Kapitel 27
Onqelos zeigte sich, obgleich er ein Proselyte war, in der Kenntnis der hebräischen und der aramäischen Sprache überaus vollkommen. Er richtete sein hauptsächliches Bestreben darauf, die körperliche Vorstellung von Gott auszuschließen, indem er jedes Attribut, mit dem die H. Schrift Gott bezeichnet, wenn es eine körperliche Vorstellung von Gott zur Folge haben konnte, seinem wahren Sinn gemäß erklärt[1]. Wo er einem der Worte begegnete, die irgendeine Art der Bewegung bezeichnen, legte er ihm die Bedeutung bei, daß ein erschaffenes Licht, nämlich die Sch‘khina, oder die Vorsehung sich offenbare oder sichtbar werde. So übersetzt er: „Der Herr kam herab“ (Exod. 19, 20) durch „Der Herr offenbarte sich“, er sagt aber nicht ה׳ נחת (un‘chat), welches dem ירד (jarád, herabkommen) entspräche. Er übersetzt die Worte: „Ich will herabkommen und sehen“ (Gen. 18, 21) durch: „Ich will mich offenbaren und sehen“, und so tut er es durchgehends.
Jedoch übersetzt er die Worte „Ich will mit dir nach Ägypten hinabziehen“ (Gen. 46, 4) wörtlich, und diese sehr auffällige Tatsache beweist die Tüchtigkeit dieses Mannes, die Vortrefflichkeit seiner Übersetzung und das richtige Verständnis der Dinge, wie sie an sich sind[2]. Er offenbart uns nämlich durch diese Übersetzung einen wichtigen Gedanken, die Prophetie betreffend[3], und zwar folgenden: Im Beginne dieser Erzählung wird berichtet: „Gott sprach zu Israel im nächtlichen Gesichte: Ja’qobh! Ja’qobh! usw. Ich ziehe mit dir nach Ägypten hinab“ (ibid. 2—4). Da nun der Beginn der Erzählung hinsichtlich ihres ganzen Inhaltes angibt, das dies im nächtlichen Gesichte geschehen sei, trägt Onqelos kein Bedenken, die Rede, die im nächtlichen Gesichte gesprochen worden, wörtlich wiederzugeben[4]. Und dies ist die Wahrheit[5]. Es ist eine Erzählung dessen, was Israel gesagt wurde, nicht aber dessen, was sich zugetragen hat, wie etwa in dem Ausspruch: „Der Herr stieg auf den Berg Sinai herab“ (Exod. 19, 20). Dort wird uns berichtet, was unter den existierenden Dingen entstanden ist, und demgemäß hat Onqelos dort das „Herabsteigen“ durch „Sich offenbaren“ ausgedrückt, hingegen das, was auf die Existenz einer Bewegung hindeutet, nicht zugelassen. Aber die Dinge der Phantasie[6], nämlich die Erzählung dessen, was zu Ja’qobh im Gesichte gesprochen wurde, beließ er, wie sie waren. Dies ist sehr merkwürdig[7]. Und darin kannst du eine Andeutung erblicken, daß ein großer Unterschied besteht zwischen dem, wovon gesagt wird, daß es im Traum oder Nachtgesicht, ferner zwischen dem, wovon gesagt wird, daß es in einer Vision oder in einer Erscheinung geschehen, und dem, was schlechtweg berichtet wird, z. B. „Es erging das Wort des Herrn an mich“ oder „Der Herr sprach zu mir“[8].
Meiner Ansicht nach ist es auch möglich, daß Onqelos deshalb kein Bedenken trug, zu sagen: „Ich ziehe mit dir nach Ägypten hinab“, weil er an dieser Stelle das Wort Elohim durch „Engel“ übersetzt[9]. Du darfst es somit nicht für ausgeschlossen halten, daß er geglaubt habe, unter Elohim sei hier ein Engel zu verstehen, obgleich der Engel sprach: „Ich bin Gott, Gott deines Vaters“ (Gen. 46, 3). Denn diese Redeweise pflegt bei den Engeln stattzufinden. So findest du in der H. Schrift die Worte: „Da sprach ein Engel Gottes im Traume zu mir: Ja’qobh! Ich antwortete: Ich bin bereit!“ (Gen. 31, 11), und im weiteren Verlaufe der Rede an Ja’qobh sagt er: „Ich bin der Gott von Betel, dem du daselbst einen Denkstein gesalbt und ein Gelöbnis abgelegt hast“ (ibid. 13). Es unterliegt ja keinem Zweifel, daß Ja’qobh das Gelöbnis Gott, nicht aber dem Engel abgelegt hat. Jedoch geschieht dies häufig in den Reden der Propheten, daß nämlich Worte berichtet werden, die der Engel im Namen Gottes in solcher Redeweise spricht, als ob Gott so gesprochen hätte. Es fehlt an solchen Stellen überall nur ein Bindeglied[10]. Es hätte z. B. lauten müssen: „Ich bin der Abgesandte des Gottes deines Vaters“ oder „Ich bin der Abgesandte Gottes, der sich dir in Betel offenbart hat“ u. dgl. Jedoch wird der Tendenz des vorliegenden Werkes gemäß über die Prophetie, ihre Abstufungen und über die Engel noch vieles vorgebracht werden[11].
Kapitel 28
רגל (régel, Fuß, Schritt) ist ein Wort von mehrfacher Bedeutung. Es bezeichnet zunächst den Fuß eines Lebewesens, wie z. B. in dem Ausspruch: „Fuß (רגל, regel) für Fuß“ (Exod. 21, 24). Es wird aber auch zur Bezeichnung dessen gebraucht, was einem Dinge folgt[12], z. B. „Ziehe aus, sowohl du, als auch das ganze Volk, das um deine Füße (ברגליך, b‘raglekhá) ist“ (Exod. 11, 8), nämlich das dir folgt. Es wird aber auch ferner zur Bezeichnung der Ursache gebraucht[13], z. B. „Der Herr segnete dich durch meinen Schritt (לרגלי, l‘ragli)“ (Gen. 30, 30) durch meine Einwirkung, nämlich um meinetwillen. Denn das Ding, welches um eines anderen Dinges willen geschieht, wird von diesem verursacht[14]. Und diese Bedeutung kommt häufig vor[15], z. B. in dem Satze: „Um (לרגל, l‘régel) der Last und um der Kinder willen“ (Gen. 33, 14). Dann aber bedeutet der Ausspruch: „Seine Füße (רגליו, ragláw) werden an demselben Tage auf dem Ölberge stehen“ (Z’khanj. 14, 4), die Verwirklichung des von ihm Verursachten[16], nämlich seiner Wunder, die eben an diesem Orte sichtbar sein werden, deren Ursache, nämlich deren Vollzieher[17] Gott ist[18]. Dieser Erklärung neigt sich auch Jonatan ben Uziel zu[19], er übersetzt: „Er wird sich an jenem Tage in seiner Macht auf dem Ölberg offenbaren“. Und so übersetzt er jedes Verbum, welches das Eingreifen oder Entfernen der göttlichen Allmacht ausdrückt, weil alle diese Worte die Tätigkeiten bezeichnen, die von seinem Willen ausgehen[20].
Hingegen übersetzt Onqelos den Ausspruch: „Unter seinen Füßen (ותחת רגליו, w‘tachát ragláw) war es wie ein Werk von glänzendem Saphir“ (Exod. 24, 10), wie dir bekannt, so, daß er in dem Worte „unter seinen Füßen“ das Pronomen auf den Thron bezieht; er sagt also „Unter dem Thron seiner Herrlichkeit[21], und dies verdient besondere Beachtung. Onqelos läßt sich nämlich besonders angelegen sein, selbst auf einem weiten Umwege die körperliche Vorstellung Gottes und alles, was zu einer solchen führen könnte, zu vermeiden. Er sagt nämlich nicht „unter seinem Thron“, denn es müßte, wenn er das Wort „Thron“ in seiner ersten, ursprünglichen Bedeutung auf Gott bezöge, daraus folgen, daß Gott sich auf einen Körper stützt, und daraus müßte weiter folgen, daß er ein körperliches Wesen ist[22]. Und deshalb bezieht er den „Thron“ auf Gottes Herrlichkeit, nämlich auf die Sch‘khina, welche ein erschaffenes Licht ist[23]. Ebenso sagt er bei der Übersetzung des Verses „Die Hand ist an dem Thron des Herrn (Exod. 17, 16) an dessen Stelle: Die Hand ist vor Gott, dessen Sch‘khina auf dem Thron seiner Herrlichkeit ruht. Und ebenso wirst du auch den Ausdruck „Thron der Herrlichkeit“ sogar im allgemeinen, volkstümlichen Sprachgebrauch finden.
Doch haben wir bereits den Gegenstand des vorliegenden Kapitels verlassen, um etwas zu besprechen, was in anderen Kapiteln zu erläutern sein wird[24]. Ich kehre daher zum Gegenstand des Kapitels zurück. Du kennst also schon Onqelos’ Erklärung. Nur zielt diese lediglich darauf hin, die körperliche Vorstellung von Gott auszuschließen, doch erklärt uns Onqelos nicht, was sie (die Auserlesenen der Söhne Israels) erkannten, ebenso auch nicht, was mit jenem Bilde[25] gemeint ist. Und so verfährt er überall. Er läßt sich auf den Gegenstand nur insofern ein, als es gilt, die körperliche Vorstellung Gottes nicht aufkommen zu lassen. Weil nämlich die Unkörperlichkeit Gottes eine bewiesene und für die Religion unerläßliche[26] Tatsache ist, spricht er sich hierüber, so weit es notwendig ist, mit Entschiedenheit aus. Da hingegen die Auseinandersetzung der Bedeutung des Bildes etwas Zweifelhaftes ist[27], indem dieses möglicherweise diesen, möglicherweise einen anderen Sinn haben kann; und da es sich hier ferner um sehr verborgene Dinge handelt, deren Verständnis nicht zu den Grundlagen der Religion gehört und die der Menge schwer begreiflich sind, läßt er sich darauf gar nicht ein. Wir aber können dem Zwecke des vorliegenden Buches gemäß uns der Erklärung des Gegenstandes nicht entziehen. So will ich denn sagen, daß „unter seinen Füßen“, wie bereits erklärt, bedeutet „von ihm verursacht“ oder „seinethalben“[28]. Die „Auserlesenen der Söhne Israels“ erkannten also die wahre Beschaffenheit der ersten Materie[29], die von Gott herstammt, da er die Ursache ihrer Existenz ist. Achte nun darauf, daß die H. Schrift sagt: „wie ein Werk aus leuchtendem Saphir“. Denn hätte der Ausspruch den Sinn, daß sie nur die Farbe erkannten[30], so hätte die H. Schrift gesagt: כלבנת הספיר (k‘libnat hassappir, wie der Glanz des Saphirs). Nun fügt sie aber das Wort כמעשה (k‘ma‘ßé wie ein Werk) hinzu[31], weil die Materie, wie du weißt, stets nur empfängt und ihrer Natur gemäß nur leidend ist[32], während ihr die Tätigkeit nur als Akzidens zukommt, ebenso wie die Form vermöge ihres Wesens immer tätig ist und nur durch Zufall leidend sein kann[33], wie in den Büchern der Physik erläutert wird[34]. Und deshalb sagt die H. Schrift hierüber „wie ein Werk“. In der Tat bedeutet der Ausdruck לבנת הספיר (libnat hassappir) nur die Durchsichtigkeit, nicht aber die weiße Farbe, denn „das Weiße des Saphirs“ ist keine weiße Farbe, sondern nur die Durchsichtigkeit allein[35]. Diese aber ist keine Farbe, wie in den Büchern der Physik erklärt wird[36], denn wäre sie eine Farbe, so könnte sie nicht alle Farben von rückwärts zeigen und in sich aufnehmen. Da jedoch der durchsichtige Körper aller dieser Farben entbehrt, nimmt er sie alle, eine nach der anderen, in sich auf und gleicht in dieser Hinsicht der ersten Materie, welche, wenn man sie nach ihrem wahren Wesen betrachtet, aller Formen ermangelt, und deshalb alle Formen nacheinander annimmt. Somit war das, was jene begriffen, die erste Materie und ihr Verhältnis zu Gott, wie auch daß sie das erste der Geschöpfe Gottes ist[37], welches notwendig dem Werden und Vergehen unterliegt, und daß Gott es ist, der sie gegeschaffen hat[38]. Auch über diesen Gegenstand werden wir noch eingehender sprechen[39]. Wisse jedoch, daß du einer ähnlichen Erklärung wie der gegebenen selbst dann bedarfst, wenn du die Erklärung Onqelos’ annimmst, welcher übersetzt „unter dem Thron seiner Herrlichkeit“, die gleichfalls bedeutet, daß sich die erste Materie in Wahrheit unter dem Himmel befindet, welcher, wie schon früher dargelegt wurde, „Thron“ genannt wird. Doch es war nicht diese vortreffliche Übersetzung des Onqelos, die mich auf diese Bedeutung des Ausspruches aufmerksam gemacht hat und mich sie hat finden lassen, sondern ein Ausspruch des R. Eliezer ben Hyrqanos, den du in einem der Kapitel dieses Buches vernehmen wirst[40]. Bei alledem kommt es dem Verständigen darauf an, daß man eine körperliche Vorstellung von Gott nicht zulasse und jene Erkenntnisse[41] als Vernunfterkenntnisse, nicht als sinnliche Wahrnehmungen auffasse. Verstehe dies wohl und erwäge es!
Kapitel 29
עצב (azabh, Mühe oder Schmerz empfinden) ist ein Wort von mehrfacher Bedeutung. Es bezeichnet Schmerz und Geburtswehen, z. B. „Mit Schmerzen (בעצב, b‘ezebh) wirst du Kinder gebären“ (Gen. 3, 16). Es bezeichnet aber auch Verdruß und Ärger, z. B. „Sein Vater hatte ihn nie gekränkt (עצבו, azabho) all seine Lebenstage“ (I. Kön. 1, 6), d. h. er hatte ihn nicht geärgert; „Er war betrübt (נעצב, ne‘zábh) um Davids willen“ (I. Sam. 20, 34), d. h. er ärgerte sich um seinetwillen. Es bezeichnet auch Abfall oder Empörung, z. B. „Sie waren widerspenstig und betrübten (ועצבו, w‘izzbhú) den Geist seiner Heiligkeit“ (Jes. 63, 10); „Ob in mir der Weg zum Abfall (עצב, ozebh) ist“ (Ps. 139, 24); „Sie machten ihm Verdruß (ויעציבהו, wajja‘zibhuhú) in der Wüste“ (Ps. 78, 49); Immer schalten sie meine Worte aufrührerisch“ (יעצבו, j‘azzebhú) (Ps. 56, 6). Der zweiten oder der dritten dieser Bedeutung entspricht der Ausspruch: „Er betrübte sich (ויתעצב, wajj‘itazzeb) in seinem Herzen“ (Gen. 6, 6). Tatsächlich wäre nach der zweiten Bedeutung die Erklärung des Ausspruches die: Gott zürnte ihnen wegen ihrer schlechten Taten. Was allerdings den Ausspruch betrifft „in seinem Herzen“ und ebenso in betreff Noahs der Ausspruch: „Gott sprach zu seinem Herzen“ (Gen. 8, 21), so vernimm dessen Bedeutung: Wenn man von einem Menschen sagt, er habe in seinem Herzen oder zu seinem Herzen gesprochen, so meint man damit, er habe es gedacht und keinem anderen gesagt. Und ebenso ist es auch immer gemeint, wenn Gott etwas tun wollte, ohne es zur selben Zeit, in der sich die Tat Gottes nach seinem Willen ereignen sollte, einem Propheten verkündet zu haben. In einem solchen Falle wird der Ausdruck gewählt: „Der Herr sprach in seinem Herzen“, weil dies der menschlichen Vorstellungsweise entspricht, indem auch hier der Ausspruch gilt: Die H. Schrift spricht nach der Redeweise der Menschen. Dies ist auch klar und offenkundig. Weil nämlich in der H. Schrift nicht ausdrücklich erwähnt ist, daß zu den Abtrünnigen im Zeitalter der Sintflut eine Botschaft von Gott gesandt, oder daß an sie eine Warnung oder Verkündung des Untergangs gerichtet worden sei, wird von ihnen gesagt, Gott habe sich über sie „in seinem Herzen geärgert“. Ebenso hat Gott, als es sein Wille war, daß keine Sintflut mehr entstehen solle, zu keinem Propheten gesagt: Geh‘ hin und verkünde ihnen dies! Deshalb wird der Ausdruck gebraucht: „Er sprach in seinem Herzen“.
Aber die Erklärung des Satzes „Er betrübte sich in seinem Herzen“ nach der dritten Bedeutung von עצב, azábh wäre die der Empörung der Menschen gegen den Willen Gottes[42] in ihm[43], indem auch der Wille „Herz“ genannt wird, wie ich bei der Erwähnung der Homonymie des Wortes „Herz“[44] erläutern werde.
Kapitel 30
[45]Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes אכל (akhál, essen)[46] in der Grammatik ist die der Aufnahme der Nahrung durch die Lebewesen, und hierfür bedarf es keines Beispiels. Dann aber findet die Sprachwissenschaft in der Tätigkeit des Essens zwei Bedeutungen. Die eine ist das Schwinden des Dinges, welches gegessen wird, nämlich das Aufhören seiner früheren Form, die andere bezeichnet das Wachstum der Lebewesen durch die Nahrungsaufnahme[47], durch welche auch ihre dauernde Erhaltung[48], die fortdauernde Existenz[49] und der richtige Zustand aller Körperkräfte[50] herbeigeführt wird. Der ersten dieser Bedeutungen gemäß wird das Wort אכל (akhal) in übertragenem Sinne für alles Verschwinden und Aufhören, und im allgemeinen für alles Schwinden der Form gebraucht, z. B. „Das Land eurer Feinde wird euch aufreiben“ (ואכלה, w‘akh‘lá) (Lev. 26, 38); „Ein Land, das seine Bewohner verzehrt“ (אוכלת, okhelet) (Num. 13, 32); „Ihr werdet vom Schwerte aufgerieben (תאכלו, t’ukh’lú) werden“ (Jes. 1, 20); „Es frißt (תאכל, tokhál) das Schwert“ (II. Sam. 2, 26); „Es entbrannte ein Feuer des Herrn unter ihnen und verzehrte (ותאכל, wattokhál) einen Teil des Lagers“ (Num. 11, 1). „Er ist ein verzehrendes (אכלה, okh’lá) Feuer“ (Deut. 4, 24), nämlich er vernichtet, die von ihm abfallen, wie das Feuer das vernichtet, worüber es Gewalt hat. In dieser Bedeutung kommt es häufig vor. Der letzteren Bedeutung gemäß wird der Ausspruch אכל (akhal) in übertragenem Sinne für die Wissenschaft und das Studium gebraucht, und im allgemeinen für die Erlangung der Vernunfterkenntnisse, durch welche die Menschenform[51] im denkbar vollkommensten Zustande dauernd verbleibt[52], wie der Leib durch die Nahrung, z. B. „Kaufet und esset!“ (ואכלו, w’ekholú) (Jes. 55, 1); „Höret auf mich und genießet (w’ikhlú) Gutes!“ (ibid. 2); „Viel Honig zu genießen (אכול, ekhól) ist nicht dienlich“ (Sprüche 25, 27); „Iß (אכול, ekhól) Honig, mein Sohn, denn er ist gut, und wie Honigseim deinem Gaumen süß schmeckt, so auch Erkenntnis der Weisheit für deine Seele“ (ibid. 24, 13). Auch in den Aussprüchen unserer Lehrer geschieht es häufig, daß sie die Wissenschaft durch „Essen“ bezeichnen, z. B. „Kommt, esset fettes Fleisch im Hause Rabas“[53]. Ferner: „Alles Essen und Trinken, von dem in diesem Buche[54] die Rede ist, bedeutet nur Wissenschaft oder, nach anderen Lesarten, Tora“; ebenso nennen sie die Wissenschaft oft auch Wasser, z. B. „Wohlan, gehet nach Wasser, alle, die ihr dürstet!‘ (Jes. 55, 1).
Und weil dies im Sprachgebrauche häufig vorkommt und so bekannt ist, als ob es die ursprüngliche Bedeutung des Wortes wäre, werden auch die Worte „Hunger“ und „Durst“ für das Nichtvorhandensein des Wissens oder der Erkenntnis gebraucht, z. B. „Ich werde Hungersnot ins Land entsenden, nicht Hunger nach Brot und nicht Durst nach Wasser, sondern um das Wort Gottes zu verstehen“ (Amos 8, 11); „Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott“ (Ps. 42, 3). Auch dafür gibt es viele Beispiele. Ähnlich übersetzt Jonatan ben Uziel den Vers „Schöpfet mit Lust Wasser aus den Quellen des Heils“ (Jes. 12, 3) folgendermaßen: „Empfanget mit Freude neue Belehrung von den Auserwählten der Gerechten!“ Achte darauf, daß er das Wort „Wasser“ durch „Belehrung“ übersetzt, die man zu jener Zeit erlangen wird, und das Wort מִמַּעְיְנֵי (mimmaj’ né, aus den Quellen), so aufgefaßt hat, als stünde dort מֵעֵינֵי הָעֵדָה (meēné haēdá, von den Augen der Gemeinde), nämlich von ihren Häuptern[55], und dies sind die Gelehrten. Er sagt auch von den „Auserwählten der Gerechten“, denn die Gerechtigkeit ist das wahre Heil[56]. Sieh also, wie er jedes Wort in diesem Verse im Sinne von Wissenschaft und Studium erklärt, und beachte dies!
Wiederholt schon (im 2. und im 21. Kap.) hat der Verf. darauf hingewiesen, daß Onqelos alle Sorgfalt darauf verwendet, von Gott keinen Ausdruck zu gebrauchen, der eine körperliche Vorstellung in sich schließt. Die folgende Ausführung gilt dem Nachweise, daß er diese Sorgfalt auch auf jene Ausdrücke erstreckt, die von Gott eine Bewegung aussagen. ↩︎
Die Klarheit seiner Distinktion. Er unterscheidet nämlich zwischen der Wiedergabe wirklich stattgefundener Begebenheiten, bei welcher die wörtliche Wiedergabe eine Verkörperung Gottes bedeutet hätte, und der Wiedergabe einer im Traumgesicht an jemand ergangenen Anrede, bei der es nicht ins Gewicht fällt, ob sich der Empfänger dieses Traumgesichtes dieses mehr oder weniger sinnlich vorstellt. ↩︎
In betreff der Abstufungen der prophetischen Inspiration. ↩︎
Weil hier heine wirkliche Bewegung von Gott ausgesagt wird. ↩︎
Nach MUNK, Guide I, S. 92, Anm. 2. ↩︎
Bei der Darstellung einer bloß in der Einbildungskraft wahrgenommenen Bewegung konnte Onqelos den Bibeltext unverändert wiedergeben; aber bei der Darstellung einer wirklich stattgefundenen Begebenheit, z. B. der Offenbarung am Sinai, mußte er ihn umschreiben (paraphrasieren), wenn er nicht zulassen wollte, daß der Leser sich Gott körperlich vorstellt. ↩︎
Es bezeugt die Weisheit Onqelos’, dessen Vorgehen für die Auffassung der H. Schrift als grundsätzlich gelten sollte. Aber unbeschadet des ungeteilten Ansehens dieses Translators scheint die Meinung des Verf. über die Intention Onqelos’ auf Widerspruch gestoßen zu sein. Nachmanides (Mose b. Nachman 1195—1270 zu Gerona in Aragonien, der sonst Maimonides hochschätzt, polemisiert in seinem Kommentar zu Gen. 46, 1 sehr eingehend gegen unseren Verf., indem er einerseits zu beweisen sucht, Onqelos habe sich nicht gescheut, auch wo es sich nicht um eine Vision handelte, von Gott Körperliches auszusagen, andererseits auch bei der Wiedergabe von Traumgesichten umschreibende Ausdrücke zu gebrauchen. Allerdings hat Nachmanides einen befriedigenden Aufschluß über Onqelos’ Verfahren nicht zu geben vermocht. Dies ist auch der Grund, weshalb die Kommentatoren unseres Werkes diese Einwände Nachmanides’ nicht gelten lassen, ja Abravanel sie Punkt für Punkt widerlegt. ↩︎
Es werden drei Grade prophetischer Offenbarung unterschieden: 1. die im Traum, 2. in der Vision und 3. schlechthin. ↩︎
Weil es für die Religion minder gefährlich ist, sich die Engel körperlich vorzustellen, als Gott. ↩︎
Siehe oben S. 66, Anm. 21. ↩︎
S. II. T., Kap. 32—46. ↩︎
Dies bedeutet hier allerdings nicht, die hinter dir hergehen, sondern, die deinen Worten oder deinem Rate folgen. ↩︎
Während die zweite Bedeutung die einer freiwilligen Nachfolge ist, ist die dritte die der notwendigen Folge, wie zwischen Ursache und Verursachtem. ↩︎
Es wird sowohl für die bewirkende Ursache, als auch für den Zweck gebraucht, um dessenwillen etwas ist. ↩︎
Des Zweckes. ↩︎
Welches wieder die Ursache anderer Dinge ist. Gott ist also die letzte Ursache. ↩︎
Der letztere Ausdruck ist offenbar eine Einschränkung des zuerst gebrauchten Wortes „ihre Ursache“, weil ja die Wunder nur vorübergehenden Bestand haben, und es also nicht zulässig ist zu sagen, Gott lasse sie plötzlich entstehen und ändere die Natur der Dinge. Vielmehr ist er schon von Anfang her ihr Urheber. ↩︎
S. oben Kap. 13, S. 54. ↩︎
Nämlich dieser stimmt mit dem Verf. darin überein, sie nicht wörtlich aufzufassen, doch bezieht Jonatan b. Uziel diese Worte auf Gott, während der Verf. sie auf die Materie bezieht. ↩︎
D. h. im allgemeinen stimmt Jonatan b. Uziel mit dieser Erklärung überein. ↩︎
Aus Onqelos’ Übersetzung der Stelle müßte aber folgen, daß er das Pronomen in „unter seinen Füßen“ auf Gott bezieht, und daß er, um von Gott keinen körperlichen Ausdruck zu gebrauchen, das Wort Thron eingefügt hat. Doch der Verf. sagt ausdrücklich, es bedeute „unter den Füßen des Thrones“. Er muß also annehmen, daß Onqelos den Thron als mitgedacht angenommen und gelesen habe: „Unter den Füßen des Thrones seiner Herrlichkeit.“ (Vgl. MUNK, Guide I, S. 94, Anm. 3.) ↩︎
Onqelos muß, da er den „Thron“ eingefügt hat, dieser aber, wenn er in seiner ersten Bedeutung auf Gott bezogen wird, wie oben Kap. 9 S. 47 ausgeführt wurde, eine Verkörperung Gottes in sich schließt, auch noch den Begriff „Herrlichkeit Gottes“ einfügen. Er hat also gemeint „unter den Füßen des Thrones seiner Herrlichkeit“. ↩︎
Möglicherweise will der Verf. andeuten, daß auch das Wort Sch‘khina bei Onqelos ein Homonym ist, einmal für die stofflosen Vernunftwesen, ein andermal für ein durch ein Wunder erschaffenes Licht, und wieder ein andermal für die Vorsehung. Das Gleiche gilt von dem Ausdruck „Herrlichkeit“. S. Abravanel, Komm. z. St. ↩︎
Es ist hier nicht der Ort, um über die Bedeutung der Sch‘khina und der „Herrlichkeit“ zu sprechen; von diesen wird im Kap. 64 u. Kap. 70 die Rede sein. ↩︎
Vom leuchtenden Saphir. ↩︎
Ohne die man den rechten Glauben nicht besitzen kann. ↩︎
Wenn auch die gegebene Erklärung der Vernunft vollkommen entspricht, so kann der Urheber dieses Bildes dennoch etwas anderes damit gemeint haben. ↩︎
Der Verf. adoptiert also hier die zweite Erklärung des Wortes רגל, die er oben angeführt hat. ↩︎
Die erste Materie (ὕλη), die selbst die Ursache der existierenden Dinge ist, ist in letzter Linie von Gott verursacht. Die „Auserlesenen der Söhne Israels“ erlangten aber insofern eine irrige Erkenntnis, indem sie in Gott den unmittelbaren Urheber der Materie erblickten. ↩︎
Aber nicht die Substanz. ↩︎
Der Verf. erblickt in dem Worte כמעשה eine Hindeutung auf die erste Materie, welche die Einwirkung der Form empfängt. ↩︎
S. III. T., Kap. 8. ↩︎
D. h., die Materie wird durch die Form gestaltet und kann nur durch Zufall, nämlich durch ihre Verbindung mit einer gewissen Form, tätig werden, die Form nur durch Zufall leidend, wenn das aus Materie und Form bestehende Ding seine Form verliert. So ist z. B. das Messer durch seine Form, nämlich durch seine Schärfe, tätig; durch seine Materie, nämlich durch das Eisen, bliebe es passiv. Hingegen ist das Eisen nur durch Zufall, indem es die geschärfte Form empfangen hat, tätig, wie die Schärfe durch ein Akzidens, nämlich durch das Schartigwerden, leidend. ↩︎
S. Arist. Phys. I, 9: „Ἀλλὰ τοῦτ’ ἐστιν ἡ ὕλη, ὥσπερ ἂν εἰ θῆλυ ἄρρενος καὶ αἰσχρὸν καλοῦ πλὴν οὐ καθ’ αὑτὸ αἰσχρόν, ἀλλὰ κατὰ συμβεβηκός· οὐδὲ θῆλυ, ἀλλὰ κατὰ συμβεβηκός. ↩︎
Das Wort ספירי, welches in dem Hebräischen des Mittelalters in der Bedeutung „durchsichtig“ gebraucht wird, legt der Verf. hier in diesem Sinne aus. ↩︎
S. Arist. de anima II, 7: „Ἄχροον δ’ ἐστὶ τὸ διαφανές. ↩︎
Nach MUNK, Guide I, S. 98, Anm. 1. ↩︎
Der Verf. will sagen, daß die Erlesenen der Söhne Israels zwar richtig erkannten, daß die Materie ein Erschaffenes ist, daß sie aber ihre Erkenntnis dadurch verdarben, daß sie in Gott den unmittelbaren Urheber der Materie erblickten und somit Gott mit den niedrigsten seiner Geschöpfe auf gleiche Stufe stellten. S. oben Kap. 5, S. 40 f. ↩︎
S. II. T., Kap. 13 u. Kap. 19. ↩︎
S. II. T., Kap. 26. ↩︎
Nämlich die der Erlesenen der Söhne Israels. ↩︎
Der Satz würde in diesem Falle bedeuten: Die Menschen fügten sich selbst Leid zu, indem sie sich gegen den Willen Gottes empörten, denn die Worte „in seinem Herzen“ müßten sich auf den Willen Gottes beziehen. ↩︎
Nach MUNK. Guide I, S. 100, Anm. 2. Das „in ihm“ aber bezieht sich in diesem Falle nicht auf Gott, sondern auf den Menschen. ↩︎
Kap. 39. ↩︎
Die Tendenz des Kapitels ist die, der sinnlichen Auffassung des Satzes „der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer“ entgegenzutreten. ↩︎
Bei jedem metaphorischen Gebrauch eines Wortes muß zwischen dem Dinge, wofür es ursprünglich gebraucht, und demjenigen, worauf es übertragen wurde, eine Ähnlichkeit oder Vergleichbarkeit vorhanden sein. Dies scheint nun hier bei akhal nicht der Fall zu sein. Dies schwebt auch dem Verf. vor und bestimmt ihn zu einer ungewöhnlichen Ausdrucksweise. Der Kern seiner Ausführung ist folgender: Die Tätigkeit des Essens bewirkt nacheinander a) das Aufhören der Form des gegessenen Dinges, b) die Zunahme und Erhaltung desjenigen, der es als Nahrung in sich aufgenommen hat. Für jede dieser beiden Wirkungen wird das Wort akhâl in übertragener Bedeutung gebraucht. ↩︎
In der Zeit ihrer Zunahme. ↩︎
In der Zeit ihres Stillstandes. ↩︎
In der Zeit ihrer Abnahme. ↩︎
Nämlich die Ausscheidung schädlicher Substanzen. ↩︎
Nämlich der Geist. ↩︎
Durch die „erworbene“ Vernunft, durch die der Mensch zur Vereinigung mit der aktiven Intelligenz (νοῦς ποιητικός) gelangt. ↩︎
S. bab. Talm. Baba bathra 22a. Der Sinn der Stelle ist der, daß ein Lehrer seine Schüler auffordert, statt bei Abaje magere Knochen zu benagen, lieber zu Raba zu gehen, wo sie fettes Fleisch bekommen würden, indem Rabas Unterricht weit mehr den Wissensdurst befriedige als der Abajes. ↩︎
Nämlich im Buche Qohelet (s. Midr. Qohel. zu 3, 13). ↩︎
Aus Jonatan b. Uziels Übersetzung scheint hervorzugehen, daß er an dieser Stelle las: מֵעֵינֵי „vor den Augen“. Aber MUNK, Guide I, S. 102 teilt eine der Handschrift 108 der Sorbonne in Paris entnommene Anmerkung des Samuel Ibn Tibbon mit, die dies bestreitet und unzweifelhaft nachweist, daß der chaldäische Translator tatsächlich dem Urtext entsprechend ממעיני gelesen hat. Munk scheint aber im Unrechte, wenn er diese Anmerkung Ibn Tibbons als Polemik gegen den Verf. deutet. Ibn Tibbon beruft sich vielmehr auf eine vom Verf. vor seinem Ableben gegebene Äußerung. ↩︎
Die Verwirklichung des messianischen Heils liegt nicht in der Befriedigung unserer sinnlichen Lüste und Begierden und in der Annahme falscher Überzeugungen, sondern in der allgemeinen Verbreitung der wahren Erkenntnisse, die in der Realität ebenso vorhanden sind wie in unserem Bewußtsein. ↩︎
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Der »Führer der Unschlüssigen«

