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Zur Haftarah Chaje Sara

Melachim 1,1 – 1,31

Im Wochenabschnitte חיי שרה wurden wir zu Zeugen einer Unterredung gemacht, die Vater Abraham, der in die Tage gekommene Greis, mit seinem treuen Diener Elieser hielt. Die Unterredung betraf eine Abraham am Herzen liegende innere Familienangelegenheit: die Verheiratung seines Sohnes Jizchak. Durch den Tod der teuren Gattin Sarah war im Abrahamszelte ein Riß entstanden. Nur dadurch konnten wir, die späten Urenkel, einen Einblick gewinnen in diese den einzigen Sohn berührende, intime Sache, die sonst die über dem Zelte Sarahs lagernde „Wolke“ verdeckt haben würde. Die Gattin fehlt — Abraham hält Rat mit seinem alten Diener, und wir belauschen gleichsam diesen Rat. Anders gestaltet sich das Familienbild, das uns die Haftara aufrollt. Auch hier ist’s ein Greis, der Anordnungen trifft, für die Zukunft seines Hauses, der Zeit eingedenk, da er bei seinen Vätern schlafen wird. Doch dies Haus ist ein Königshaus und zu besetzen ist nicht das leer gewordene Zelt der dahingegangenen Hausmutter, sondern der Thron eines nur schwer zusammenzuhaltenden Reiches, des Reiches Juda-Israel. Da gewahren wir, wie die von Frauenhand gesponnenen Fäden im Gemache eines altersschwachen Mannes zu einem Gewebe sich verbinden. Dieser Mann ist ein König — der König David, und aus diesem Gewebe soll der Purpurmantel gefertigt werden für den künftigen König in Israel. Zwar ist dieser König der Zukunft, schon in seiner Kindheit „Jedidja“, Gottesliebling benannt, von der göttlichen Vorsehung längst zum Nachfolger Davids ausersehen und dazu bestimmt, das Haus des Ewigen auf Morija zu erbauen und den Ruhm Israels zu mehren. Allein, es sind, wie uns die Haftara zeigt, inner- und außerhalb des Hauses David Kräfte thätig, um diese providentielle Bestimmung zu korrigieren und die Krone auf das schönlockige Haupt Adonijas zu bringen.

Beim Denksteine „Socheleth“ an der Quelle Rogel geht es hoch her. Da hat Adonija sich zu königlichen Würden erhoben und erklärt: ich will König werden! Um die neu und glänzend aufgehende Sonne, um den schönen Jüngling, den der Vater nie betrübt und nie mit einem Worte zurechtgewiesen hat, haben sich die Trabanten geschaart. Der Oberfeldherr der königlichen Armee, der kaum erst „abgedankte“ Hohepriester und „alle Leute Judas, die Diener des Königs, sie sind alle eingeladen mit allen Königssöhnen bis auf Salomo — und sie sind alle bereit, Adonija zum König auszurufen. Die Tiere zum Opfer und Festmahle werden geschlachtet, und die Wagen, die Reiter und Läufer sind gar prächtig; der königliche Pomp — er gefällt allen Leuten Judas, den Dienern des Königs (David), und es fehlt nur, daß Adonija die Krone aufgesetzt und daß ihm öffentlich gehuldigt werde. Die Zustimmung des alten Königs, dem noch das Leid um Absalom in schmerzlicher Erinnerung geblieben, und der den schönen Sohn der Chagith immer schon verwöhnt hat — werde ja nicht ausbleiben.

„Alle Männer Judas, die Diener des Königs“ hatte der gegen seinen Vater sich auflehnende Adonija zu sich geladen. (V. 9). Waren das dieselben Männer Judas, die nach dem Tode Absaloms, jenes Königssohnes, der, gleichfalls wunderschön von Gestalt, sich gleichfalls gegen den Vater erhoben hatte, (Sam. II. 19) die damals ihren König David über den Jordan heimlich nach der Königsburg entführt, so daß die Stämme Israels in wetteifernder Liebe zum König, diesen fragen konnten: „Warum haben dich unsere Brüder, die Mannschaft Judas, weggestohlen?“ Und war das dieselbe Mannschaft Judas, die den Brüderstämmen antwortete: „Mir ist der König verwandt und nahe!“ (Sam. II 19, 42–43)? — Das sind ja treue Mannen und wohlmeinende Diener! Diese Diener hatten dem sehr alternden König David noch vor der Erhebung Adonijas eine ärztliche Maßregel empfohlen, um dem alternden Körper die jugendliche Lebenskraft mitzuteilen. Eine Jungfrau möge um den König als Pflegerin beschäftigt sein, und — dies sagten die Höflinge dem König in vertraulicher Dienstfertigkeit — sie kann dir ja noch mehr als wie Pflegerin werden.[1]

Zufällig fand sich für dies Pflegeamt Abischag, die Sunamiterin, und zufällig war diese überaus schön. Ein fernerer Zufall läßt später Adonija um die Hand dieser Sunamiterin anhalten, und wie zufällig ist diese Abischag beim König David in ihrem Pflegeamt thätig, „משרת“, da Bath-Scheba die die Thronfolge betreffende Bitte dem Könige vorträgt, und Nathan sie später darin unterstützt. Zufällig. — War all dies wirklich Zufall, oder sollte dieser Zufall von den Dienern des Königs, die wir später beim Festmahle Adonijas, dem Werber um die Krone, und — später um Abischag als seine Verbündeten antreffen, sollte dieser Zufall von diesen Dienern zu gewissen Zwecken herbeigeführt worden sein?

Die knappe Aufeinanderfolge der beiden Ereignisse: der Aufnahme Abischags im Hofe Davids und der Auflehnung Adonijas in der Darstellung unserer Haftara legt uns eine Vermutung, wie die obige, nahe. Die Diener des Königs, der Priester und der Feldherr und die königlichen Prinzen, sie hielten mit dem Thronprätendenten — und das Volk? Was sagte und that das ganze große Volk zu all dem? Nun das Volk liebt die Überraschungen. Dem Volke gefielen die malerischen Aufzüge, die goldstrotzenden Wagen, Reiter und Läufer. Freilich wenn am Abend desselben Tages der Erhebungsversuch Adonijas niedergeschlagen und Salomon mit Gepränge zum König ausgerufen sein wird, da wird das Volk, das morgens an Adonijas schönem Lockenkopf und an den Treffen seiner Garde Gefallen gefunden, wieder dem zwölfjährigen König Salomon zujubeln. Das Volk steht auf der Seite, auf der der Erfolg winkt und der Prunk ergötzt. So war’s mit dem damaligen jüdischen Volke. Und so ist’s mit manch anderem Volk zu manch anderer Zeit gewesen. Also, der schöne Adonijahu — die überaus schöne Abischag und der sehr alt gewordene König — das sollte zusammenwirken und dem Sohne der Chagith die Krone Davids zuwenden. Doch Haschem, der diese Krone und ihre Träger in seine besondere Obhut genommen, wollte es anders. Unsere Weisen haben hiefür eine symbolische Bezeichnung. Sie sagen: Wer nicht zur davidischen Dynastie gehörte, und auch wem aus dieser Dynastie die Krone nicht bestimmt war, dem wollte die Krone nicht auf dem Haupte sitzen bleiben „אין הכתר הולמתו“. Auch das Haupt Adonijas wollte der goldene Reif nicht umschließen.

Als ein sichtliches Zeichen des göttlichen Einflusses auf die Thronfolge im Davidischen Hause ist es auch anzusehen, daß der uns als so schwach und hinfällig geschilderte königliche Greis mit einem Male die Kraft und Energie findet, allen Kabalen zum Trotz, Salomo, den 12jährigen Sohn Bath-schebas, zum König proklamieren zu lassen.

Diese Hinfälligkeit des schon im siebzigsten Lebensjahre so „sehr alt gewordenen Königs“ (V. 15.) stimmt uns zu tiefer Wehmut. Beim Eintritt ins königliche Gemach ist es uns, als müßten jeden Augenblick die Saiten des Sangmeisters erzittern und ihnen jene herrlichen, von ewig jugendlicher Sangeslust erfüllten Lieder entströmen, die uns so oft Herzenstrost und Seelenfreude gebracht. Wir glauben die Hymne auf die greisen Frommen zu vernehmen: „Noch im Greisenalter tragen sie Frucht, bleiben markvoll und immer frisch!“ (Ps. 92) und da gewahren wir den Sänger dieser Hymne, wie er in Tücher und Gewänder gehüllt wird, ohne daß das matt kreisende Blut den Körper erwärmt. Dann dringt es wieder von der verklungenen Leier an unser Herz: „Verwirf mich nicht zur Zeit des Alters, wenn meine Kraft schwindet, verlaß mich nicht!“ (Ps. 71) und da wir Bath-scheba und den Propheten Nathan beim König eintreten sehen, erinnern wir uns unwillkürlich der Worte, die David dem Siegenverleiher als Psalm gesungen „als der Prophet Nathan zu ihm gekommen, da er zu Bath-scheba gekommen war“ (Ps. 51), und die da lauten: „Wirf mich nicht fort aus deinem Angesicht, und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir!“ (ebendas. V. 13) O, wo ist er hingekommen, der Heldengeist, der sein Volk und die Menschheit in Begeisterung mit sich fortgerissen, der mit Gesang und Saitenspiel am Morgen das Frührot weckte? Wohin der Held, der die Lenden mit dem sieghaften Schwerte umgürtete, der zwischen Sieg und Sang, zwischen Sang und Sieg Völker und Herzen bezwang, der was sein Schwert neu erobert, mit neuem Psalter weihte! Er ist alt geworden, sehr alt; und ist doch erst siebzig Jahre alt.

Da drängt sich uns der Vergleich mit einem andern alten Manne auf, den uns die Sidra vorführt. Auch Abraham war alt geworden, sogar 175 Jahre alt; doch ist ihm das Lebensmark nicht geschwunden, und er bedarf nicht der künstlichen Verjüngungsmittel. Man betrachte den Greis, klagend am Grabe seiner Gattin. Man betrachte ihn — beratend die Zukunft seines Sohnes. Welch selbständige Kraft des Bewußtseins liegt in jedem seiner Worte, in jeder seiner Handlungen. Ein Ehrfurcht gebietender Gottesfürst — so erscheint er mitten im fremden Volke, bittend und fordernd. Ein Gebieter in seinem Hause — so erteilt er seinen gemessenen Auftrag, und heischt er pünktliche Erfüllung. So durchmißt Abraham die letzte Teilstrecke seines Lebensweges, bis er בשיבה טובה, זקן ושבע „in gutem Alter, reif und satt“ zu seinen Genossen gesammelt wird. (I B. M. 25,8)

Auf unsere stille Frage: was ist’s, was die beiden Greise Abraham und David hinsichtlich der erhaltenen Jugendfrische im hohen Alter von einander unterscheidet, giebt unsere Haftara mit dem ersten Worte Antwort. והמלך דוד זקן „Und der König David war alt geworden“. Es war eben der König David, der gealtert hatte. Das Greisenalter mit dem Silberschmuck, den es verleiht, ist selbst ein Diadem, das Gott den von ihm Geliebten umwindet, und dieses Diadem drückt den nicht nieder, dem es Gott in שיבה טובה beschieden. Doch die Krone der weltlichen Herrschaft drückt oft ihren Träger mit einer Fülle von Sorgen und Kümmernissen nieder und erdrückt manche häusliche Freude. Vor den Regentenpflichten schweigen die Pflichten des Vaters, bis dieser oft zu spät in den Folgen einer verfehlten Kindeserziehung seine Versäumnis erkennt und — büßt. Dem weit reichenden Blicke des Staatslenkers entgehen häufig die nahe im eigenen Familienkreise liegenden und sorgsame Pflege heischenden Obliegenheiten. König David, der, wie auch unsere Haftara bezeugt, für die Fehler seiner Söhne ein viel zu nachsichtiges Auge hatte, blieb von den tief betrübenden Folgen dieser dem mächtigen Könige eigenen Schwäche nicht verschont. Absalom und Adonija lohnten ihm schlecht diese Schonung aus väterlicher Liebe.

In sinniger Weise deutet ein Midrasch zu unserer Haftara Gleichheit und Unterschied zwischen den beiden Greisen Abraham und David durch die folgende Bemerkung an: „Und der König David war alt geworden, in die Tage gekommen.“ Hier findet das Schriftwort Anwendung: „ein herrliches Diadem ist das Greisenalter“ — und wo ist es zu finden? „auf dem Wege der Tugendthat ist es zu finden.“ Das kannst Du von Abraham lernen. Von diesem ist gesagt: „Denn ich habe mein besonderes Augenmerk auf ihn gerichtet, damit er seine Kinder und sein Haus nach sich verpflichte, daß sie den Weg Gottes hüten, Tugendthat und Recht üben.“ (I 18. 19.) Darum ward ihm beschieden glückliches Greisentum שיבה, wie es heißt „in glücklichem Greisentum“ (verschied Abraham) und Altersreife וזקנה, wie es heißt: „und Abraham war alt geworden.“ Das Ähnliche findest Du bei David. Von ihm heißt es: „Und David übte Recht und Tugendthat für sein ganzes Volk.“ Darum ward ihm reifes Alter beschieden, wie es ja heißt: „Und der König war alt geworden.“

„שיבה טובה aber nicht זקנה wird hier dem König David zugesprochen, denn ihm war es nicht wie Vater Abraham vergönnt, in erster Linie Vater zu sein und im Sinne des דרך ה׳ und צדקה ומשפט auf alle seine Kinder erziehlich einzuwirken. König war David, ein großer König, mit hoher königlicher Gesinnung. Seine beste Kraft, sein Leben und Wirken gehörte seinem Volke, und er ward von Gott ausersehen, ein Königsgeschlecht in Israel zu gründen für alle Zeiten. Und wenn auch der Stamm gealtert, so ist und bleibt es doch ein Sprosse dieses Stammes צמח דוד, auf den Israels Hoffnung für alle Zukunft gerichtet ist. Gott weckt, wie uns die Haftara zeigt, den Geist und Mut des gealterten, schwachen Königs David zu festem Entschlusse und manneskräftiger That, um seinen Schwur und die Gottesverheißung wahr zu machen, und wir, die späten Enkel der Volksgenossen Davids stimmen begeistert ein in den Ruf Bathschebas: „Es lebe mein Herr, der König David ewiglich!“


  1. Bedeutsam ist in V. 2 die Abwechselung der 2. mit der 3. Person. „ועמדה לפני המלך ותהי לו סכנת“ ist der Titel nach Außen. „ושכבה בחיקך“ ist vertraulich zugeflüstert. Echt höfisch. In der That war und blieb אבישג für דוד immer nur משרת und nicht mehr, was in V. 4 und V. 15 betont wird. ↩︎

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Rabbiner Josef Nobel wurde 1839 in Tata (Ungarn) geboren. Er erhielt seine Ausbildung in Eisenstadt bei Rabbiner Hildesheimer. Er wirkte zunächst als Rabbiner in Ungarn und wurde 1881 Rabbiner in Halberstadt bis zu seinem Tod im Jahr 1917.