Führer der Unschlüssigen

More Newuchim – Buch 1 – Kapitel 23 bis 25

Kapitel 23

יצא (jazá, hinausgehen) ist das Gegenteil von בא (ba, kommen). Es wird in dem Sinne gebraucht, daß ein Körper, sei es ein Lebewesen oder ein unbeseelter Körper, die Stelle verläßt, an der er bisher geruht hat, um zu einer anderen Stelle zu gelangen, z. B. „Sie zogen (יצאו, jaz’ú) aus der Stadt hinaus“ (Gen. 44, 4); „Wenn Feuer ausbricht“ (תצא, tezé) (Exod. 22, 5). Es wird aber auch in übertragener Bedeutung für das Erscheinen eines unkörperlichen Dinges gebraucht[1], z. B. „Das Wort war aus dem Munde des Königs ergangen (יצא, jazá)“ (Ester 7, 8); „Die Kunde von dem Worte der Königin wird hinausdringen (יצא, jezé)“ (ibid. 1, 17), nämlich die Kunde hinsichtlich der Königin wird sich verbreiten[2]; „Ja, von Zion wird die Lehre ausgehen“ (תצא, tezé) (Jes. 2, 2). Ebenso: „Die Sonne ging (יצא, jazá) über der Erde auf“ (Gen. 19, 23), nämlich das Licht erschien[3].

In dieser übertragenen Bedeutung ist das Wort jazá überall gebraucht, wo es von Gott ausgesagt wird, z. B. „Siehe, der Herr zieht (יצא, jozé) von seiner Stätte aus“ (Jes. 26, 21), nämlich sein Wort, das uns jetzt verborgen ist, wird kund werden, d. h. das Entstehen dessen, was entsteht, nachdem es bisher nicht gewesen[4], weil alles, was von Gott aus geschieht, auf sein Wort zurückgeführt wird, wie in dem Ausspruch: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel erschaffen, und durch den Hauch seines Mundes ihr ganzes Heer“ (Ps. 33, 6), ähnlich wie bei den Taten, die von den Königen ausgehen, deren Werkzeug bei der Durchführung ihres Willens ihr Wort ist. Gott aber bedarf keines Werkzeuges für das, was er tut, sondern sein Tun geschieht lediglich durch seinen Willen[5]. Daher gibt es auch, wie gezeigt werden wird[6], bei Gott kein Reden in welcher Form immer.

Und wie das Wort jazá in übertragenem Sinne für das Sichtbarwerden irgend einer seiner Taten gebraucht wird, wie wir dies bei dem Satze: „Siehe, der Herr zieht von seiner Stätte aus“ erläuterten, so wird auch das Wort שוב (schubh, zurückkehren) in übertragener Bedeutung für das Aufhören der Wirkung gemäß dem Willen Gottes gebraucht, z. B. „Ich will gehen und an meinen Ort zurückkehren“ (ואשובה, w’aschubhá) (Hosea 5, 15). Dieser Ausspruch bedeutet das Aufhören der Anwesenheit der Sch’khina, die bisher in unserer Mitte war[7], bei uns, und dies zieht das Aufhören der göttlichen Fürsorge für uns nach sich[8], so wie die H. Schrift, Unheil verkündend, sagt: „Ich werde mein Antlitz vor ihm verbergen, und es wird zum Raube werden“ (Deut. 31, 17); denn mit dem Aufhören der Vorsehung ist es preisgegeben, und es bleibt allen möglichen Zufällen und Ereignissen zur Zielscheibe, so daß sein Wohl und Wehe vom Zufall abhängt. Es ist dies eine sehr verhängnisvolle Verkündigung, und um dieser willen sagt die H. Schrift figürlich: „Ich will gehen und an meinen Ort zurückkehren“.

Kapitel 24

Das Wort הלך (halákh, gehen) gehört ebenfalls zu den Wörtern, die von den den Lebewesen allein eigentümlichen[9] Bewegungen gebraucht werden, z. B. „Jaqobh ging (הלך, halákh) seines Weges“ (Gen. 32, 2). Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Das Wort wird aber auch in übertragener Bedeutung gebraucht für die Ausdehnung der Körper, die feiner als die der Lebewesen sind, z. B. „Das Wasser floß (הלוך, halókh) immer weniger“ (Gen. 8, 5); „Das Feuer verbreitete sich (ותהלך, wattihalákh) über die Erde“ (Exod. 9, 23). Dann aber wird es auch in übertragenem Sinne gebraucht für Dinge, die sich ausbreiten und erscheinen, wenn sie auch durchaus keine Körper sind, z. B. „Ihre Stimme wird sich verbreiten (ילך, jelékh) wie eine Schlange“ (Jirm. 46, 22)[10]. Ebenso in dem Satze: „Die Stimme Gottes, des Herrn, erging (מתהלך, mithallékh) im Garten“ (Gen. 3, 8). Die Stimme ist es, von der ausgesagt wird, daß sie sich über den Garten verbreitete[11].

Und in dieser übertragenen Bedeutung wird das Wort halákh immer gebraucht, wenn es in bezug auf Gott vorkommt, nämlich es wird auf das Unkörperliche übertragen, sei es im Sinne der Verbreitung des Dinges[12] oder im Sinne des Aufhörens der Vorsehung, indem man von den leblosen Dingen in dem nämlichen Sinne das Wort סר (ssur, weichen) gebraucht, wie von Lebewesen halákh. Und wie das Aufhören der Vorsehung figürlich durch „Verbergen des Antlitzes“ ausgedrückt wird, z. B. in dem Ausspruch: „Ich aber will mein Antlitz verbergen“ (Deut. 31, 18), so wird es auch figürlich durch halákh bezeichnet, was so viel heißt als „weichen, sich von etwas abkehren“. So ist es zu verstehen in dem Satze: „Ich will gehen (elékh) und an meinen Ort zurückkehren“ (Hos. 5, 15). Aber bei dem Satze: „Der Zorn des Herrn entbrannte wider sie, und er ging (וילך, wajjelékh) weg“ (Num. 12, 9) sind zugleich zwei Bedeutungen enthalten, nämlich die des Aufhörens des göttlichen Schutzes, die halákh genannt wird, und die des Ausbreitens, Erscheinens und Offenbarwerdens einer Sache[13], nämlich der Zornesglut, welche erschien und ihnen folgte, so daß „Mirjam aussätzig wurde, weiß wie Schnee“ (ibid. 10).

Ebenso aber wird das Wort halákh in übertragener Bedeutung auch im Sinne einer edlen Lebensführung gebraucht, wobei überhaupt an keine körperliche Bewegung gedacht wird, wie z. B. „Wenn du in seinen Wegen wandelst“ (והלכת, w’halakhtá) (Deut. 28, 9); „Dem Herrn, eurem Gotte, sollt ihr nachwandeln“ (תלכו, telekhú) (Deut. 13, 4); „Kommt, laßt uns wandeln (ונלכה, w’nel’khá) im Lichte des Herrn!“ (Jes. 2, 5).

Kapitel 25

Es ist bekannt, daß die Bedeutung des Wortes שכן (schakhán, wohnen) die des beständigen Beharrens desjenigen ist, der an einem und demselben Orte bleibt, z. B. „Er wohnte (שכן, schokhén) bei den Eichen Mamré“ (Gen. 14, 13); „Als Israel wohnte“ (בשכן, bischkhón) (Gen. 35, 22). Dies ist die allgemein bekannte Bedeutung und „an einem Orte wohnen“ bedeutet, an eben diesem Orte beständig bleiben, denn wenn ein Lebewesen an einem allgemein zugänglichen oder an einem für einen besonderen Zweck bestimmten Orte lange verweilt, sagt man, es wohne an diesem Orte, ob es sich gleich darin unzweifelhaft bewegt[14]. Es wird aber auch in übertragenem Sinne für leblose Dinge gebraucht, indem man vielmehr schakhán von jedem Dinge aussagt, das bei einem anderen Dinge beständig bleibt oder sich damit anhaltend befaßt, obgleich dasjenige, womit es sich befaßt, kein Raum, und das Ding, welches sich damit befaßt, kein Lebewesen ist[15], z. B. „Es wohne (תשכן, tischkhón) über ihm (dem Tage) Gewölk“ (Jjob 3, 5). Ohne Zweifel ist die Wolke kein Lebewesen und der Tag kein Körper, sondern ein Zeitteil.

In diesem übertragenen Sinne wird es auch von Gott gebraucht, nämlich von dem beständigen Verbleiben seiner Sch’khina oder seiner Vorsehung an irgend einem Orte, welcher dies immer sei[16], oder für das dauernde Beharren der Vorsehung bei einem Dinge, bei dem sie anhaltend beharrt[17], z. B. „Es wohnte (וישכן, wajjischkhón) die Herrlichkeit Gottes“ (Exod. 24, 16); „Ich werde inmitten der Söhne Israels wohnen“ (ושכנתי, w’schakhanti) (ibid. 29, 45); „Und das Wohlgefallen des im Dornbusch Wohnenden“[18] (שכני, schokh’ni) (Deut. 33, 16). Alles, was von diesem Verb in Beziehung auf Gott vorkommt, hat also die Bedeutung des beständigen Verbleibens der Sch’khina, nämlich des von ihm geschaffenen Lichtes an einem bestimmten Orte, oder die der beständigen Fortdauer der Vorsehung bei einem Dinge, an jeder Stelle je nach ihrem Zusammenhang.


  1. Obgleich Sprechen und Befehlen keine körperlichen Dinge sind, wird für sie das Wort jazá angewandt, weil die Rede oder der Befehl von dem, der sie (ihn) erteilte, zu dem, der sie (ihn) empfangen soll, übergehen muß. ↩︎

  2. Nach MUNK Guide I, S 82, Anm. 3. ↩︎

  3. Ihr Licht gelangte zu uns. ↩︎

  4. Das Wort wird von dem Werden aus dem Nichts oder von dem Geschehen übernatürlicher Ereignisse gebraucht, die zwar nicht unmittelbar durch Gott geschehen, da Gott unveränderlich ist, deren letzter Urheber aber Gott ist. ↩︎

  5. Vgl. unten Kap. 69. ↩︎

  6. S. unten Kap. 65. ↩︎

  7. Nach MUNK Guide I, S. 83, Anm. 2. ↩︎

  8. Die angeführte Bibelstelle ist nach ihrem Zusammenhang auf die Vorsehung zu beziehen. Da aber das Wort schubh „zurückkehren“ und das Wort maqom „Ort“ nicht unmittelbar von abstrakten Dingen ausgesagt werden können, hat der Verf. eine mittelbare Beziehung hergestellt, indem er die Stelle auf die Entfernung der Sch’khina bezog, die das Aufhören der Vorsehung zur Folge hat. ↩︎

  9. Weil das Gehen eine willkürliche Bewegung ist. ↩︎

  10. Die Stimme oder die Gerüchte, die beunruhigenden Mitteilungen verbreiten sich, wie die Schlange sich ausdehnt. ↩︎

  11. Das Wort מתהלך bezieht sich nicht auf Gott. ↩︎

  12. Nämlich einer von Gott ausgehenden Wirkung. Nach MUNK, Guide I, S. 85, Anm. 2 wäre die Stelle zu übersetzen: „sei es im Sinne des Ergehens eines Befehls“. ↩︎

  13. Die beiden Bedeutungen schließen einander in diesem Falle nicht aus, sondern gelangen nacheinander zur Geltung, zuerst das Sichtbarwerden des göttlichen Zornes und dann das Aufhören der Vorsehung und der Prophetie, oder der Verf. will sagen, daß in der angeführten Stelle das Wort וילך ebensowohl auf Gott, als auf den Zorn Gottes bezogen werden kann. ↩︎

  14. Der Verf. meint bei der zweimaligen Wiederholung des Ausdruckes „beständiges Beharren“ das einemal das unbewegte Ruhen, das anderemal den lange dauernden Aufenthalt. ↩︎

  15. Wenn auch beide Bedingungen seines ursprünglichen Gebrauches nicht zutreffen. ↩︎

  16. Nach MUNK Guide I, S. 87, Anm. 2 u. 3. ↩︎

  17. Das Wort שכן wird von Gott in keinem anderen Sinne als entweder von der Offenbarung der Sch’khina oder von dem Walten seiner Vorsehung in einem Dinge angewendet. ↩︎

  18. Während das erste der angeführten Beispiele sich auf die Sch’khina, das zweite auf die Vorsehung für Israel bezieht, kann das dritte sowohl in dem einen als auch im zweiten Sinne aufgefaßt werden, indem die Erscheinung des brennenden Dornbusches auf die Sch’khina, die „Huld“ oder „das Wohlgefallen“ auf die Vorsehung zu deuten ist. ↩︎

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Der »Führer der Unschlüssigen«

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Dr. Adolf Weiß wurde am 29. Juni 1849 in Třešť geboren und starb am 15. August 1924 in Wien. Er arbeitete als Religionslehrer (Schulrat) am Akademischen Gymnasium in Wien. Er war Sekretär der »Israelitischen Allianz«.