Führer der Unschlüssigen

More Newuchim – Buch 1 – Kapitel 21

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes עבר (abhar, vorübergehen) ist die der Übertragung eines Körpers im Raume, und seine vornehmlichste Hauptbedeutung[1] die Bewegung eines Lebewesens nach irgendeiner Dimension in gerader Linie[2], z. B. „Er ging (עבר, obher) vor ihnen her“ (Gen. 33, 3); „Ziehe (עבור, abhór) vor dem Volke einher“ (Ex. 17, 5) und viele andere Stellen. Dann wurde es auf die Fortpflanzung des Schalles im Luftraume übertragen[3], z. B. „Sie ließen eine Kundmachung ergehen (ויעבירו, waja’bhirú) im Lager“ (Exod. 37, 6); „Ich höre, daß man im Volke des Herrn die Kunde verbreitet“ (מעבירים, ma’bhirim) (I. Sam. 2, 24). Dann wird es auch in übertragener Bedeutung auf das Erscheinen des Lichtes oder der Sch’khina angewandt, welche die Propheten in ihren Visionen sehen[4]. Wenn die H. Schrift sagt: „Ein rauchender Ofen und eine Feuerfackel gingen (עברו, abh’rú) zwischen diesen Stücken vorüber“ (Gen. 15, 17), so gilt dies von der prophetischen Vision, da im Anfange der Erzählung berichtet wurde, daß „ein tiefer Schlaf Abram befiel“[5] (ibid. 12). Und dieser übertragenen Bedeutung gemäß wird gesagt: „Ich werde das Land Ägypten durchziehen (ועברתי, w’abharti“) (Exod. 12, 12)[6] und andere Stellen[7], die dieser ähnlich sind. Ferner wird es auch auf alles übertragen, was jemand im Übermaß oder mit Überschreitung der zulässigen Grenze tut, z. B. „Wie ein Mann, den der Wein überwältigt (עברו, abharó) hat“[8] (Jes. 23, 9). Ferner wird es in übertragenem Sinne von jemand gebraucht, der irgend eine Absicht verfehlt hat und nun eine andere Absicht und ein anderes Ziel verfolgt, z. B. „Er schoß den Pfeil ab, um ihn (den Knaben) über seine Absicht zu täuschen (להעבירו, l’ha’bhiró) (I. Sam. 20, 36)[9]. Und diese übertragene Bedeutung hat meiner Ansicht nach der Ausspruch: „Der Herr ging (ויעבור, wajja’bhor) vorüber vor seinem Angesicht“ (Exod. 34, 6), so daß das Pronomen in פניו (panaw, seinem Angesichte) auf Gott zu beziehen ist, wie es auch unsere Rabbiner erklären[10]. Sie haben dies allerdings nur in einer Reihe agadischer Aussprüche erwähnt, die hier anzuführen nicht die richtige Stelle ist[11]; dennoch aber ist ihr Ausspruch eine teilweise Bekräftigung unserer Ansicht, daß das Pronomen in פניו (panáw, sein Angesicht) sich auf Gott bezieht[12]. Nach meinem Dafürhalten ist die Stelle so zu erklären: Mose wünschte eine bestimmte Erkenntnis des göttlichen Wesens, die er damit bezeichnete, daß er das Antlitz Gottes zu sehen verlangte[13]. Gott aber sprach: „Mein Antlitz kann man nicht sehen“ (Exod. 33, 23), und damit wies er ihm eine Erkenntnis zu, die geringer war als die, welche Mose begehrt hatte, und die mit dem Ausdruck bezeichnet wird „den Rücken Gottes sehen“ in dem Ausspruch: „Du wirst meinen Rücken sehen“ (ibid.)[14]. In meinem Werke Mischne-Tora[15] habe ich bereits auf diese Stelle aufmerksam gemacht. Hier will die H. Schrift sagen, daß Gott Mose die Erkenntnis, die man „Sehen des Antlitzes“ nennt, vorenthalten und ihn zu einem anderen Dinge übergeführt hat[16], nämlich zur Kenntnis der Werke, die Gott zugeschrieben werden, von denen man glaubt, daß sie ebenso viele Attribute Gottes sind, wie ich zu erläutern gedenke[17]. Wenn ich aber sage „hat ihm vorenthalten“, so meine ich damit, daß ihm diese Erkenntnis vermöge ihrer Natur verborgen und unzugänglich war, und daß jeder vollkommene Mensch, welcher sofort, wenn seine Vernunft ein Ding erkannt hat, das er nach seiner Natur zu begreifen vermag, zu einer tieferen Erkenntnis vorzudringen versucht, an seiner Erkenntnis Schaden leiden oder sterben[18] muß, wie ich in einem Kapitel dieses Buches ausführen werde[19], außer wenn sich zu ihm der Beistand Gottes gesellt, wie die H. Schrift in Beziehung auf Mose sagt: „Ich werde dich mit meiner Hand bedecken, bis ich vorüber gezogen bin“ (Exod. 33, 22)[20]. Das Targum jedoch verfährt bei solchen Gegenständen nach seiner ihm eigentümlichen Weise, und zwar nimmt es bei jedem Ausdruck, bei dem es erkennt, daß er, von Gott ausgesagt, ihm Körperlichkeit zuschreiben oder Begriffe von ihm aussagen würde, die ihn verkörpern, an, daß ein Bindeglied[21] fehle, und bezieht also diesen Ausdruck auf einen mit Gott verbundenen, aber im Texte der H. Schrift weggelassenen Begriff. So z. B. übersetzt es den Ausspruch „Siehe, der Herr stand über ihr“ durch die Worte: „Die Herrlichkeit des Herrn war über ihr aufgestellt“ und den Satz: „der Herr möge zuschauen zwischen mir und dir“ (Gen. 31, 49) durch: „Das Wort des Herrn möge zuschauen“. So verfährt es stets in seiner Erklärung und ebenso auch bei dem Ausspruch: „Der Herr ging an seinem Angesichte vorüber“. Es gibt ihn folgendermaßen wieder: „Der Herr ließ seine Majestät vor seinem Antlitz vorüberziehen[22]. Demnach sei das Ding, welches an ihm vorüber ging, unzweifelhaft ein erschaffenes Ding gewesen und müßte sich das Fürwort der dritten Person in פניו (panaw, sein Angesicht) auf Mose beziehen und על פניו (al panaw) so viel heißen als לפניו (l’phanaw) „vor ihm, in seiner Gegenwart“, wie z. B. in dem Ausspruch: „Das Geschenk ging vor seinem Angesichte vorüber“ (Gen. 32, 22). Auch dies ist eine schöne und treffende Erklärung. Die Auslegung Onqelos’ bekräftigt unter anderem auch der Ausspruch der H. Schrift „wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht“ (Exod. 33, 22). Darin liegt die deutliche Aussage, daß das, was an ihm vorüberziehen sollte, etwas Gott Zugeschriebenes, nicht aber Gott selbst, gewesen sei, und daß sich auch die Worte „bis ich vorüber bin“ (ibid.) und „Der Herr zog vor seinem Angesicht vorüber“ (ibid. 34, 6) auf die „Herrlichkeit Gottes“ beziehen[23].

Wenn aber schon diese Stelle schlechterdings nicht ohne das Hinzudenken eines hier weggelassenen Bindegliedes zu erklären ist, wie Onqelos allenthalben tut, indem er, je nach dem Sinn der betreffenden Stelle, dieses Bindeglied bald durch J’qará, „Herrlichkeit“, bald durch Memrá, „Wort“, bald durch Sch’khiná, „Majestät“ ausdrückt[24], so möchte auch ich für das hier fehlende Bindeglied das Wort קול (qol, Stimme) setzen. Die Bedeutung wäre dann: „Die Stimme des Herrn ging an seinem Angesichte vorüber und rief“. Ich habe ja die übertragene Bedeutung des Wortes abhar in Beziehung auf den Schall schon in dem Ausspruch „Sie ließen eine Kundmachung (קול, qol) durch das Lager ergehen“ (Exod. 36, 8) erklärt[25]. Dann wäre es diese Stimme gewesen, die (Exod. 34, 6) rief. Du mußt es keineswegs für ausgeschlossen halten, daß das Rufen auf die Stimme bezogen wird, denn mit diesen nämlichen Worten wird ja erzählt, daß Gott mit Mose gesprochen hat, wie in dem Ausspruch „Er hörte die Stimme, die mit ihm redete“ (Num. 7, 89). Wie dort das Reden, wird hier das Rufen auf die Stimme bezogen. Übrigens kommt etwas Ähnliches, nämlich daß das Sprechen oder Rufen auf die Stimme Gottes bezogen wird, auch ausdrücklich in dem Satze vor: „Eine Stimme spricht: Rufe! Ich aber sprach: Was soll ich rufen?“ (Jes. 40, 6). Demgemäß wäre die Erklärung nach dieser Bedeutung des Wortes folgende: „Die Stimme des Herrn ging an ihm vorüber und rief: O Herr, o Herr! Allmächtiger! Barmherziger und Gnädiger!“ Die Verdoppelung des Wortes Adonai beim Anrufe, — denn der Angerufene ist Gott, — ist dann so zu verstehen, wie „Mose, Mose!“ (Exod. 3, 4) oder „Abraham! Abraham!“ (Gen. 22, 11)[26]. Auch dies ist eine passende Erklärung.

Du darfst aber auch daran keinen Anstoß nehmen, daß diese sehr dunkle und schwer verständliche Stelle viele Kommentare verträgt. Dies stört uns nicht in dem, womit wir uns beschäftigen[27]. Dir steht es nämlich frei, das zu glauben, was du glauben magst. Du kannst glauben, daß diese ganze erhabene Szene ohne Zweifel durchgehends eine prophetische Vision war, und daß dies alles, was Mose anstrebte, sowohl was ihm versagt wurde, als auch was er erreichte, lauter Vernunfterkenntnisse ohne Sinneswahrnehmung gewesen seien, wie wir eingangs erklärten, oder daß zugleich mit dieser Vernunfterkenntnis eine Wahrnehmung des Gesichtssinnes stattgefunden hat, jedoch die Wahrnehmung eines geschaffenen Dinges, durch dessen Anblick die Vernunfterkenntnis vervollkommnet wurde[28] wie es Onqelos erklärt, falls nicht auch diese Gesichtswahrnehmung gleichfalls in der prophetischen Vision stattfand, wie dies von Abraham berichtet wird: „Er sah einen rauchenden Ofen und eine brennende Fackel, die vorübergegangen waren“ (Gen. 15, 17), oder daß damit auch eine Wahrnehmung des Gehörsinns vereinigt war, so daß auch die Stimme, die an ihm vorüberging, zweifellos etwas Geschaffenes war[29]. Wähle dir die Meinung, die dir beliebt! Es kommt nur darauf an, daß du nicht glaubest, der Satz: „Der Herr ging vorüber“ sei so zu verstehen wie der Satz: „Ziehe vor dem Volke einher“; denn Gott ist kein Körper, es kommt ihm keine Bewegung zu, und man kann von ihm das Wort abhár nach seiner ersten grammatischen Bedeutung nicht gebrauchen.



  1. Nach MUNK Guide I, S. 75, Anm. 1. ↩︎

  2. Da das Wort abhar für die Kreisbewegung ungebräuchlich ist. ↩︎

  3. Dieses Beispiel benötigt der Verf. für seine weiter folgenden Ausführungen über die Stelle Exod. 34, 6. ↩︎

  4. Es wird auf visionäre, nicht aber auf reale Dinge angewandt. ↩︎

  5. Anfänglich war es eine Vision, die aber verging und zu einem Traume wurde. S II. T., Kap. 45. ↩︎

  6. Nach Kreskas, Komm. z. St.: Die Entscheidung Gottes über sie wird zu ihnen gelangen, nämlich das Sterben der Erstgeborenen. ↩︎

  7. Solche Stellen, wo Gott die Vollziehung eines Strafgerichts ankündigt. ↩︎

  8. Der Verf. scheint die Stelle in dem Sinne aufgefaßt zu haben: „Wie ein Mann, der zu viel Wein getrunken hat“. (Vgl. jedoch Kaspi u. Ephodi, Komm. z. St.). ↩︎

  9. Über die Lage des Pfeiles oder über den Zweck der Abschießung des Pfeiles. Doch war offenbar Jonatans Absicht, den Knaben nicht auf die Vermutung kommen zu lassen, daß er hier mit David eine Zusammenkunft haben wollte. ↩︎

  10. Bab. Talm. Rosch haschschana 17 b. Die Stelle lautet: „Wenn dieser Vers (Exod. 34, 6) nicht ausdrücklich geschrieben stände, könnte man ihn unmöglich aussprechen. Er bedeutet, daß Gott wie ein Vorbeter sich in seinen Mantel, d. h. in Milde und Erbarmen, gehüllt und Mose gezeigt habe, wie man beten muß. Er sagte zu ihm: Wenn Israel gesündigt hat, soll es in dieser Weise beten, und ich werde ihm vergeben.“ ↩︎

  11. Weil sie nämlich mit der hier gestellten Aufgabe nichts zu tun haben. ↩︎

  12. D. h. die von den Lehrern an jener Stelle gegebene Erklärung deckt sich zwar nicht mit der Erklärung des Verf., dient ihm aber insofern zur Bekräftigung, weil auch in dieser das Suffix in פניו auf Gott bezogen wird, der sein Antlitz in seinen Mantel hüllt. ↩︎

  13. Nämlich die Erkenntnis des Wesens Gottes. ↩︎

  14. D. h. Gott durch seine Werke erkennen. ↩︎

  15. S. Mischne Tora Jesode hattora I, 10, wo der Verf. seinen Gedanken weiter ausführt. ↩︎

  16. Gott lenkte ihn von seinem Wunsche ab, ließ ihn also sein Ziel verfehlen. Der Verf. deutet somit die Stelle ähnlich wie oben, I. Sam. 20, 36. ↩︎

  17. S. unten Kap. 54. ↩︎

  18. Nämlich entweder eines unnatürlichen Todes sterben, wie oben (Kap. 5) von den 70 Ältesten und von Nadab und Abihu berichtet wurde, oder seiner Erkenntnis völlig verlustig gehen. Mose ben Maimon, Führer der Unschlüssigen. 5 ↩︎

  19. S. unten Kap. 32. ↩︎

  20. Da Mose die von ihm gewünschte Erkenntnis vermöge ihrer Natur unzugänglich war, so wäre das Verlangen danach für ihn verhängnisvoll geworden, hätte sich nicht Gottes Beistand ihm zugesellt. ↩︎

  21. Ein Substantiv im status constructus oder ein Substantiv, zu dem das Wort „Gott“ im Genetivverhältnis steht. Der Verf. will andeuten, daß Onqelos die Anthropomorphismen dadurch vermeide, daß er überall statt Gott ein von Gott ausgesagtes Attribut setzt. ↩︎

  22. In der kausativen oder faktitiven Form, und somit bedeutet „vor seinem Angesichte“ soviel als „vor Moses Angesicht“. ↩︎

  23. Da an der Stelle, Ex. 33, 22, ausdrücklich gesagt wird, daß Gottes Herrlichkeit, d. h. ein von ihm Erschaffenes, an Mose vorübergehen wird. ↩︎

  24. Die hier angeführten Ausdrücke werden von Onqelos durchgehends in der Weise gebraucht, daß Jeqará das vom Körperlichen Abstrahierte, Memrá die prophetische Eingebung und Sch’khinta eine sinnfällige Offenbarung bedeutet. ↩︎

  25. S. oben in diesem Kapitel S. 63. ↩︎

  26. Diese von Gott erschaffene Stimme habe dies ausgerufen in Form der Anrufung Gottes, aber um Mose über das Walten Gottes zu belehren. 5* ↩︎

  27. Weil ja alle diese Auslegungen schließlich darin übereinstimmen, von Gott jede körperliche Vorstellung fernzuhalten. ↩︎

  28. Daß der Anblick der Sch’khina oder des Feuers auf seine reine Seele wirkte und sie vervollkommnete. ↩︎

  29. Der Verf. hat die richtige Empfindung, daß hier bei Mose die Bemerkung „falls nicht auch dieses in der prophetischen Vision geschah“, nicht zutreffe, weil Mose zum Unterschiede von den übrigen Propheten nach Num. 12, 8 weder einer Vision noch eines Traumes bedurfte, um das Wort oder die Stimme Gottes zu hören. Deshalb nimmt er eine gleichzeitige Wahrnehmung des Gehörsinnes an. ↩︎

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Dr. Adolf Weiß wurde am 29. Juni 1849 in Třešť geboren und starb am 15. August 1924 in Wien. Er arbeitete als Religionslehrer (Schulrat) am Akademischen Gymnasium in Wien. Er war Sekretär der »Israelitischen Allianz«.