Pessach

Dem Führer und Erretter der Redlichen – Or Jescha

Jotzer für das Morgengebet am ersten Tag Pessach. Es wird Rabbi Schlomoh ben Jehudah aus Rom zugeschrieben (10. oder 11. Jahrhundert)

Rabbiner Heidenheim schreibt: Dieser Pijut ist eine Nachahmung des Hohen Liedes [Schir haSchirim] und wie dort so auch hier wird Gott und Israel einem liebenden Ehepaar verglichen, welches sich getrennt sieht und nach seiner Wiedervereinigung schmachtet.
Besonders wird hier Israel, als die Geliebte, redend eingeführt; sie erinnert sich an alles Gute, was ihr Geliebter sonst für sie getan hat, wie er sie aus allen Gefahren errettet, wie er immer sorgfältig für sie gewacht, wie er sie gepflegt und ihren Wünschen immer zuvorgekommen ist; und nun ist sie alle verlustig, worüber sie sich grämt und härmt, sich dann jedoch wieder besänftigt, getrost hofft auf die mächtige Liebe ihres Geliebten gegen sie, und voll Zutrauens, des Glückes ihrer einstigen Wiedervereinigung entgegensieht.

אור Dem Führer und Erretter der Redlichen, die des Schutzes würdig sind, ihm will ich im Chor seiner Geliebten lobsingen, wie jene Sänger, ein Hohelied.
Er, der Mächtigste aller Wünsche, das erquickende Labsal der lechzenden Müden, er hatte meine Speicher gefüllt mit Überfluss; möchte er mich doch wieder liebkosen!
Dein auserwähltes, gesegnetes Volk, eingeweiht in Deine geheimsten Geheimnisse, hast Du ausgeschmückt mit wohlduftenden Spezereien, mit Deinem weitriechenden Balsam. Sie waren Deine Hausgenossen und Gefreiten; siehe, wie sie sich nach Dir sehnen, nach jenem Hause der erlauchtesten Richter! O, winke nur, ich folge Dir!
Er, der Erhabenste und Sanftmütigste, er hat mich ausgeschmückt über alle Schönen; hat mich auch ein Unfall betroffen und entstaltet, so blieb ich dennoch niedlich.
Einer durchgebrannten Kohle gleich, hat der rundum drückende Kummer mich in Schwarz gehüllt und niedergebeugt; o, schaue nicht so verächtlich aus mich, weil ich schwarz bin!
Hoch hat er mich emporgehoben, gesondert von den Heiden mich, wie den Tropfen vom Eimer, er zog mich groß zur Völkerzierde und zeigte mir dort mein Panier, meine Festung und meine Burg.
Meiner Leitung Stab übertrug er Dardas sanftem Hirten, er richtete und bestrafte meine Fehler, wenn ich unvorsichtig war. Dort spornte er selbst das Ross zu meiner Rettung, spaltete das Meer, schuf mir festen Pfad und — enthufte meiner Verfolger Pferde.
Dann rief er mir warnend zu: »Meine Verordnungen sind dein Leben, die Heilung deiner Wunden, dein Wohl in diesem und jenem Leben; siehe hier die schönen Gesetztafeln!« Nur allzu gewogen war er mir, überließ mir das mächtige Gut jener stolzen Nilbewoher, überhäufte mit Geschenken mich, mit goldenen Geschmeiden in Fülle; dadurch ward mein Herz übermütig, zeigte seine Schlacken bei niedrigem Gesindel, ward abtrünnig und wählte zum Schutze ein grasendes Tier, während der König noch in seinem Zirkel war.
Schon gab er das Zeichen zum Verderben, jenen Auswurf auszurotten, nahm mich aber mit Erbarmen wieder auf, um de« auf Morijah Gebundenen willen; doch das Götzenbild wurde aufgelöst, zerstreuet das eherne Scheusal, der Schuldige aus dem Buche getilgt, die ganze gottlose Rotte.
Nun zeigte er mir seine Freundschaft wieder, nahm meiner Herde Opfer wohlgefällig an, sprach bei Vollendung meiner Teppichhütte: „Schön bist du meine Geliebte!“ (Darum eilte er, mich des Dienstes zu entlassen, um fröhlich meiner Liebe zu pflegen.)
Erwidernd rief ich meinem Holden zu: »Schön bist du, mein Lieber!« Dort zertrümmert er der Ruchlosen eichene Paläste, stürzt Berge hin, entwurzelt Eichen; aber der Frommen Sprösslinge wuchsen hoch heran, zum Gebälke meines Zedernhauses.
Jetzt prangte hoch seine Residenz, ich sang entzückt den Wonnegesang, wie beim Hochzeitsschall — reizend war mein Antlitz wie eine Narcisse.
Nun stieg es himmelhoch, das tiefgebeugte Volk, lieblich und anmutig, wie eine Rose unter Dornen.
Mächtig wuchs er heran, der kleine Überrest, blühte zur Ergötzung auf, wie ein Apfelbaum in wildem Gehölze. Er, der Herr, rüstete mich mit prächtiger Rüstung aus, er verlieh mir Einsicht und Erkenntnis, zu verstehen seine Lehre; er beseligte mich mit dieser Himmelsgabe.
Zärtlich pflegte er mich und schützte mich vor Schwäche; zwar hat er oft empfindlich mich zur Besserung gezüchtigt, doch wenn der Krankheit Ungemach bedenklich ward, da wurde ich bald gelabt mit stärkenden Mitteln.
Als ich auf ungangbaren Wegen wandelte und jene steinige Wüste durchstrich, da deckte er meinen Zug, seine Rechte räumte Felsen vor mir weg, seine Linke war meines Hauptes Stütze.
Ein mächtiger Teil, von Mut beseelt, wagte es vor der Zeit, sich dem Dienst zu entreißen, und fiel.
Mein göttlicher Wille, sprach er, hat die Frist eurer Leiden bestimmt; harret, ich beschwöre euch!
Allein meine Treiber waren allzu grausam, sie peitschten quälend mich in der Gruft, wohin sie mich versenkt!
Dieses beschleunigte meine Befreiung, die Stimme meines Geliebten erscholl. Vom Bau irdischer Häuser, wozu sie mich verdammten, führte er mich, ein Haus des Lebens aufzubauen; er schaute, wie sie meinen Stamm ersäuften, und schnell wie ein Reh eilte er herbei, mein Lieber!
Ein herrlicher Anteil ward mir beschieden, das erwünschte Loos meiner Urväter ward mir zu Teil.
»Ungemach«, sprach er, »verwandelt nun in Anmut sich!«
Er sprach es und sicherte mir es auch zu.
Siehe, deinen Wunsch habe ich erfüllt; ihr habt nun nichts mehr zu tun!
Eilt, ziehet nur, der Winter ist vorüber. Mein Abgeordneter, der überaus Tapfere (Mosche), erschien, schmetterte des Feindes Heereshaupt, schuf Frieden und Eintracht wieder, eben als die Blüten im Lande sich zeigten.
Als der Weinstock verblüht, das süße Obst gereift, zeitig das Getreide zum feinsten Mehl und der Feigenbaum seine jungen Feiglein getrieben, sieh, da kam nun eine Schlangenrotte zischend herangeschossen, dort hüpfte das zauberreiche Pithom nach; da war ich in einer Enge wieder, im Stricke verschlungen, wie ein Täubchen gedrängt in Felsenrisse.
Ich stürzte ins Meer — Jung und Alt (ganz Mizrajim) folgten mir tollkühn nach in des Meeres Fluten; aber — sie haben nichts heraufgebracht!
Hier wurden sie gefangen, die schlauen Füchse! Prachtgewand und Ohrringe, Kleinodien und Halsgeschmeide wurden mir zur Beute, Perlenschmuck in Fülle! So schmeichelte mein Geliebter mir.
Die mächtige Tat ist nun vollführt — Du, der Du im Himmel thronst, ließest sie ihren wohlverdienten Lohn einernten, noch ehe der Morgen hauchte. Nun baute ich seine Wohnung ihm, errichtete den Altar; er schränkte seine Residenz hinein.
Hier dachte ich, werde ich weilen, bei meinem Lager immerdar.
Sein Ratschluss aber bestimmte das vorzüglichste der Länder mir, jenes vorzüglichste gelobte Land und jenes Zion dort, die treugepriesene Stadt. Ich wallte hinauf — allein dort ward ich ihm untreu, verhöhnte meiner Lehrer Lehre, verehrte Götzen und räucherte Myrrhen ihnen; darum haben sie mich getroffen, sie, die mir nachstellten.
Ja untreu ward ich, verletzte die Sittlichkeit; könnt‘ ich dennoch Schonung hoffen?
Hätte ich nicht sein Heiligtum gestiftet, o, dann wäre ich schon lang nicht mehr!
Aber auch ihr Tyrannen wisst, dass auch euer weit ausgedehnter Heerkreis seine nicht zu überschreitenden Grenzen hat; bei eurer überaus fürchterlichen Macht trifft euch dennoch das Loos der Zerstreuung, der Bedrückung!
Ich schwöre euch!
Denkt, als vormals sein kleines Volk — fromm wie die Taube — mit erhobenem Haupte aus der Sklaverei zog, wie sie staunten des Frevels Söhne: Wer ist das Volk, das so stattlich einherschreitet?
Die Diener seines Zedernhauses sind’s, Fürstenstämme mit tausenden ihrer Knaben! Sie schreiten heran in wohlgeordneten Reihen, mit seiner Ruhestätte; harmonisch stimmten die Flötenspieler ihre lieblichen Töne, begleitet von tausend melodischen Gesängen, sind sämtlich mit blinkenden Schwertern ausgerüstet; die Wohnung war in Kammern geteilt, deren Mitte füllte der Erde Pfeiler — die Bundeslade — zierliche Teppiche dienten ihr zum Vorhang und Prachtgewand zur Decke.
Prächtiger noch war der Anblick jener Wohnung zu Schiloh, anmutig und reizend zum Entzücken; sie war unter Josefs Fahne aufgeführt, ihre Säulen alle von massivem Silber. Geht hin, horcht! — Ein hohes, liebes Lied, gesungen bei der Hochzeit des geliebten Paars.
Schön bist du — mit Lehren, Gesetzen und Verordnungen, die der Einige dir zweifach vorgetragen. —
Deine Zähne — fern von schändlicher Lüsternheit, umgeben eine in Wahrheit wohlgeübte Zunge.
Wie Purpurfaden — geschmackvoll waffnete Abraham seine Hausgeborenen; dafür wurden seine Nachkommen belohnt.
Wie Davids Burg — prachtvoll und fest begründet, so die Schranken der Gesetze unerschütterlich!

Deine zwei Erzieher, es sind die vereinten, frommen Brüder (Mosche und Ahron), die treuen Hirten und Führer.
Erscheint einst der Vergeltungstag, so bringt er Heil den Gesetzbeflissenen, Verderben dem frevelnden Auswuchs.
Du aber, Schöne, Fehlerlose, wirst geehrt, das Erbe des Vollkommenen (Jakob) wird dir zuteil!
Mit mir zog Gottes Majestät vom Lebanon (Tempel) aus ins Exil, und ist mit mir, wenn aus dem Elend ich wiederkehre, sprechend:
Dich liebe ich, du holde Traute! Tochter jener in Liebe und Treue mir zugetanen Stammesfürsten!
Wie hold war deine Liebe, holde Traute, die du in der Ruhestätte (Jerusalem) und andern Versammlungsorten, an Feierzeiten mir geweiht!
Wie Honigseim träufelten da deine Lippen, o Braut! in Brüderlichkeit standen die Gesalbten (Priester) ohne Neid vereint.
Doch es kommt der Vergeltungstag, den einem verschlossenen Garten gleich Niemand vorherbestimmen kann, der verborgene Tag, wo sich der Herr mit dem Rachegewand bekleidet.
Deine Entlassenen (aus Ägypten) waren, einem schönen Garten gleich, nach ihren königlichen Fahnen zierlich geordnet; in herrlichen Reihen, gleich feinen Gewürzbeeten, lagerten sie je drei und drei nach ihren Stämmen.
Und wie die Quelle den Garten, so reinigten sie sich von allem Fehl und bewahrten ihre Reinheit.
— Erhebe Dich von Norden, komme von Süden, um die nach allen Seiten hin Verwehten wieder hinzusammeln.
»Ich komme wieder zu meinem Garten (Tempel), holde Traute um, wie einst bei der Tempelweihe, eure Opfergaben anzunehmen!«
— Noch dulde ich, seitdem der Feind von Seir kam und hoffe auf Erlösung.
Mein Prachtgewand musste ich ablegen, meine zwei Kronen und die geheimnisvollen Urim und Tummim.
Doch mein Freund, der seine Hand ausstreckte, um die Voreltern zu unterstützen, ist bereit auch ferner die Verzweifelnden zu stärken.
Freudig stand ich einst am anmutigen Berg (Sinai) begierig der Gebote und eröffnete aus freiem Willen die wie Myrrhen angenehme Rede: »Wir wollen es tun und befolgen!« — Völkerschaaren fanden und umringten mich wie Wasserbäche, doch der Allmächtige ermutigte mich: Ich beschwöre euch, folgt euerm Freunde (Gott) nach, und haltet euch fern von abtrünniger Gesellschaft.
— Fragen die Völker: Was hat dein Freund voraus vor Andern?
so werden sie dereinst die Antwort finden, dass Israel die frömmste aller Nationen ist. »Was hat dein Freund voraus vor Andern, sprechen hier die Abtrünnigen, dass ihr euch für ihn wie das Vieh hinschlachten lasset und ihm dabei die Einheitskrone windet und die Ewigkeit seines Reiches besinget?«
— Mein Freund, ja sein Volk preiset seine Huld, beschreibt und verkündet in Liedern seine Güte, die selbst über Tugendlose waltet. Seinen Willen auszuüben befleißigen wir uns, zu ihm hoffend und harrend.
Mit dem Erscheinen der Morgenröte verherrlichen wir den Schöpfer unfern Herrn, tragen im Gebete unser Anliegen ihm vor, dass wir das Heil bald sehen, dass unsere Finsternis bald hell erleuchtet werde.
Lebendiger, beglücke uns, Dir immerdar zu benedeien, Du Ewiglebender, der Du die Erde und ihre Bewohner erleuchtest!

Kategorie: Pessach

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1757 – 1832. Er gründete 1799 zusammen mit Baruch Baschwitz in Rödelheim eine Buchdruckerei und publizierte dort seine Arbeiten. Er arbeitete an einer hebräischen Siddur-Ausgabe, die später mit Übersetzung erschien. Zusammen mit Wolf Breidenbach arbeitete er an der Übersetzung der Festgebete.