgemach holte, nicht in einem Gewand hineinging, das so verfertigt war, daß man etwas darin verbergen konnte; weil der Mensch auch vor seinen Mitmenschen so bestehen soll, wie er vor dem Ewigen, gelobt sei Er, zu bestehen hat; so heißt es (Num. 32,22): seid rein vor dem Ewigen und vor Jisrael; und ferner (Spr. 3,4): daß du Gunst und Wohlwollen findest in den Augen Gottes und der Menschen.

§21

Eine Eigenschaft der Frömmigkeit ist, keine Gabe anzunehmen, sondern auf den Ewigen zu vertrauen, daß Er einem jeden gibt, was er nötig hat; so heißt es (Spr. 15,27): wer Gaben haßt, wird leben!

Kapitel 30. Das Verbot der Verleumdung und der bösen Rede, der Rache und des Hasses

Enthält 9 Paragraphen

§1

Gehe nicht, um zu verleumden, in deinem Volke umher (Lev. 19,16). Was versteht man unter Verleumdung? Wenn jemand Worte umherträgt, indem er von einem zum anderen geht und sagt: So hat der und der gesprochen; so und so habe ich über den und den gehört. Wenn es auch die Wahrheit ist und keine Ehrenkränkung enthält, so übertritt er doch damit ein Verbot und begeht eine schwere Sünde, indem er zur Tötung von Seelen in Jisrael beitragen könnte. Darum steht daneben: bleibe nicht müßig bei der Lebensgefahr deines Nächsten! Geh’ und lerne, was Doeg Haedomi widerfuhr, als er zu Schaul sprach, Achimelech habe David Wegzehrung und ein Schwert gegeben (siehe I. Sam. 22,10). Obschon die Sache auf Wahrheit beruhte und auch keine Kränkung für Achimelech enthielt; denn er hatte ja damit nichts Böses getan, und selbst wenn Schaul selbst Achimelech gefragt hätte, so hätte er ihm erzählt, was er getan hatte, da er nicht die Absicht gehabt, damit gegen Schaul zu sündigen; trotz alledem verursachte die Verleumdung Doegs, daß so viele Kohanim umkamen.

§2

Es gibt noch eine viel größere Sünde als diese, die auch in diesem Verbot enthalten ist, nämlich: die böse Rede. Wenn nämlich jemand etwas erzählt, was für einen anderen eine Schande ist, auch wenn er die Wahrheit spricht. Wer aber eine Lüge ausspricht, wird ein solcher genannt, der über seinen Nächsten einen bösen Namen ausbringt. Ein Verbreiter von böser Rede jedoch ist derjenige, der beim Zusammensitzen erzählt, so und so habe der und der getan, so und so waren seine Ahnen, so und so habe ich über ihn gehört; und er spricht beleidigende Worte aus; darauf sagt der Schriftvers (Ps. 12,4): Ausrotten wird der Ewige alle glatten Lippen, die Zunge, die Prahlerisches spricht. — Wer die böse Rede annimmt, ist noch schlechter als derjenige, der sie spricht; und das Urteil über unsere Väter in der Wüste (dort sterben zu müssen) wurde nur um der bösen Rede willen allein besiegelt.

§3

Wie weit geht der Begriff „böse Rede“? Fragt einer den anderen: wo kann ich Feuer finden? Und er antwortet ihm: Wo findet sich Feuer? Im Haus von dem und dem, der hat viel Fleisch und Fische, und da wird immer gekocht.

§4

Es gibt Dinge, die Staub der bösen Rede sind. Was zum Beispiel? Wenn einer sagt: Schweigt von dem und dem; ich will nicht erzählen, was sich zugetragen hat und was gewesen ist, und dergl. — Ebenso ist es Staub der bösen Rede, wenn jemand von den guten Eigenschaften eines anderen in Gegenwart von dessen Feinden erzählt; denn das veranlaßt diese, Herabsetzendes von ihm auszusprechen; von einer solchen Sache sagte Schelomo (Spr. 27,14): Wenn einer seinen Nächsten mit lauter Stimme schon früh am Morgen lobt, so wird ihm das als Verwünschung angerechnet werden. Denn durch seine Lobpreisung kommt man zu seiner Herabsetzung. Ebenso wenn jemand böse Rede als Scherz oder aus Leichtfertigkeit erzählt, als ob er gar nicht aus Haß spreche, so ist es das, was Schelomo in seiner Weisheit gesprochen (Spr. 26,18): Wie ein Scherztreibender, der Brände, Pfeile und Tod schleudert, so der Mann, der seinen Nächsten betrügt und sagt: Ich scherze ja nur! Ebenso, wenn einer böse Rede hinterlistig ausspricht, indem er sich stellt, als erzähle er ganz ohne Nebenabsicht und wisse nicht, daß es böse Rede ist. Und wenn man ihn dann schilt, sagt er, er wisse nicht, daß dies böse Rede sei oder daß der und der so gehandelt habe.

§5

Es ist gleich, ob einer böse Rede in Gegenwart seines Nächsten oder in seiner Abwesenheit erzählt; wenn jemand Worte ausspricht, die, wenn sie durch Weitererzählen dem anderen zu Ohren kommen, ihm an seiner Gesundheit oder seinem Vermögen Schaden verursachen oder ihm auch nur Qual oder Furcht bereiten, so ist dies böse Rede. Sind die Worte bereits in Gegenwart von drei Leuten erzählt worden, so ist anzunehmen, daß die Sache schon allgemein bekannt ist, und wenn dann einer von den dreien es noch einmal erzählt, ist dies keine böse Rede, nur beabsichtige er nicht, das Gerücht weiter zu verbreiten und es noch bekannter zu machen. Welches Mittel gibt es für den Menschen, um nicht zu böser Rede zu kommen? Ein Thoragelehrter beschäftige sich mit der Lehre, ein Unkundiger erniedrige seinen Sinn.

§6

Es sagte R. Jirmeja b. Aba (Sota 42a): Vier Arten von Menschen dürfen nicht vor dem Angesicht der Schechina erscheinen, die Art der Spötter, die der Heuchler, die der Lügner und die der Erzähler von böser Rede. Die Art der Spötter, denn es heißt (Hosch 7,5): Er entzieht Seine Hand den Spöttern (erklärt Raschi: der Heilige, gelobt sei Er, entzieht Seine Hand, um nicht mit den Spöttern zu sein). Die Art der Heuchler, denn es heißt (Job. 13, 16): Denn vor Sein Angesicht kommt kein Heuchler. Die Art der Lügner, denn es heißt (Ps. 101, 7): Wer Lügen redet, kann vor meinen Augen nicht bestehen. Die Art der Erzähler von böser Rede; denn es heißt (Ps. 5, 5): Denn Du, o Gott, hast kein Wohlgefallen an Bosheit, ein Böser darf nicht bei Dir verweilen (erklärt Raschi: יגורך – bei Dir verweilt kein Böser; und das bezieht sich auf die Erzähler von böser Rede, so heißt es in jenem Abschnitt (Vers 10): in seinem Munde ist keine Gradheit. . .); gerecht bist Du, Ewiger, in Deiner Nähe darf sich kein Böser aufhalten. Ferner haben unsre Lehrer sel. And. gesagt (Sanh. 63b): Jede Verspottung ist verboten, außer der Verspottung des Götzendienstes, wie es heißt (I. Kön. 18, 27): es war um die Mittagszeit, da verspottete sie Elijahu. . .

§7

Wer sich an seinem Nächsten rächt, übertritt ein Verbot; so heißt es (Lev. 19, 18): Räche Dich nicht! Worin besteht Rache? Wenn einer zum andern spricht: Leihe mir Deine Axt! Und er sagt: Ich leihe sie Dir nicht! Am anderen Tag hat jener nötig, sie zu leihen, und sagt zum ersten: Leihe mir Deine Axt! Und der erwidert: Ich leihe sie Dir nicht, wie Du mir auch nicht geliehen hast, als ich Dich darum bat; so heißt dies: sich rächen. Und er übertritt ein Verbot. Sondern, wenn er zu ihm kommt, von ihm zu leihen, gebe er ihm mit vollem Herzen und vergelte ihm nicht, wie er ihm getan; vielmehr soll der Mensch in allen Dingen der Welt, die alle dem Einsichtigen nichtig und eitel und nicht wert erscheinen, sich ihretwegen zu rächen, auf seine Rechte verzichten. So hat auch der König David, Friede sei mit ihm, gesagt (Ps. 7, 5): wenn ich Böses vergolten meinem Freund; vielmehr rettete ich. . . (Über das Verbot der Verwünschung haben wir Kap. 6 § 3 geschrieben.)

§8

Wenn Du Dich an Deinen Feinden rächen willst, mehre Deine Tugenden und gehe die Wege der Graden; damit wirst Du Dich von selbst an Deinem Hasser rächen; denn er wird sich über Deine Tugenden grämen und traurig sein, wenn er von Deinem guten Ruf hört. Wenn Du aber häßliche Handlungen begehst, dann freut sich Dein Hasser über Deine Schmach und Deine Schande, und siehe, er ist es, der sich an Dir rächt.

§9

Wer einem von Jisrael Haß nachträgt, übertritt ein Verbot; so heißt es (Lev. 19, 18): und trage den Kindern Deines Volkes keinen Haß nach. Was bedeutet Haß nachtragen? Wenn Ruben zu Schimeon sagt: Leihe mir den und den Gegenstand. Und Schimeon will nicht. Nach einiger Zeit kommt Schimeon, irgend etwas von Ruben zu leihen, und Ruben spricht zu ihm: Hier hast Du es; siehe, ich leihe es Dir und bin nicht wie Du; ich vergelte Dir nicht gleich Deinen Werken. Wer so tut, übertritt: Du sollst keinen Haß nachtragen! Vielmehr tilge man die Sache aus seinem Herzen und denke gar nicht mehr daran. Das ist die richtige Gesinnung, durch die das Zusammenwohnen der Menschen auf Erden erhalten werden kann und der Verkehr des einen mit dem anderen.

Kapitel 31. Alle Absichten des Menschen seien, dem Ewigen zu dienen

Enthält 7 Paragraphen

§1

Unsre Lehrer sel. And. haben gesprochen (Berach. 63a): Welches ist ein kleiner Abschnitt, von dem alle Vorschriften der Lehre abhängig sind? Auf allen Deinen Wegen erkenne Ihn (Spr. 3, 6); das heißt, selbst auf Deinen Wegen, die Du für Dich selbst zu besorgen hast, erkenne den Ewigen und tue die Dinge um Seines Namens willen, gepriesen sei Er; wie essen und trinken, gehen, sitzen, liegen und aufstehn, ehelich verkehren, sprechen, alles, was Dein Körper braucht, sei nur, um Deinem Schöpfer zu dienen oder einem Zweck, der Seinen Dienst herbeiführt.

§2

Wie durch essen und trinken? Man braucht nicht zu sagen, daß man, was der Ewige verhüten möge, keine verbotenen Dinge esse oder trinke; sondern auch bei erlaubten Dingen, wenn man durstig und hungrig war und man hätte nur zu seiner eigenen Lust gegessen, ist man nicht lobenswert, sondern man beabsichtige durch sein Essen und Trinken, zum Dienst des Schöpfers Kraft zu haben. Darum esse man nicht alles, wonach der Gaumen verlangt, wie ein Hund und ein Esel, sondern esse Dinge, die für die Gesundheit des Körpers förderlich und gut sind. Es gibt fromme Männer, die vor dem Essen sprechen: Siehe, ich will essen und trinken, damit ich zum Dienst des Schöpfers, gepriesen sei Sein Namen, gesund und stark sein werde.

§3

Wie durch sitzen, aufstehen und gehen? Man braucht nicht zu sagen, daß man sich nicht im Sitz von Spöttern aufhalte und auf dem Weg der Sünde nicht verweile und nicht gehe in den Rat der Bösen; sondern sage in der Geraden Kreis zu sitzen und an der Frommen Ort zu stehn und in der Aufrichtigen Versammlung zu gehen, wenn man dies tut, nur um sich selbst zu nützen, sein eigenes Gelüste und Verlangen nur zu stillen, so ist dies nicht lobenswert, sondern man tue es, um dem Ewigen zu dienen. Dennoch, auch wenn einem nicht möglich ist, nur die eine Absicht zu haben, dem Ewigen damit zu dienen, halte man sich von diesen Dingen doch nicht zurück; denn von der nicht ganz lauteren kommt man zur lauteren Absicht.

§4

Wie durch liegen? Man braucht nicht zu sagen, daß zu einer Zeit, in der man sich mit der Lehre und den Geboten beschäftigen kann, sich dem Schlaf zu ergeben, nur um sich ein Vergnügen zu bereiten, ein Unrecht ist, so zu tun, sondern sogar, wenn man müde ist und schlafen muß, um sich von seiner Müdigkeit auszuruhen, wenn man dies nur zur Erquickung seines Körpers tut, ist man nicht lobenswert; sondern man beabsichtige, den Augen Schlaf und dem Körper Ruhe zu gönnen, weil dies zur Gesundheit des Körpers nötig ist und damit nicht das Forschen in der Lehre durch die Entziehung des Schlafes gestört werde.

§5

Wie durch den ehelichen Verkehr? Man braucht nicht zu sagen, daß man keine Sünde, der Ewige verhüte es, begehen darf, sondern sogar, wenn man die von der Thora vorgeschriebene Ehepflicht nur zur Erquickung seines Körpers oder zur Befriedigung seines Gelüstes erfüllt, ist man tadelnswert; auch wenn man die Absicht hat, Kinder zu bekommen, die einen nur bedienen und vertreten sollen, ist es nicht lobenswert; sondern man beabsichtige, Kinder zu bekommen, die seinem Schöpfer dienen, oder habe im Sinn, den Körper gesund zu erhalten und das Gebot der Ehepflicht zu erfüllen, wie ein Mensch, der seiner Verpflichtung nachkommt.

§6

Wie durch sprechen? Man braucht nicht zu sagen, daß man nicht, was der Ewige verhüten möge, böse Rede oder Verleumdung und Spott und Entweihung des Mundes ausspreche, sondern selbst, wenn man Worte der Weisen erzählt, sei seine Absicht der Dienst des Schöpfers oder eine Sache, die zu Seinem Dienste führt.

§7

Ebenso, wenn man sich mit seinem Geschäft oder seiner Arbeit abgibt, um dadurch Gewinn zu erlangen, sei das Herz nicht allein darauf gerichtet, nur Vermögen zu häufen, sondern man tue es darum, um damit seine Familie ernähren zu können, Wohltätigkeit zu üben und seine Kinder zum Studium der Thora zu erziehen. Die Regel ist die: der Mensch hat die Pflicht, seine Augen und sein Herz auf seine Wege zu richten und alle seine Handlungen auf der Wage seines Verstandes abzuwiegen, und wenn er eine Sache sieht, durch die er dazu kommt, dem Schöpfer, gepriesen sei Er, zu dienen, tue er sie, und wenn nicht, tue er sie nicht. Wenn sich einer so führt, findet sich, daß er seinem Schöpfer alle seine Tage dient, selbst bei seinem Sitzen und seinem Aufstehen und seinem Gehen, bei seinem Geschäft und sogar beim Essen und Trinken, auch bei seinem ehelichen Verkehr und allem, was er braucht. Dieses ganze Kapitel haben unsere Lehrer sel. And. geboten, sprechend: Alle Deine Handlungen seien, um dem Ewigen zu dienen (Abot II,17). Und in diesem Sinne erhob unser heiliger Lehrer (R. Juda hanasi) in seiner Sterbestunde seine Finger gen Himmel und sprach: Offenbar und bekannt ist es vor Dir, daß ich sie nur gebrauchte, um Dir zu dienen! (Ketub. 104a).

Kapitel 32. Schutz des Körpers auf Grund der Natur

Enthält 27 Paragraphen

§1

Weil, daß der Körper gesund und heil sei, zu den göttlichen Einrichtungen gehört, kann er, wenn er krank ist, in die Erkenntnis Gottes nicht eindringen und sie nicht erschauen. Darum muß sich der Mensch von den Dingen fernhalten, die den Körper zerstören, und sich an die Dinge gewöhnen, die den Körper gesund machen und ihn kräftigen; so heißt es auch (Deut. 4, 15), hütet euer Leben sehr!

§2

Der Schöpfer, gelobt sei Er und gelobt Sein Name, hat den Menschen (und ebenso jedes Geschöpf) erschaffen und die natürliche Wärme in ihn gelegt, sie ist das Leben des Menschen; denn, wenn das natürliche Feuer erlischt, hört sein Leben auf. Die Erhaltung dieser Wärme geschieht durch die Speise, die der Mensch zu sich nimmt; wie ein brennendes Feuer vollkommen erlischt, wenn man nicht immer Holz nachlegt, so auch erlischt das Feuer im Menschen, wenn er nicht ißt, und er stirbt. Die Speise wird von den Zähnen gemahlen, mit Flüssigkeit und Speichel gemischt und aufgelöst. Dann rinnt sie in den Magen hinab und wird auch dort gemahlen und mit Flüssigkeiten gemischt, dem Magensaft und dem Saft aus der Galle, aufgelöst und durch die Wärme und die Säfte aufgeweicht und verdaut. Von dem aus ihr Ausgesuchten werden alle Glieder gespeist, es erhält das Leben des Menschen, und das Unbrauchbare, das ist das Überschüssige, wird ausgestoßen. Darum sagen wir in der Beracha אשר יצר (nach einer Erklärung): Er vollbringt Wunder; der Heilige, gelobt sei Er, hat in den Menschen die Natur gelegt, das Gute der Speise auszusuchen, und jedes Glied zieht dann die ihm gebührende Nahrung an sich, während das Unbrauchbare ausgestoßen wird. Denn würde das Unbrauchbare im Menschen bleiben, würde es faulen, und er würde, der Ewige bewahre uns davor, in Krankheiten verfallen. Darum ist der größte Teil der Gesundheit des Menschen und seiner Schwäche von der Verdauung der Speise abhängig; wenn diese auf leichte und gute Weise verdaut wird, dann ist der Mensch gesund; wenn aber die Verdauung gestört ist, wird der Mensch schwach und kann in Gefahr kommen, der Ewige schütze uns davor.

§3

Gute Verdauung ist da, wenn die Speise nicht viel und leicht zu verdauen ist; denn wenn ein Mensch viel ißt, und der Magen voll ist, dann ist die Verdauung schwer, weil sich dann der Magen nicht, wie es seiner Natur entspricht, ausdehnen und zusammenziehen und die Speise genügend zermahlen kann. Wie Feuer, auf das man zuviel Holz häuft, nicht gut brennt, so verhält es sich auch mit der Speise im Magen. Darum muß sich der Mensch, der die Gesundheit seines Körpers erhalten will, in Acht nehmen, um ein im Verhältnis zur Beschaffenheit seines Körpers mittelmäßiges Quantum zu essen, nicht zu wenig und auch nicht bis zur völligen Sättigung. Die meisten Krankheiten, die Menschen heimgesucht haben, kommen nur von schlechten Speisen oder davon her, daß sie, wenn auch mit guten Speisen, ihren Leib füllten und übermäßig aßen. Das ist, was Schelomo in seiner Weisheit gesagt (Spr. 21,23): wer seinen Mund und seine Zunge hütet, bewahrt vor Leiden seine Seele. Das heißt: wer seinen Mund davor bewahrt, schlechte Speisen zu genießen oder zu viel zu essen, und seine Zunge, mehr zu reden, als er braucht. Ein Weiser sagt: Wenn einer von schädlichen Dingen wenig gegessen, schadet es ihm nicht so viel, als wenn er von guten Dingen zu viel gegessen.

§4

In der Jugend ist die Kraft des Verdauens beim Menschen stärker; darum muß er häufiger essen als ein Mann in den mittleren Jahren. Ein Greis braucht wegen der Schwäche seiner Kraft leichte Speise, gering an Menge, aber bedeutend an Wirkung, um seine Kraft zu heben.

§5

In der heißen Jahreszeit werden die Verdauungsorgane durch die Hitze geschwächt; darum ist angebracht, daß das Quantum von Speise im Sommer geringer sei als im Winter. Bedeutende Ärzte haben berechnet, daß man im Sommer nur zwei Drittel von dem essen solle, was man im Winter ißt.

§6

Eine wichtige medizinische Regel ist, daß man sich vor dem Essen durch Gehen oder durch Arbeit ermüde, daß der Körper warm werde, und dann esse man. Und das bedeutet der Vers (Gen. 3,19): im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brot essen! Und der Vers (Spr. 31, 27): Brot der Trägheit genießt sie nicht. Vor dem Essen binde man seinen Gurt auf (als Zeichen merke dir den Vers Gen. 18,5 ואקחה פת לחם und zwar אקחה die Buchstaben von hinten nach vorn gelesen sind die Anfangsbuchstaben der Worte: binde den Gurt auf vor dem Essen;פת לחכ sind die Anfangsbuchstaben von: daß du nicht zu einer Erkrankung der Eingeweide kommst). Während des Essens sitze man an seiner Stelle oder lehne sich links an. Nach dem Essen bewege man sich nicht stark, weil dadurch die Speise aus dem Magen weiter hinabgeht, bevor sie verdaut ist, und das ist schädlich, sondern man gehe etwas und ruhe aus, mache aber nach dem Essen keinen Spaziergang und strenge sich nicht an. Man lege sich erst zwei Stunden nach dem Essen schlafen, daß die Dünste nicht in den Kopf steigen und ihm schaden. Auch ein Bad, Aderlaß und Eheverkehr sind nicht gut nach dem Essen.

§7

Die Menschen sind nicht gleich in ihrer Natur, mancher hat eine heiße Natur, mancher eine kalte, mancher eine mittelmäßige. Die Speisen sind auch verschieden. Wer eine mittelmäßige Natur hat, genieße Speisen, die ebenfalls mittelmäßig sind. Wessen Natur aber nicht mittelmäßig ist, der muß Speisen genießen, die seiner Natur etwas entgegengesetzt sind. Wer eine heiße Natur hat, esse keine hitzigen Speisen wie Gewürze und Wohlgerüche, sondern esse Speisen, die etwas abkühlen und säuerlich sind. Wer eine kalte Natur hat, esse Speisen, die etwas hitzig sind. Ebenso ändere sich die Ernährung nach der Zeit und nach dem Ort. Im Sommer esse man kühlende Speisen wie Fleisch von zarten Lämmern und Böckchen und jungen Hühnern, auch etwas säuerliche Speisen und im Winter erwärmende Speisen. Ebenso in einer kalten Gegend erwärmende und in einer heißen Gegend kühlende Speisen.

§8

Mittelmäßige Kost besteht aus Weizenbrot, nicht aus ganz reinem Mehl; denn ganz feines Mehl braucht lange zur Verdauung; sondern es sei auch etwas Kleie darin; es werde mittelmäßig gesäuert, enthalte Salz und werde im Ofen gebacken. Andere Speisen, die aus Weizen hergestellt werden, sind nicht gut. Von Fleischsorten ist das beste Lamm im ersten Jahr und ebenso noch saugende junge Ziegen. Alle Arten von Eingeweiden jedoch und auch Kopf sind nicht gut. Ziegen, alte Kuh, alter Käse sind schlechte und grobe Speisen. Alles Fleisch von Geflügel ist leichter zu verdauen als Fleisch von Vieh. Das beste Geflügel ist Huhn. Die Ärzte sagen, daß eine Speise, an die der Mensch gewöhnt ist, ihm nicht schade, wenn es auch eine schlechte Speise ist; denn die Gewohnheit wird zur Natur; nur fülle man seinen Magen nicht damit an.

§9

Man esse nicht Herz von einem Vieh oder einem Geflügel, weil es dem Gedächtnis schadet. Ebenso esse man nicht von einer Stelle, wo eine Maus oder eine Katze abgebissen hat, das schadet auch dem Gedächtnis.

§10

Zeit zum Essen ist, wenn man wahres Verlangen nach Speise hat, nicht falsches. Der Unterschied zwischen wahrem Verlangen und falschem ist der: das erste wird Hunger genannt, wenn der Magen leer ist. Das zweite ist, wenn man nach einer bestimmten Speise gelüstet, man nennt das ein Gelüste. Als Regel gelte: Ein gesunder, starker Mensch esse zweimal am Tag; Schwache und Alte sollen nur wenig auf einmal essen, und so sollen sie öfters am Tag essen, denn viel Speise schwächt den Magen. Wer seine Gesundheit hüten will, esse nicht, bis der Magen von der vorangegangenen Mahlzeit leer ist. Gewöhnlich dauert die Verdauung bei gesunden Menschen, die mittelmäßig essen und sich mittelmäßig anstrengen, sechs Stunden. Es ist gut, wöchentlich eine Mahlzeit ausfallen zu lassen, damit der Magen von seiner Arbeit feiert und die Kraft der Verdauung sich stärke. Es scheint gut, diese Unterbrechung am Erew Schabbat zu machen.

§11

Es ist gut, sich zu gewöhnen, morgens einen Imbiß zu sich zu nehmen (siehe Bab. mez. 107b).

§12

Wer mehrere Arten von Speisen genießen will, ziehe vor, das, was abführt, zuerst zu essen und vermische es nicht mit der Mahlzeit, sondern warte etwas dazwischen; und ebenso lasse er eine leichte Speise, die gut zu verdauen ist, wie Fleisch von Geflügel, dem Fleisch von Vieh vorangehen, Fleisch von Kleinvieh vor Fleisch von Großvieh. Aber Dinge, die die Eingeweide verschließen, esse man gleich nach der Mahlzeit und esse nicht viel davon.

§13

Da der Anfang der Verdauung schon im Mund stattfindet, durch das Kauen mit den Zähnen und Mischen der Speise mit dem Saft des Speichels, darum schlucke man keine Speise herunter, ohne sie gekaut zu haben, weil sonst die Verdauung den Magen allein belastet.

§14

Wir sagten bereits (§ 7), daß die Menschen nicht gleich in ihrer Natur und jeder Mensch nach dem Rat der Ärzte die Speisen nehmen solle, die für seine Natur, seinen Ort und sein Alter gut sind. Als allgemeine Regel, wisse, haben die früheren Ärzte die Speisen nach verschiedenen Graden eingeteilt. Es gibt Speisen, die ganz besonders schlecht sind, daß sie ein Mensch niemals essen sollte, wie große, gesalzene, alte Fische, gesalzenen, alten Käse, Pilze und Schwämme, gesalzenes, altes Fleisch, Wein von der Kelter, eine Speise, die schon so lang gestanden, daß ihr ein Geruch entströmt, und so jede Speise, die einen schlechten Geruch hat oder sehr bitter ist, so ist sie für den Körper gefährlich wie Gift. Dann gibt es Speisen, die zwar schlecht sind, aber nicht so schlecht wie die ersten; darum soll man davon nur wenig und nur selten essen und gewöhne sich nicht, sich damit zu ernähren oder sie regelmäßig mit seiner Speise zusammen zu genießen, wie große Fische, Käse, Milch, die bereits vierundzwanzig Stunden steht, seitdem sie gemolken, Fleisch von großen Ochsen und großen Ziegenböcken; Gerstenbrot, ungesäuertes Brot, Kohl, Lauch, Zwiebeln, Knoblauch, Senf und Rettich; alle diese sind schlechte Speisen. Von diesen soll man nur sehr wenig essen, und zwar im Winter, aber im Sommer esse man gar nicht davon.

§15

Manche Speisen sind ebenfalls schlecht, sie sind es aber nicht wie diese; nämlich Wassergeflügel (Gänse und Enten), kleine junge Tauben (junge Tauben als Bezeichnung für die Art), Datteln, Brot, das mit Öl geknetet ist, feines Mehl, das man genügend gesiebt hat, daß keine Spur von Kleie mehr darin ist; von diesen Speisen soll man nicht viel essen.

§16

Man halte sich auch jederzeit von Baumfrüchten zurück und esse nicht viel davon, selbst von getrockneten und um so mehr von frischen; bevor sie aber am Baum genügend gereift sind, sind sie wie Schwerter für den Körper. Ebenso ist Johannisbrot niemals gut; saure Früchte sind schädlich und man esse nur wenig davon, und zwar im Sommer und in heißen Gegenden. Feigen, Trauben und Granatäpfel sind immer gut, sowohl frisch als auch trocken; an ihnen kann man sich satt essen; doch esse man nicht regelmäßig davon, obschon sie besser sind als alle anderen Baumfrüchte.

§17

Was das Trinken anlangt, so ist das Wasser das natürliche Getränk für den Menschen und das Zuträglichste für den Körper. Wenn es rein und klar ist, ist es brauchbar; denn es erhält die Feuchtigkeit im Körper und entfernt rasch das Unbrauchbare. Wenn man Wasser trinkt, wähle man kaltes, weil es den Durst stillt und die Verdauung besser fördert, als wenn es nicht kalt ist. Aber es sei nicht sehr kalt, weil es sonst die natürliche Wärme herabsetzt; und um so mehr, wenn der Mensch müde und matt ist, nehme er sich sehr in acht, daß er kein kaltes Wasser trinke, weil da die Umgebung des Herzens erhitzt und durch die Müdigkeit und Ermattung schlaff geworden ist, da würde ihm das kalte Wasser schaden, daß er in Gefahr kommen könnte, der Ewige verhüte es. Wenn aber auch das Wasser der Gesundheit des Körpers zuträglich ist, trinke man doch nicht viel davon. Vor dem Essen trinke man kein Wasser, weil dadurch der Magen abgekühlt wird und die Speise nicht ordentlich verdaut; auch während der Mahlzeit trinke man nur wenig Wasser, mit Wein gemischt; und erst, wenn die Speise anfängt, verdaut zu werden, dann trinke man ein mittelmäßiges Quantum. Ebenso trinke man kein Wasser, wenn man vom Bade kommt, daß die Leber nicht erkältet werde; und um so mehr trinke man im Bad selbst kein Wasser; ebenso trinke man solches nicht gleich nach dem ehelichen Verkehr, weil da die natürliche Wärme abgeschwächt ist; und das könnte verursachen, daß die Glieder sich erkälten.

§18

Der Wein stärkt die natürliche Wärme, fördert die Verdauung und entfernt die überflüssigen Teile. Er trägt zur Gesundheit des Körpers bei, wenn man ein mittelmäßiges Quantum davon trinkt. Wer einen schwachen Kopf hat, nehme sich vor dem Wein in acht, weil er seine Schwäche vermehrt und den Kopf mit Dünsten füllt. Wein ist gut für Alte und schadet den Jungen, weil er die natürliche Wärme erregt; und das wäre, als würde man Feuer zum Feuer hinzufügen. Man trinke keinen Wein vor einundzwanzig Jahren. Vor der Mahlzeit soll man nur ein bißchen Wein trinken, um die Eingeweide anzuregen; und nicht in einer Zeit der Hungersnot; nicht nach dem Bad oder Schwitzbad und nicht nach einer Anstrengung und Ermüdung; während der Mahlzeit trinke man auch nur ein bißchen.

§19

Ein Mensch esse immer nur, wenn er hungrig ist, und trinke nur, wenn es ihn durstet; er halte seine Bedürfnisse nicht einmal einen Augenblick zurück und esse nicht, bis er sich wohl geprüft, ob er nicht seine Bedürfnisse verrichten müsse.

§20

Der Mensch sorge stets dafür, daß seine Eingeweide täglich entleert werden in einer Weise, die sich etwas dem Durchfall nähert; das ist eine wichtige medizinische Regel. Wenn die Verdauung zurückbleibt oder sich nur schwer entfernt, stellen sich böse Krankheiten ein. Wenn darum ein Mensch sieht, daß seine Eingeweide schwach sind und nicht die ausstoßende Kraft besitzen, frage er Ärzte, daß sie ihm sagen, womit er die Entleerung fördere; das richtet sich bei jedem nach seiner Natur und seinem Alter.

§21

Mittelmäßige Anstrengung ist der Gesundheit des Körpers zuträglich (siehe oben § 6); aber große Anstrengung und zuviel Ruhe schaden dem Körper. Wenn es heiß ist, strenge man sich nur wenig an, wenn es kalt ist, hat man mehr nötig. Ein fetter Mensch muß sich mehr anstrengen als ein magerer.

§22

Wer die Gesundheit bewahren will, muß auch die Erregungen der Seele kennen und sich vor ihnen hüten; diese sind z. B. die Freude und die Sorge, Zorn und Angst; das sind Vorgänge in der Seele. Der Einsichtige soll sich mit seinem Anteil freuen alle Tage seiner Vergänglichkeit und sich nicht wegen einer Welt, die ihm nicht gehört, Sorgen machen, er soll nichts Überflüssiges verlangen und soll frohen Herzens sein, erfüllt von einer Freude, die sich in der Mitte hält; das ist das Mittel, die natürliche Wärme zu fördern, die Speise zu verdauen, das Überflüssige auszustoßen, das Licht der Augen und alle Sinne zu stärken; auch wird dadurch die Kraft des Verstandes erhöht. Jedoch vermehre man die Freude nicht durch Speise und Trank, wie es die Törichten tun; denn durch die Fülle der Freude tritt die Wärme an die Oberfläche des Körpers heraus, die natürliche Wärme schwindet, das Herz erkaltet plötzlich, und der Betreffende stirbt jäh vor seiner Zeit. Besonders kommt dies bei Menschen mit fettem Körper vor; denn die natürliche Wärme in ihrem Körper ist gering, weil ihre Adern eng und der Kreislauf des Blutes, die Quelle der Wärme, verlangsamt ist. Die Sorge ist das Gegenteil der Freude; auch sie ist schädlich, weil sie den Körper abkühlt, daß sich die natürliche Wärme im Herzen sammelt und dem Betreffenden den Tod bringt. Der Zorn erregt die Hitze des Körpers, daß er eine von den Arten der Fieber hervorbringt. Die Angst erzeugt Kälte im Körper; darum kommt bei einem Ängstlichen Zittern vor; wenn die Kälte immer größer wird, kann er daran sterben. Um so mehr muß man sich in acht nehmen, nicht im Zorn oder in Angst oder in Sorge zu essen, sondern, wenn man von Freude, die sich in der Mitte hält, erfüllt ist.

§23

Mittelmäßiger Schlaf fördert die Gesundheit des Körpers, weil in dieser Zeit die Speise verdaut wird und die Sinne ruhen. Wenn es vorkommt, daß jemand infolge einer Krankheit nicht schlafen kann, muß er Dinge genießen, die den Schlaf herbeiführen. Zuviel Schlaf aber ist schädlich, weil sich dadurch der Kopf mit Nebeln füllt, da der Dunst, der vom Magen ins Gehirn steigt, sich mehrt, den Kopf benebelt und dem Körper großen Schaden zufügt. — Wie man sich in acht nehmen soll, nicht gleich nach dem Essen zu schlafen, so soll man sich auch hüten, nicht zu schlafen, wenn man hungrig ist. Denn, wenn keine Speise im Körper ist, wird die Wärme von dem Unbrauchbaren beeinflußt, und davon entsteht ein verdorbener Dunst, der ins Gehirn steigt. Beim Schlafen sei das Kopfende des Lagers erhöht; das trägt dazu bei, daß die Speise von der Mündung des Magens hinunter geht und die Dünste, die zum Gehirn hinaufsteigen, sich vermindern. Der natürliche Schlaf ist in der Nacht; der Schlaf am Tag schadet und ist nur solchen zuträglich, die daran gewöhnt sind. (Siehe ferner über die Ordnung des Schlafes in Kap. 71.)

§24

Die Anwendung des Bades besteht darin, daß der Mensch wöchentlich einmal ins Bad gehe. Man begebe sich nicht ins Bad, wenn man hungrig ist und auch nicht, wen man satt ist, sondern wenn die Speise anfängt verdaut zu werden; man wasche den Körper erst warm ab, dann mit lauem Wasser, dann mit noch weniger lauem, und zuletzt wasche man sich kalt ab. Wie man aus dem Bade kommt, ziehe man (nach dem Abtrocknen) seine Kleider an und bedecke gut den Kopf, daß keine kalte Luft über ihn komme, und selbst im Sommer muß man darauf achten. Man verweile, wenn man herausgekommen, bis man sich erholt hat, der Körper ausgeruht ist und die Hitze gewichen; und dann esse man; wenn man etwas schläft, nachdem man aus dem Bade gekommen, bevor man ißt, so ist es sehr schön.

§25

Stets bemühe man sich, an einem Orte zu wohnen, wo die Luft klar und rein ist, an hochgelegenen Stellen und in einem geräumigen Gebäude. Wenn möglich, wohne man im Sommer nicht in einem Raum, der nach Norden oder nach Osten offen ist; auch befinde sich dort keine verfaulte Sache; es ist sehr gut, wenn man die Luft des Hauses stets durch gute Gerüche und heilsames Räucherwerk reinigt.

§26

Die Luft, die der Gesundheit am zuträglichsten ist, muß gleichmäßig sein, zwischen Kälte und Hitze die Mitte halten; darum achte jeder Mensch darauf, an Wintertagen die Stube nicht zu sehr zu erwärmen, wie es unvernünftige Menschen tun; denn durch die allzugroße Hitze kommen viele Krankheiten, der Ewige behüte uns; sondern man erwärme in einer Weise, daß man weder die Kälte fühlt, noch daß einem zu warm wird.

§27

Um das Sehvermögen zu schützen, nehme man sich vor folgenden Dingen in acht: Man trete nicht plötzlich auf einmal aus einem dunklen Raum in helles Licht. Wenn man sich aus einem dunkeln Ort an einen hellen begeben muß, öffne man die Tür etwas und schaue einige Augenblicke in jenes noch geringe Licht; dann öffne man weiter und schaue wieder einige Augenblicke in das betreffende Licht, und dann mache man ganz auf. — So tue man auch, wenn man von einer hellen Stelle in eine dunkle eintritt; denn ein unvermittelter Wechsel von Licht zu Finsternis oder von Finsternis zu Licht schadet dem Sehvermögen. Darum hat der Ewige, gepriesen sei Sein Name, in Seiner Liebe die Welt so erschaffen, daß die Sonne nur allmählich und nicht auf einmal über die Erde emporstrahlt; und ebenso geht sie langsam unter; und darum sagen wir in der Beracha: Er erleuchtet in Liebe die Erde und ihre Bewohner; Er schickt uns das Licht voll Erbarmen nur langsam und nicht plötzlich auf einmal. — Zurückgeworfenes Sonnenlicht, das heißt, das die Sonne auf einen Ort strahlte, und von dort kommt das Licht, dieses Licht schadet den Augen; darum achte man darauf, nicht in einem Hause zu wohnen, dessen sämtliche Fenster nur auf der Nordseite liegen, da die Sonne nicht nach der Nordseite kommt und alles Licht auf jener Seite nur zurückgeworfenes Licht ist; und ebenso, selbst wenn sich die Fenster an der Ost- oder Süd- oder Westseite befinden, aber der Himmel kann von den Fenstern aus nicht gesehen werden, wenn zum Beispiel ihnen gegenüber hohe Mauern sind, so ist das einfallende Licht ebenfalls nur zurückgeworfenes Licht. Man achte darauf, sich nicht im Dämmerlicht mit Schreiben zu beschäftigen oder in einem Buche zu lesen oder irgendeine feine Arbeit zu verrichten, auch nicht im grellen Tageslicht, wenn die Sonne hoch steht. Auch schreibe oder lese man nicht öfters in einem Buche mit kleinen Buchstaben und verrichte auch nicht eine feine Arbeit beim Licht einer Lampe in der Nacht. Längeres Betrachten weißer Farbe schadet ebenfalls den Augen; darum ist die Farbe des Himmels dem Purpurblau ähnlich und nicht weiß, damit sie nicht den Augen schade; ebenso längeres Betrachten grell roter Farbe; auch das Betrachten des Feuers schadet. Ferner sind Rauch und Schwefeldampf schädlich; auch feiner Staub oder Wind, die den Augen entgegenkommen, auch viel Gehen und große Schritte; viel Weinen, wie der Schriftvers sagt (Echa 2,11): Durch die Tränen sind mir die Augen zergangen. Das Schädlichste von allem aber ist häufiger Eheverkehr. Die Lehre des Ewigen aber ist lauter und erhellt die Augen!

Kapitel 33. Dinge, die wegen Gefahr verboten sind

Enthält 14 Paragraphen

§1

Es ist verboten, Fisch mit Fleisch zusammen zu essen, selbst mit Fett von Geflügel, weil es eine Gefahr ist. Man brate nicht Fleisch und Fisch in demselben Ofen, wenn es ein kleiner Ofen ist, außer wenn das eine von ihnen zugedeckt ist, aber bei unseren Öfen, die groß sind, ist nichts zu befürchten.

§2

Wenn man Fische und dann Fleisch ißt, oder umgekehrt, esse man etwas Brot und trinke etwas Getränk dazwischen; das gilt als Reinigung und Spülung.

§3

Man muß sich vor Schweiß eines Menschen in acht nehmen; denn aller Schweiß eines Menschen außer dem Schweiß des Angesichtes ist giftig. Darum achte man darauf, eine Speise wegen des Schweißes nicht zwischen seine Kleider und seinen Körper zu legen; ebenso nehme man Münzen nicht in den Mund, es könnte etwas Schweiß daran sein, und außerdem faßt sie jedermanns Hand an, und manche Menschen sind krank.

§4

Es soll ein jeder immer darauf achten, daß er, wenn er den Duft irgendeiner Speise riecht, den ganzen Speichel in seinem Munde ausspeie und ihn nicht herunterschlucke; denn, wenn er ihn verschluckt, kann er in Gefahr kommen, was der Ewige verhüte.

§5

Man nehme sich in acht, von Getränken zu trinken, die aufgedeckt standen.

§6

Man darf keine Speisen oder Getränke unter das Bett stellen, selbst, wenn sie zugedeckt sind, weil dann ein böser Geist auf ihnen ruht. In Dörfern bewahren manche Kartoffeln und andere Speisen unter den Betten auf; man soll sie davor warnen.

§7

Und ebenso hüte man sich vor allen Dingen, die in Gefahr bringen; denn Gefahr ist schwerer als ein Verbot, und man hat mehr auf den Zweifel einer Gefahr als auf den Zweifel eines Verbotes Rücksicht zu nehmen. Darum ist verboten, sich an einen Ort der Gefahr zu begeben, wie unter eine überhängende Mauer oder auf eine baufällige Brücke. Man gehe nicht allein bei Nacht aus, man schlafe nicht bei Nacht in einem Raum allein; ebenso haben unsere Lehrer sel. And. verboten, bei Nacht aus Flüssen Wasser zu trinken oder seinen Mund auf ein Brunnenrohr zu legen, um zu trinken, damit man nicht etwas Schädliches verschlucke.

§8

Man hat den Gebrauch, zur Zeit der Sonnenwende ein Stückchen Eisen auf alle Getränke und Speisen zu legen, auf gekochte oder eingemachte oder gesalzene braucht man es nicht zu tun.

§9

Man darf nicht Speisen oder Getränke genießen, vor denen sich die Seele des Menschen ekelt, oder aus widerlichen Geräten, vor denen man sich ekelt; ebenso esse man nicht mit schmutzigen Händen; denn all dieses gehört zum Verbot (Lev. 11,43): Machet eure Seelen nicht zum Abscheu. Selbst, wenn einer sagt, er ekle sich nicht davor, ist seine Meinung ungültig gegenüber der aller Menschen.

§10

Ein Vieh oder ein Geflügel, welches totkrank war und geschächtet wurde, obschon es durch die Schlachtung zum Essen erlaubt wurde, so erschweren doch solche, die es für sich genau nehmen, es nicht zu essen.

§11

Man darf einen Fruchtbaum, der noch Früchte hervorbringt, nicht fällen (einen Ölbaum, der noch ¹/₄ Kab Oliven hervorbringt, und eine Palme, die noch ein Kab Datteln hervorbringt); das wäre eine Gefahr; wenn der Baum aber in der Nähe anderer Bäume steht, die wertvoller als er sind, und sie schwächt, ebenso wenn man den Ort braucht und ebenso wenn sein Wert als Bauholz höher ist wie als Fruchtbaum, darf man ihn fällen.

§12

Wenn jemand Leibschmerzen hat, wenden manche als Heilmittel an, daß sie ein Gefäß mit heißem Wasser auf seinen Leib stellen; das darf man wegen Gefahr nicht tun.

§13

Man darf nicht durch einen Bach gehn, dessen Wasser reißend ist, wenn das Wasser bis über die Hüften reicht, wegen der Gefahr, das Wasser könnte ihn wegschwemmen.

§14

Man darf kein Wort der Strafe über einen von Jisrael aussprechen; selbst nur zu sagen: Würde der Betreffende noch leben, so wäre er hierher gekommen; denn ein Bund ist mit den Lippen geschlossen; man soll nicht ein Kind mit einem unreinen Tier einschüchtern, zum Beispiel zu sagen, eine Katze oder ein Hund werde es holen; und so muß man bei allem Ähnlichen auf die Gewöhnung seiner Zunge sehr achten. (Siehe Kapitel 207, Paragraph 3)

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Rabbiner Selig Pinchas Bamberger

Rabbiner Dr. Selig Pinchas Bamberger (1872 – 1936) war Rabbiner in Hamburg und Übersetzer zahlreicher jüdischer Quelltexte ins Deutsche. Er wurde in Lengnau (Schweiz) als Sohn von Rabbiner Salomon Bamberger geboren. 1895 erhielt er an der Universität Berlin den Doktorgrad für seine Übersetzung des Kommentars von Maimonides (Rambam) zum Traktat Challa aus dem Arabischen ins Deutsche. Seine Smicha erhielt er 1896 durch Rabbiner Esriel Hildesheimer. Ab 1900 wirkte R: Bamberger dann in Hamburg an der Synagoge der alten Klaus in der Altstadt Hamburgs. Er starb am 21. Aw 5696 (August 1936) und wurde auf dem jüdischen Friedhof Langenfelde in Hamburg neben seiner Frau Lea beigesetzt. 1989 wurden seine sterblichen Überreste nach Jerusalem überführt und dort erneut beigesetzt.