Wochenabschnitt

Zur Haftarah Lech Lecha

Jeschajahu 40,27 – 41,16

»Du aber Israel, mein Diener, Jakob, den ich erwählt, Same Abrahams, meines Freundes, du, den ich ergriff von den Enden der Erde, und dem ich von ihren Grenzen zurief und zu dir sprach: Mein Diener bist du! dich erwähle ich und verwerfe dich nicht!« (V. 8–9)

»Mein Freund Abraham« — dieses Wort von Haschem durch seinen Propheten gesprochen, giebt der Haftara die Signatur, als zu פ’ לך לך gehörig, dem Wochenabschnitte, der uns mit den ersten wichtigen Ereignissen im Leben unseres Vaters Abraham bekannt macht. Diese Ereignisse von der Berufung bis zur Bundesschließung, ברית בין הבתרים, tragen so sehr das Gepräge der unmittelbaren Leitung Gottes und zeigen so deutliche Spuren der Fortentwicklung im Charakter Abrahams als Sohn, als Gatte, Vater, Verwandter, Freund, Kämpfer, Gottverkünder und Gottesverbündeter, daß schon mit Rücksicht auf diesen gottgetreuen Ahn, der es nicht unterlassen, »es seinen Kindern nach ihm zu gebieten«, die die Haftara einleitende Frage berechtigt ist: »Warum sagst du denn, o Jakob! warum sprichst du denn, o Israel! Verborgen ist mein Weg vor Haschem, und vor meinem Gotte geht mein Recht vorüber!« (V. 27)

»Mein Weg«. — Zum ersten Schritt auf diesem Wege hat Abraham ausgeholt, als Terach in Charan starb, und Haschem an dessen Sohn Abram das Wort richtete: »Gehe für dich allein von deinem Lande, deinem Geburtsorte und dem Hause deines Vaters zu dem Lande hin, das ich dir zeigen werde.« (I. 12, 1) Damals hatte Haschem hinzugefügt: »Ich werde dich zu einem großen Volke machen!« und Israel, das zu Israel gewordene Jakobs Haus ist dieses Volk. »Für dich allein« — die götzendienerische Heimat verlassen — durch Druck und Verfolgung hindurch ein neues, erhabenes Heim, ein Gottesheim anstreben — wenn dies Heim durch Israels selbstvergessene Söhne von innen und den Feind von außen entweiht, wieder in götzendienerische Tiefen sinkt, leiden, dulden in Mizrajim, Babylonien und Medien und Rom und immer für dich allein — und dadurch dich und andere bessernd, belehrend und endlich siegend und emporsteigend zum Licht — zu Haschem — das ist »dein Weg« Sohn Jakobs, Enkel Abrahams. Und dieser Weg sollte mir, Haschem, verborgen sein! Dieser Weg, der bereits Abraham beim Bundesschlusse »zwischen den Stücken« gezeigt wurde, wo der Raubvogel auf die Nationen bedeutende Leichen niederstürzte, wo Abraham die Raubvögel verscheuchte, und wo nur die Taube, Israel, ganz unzerstückt blieb? Jede Etappe auf diesem deinem Wege, auch die, welche der Prophet in unserem Haftaraabschnitte — nach der Erklärung vieler — erschaut, die Erlöszeit in Babylonien und die nahende Israel befreiende Machtentfaltung des Perserkönigs Cyrus [Kyros], war schon Abraham gegenwärtig[1], und seine Lehren und Weisungen, mit welchen er sein Haus ביתו אחריו bestellte, sie enthielten das Rüstzeug für die Wandlungen und Wanderungen seiner Enkel; — und dieser Weg mir verborgen?

»Vor meinem Gotte geht mein Recht vorüber.« — Und weißt du es nicht, Israel, daß unter allen Rechten, die du als geschaffenes Wesen an die Kräfte und als Mensch an die Dienste der Natur, und die du als Volk an die Mitvölker, an die der Menschheit verheißene Zukunft geltend machen kannst, es dein schönstes Recht ist, den Gott der Natur, der Völker, der Geschichte deinen Gott zu nennen, wie er dich sein Volk genannt hat? Vor meinem Gotte mein Recht — du glaubst und kennst den persönlichen Gott, den Abraham dich gelehrt und nennst ihn deinen Gott, der dich zu seiner Sendung ausersehen, und stellst diesem deinem persönlichen Gott dein persönliches Recht — stellst dich — Person gegen Person — Haschem gegenüber!

Hast du, Jakob, deine Einsicht und du, Israel, den Faden deiner Geschichte verloren?

»Weißt du nicht, hast du nicht gehört? Eine ewige Macht ist Haschem, Schöpfer der Erdengrenzen. Er ermüdet nicht, er ermattet nicht, unerforschlich ist seine Vernunft.« (V. 28) Wo zwischen den Grenzen der Erde sollte dein Weg verlaufen, so daß er mir unbekannt, und welch dünner Faden sollte sich durch deine Geschichte hindurchziehen, daß er mir unsichtbar wäre! Hast du das Recht der müden Greiseschwäche oder das der erobernden Jugend? Dem Müden giebt Gott Kraft, und die Jugend strauchelt in ihrem Lauf. »Aber die, die da hoffen auf Haschem, erneuen ihre Kraft, sie heben die Schwingen wie Adler, sie laufen und ermatten nicht, sie gehen und ermüden nicht.« (V. 31)

Es ist ja menschlich entschuldbar, wenn in manchen Zeiten Israel an seinem Wege und Wegziele irre geworden. Da ward dieses מתי ישראל, dies Häuflein Israel, oft in einem Lande, in dem es vorher Pionierdienste geleistet, in dem es dem Handel, dem Gewerbe und der Gesittung die Wege gebahnt hatte, vom breiten, offenen Wege, auf dem die ehrliche Arbeit geht, auf enge, fernab liegende Seitenwege abgedrängt; da ward es durch die erniedrigendsten Ausnahmsgesetze in Ausnahmsstellungen gebracht und durch all die ausschließenden Bestimmungen, durch jene gesellschaftlichen Verhaue und Gräben in unerträgliche soziale Lagen gezwängt, und es wußte nicht aus noch ein, und die Herrscher und Gebieter beachteten kaum die Existenz dieses Häufleins, viel weniger den Weg seiner Entwicklung. Da mochte es kommen, daß dieses in seinem Glauben und Hoffen, in seinem Familienleben, in seinem ganzen menschenwürdigen Dasein bedrohte Volk, wegverloren und nur vom Hohne gesucht und gefunden, den Blick fragend zu Gott wandte: Ist dir mein Weg bekannt?

In Zeiten, da Israel, nachdem es, wie irgend einer, Gut und Blut fürs geliebte Heimatland geopfert und viele Jahre lang ehrlich seine Bürgerpflichten erfüllt, da es, immer wieder aus den Ehrenhallen des Bürgerrechts gewiesen, hintrat und anstatt der ihm hie und da zugeworfenen Brosamen landesfürstlicher Gnade sein Menschenrecht forderte, da es, der Paria des Staates, den Gesetzgebern in den Parlamenten das eine Wort zurief: Recht! und dafür das eine Wort zurücktönte: Jude! da mochte sich Israels Klage in die gen Himmel gerichtete Frage gekleidet haben: Recht?

Doch nun, nachdem das Prophetenwort Israel den Weg gezeigt, den es, in die Irre und Enge geraten, zu nehmen hat, um zu Gott, dem Wahrer seines Rechts zu gelangen: den Weg, den die hoffende, die Kraft erneuernde Seele nimmt zu Haschem, den Weg, den der Adler nimmt zu seinem Hochflug und seiner Verjüngung, jetzt ruft der Prophet die Länder und Völker herbei, damit sie Haschem Rede stehen, wenn er ‘ית’ Recht fordert, das vorenthaltene Recht für sein Volk:

»Hört schweigend mir zu, ihr Eilande, und die Völker sollen neue Kraft sammeln. Sie mögen herzutreten und dann reden. Lasset uns mit einander rechten. Wer hat erweckt vom Aufgange her den, welchem Recht begegnet auf jedem Tritt? Wer giebt ihm Völker preis, daß er Könige niedertritt, sein Schwert sie zerstieben macht wie Staub, wie verfliegende Spreu sein Bogen?« (41, 1–2)

Ihr Eilande und Völker hättet Rechte zu vergeben und das Recht zu nehmen nach Willkür! Wart ihr es, die das Recht gründeten auf einem Fundament, fester als Granit, auf der Erkenntnis Gottes, des einzigen Schöpfers und Bildners der großen, erhabenen Rechtsempfindung im Menschenherzen? Wer hat den Gott des Rechts und der Wahrheit zuerst bekannt in einer Welt der Gewalt und der heidnischen Lüge? Abraham war’s, dem Gott zugerufen לך לך gehe für dich allein! Abraham, selbst wie ein isoliertes Eiland mitten im Weltmeere, ihm begegnet das Recht auf jedem Tritt, ihm und seinen Nachkommen sprangen die Gewässer entgegen aus dem von ihm gegrabenen, von Fürstendienern oft geraubten Brunnen, aus den Quellen Menschen beglückenden Heiles. Und den Nachkommen Abrahams wolltet ihr das Recht edlen Menschentums entziehen! Was taten die Geschlechter bis auf Abraham, die Nimrods und die Tubal-Kains, und die Schmiede und die Schärfer des Eisens und die Städteerbauer und die Harfenspieler? — Sie schmiedeten und hämmerten und glätteten für die Götzen¹) und sangen Lieder dazu und jagten Menschen und Tiere und bauten Städte und Tempel für die Götzen, und das erste Lied des ersten Barden besang den Mord. Menschenmord und Schönheitsdienst, Faustrecht und Minnegesang — sie füllten die Welt, in welche die Göttersöhne Olymps oder die Ritter der Burgen herabstiegen, um sich die Töchter und, was ihnen sonst gefiel, zu holen. — Da trat Abraham, der »Freund Gottes« auf und auf Schritt und Tritt mit ihm צדק, der Rechtsgedanke, und warb in Liebe und Wahrheit um die Welt und erkämpfte sich eine Gotteswelt, daß darob »die Inseln schauderten und die Enden der Erde erschraken« vor der Stimme Gottes, die aus dem צדק sprach, und Berge erbebten vor dem Worte Gottes, das vernommen ward. Israel ist Erbe dieses צדק, dieses abrahamitischen Vermächtnisses, und Israel wolltet ihr für rechtlos erklären auf Erden!

Nach dieser an die Völker und Eilande gerichteten Mahnung wendet sich der Prophet wieder im Namen Gottes an Israel: »Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir, schaue nicht ängstlich umher, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch; ich stütze dich auch mit meiner siegreichen Rechten.« (V. 10)

Fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du Häuflein Israel. Ich helfe dir, ist der Spruch Haschems, und dein Erlöser ist der Heilige Israels. Siehe, ich mache dich zu einem Dreschwagen, einem scharfen, neuen, vielschneidigen. Du sollst Berge zerdreschen und zermalmen und die Hügel zerstäuben wie Spreu. Du sollst sie worfeln, daß der Wind sie wegführe, und der Sturmwind sie verwehe. Du aber wirst frohlocken ob Haschems, wirst des Heiligen Israels dich rühmen.« (V. 14–16).

Nicht immer wird Jakob das Würmlein bleiben, das sich in die Erde verkriechen muß vor dem Tritte der Bösen, und nicht immer werden Lüge und Verleumdung, Unrecht und Verachtung wie Berge lasten auf dem Häuflein Israel. Es kommt ein Tag der Wahrheit und Gerechtigkeit, an dem diese Berge zerstieben. Dann wird es sich zeigen, was die Spreu und was das Korn und woran dem Sämann mehr gelegen ist, am Korn oder an der Spreu.

Einst — so erzählt uns, an die obige Stelle in der Haftara anknüpfend, der Midrasch — einst stritten das Korn und das Stroh und die Spreu miteinander. Jedes von ihnen behauptete: um meinetwillen ward das Feld besät. Da sprach das Weizenkorn: es kommt der Tag, an dem ihr selbst gestehen werdet, um wessen willen das Feld bestellt und besät worden. Am Tage des Einheimsens in die Tenne, da kam der Besitzer des Feldes, und er verbrannte die Spreu und warf das Stroh zur Seite. Den Weizen aber brachte er sorgfältig zu Hauf. Da bekannten Stroh und Spreu huldigend die Wahrheit. Also spricht Israel zu seinen Verächtern: Laßt den Tag der Entscheidung kommen, und es wird sich zeigen, um wessen willen die Welt geschaffen worden, ob der Lüge und der Nichtigkeit willen, die ihr erkoren, oder der ewigen Lehre der Wahrheit willen, die ich festgehalten. Es muß sich zeigen, was der Weltenherr für die Zukunft der Menschheit einheimsen will, ob die Spreu weltlichen, zügellosen Genießens oder das Korn tiefernster Sittlichkeit und Gerechtigkeit. Laß den Tag kommen, Häuflein Israel! und »du wirst ob Haschems frohlocken und des Heiligen Israels dich rühmen!«


  1. Vgl. 1. 15, 9. Raschi und Midrasch. ↩︎

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Rabbiner Josef Nobel wurde 1839 in Tata (Ungarn) geboren. Er erhielt seine Ausbildung in Eisenstadt bei Rabbiner Hildesheimer. Er wirkte zunächst als Rabbiner in Ungarn und wurde 1881 Rabbiner in Halberstadt bis zu seinem Tod im Jahr 1917.