Wir haben schon früher gesagt, daß wir immer, wenn wir in diesem Buche eines der Wörter mit mehreren Bedeutungen anführen, nicht alle Bedeutungen dieses Wortes vorzubringen gedenken. Dieses Buch ist ja kein grammatisches. Vielmehr wollen wir nur jene seiner Bedeutungen vorbringen, die wir zu unserem Gegenstand benötigen, sonst keine. Dazu gehört auch ירד (jarád, herabsteigen) und עלה (alá, aufsteigen), welche beiden Wörter in der hebräischen Sprache gebraucht werden und deren Bedeutung bekannt ist. Wenn ein Körper von einer Stelle zu einer niedrigeren fortrückt, so sagt man ירד (jarád, absteigen), wenn er aber zu einer höheren fortrückt, so sagt man עלה (alá, aufsteigen). Dann aber werden diese Wörter in übertragener Bedeutung im Sinne von Größe und Majestät gebraucht, so daß man jarád sagt, um zu bezeichnen, daß jemand einen niedrigeren Rang, und alá, daß er einen höheren Rang einnimmt, als vorher. In diesem Sinne sagt Gott: „Der Fremdling in seiner Mitte wird immer höher über dir emporsteigen (יעלה, ja‘lé), du aber wirst immer tiefer sinken“ (תרד, teréd) (Deut. 28, 43); „der Herr wird dich zum höchsten (עליון, eljon) aller Völker der Erde machen“ (ibid. 1); „Gott machte Salomo groß und erhöhte ihn“ (למעלה, l‘ma‘la) (I. Chron. 29, 25). Du kennst auch den oft vorkommenden Ausspruch der Lehrer: „Man lasse etwas in der Heiligkeit aufsteigen (מעלין, ma‘lin) aber nicht absteigen (מורידין, moridin)“[1]. In diesem Sinne werden die beiden Worte auch in Beziehung auf das Vertiefen in das Studium gebraucht, so daß man von jemand, der sich in seinem Denken einem sehr minderwertigen Gegenstande zuwendet, sagt, er steige herab, ebenso aber von einem, der sich einem erhabenen und ansehnlichen zuwendet, er steige auf.
Da wir, die Menschenmenge hienieden, im Verhältnis zur umgebenden Sphäre[2], tief unten, ja an tiefster Stelle stehen, hinsichtlich der Stufe des Seins, Gott aber den allerhöchsten Rang einnimmt vermöge seiner wahrhaften Existenz[3], vermöge seiner Größe und Macht, nicht aber infolge der hohen Lage seines Ortes[4], und es ihm tatsächlich gefallen hat, etwas von seiner Weisheit und von der Emanation der Prophetie zu einigen von uns gelangen zu lassen, so wird, wenn man sagen will, daß die prophetische Gabe auf dem Propheten ruht, oder daß die Sch‘khina[5] sich länger an einer Stelle offenbart, dies ein Herabsteigen, wenn man aber sagen will, daß der prophetische Gedanke sich von dem Manne entfernt oder die Sch‘khina von dem Orte weicht, ein Aufsteigen genannt[6]. An allen Stellen also, wo du die Worte jarád und alá in Beziehung auf Gott gebraucht findest, haben sie in der Tat nur diese Bedeutung. Ebenso wird es durch jarád bezeichnet, wenn nach dem schon früher kundgegebenen[7] Willen Gottes über irgendeine Nation oder ein Land eine Plage kommt, wobei die Bücher der Prophetie, ehe sie diese Plage erzählen, vorher berichten, daß Gott die Taten dieses Volkes geahndet und die Strafe über es verhängt hat, weil der Mensch zu niedrig und zu gering ist, daß seine Taten geahndet und er dafür gestraft werden sollte, wenn es nicht Gott so gewollt hätte[8]. Dies wird übrigens aus den Büchern der Prophetie klar. Auch der Ausspruch: „Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, der Erdensohn, daß du ihn beachtest?“ (Ps. 8, 5) deutet diesen Gedanken an. Deshalb wird die Bestrafung durch jarád bezeichnet, z. B. „Wohlan, wir wollen hinabsteigen (נרדה, ner‘da) und dort ihre Sprache verwirren!“ (Gen. 11, 7); „der Herr kam herab, וירד, wajjeréd), um zu sehen“ (ibid. 5); „Ich will hinabsteigen (ארדה, er‘da) und sehen“ (Gen. 18, 21). Der Sinn ist überall das Eintreffen der Strafe bei den Menschen hienieden.
Die früher erwähnte Bedeutung nämlich, die der Prophetie und der hohen Ehrung, findet sich häufig, z. B. in folgenden Sätzen: „Ich werde herabkommen (וירדתי w‘jaradti) und mit dir daselbst reden“ (Num. 11, 16); „Es stieg der Herr auf den Berg Sinai herab“ (וירד, wajjered) (Exod. 19, 20); „Der Herr wird herabsteigen (ירד, w‘jered) vor den Augen des ganzen Volkes“ (ibid. 11); „Gott stieg hinauf (ויעל, wajjaál), nachdem er sich von ihm gewandt“ (Gen. 35, 13); „Gott stieg auf (wajjaál), nachdem er sich von Abraham gewandt“ (Gen. 17, 22). Hingegen hat der Ausspruch: „Mose stieg auf (ויעל, wajjaál) zu Gott“ (Exodus 19, 3) die dritte Bedeutung[9], indem er zugleich den Gedanken ausdrückt, daß er zum Gipfel des Berges aufstieg, auf den das geschaffene Licht[10] herabgestiegen war. Der Ausspruch ist aber nicht so zu verstehen, daß Gott einen Raum innehabe, zu dem man hinauf- oder von dem man absteigen könne, da Gott über die Vorstellungen der Toren unendlich erhaben ist.
S. Mischna Sch‘qalim 6, 4, bab. Talm. B‘rakhot 28a, Sabb. 21a, Joma 12b, 73a, M‘gilla 9b, 21. Die Worte bedeuten: Was schon zu einem heiligen Zwecke verwendet wurde, darf wohl zu einem noch heiligeren, nicht aber zu einem minder heiligen verwendet werden. ↩︎
Nach der im Kap. 72 des I. Teiles gegebenen Darstellung seiner Weltanschauung betrachtet der Verf. die oberste, das All umgebende Sphäre als das Vollkommenste im Seienden, welches das ganze Universum in Bewegung erhält, die Arabot der Rabbinen (s. bab. Talm. Chag. 12b). ↩︎
Seiner notwendigen, unbedingten Existenz. ↩︎
Nach dem Weltbilde des Verf. wie des Aristoteles sind die Sphären im Universum das Oberste, die sublunaren Dinge das Unterste. Offenbar will der Verf. auch hier der körperlichen Vorstellung von Gott entgegentreten (vgl. unten Kap. 72, Arist. de coelo I, 3. ↩︎
Die Sch‘khina (von schakhan, wohnen) ist ein von den chaldäischen Bibelübersetzern gebrauchter Ausdruck, der zur Verhütung der Anthropomorphismen für Gott selbst gebraucht wurde. Der Ausdruck bedeutet die Gegenwart oder Anwesenheit Gottes (figürlich) an einem Orte, an dem er sich durch ein Wunder oder durch eine Lichterscheinung offenbart. ↩︎
Auch wenn Gott einen Menschen der Prophetengabe würdigt, ist dies doch angesichts der Niedrigkeit des Menschen im Universum für Gott ein Herabsteigen. ↩︎
Oder wie Kaspi, Narbonni u. a. meinen, durch den ewigen Willen Gottes. ↩︎
D. h. Gott kann durch die Taten der Menschen nicht beeinflußt werden. Er ist auch zu erhaben, um zu vergelten. Das Strafgericht kann also nur zu höheren Zwecken, die schon vom Anbeginn im Willen Gottes vorhanden waren, eintreten. S. über Vorsehung und Vergeltung III. T., Kap. 17 ff. ↩︎
Nämlich Erhebung der Gedanken zu Gott. ↩︎
Die Flamme, die den Gipfel des Berges bedeckte (Exod. 24, 17). S. unten Kap. 64. ↩︎
More Newuchim
Der »Führer der Unschlüssigen«

