Anmerkung: Dieser Artikel wurde ohne den Einsatz von KI-Mitteln verfasst.
Es war schon immer mein Traum das Neuhebräisches und Chaldäisches Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim von Jakob Levy zu digitalisieren. Doch jeder Versuch endete in einem Albtraum. Nicht nur die monumentale Größe des Werkes, 4 Bände mit über 19.000 Stichwörtern, auch die Typographie ist es, die jedes OCR-Programm in die Knie zwingt. Denn hier sind auf engstem Raum Deutsch, Hebräisch, Aramäisch, Syrisch, Arabisch, Persisch, Latein und Griechisch zusammengedrängt. Daneben gibt es kursive Schrift, Sperrsatz, diakritische Zeichen usw. Eine digitale Erfassung des Werkes als Einzelner würde vielleicht so viel Zeit in Anspruch nehmen wie das Verfassen selbst1. Noch in dem Vorwort zum ersten Band 1876 versprach Levy eine systematische Darstellung der talmudischen Sprache und musste 13 Jahre später im Nachwort zum vierten Band aufgrund von „körperlichen Leiden“ sich entschuldigen, das Versprechen nicht gehalten zu haben. Er verwies lediglich auf längere Artikel wie מִדְרָשׁ, מִשְׁנָה und עִבְרִי. Sein Freund Heinrich Fleischer, Orientalist und Vater der arabischen Philologie, der mehr als 1.500 Ergänzungen zum Wörterbuch beitrug, überlebte das Projekt nicht. Fleischer arbeitete mit Levy bereits seit 1867 zusammen, als Levy sein „Chaldäisches Wörterbuch über die Targumim und einen großen Teil des rabbinischen Schrifttums“ in 2 Bänden veröffentlichte, das Levy unter den Gelehrten große Anerkennung bescherte, worauf das Preußische Ministerium ihm den Titel Professor verlieh.
Levy selbst entstammt einer Rabbinerfamilie, lernte bei Rabbi Akiwa Eiger, dem größten Talmudisten seiner Zeit und wurde von ihm zum Rabbiner ordiniert. Danach studierte er orientalische Sprachen und promovierte 1845 in Halle. Levy kannte die Tiefen des Talmuds sowie die Höhen der Wissenschaft. Mit seinen Wörterbüchern öffnete er der nichtjüdischen Gesellschaft die Pforten zu einer damals unbekannten Welt. Alle späteren Lexikographen schöpften mit vollen Händen aus seinem Werk, wie Alexander Kohut, Marcus Jastrow, Gustaf Dalman. Goldschmidt nutzte es für seine deutsche und Epstein für seine englische Talmud-Übersetzung, Wünsche für seine Midrasch-Übersetzung, wie viele weitere Schüler, Forscher und Übersetzer2. Doch er hat auch seine Mängel. Im Vergleich zu moderner Lexikographie verließ sich Levy nur auf gedruckte Ausgaben und nicht auf Handschriften und die darin enthaltenen Varianten, um die korrekte Wortform festzustellen. Handschriften bewahren die ursprünglichen Wortformen, während gedruckte Ausgaben Verstümmlungen enthalten, die von Druckern eingeführt wurden, um die Sprache an ihre Zeit anzupassen. Auch schrieb er manchmal von seinen Vorgängern ab, ohne ihre Quelle zu prüfen (und andere schrieben von Levy ab und übernahmen dieselben Fehler)3. Manche Stichworte enthalten lange und unnötige Ausführungen4 und manche fehlen völlig5.

1924 brachte Lazarus Goldschmidt die zweite Auflage des Wörterbuchs heraus, 50 Jahre nach der ersten. Dabei strich er das Neuhebräische aus dem Titel und machte daraus das Wörterbuch über die Talmudim und Midraschim. Zur Begründung nannte er die Entwicklung der Sprache in neuester Zeit, während für Levy das Neuhebräische die Sprache der rabbinischen Literatur war. Goldschmidt fügt noch über 500 seiner eigenen Ergänzungen hinzu und ein Vorwort, ohne aber etwas am Haupttext zu ändern, was ihm Kritik von Immanuel Löw einbrachte6. Danach war es aus mit Levy. Lediglich die Wissenschaftliche Buchgesellschaft gab 1963 einen Nachdruck heraus. Bis in die 2000er dominierte Jastrow die jüdische Lexikographie. Zwar besteht Jastrow zum größten Teil aus Levy, doch sind seine Erklärungen nur sehr knapp, Beispiele selten und vor allem aber keine Etymologien7. Da sich die Sprachwissenschaft weiterentwickelte, Sprachen wie Mandäisch (ein Dialekt des Aramäischen), Akkadisch und Altpersisch erforscht sowie neue Texte entdeckt wurden, reichte auch der Jastrow nicht mehr aus. Neue Wörterbücher, wie das Dictionary of Jewish Babylonian Aramaic, entstanden und damit kehrte auch Levy wieder in die Fachliteratur zurück, als Vater der jüdischen Lexikographie.

Und was wurde aus meinem Traum? Die K.I. hat ihn erfüllt. Der gesamte Levy, sowohl die zwei Bände zu den Targumim, wie auch die vier Bände zu den Talmudim liegen digital vor. Alle Ergänzungen von Fleischer und Goldschmidt stehen nicht mehr im Anhang, sie wurden den Stichwörtern beigefügt, auf die sie sich beziehen8. Es gibt hier und da noch kleine OCR-Fehler, die man verzeihen muss, aber im Ganzen ist der Levy endlich dort angekommen, wo er hingehört: in der digitalen Welt der jüdischen Texte.
Und warum hier halten, wenn wir die Möglichkeit haben, mehr zu machen? Wir halten nicht: Samuel Krauss‘ Griechische und lateinische Lehnwörter im Talmud, Midrasch und Targum liegt bereits als Text vor in Safran, wie weitere Werke, von denen ich noch letztes Jahr dachte, dass es unmöglich sein wird, sie zu digitalisieren. Und das ist erst der Anfang.

1 Sogar das CAL (Comprehensive Aramaic Lexicon) hat es nicht über das Stichwortverzeichnis geschafft. ↩
2 Und ebenso gab es zahlreiche Plagiate, wie Goldschmidt in seiner Einleitung zur 2. Auflage ausführt. ↩
3 siehe z.B. Artikel גּוֹמֶד , רָפַט und Goldschmidts Einleitung. ↩
4 siehe z.B. צֹאן und שְׁחִיטָה ↩
5 Die Kritik von Samuel Kraus in seiner Besprechung des Thesaurus von Ben-Jehuda ↩
6 Goldschmidt reagierte mit seiner berühmten polemischen Schrift „Philister über Dich!“, worin er Simon Bernfeld und andere Übersetzer des Plagiats bezichtigt. ↩
7 Michael Sokoloff, A dictionary of Jewish Babylonian Aramaic, S.15. ↩
8 leider stehet überall Fleischer, auch wenn es Goldschmidt ist. Das muss noch korrigiert werden. ↩

