Tezawe

Tezawe

Diese Woche in der Tora (Ex. 27,20 – 30,10):

Die Priester – Ahron und seine Söhne; Priesterkleidung und -ausstattung; besondere Opfer und Amtseinführung; das tägliche Opfer; Opferdienst nur im Heiligtum und nur durch Priester; der Räucheraltar und der Dienst des Räucherwerkes im Heiligtum.

Lauteres Olivenöl

Rav Jakov Halevi Filber
(Rabbiner an der „Merkas-Harav“ Jeschiwa, Jerusalem)

An vielen Stellen in seinen Schriften betonte Rabbiner Awraham Jizchak Kuk [erster Oberrabbiner Israels], niemals einen Menschen von vornherein zu disqualifizieren, dessen religiöse Welt zu wünschen übrigläßt. Im Gegensatz dazu müssen wir beim Tempeldienst sehr wohl darauf achten, daß die Handlungen in vollkommener Weise ablaufen, wie z.B. das Anzünden der Lichter des siebenarmigen Leuchters (Menora), über den es in der Tora heißt: „…daß sie dir bringen Olivenöl, lauteres, ausgepreßtes, zur Beleuchtung, um die Lampen beständig anzustecken“ (Ex. 27,20). Bezüglich der Schabbatlichter jedoch, die jeder Einzelne in seinem Hause anzündet, besteht ein Streit zwischen Rabbi Tarfon und Rabbi Jochanan ben Nuri (Schabbat 26a): Nach Rabbi Tarfon darf man dafür nur Olivenöl verwenden. Dagegen heißt es im Talmud weiter: „Da stellte sich Rabbi Jochanan ben Nuri auf seine Füße und sprach: Was sollen die Leute in Babylonien machen, die kein anderes als Sesamöl haben!? Was sollen die Leute in Medien machen, die kein anderes als Nußöl haben!? Was sollen die Leute in Alexandria machen, die kein anderes als Rettichöl haben!? Was sollen die Leute in Kappadokien machen, die weder dieses noch jenes, sondern nur Petroleum haben!? Halte dich vielmehr an die, von denen die Weisen gesagt haben, daß man sie nicht brennen dürfe“. Die Halacha lautet, daß man alle genannten Öle verwenden darf, vorzugsweise aber Olivenöl (Schulchan Aruch O.C. §264,6). Mit diesem Streit über das Zünden der Schabbatlichter beschäftigte sich Rabbiner Kuk näher in seinem Buch Ejn Aja (Schabbat 2.Kap. §77): Er bestehe nicht nur in Bezug auf das Anzünden der Schabbatlichter, sondern auch bezüglich der Erleuchtung durch den menschlichen Verstand, und die im Talmud erwähnten Brennstoffe deuten auf Lerninhalte, mit denen der Mensch im Hinblick auf Himmelsfurcht und Gebotserfüllung seinen Verstand erleuchten kann. Rabbi Tarfon behauptet, so wie das Olivenöl das reinste der Öle ist und das von ihm ausgehende Feuer das reinste und hellste, entsprechend hat sich der Mensch mit den diversen Teilen der Tora auf höchster Verstandesebene zu beschäftigen, eben so wie das Olivenöl am klarsten leuchtet, und ein Öl, das diesen hohen Standard nicht erreicht, darf nicht zur Erleuchtung der Heiligkeit des Schabbats verwendet werden. Dagegen wendet Rabbi Jochanan ben Nuri ein, daß nicht jedem Juden solch eine hohe spirituelle Stufe vergönnt ist, die ihm die Beschäftigung mit dem innersten, höchsten Licht der Tora erlaubt, das den Menschen in weitem Maße durchflutet. Vielmehr gibt es Menschen, denen die Toraweisheit in kleinen Portionen zufließt, die sich mit dem Sesamöl vergleichen läßt, das aus vielen kleinen Sesamkörnern gewonnen wird. Alle zusammengenommen ergeben zwar ein etwas minderes Öl, das uns aber dennoch Licht in die Finsternis zu bringen vermag. So bauen auch diese Menschen selbst mit einfachem Verständnis aus jeder kleinen Lerneinheit der Tora eine Welt voller Tora, die die Seele erleuchtet. Wer also auf seine bescheidene Weise dem einfachen Sinn der Tora folgt, der vielleicht etwas trocken erscheinen mag, begegnet in Wirklichkeit einer welterleuchtenden Heiligkeit und wird von G~tt mit Wohlgefallen angenommen.

Auf der nächstniedrigeren Stufe gibt es Leute, die wegen ihrer geistigen Armut Schwierigkeiten haben, selbst die offenbaren Lehren der Tora zu verstehen, und jene gilt es, mit einfachen Worten und aus dem Leben gegriffenen Gleichnissen aufzuklären und der Tora näherzubringen. Diese einfachen Beispiele gleichen einer Schale um das ernsthafte Torastudium, um die eigentliche Frucht herum, so wie die Schale der Nuß, deren Öl man erst gewinnen kann, wenn man die Schale aufgebrochen hat. So verhielt es sich mit den Leuten in Medien, einfachen und ungebildeten Leuten, die man nur mit äußerlichen und an die primitive Vorstellungskraft appellierenden Gleichnissen der Heiligkeit der Tora annähern konnte. Immerhin brachten sie diese Gleichnisse zu einer gewissen Beschäftigung mit der Tora.

Darunter gibt es noch eine weitere Stufe, nämlich Menschen, die sich noch nicht einmal mit den kleinen und simplen Lehren der Tora beschäftigen, sondern sich an den Umgang mit weltlichen Lehren gewöhnt haben. Denen bieten die Lehren der Tora keinerlei Anreiz außer durch menschlichen Weisheiten entnomme Beispiele, die mit wissenschaftlichen Theorien vermischt sind, die nicht dem Geiste G~ttes auf Die-ihn-fürchten entstammen, sondern auf menschlichen Annahmen beruhen, die durchaus falsch sein können. Diese Art des Lernens verglich Rabbiner Kuk mit dem Rettich, der einerseits Bitterkeit abgibt, dem man aber andererseits lichtspendendes Öl abgewinnen kann. So kann man auch durch diese Art Lernen zu einer gewissen Erleuchtung gelangen, und so verhielt es sich mit den Leuten von Alexandria, die sich so weit von der Tora entfernt hatten, daß sie nur noch über „Rettichöl“ verfügten. Doch selbst unter diesem Licht gingen am Ende tatkräftige und g~ttesfürchtige Menschen hervor, die sich durch Anhänglichkeit an und Liebe zur Tora auszeichneten. Darum gehört auch dieses Öl zu den erlaubten Leuchtstoffen.

Es gibt aber noch eine Kategorie, Menschen, die auf eine noch tiefere Stufe herabsanken, deren geistige Erleuchtung nur von Naturwissenschaften und Politik herrührt, so wie das Petroleum, das wir keiner Pflanze mehr zuordnen können, aus der es gewonnen wird. Und dennoch – solange sie mit ihrer Allgemeinbildung geradlinig den Wegen der Tora folgen möchten und ihrer Vertiefung in die Naturwissenschaften, wo das menschliche Vorstellungsvermögen herrscht, moralische Werte, G~ttesfurcht und die Anerkennung des Schöpfers aus seinen Taten und Kreaturen entnehmen, dann gehören auch sie zu den „erlaubten Ölen“, wenn sie ihre Studien dem Glauben an die Tora und der G~ttesfurcht näherbringen, und man darf sie nicht abweisen.

Da nun die Halacha nach Rabbi Jochanan ben Nuri entschieden wurde, folgerte Rabbiner Kuk, daß sich andererseits jede Ansicht oder Idee, die den Menschen vom Licht der Tora entfernt, disqualifiziert und nicht zur Erleuchtung des menschlichen Verstandes verwendet werden kann. Sie ähnelt damit den für das Schabbatlicht nicht verwendbaren Ölen, weil sie nicht im Docht aufsteigen. Jedes Studium oder verstandesmäßige Wissen aber, mit deren Hilfe sich der Mensch in Tat oder Gedanken mit den Wurzeln der Tora verbindet, wenn auch nicht in vollkommener Weise, hat es dabei dennoch mit einem erlaubten „Öl“ zu tun, dem die gesellschaftliche Legitimation nicht abgesprochen werden darf. Wer aber die Fähigkeit hat, sich nicht auf auf das Minimum beschränken zu müssen, sondern zu höheren Stufen der Heiligkeit aufsteigen und seinen Verstand mit dem höchsten Toralicht erleuchten kann, der hat dazu die Pflicht, und es steht ihm auch gut an, wie es heißt: „vorzugsweise aber Olivenöl“ (s.o.). Doch auch die vom reinen Licht weiter Entfernten sind nicht zu verachten, denn auch sie beleuchten mit etwas geringerem Lichte ihr Leben mit göttlicher Heiligkeit, in ihrer Verbindung zur Allgemeinheit des Schöpferglaubens und dem Joch seiner Königsherrschaft, gesegnet sei er.

© Machon Meir

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