In der Synagoge befinden sich einige Utensilien, die den Ablauf der Gebete wenig oder gar nicht beeinflussen. Der eine Gegenstand erfordert dennoch ständig, der andere zu einer bestimmten Zeit im Jahr die Aufmerksamkeit.
In so gut wie jeder Synagoge hängt eine Lampe, in der das Licht ständig brennend gehalten wird. Allerdings sollte man es mit dieser »Ständigkeit« nicht allzu genau nehmen. Denn diejenigen, die mit der Instandhaltung betraut sind, sind auch nur Menschen.
Die Form dieser Lampe ist beliebig, nicht vorgeschrieben und auch nicht als wünschenswert angegeben. Es ist auch nicht immer eine Hängelampe, sondern manchmal ein Leuchterarm oder etwas anderes.
Der Ort, an dem sich das Licht befinden soll, ist ebenfalls nicht festgelegt. In der einen Synagoge – vielleicht sogar in den meisten – brennt es vor dem heiligen Schrein (Aron HaKodesch), in einer anderen oben oder beim Eingang, wo man das Hauptschiff des Gebäudes betritt, und anderswo wieder an der einen oder anderen Säule. In manchen Synagogen gibt es zwei solcher Lichter. Diese Lampe ist das Ner Tamid, das gerne übersetzt wird mit: das Ewige Licht. Aber sagen wir lieber das stetige Licht. Denn – abgesehen davon, dass auch hier der unbeaufsichtigte Augenblick, wie eben beiläufig angedeutet, wohl einmal sein launisches Spiel treiben kann – auch das Urbild unseres Lichtes war kein ständig brennendes, sondern ein regelmäßig gepflegtes Licht. Es ist das Licht des goldenen Leuchters oder der goldenen Menora, die im Zelt der Begegnung, der Stiftshütte, und im Tempel, dem Salomos und dem Esras, stand.
Dieser Leuchter, die Menora, stand in jenem Teil der Stiftshütte und des Tempels, der das Heilige heißt. Dieses Licht muss stetig unterhalten und Tag für Tag erneuert werden. Des Morgens und des Abends. Das nun ist das stetige Licht.
Und das will auch das Ner Tamid in der Synagoge sein: eine Erinnerung an die Menora in den alten Heiligtümern. Eine Erinnerung. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Denn in der Synagoge gibt es keinen Altar und kein Schaubrot. Und die Lampe ist nicht in der Form der Menora und hat überhaupt keine bestimmte Form. Trotzdem schafft sie Atmosphäre. Eine Atmosphäre, die den Besucher etwas mystisch berührt und der das Magische nicht ganz fehlt.
Das Licht ist außerdem auch ein Symbol für die Seele. Sagt nicht der Dichter der Sprüche (Mischlej 20,27): »Eine Leuchte G-ttes ist die Seele des Menschen«? Und im jüdischen Haus dient deshalb auch ein Licht als ein sichtbares Gedenken an die Lieben, deren Leiblichkeit für immer dahingegangen ist. Deshalb wird unmittelbar beim Tod ein Lichtlein angezündet, das gewöhnlich im Wohnraum während zwölf jüdischen Monaten – dem Trauerjahr – brennend gehalten wird und das am Jahrestag des Todes, der »Jahrzeit« genannt wird, jedes Mal wieder entzündet wird.
Infolgedessen wird von vielen dem stetigen Licht in der Synagoge auch die Bedeutung eines Gedenklichts zu Ehren der verstorbenen Mitglieder der Gemeinde beigemessen.
Das ist nicht seine ursprüngliche Bedeutung. Wo jedoch, wie das in einigen Synagogen der Fall ist, zwei stetige Lichter brennen, da ist das eine ausdrücklich zum Gedenken bestimmt. Dann ist es gewöhnlich die fromme Stiftung (Chewra Kadischa), die alle religiösen Handlungen bei Todesfällen und Beerdigungen vornimmt, die in der Synagoge ein Gedenklicht zu Ehren ihrer verstorbenen Mitglieder brennen lässt.
Aus dem jüdischen Leben ist die Form der Menora der alten Heiligtümer nicht ganz verschwunden. Dieser Leuchter dient beim Makkabäerfest, das Chanukka heißt und das gesondert behandelt wird.
Aus dem Niederländischen übersetzt von Chajm Guski
