Mischna

Die Mischna – Pea > Kapitel 8

Mischna 1

מֵאֵימָתַי כָּל אָדָם מֻתָּרִין בְּלֶקֶט . מִשֶּׁיֵּלְכוּ הַנָּמוֹשׁוֹת. בְּפֶרֶט וְעוֹלְלוֹת, מִשֶּׁיֵּלְכוּ הָעֲנִיִּים בַּכֶּרֶם וְיָבֹאוּ . וּבְזֵיתִים, מִשֶּׁתֵּרֵד רְבִיעָה שְׁנִיָּה . אָמַר רַבִּי יְהוּדָה, וַהֲלֹא יֵשׁ שֶׁאֵינָם מוֹסְקִין אֶת זֵיתֵיהֶם אֶלָּא לְאַחַר רְבִיעָה שְׁנִיָּה. אֶלָּא כְדֵי שֶׁיְּהֵא הֶעָנִי יוֹצֵא וְלֹא יְהֵא מֵבִיא בְּאַרְבָּעָה אִסָּרוֹת:

Wann ist jedem Menschen des Nachlesen (der Feldfrüchte) erlaubt?
— Sobald die Altersschwachen weggehen. Das Aufklauben der einzelnen Beeren und die Traubennachlese? Wenn die Armen (zum zweiten Male) hingehen und wiederkommen. Und bei den Ölbeeren?
Nachdem der zweite Regen gefallen ist. Rügt Rabbi Jehuda: Gibt es nicht Leute, die erst *nach* dem zweiten Regen ihre Oliven abschlagen? — Daher besser, wenn der Arme fortgeht und nicht mehr als vier אסרות heimbringt.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Wann …? נמושות. Manche erklären, es sind die Alten, die am Stock gehen. Andere sagen, es sind die Nachleser nach den (ersten) Lesern. Nachdem nämlich die letzten Nachleser, nämlich die Alten, auf dem Feld waren, die immer als letzte auf dem Feld ankommen, geben die Armen dieses Feld auf. Alles, was auf dem Feld verbleibt, ist allen — reich wie arm — herrenlos preisgegeben.

Die zweite רביעה. Der Regen heißt רביעה, weil er das Feld befruchtet und sprießen lässt, wie ein Männchen, welches das Weibchen befruchtet und schwanger macht, wie in (??? wo) »dein Vieh sollst du nicht paaren …«

Andere Erklärung: רביעה heißt der Regen, der den Staub liegen und ruhen lässt, und man übersetzt auch »Ruhen« mit רביע. In einem durchschnittlichen Jahr ist die Zeit des zweiten Regens am 23\. Cheschwan.

Die nicht abschlagen. Beim Sammeln von Oliven gebraucht man das Wort מוסק, ebenso wie beim Schneiden von Getreide קוצר, bei Wein בוצר, bei Feigen אורה und bei Datteln גודר.

Und nicht mehr als vier Issar bringt. D. h., zwei Pundion.
Ein Pundion entspricht zwei Issar, und wir lernen (siehe Mischna 7) »man gibt einem Armen, der von einem Ort zum anderen wandert,
nicht weniger als ein Brot, das ein Pundion wert ist.« Das ist Speise für zwei Mahlzeiten. Weil er Oliven im Wert von mindestens vier Issar bringt, was zwei Mahlzeiten für sich und zwei für seine Frau entspricht, braucht auch er nicht zum Sammeln auszugehen. Die Halacha folgt Rabbi Jehuda nicht.

Mischna 2

נֶאֱמָנִים עַל הַלֶּקֶט וְעַל הַשִּׁכְחָה וְעַל הַפֵּאָה בִּשְׁעָתָן, וְעַל מַעְשַׂר עָנִי בְּכָל שְׁנָתוֹ. וּבֶן לֵוִי נֶאֱמָן לְעוֹלָם. וְאֵינָן נֶאֱמָנִין אֶלָּא עַל דָּבָר שֶׁבְּנֵי אָדָם נוֹהֲגִין כֵּן:

Man kann den Armen glauben in Betreff des לקט und der פאה während ihrer Zeit und in Betreff des Armenzehntens das ganze Jahr hindurch. Den Leviten darf man immer glauben. Doch darf man ihnen nur dann glauben, wenn die Leute ihnen solche Dinge zu geben pflegen.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Man glaubt. Den Armen, wenn sie sagen, dass dieser Weizen von Leket, Schich’cha oder Pea stammt, und somit frei vom Zehnt ist.

Während ihrer Zeit. Der Ernte.

Das ganze Jahr hindurch. Im dritten und sechsten Jahr, in welchem der Armenzehnt gehalten wird.

Den Leviten darf man immer glauben. Weil es den ersten Zehnt jedes Jahr gibt. Hat er ausgesagt, dass etwas vom ersten Zehnten stammt, befürchtet man nicht, dass noch keine »große Hebe« abgesondert wurde: Wie Israeliten nicht bei der »großen Hebe« verdächtig sind, so sind es die Leviten bei der Hebe des Zehnten auch nicht.

Nur, wenn die Leute ihnen solche Dinge zu geben pflegen. Man pflegt es so zu geben, aber nicht bei Dingen, die man so nicht zu geben pflegt. Das wird gleich erklärt.

Mischna 3

נֶאֱמָנִין עַל הַחִטִּים, וְאֵין נֶאֱמָנִין עַל הַקֶּמַח וְלֹא עַל הַפָּת. נֶאֱמָנִין עַל הַשְּׂעוֹרָה שֶׁל אֹרֶז, וְאֵין נֶאֱמָנִין עָלָיו בֵּין חַי בֵּין מְבֻשָּׁל. נֶאֱמָנִין עַל הַפּוֹל, וְאֵין נֶאֱמָנִין עַל הַגְּרִיסִין, לֹא חַיִּים וְלֹא מְבֻשָּׁלִין. נֶאֱמָנִין עַל הַשֶּׁמֶן לוֹמַר שֶׁל מַעְשַׂר עָנִי הוּא, וְאֵין נֶאֱמָנִין עָלָיו לוֹמַר שֶׁל זֵיתֵי נִקּוּף הוּא:

Man darf den Armen glauben, wenn es Weizen, nicht aber, wenn es Mehl oder Brot ist. Man darf ihnen glauben, wenn der Reis noch in den Ähren ist, sonst aber nicht, er mag roh oder gekocht sein. Man darf ihnen glauben, wenn die Bohnen ganz, nicht aber wenn sie zermalmt sind, sie mögen roh oder gekocht sein. Man darf ihnen glauben, wenn sie sagen: Dieses Öl ist vom Armenzehnten. Nicht aber, wenn sie sagen: Es ist von den Ölbeeren, die abgeschlagen wurden.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Man darf ihnen bei Weizen glauben. Wenn sie sagen, er ist vom ihnen gebenen Armenzehnt, aber nicht, wenn sie sagen, dass dieses Mehl oder Brot vom Armenzehnt stammt, das ihnen in Form von Mehl oder Brot entrichtet worden ist, weil man Armenzehnt in der Regel nicht in Form von Mehl oder Brot abgibt.

Der Reis in den Ähren. Manche erklären, dass es ein Bündel von Reis ist, weil man Reis meist in Form von Ähren als Armenzehnt abgibt. Andere erklären, dass man eine Ähre von Reis als שעורה (Gerste) bezeichnet, bevor sie geschlagen und geschält wird. Nach der Dresche, wenn sie noch in den Schalen liegen, gibt man sie an die Armen aus.

גריסין. Die mit der Bohnen-Mühle gemahlen ist.

Man glaubt ihnen beim Öl. Weil man Armenzehnt aus Öl abgibt.

Man glaubt ihnen nicht, wenn sie sagen, es ist von den Ölbeeren, die abgeschlagen wurden. Die abgeschlagenen Ölbeeren gehören zu den Armengaben; sie schlagen die Oliven, um die von der Lese verbliebenen Ölbeeren herabzubekommen. נקוף ist wie in »der Oliven schlägt«. Man glaubt einem Armen nicht, der erklärt, dass dieses Öl von abgeschlagenen Oliven stammt und somit zehntfrei ist, weil man aus abgeschlagenen Oliven meist kein Öl presst. Erklärt aber ein Armer, dieses Mehl oder Brot stammt von Getreide aus von ihm gesammeltem Leket, Schich’cha oder Pea, so glaubt man ihm, weil Arme gewöhnlich Brot aus Leket, Schich’cha oder Pea backen.

Mischna 4

נֶאֱמָנִים עַל הַיָּרָק חַי, וְאֵין נֶאֱמָנִים עַל הַמְבֻשָּׁל, אֶלָּא אִם כֵּן הָיָה לוֹ דָּבָר מֻעָט, שֶׁכֵּן דֶּרֶךְ בַּעַל הַבַּיִת לִהְיוֹת מוֹצִיא מִלְּפָסוֹ:

Man glaubt ihnen, wenn das Kraut roh, nicht aber, wenn es gekocht ist; es sei denn, dass die Armen nur wenig davon haben;
weil es die Art des Eigentümers ist, auch (den Armenzehnt) aus dem Kessel zu geben.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Man glaubt ihnen. Den Armen, wenn sie sagen, dass rohes Kraut vom Armenzehnt stammt; Kraut ist rabbinisch zehntpflichtig.

Wenig. Man glaubt ihnen auch, wenn es gekocht ist, weil der Eigentümer mitunter vergisst, es im rohen Zustand zu verzehnten und es erst aus dem Topf nachholt.

Aus seinem לפס. Aus dem Topf oder Tiegel, in dem er kocht.

Mischna 5

אֵין פּוֹחֲתִין לָעֲנִיִּים בַּגֹּרֶן מֵחֲצִי קַב חִטִּים וְקַב שְׂעוֹרִים. רַבִּי מֵאִיר אוֹמֵר, חֲצִי קַב. קַב וָחֵצִי כֻסְּמִין, וְקַב גְּרוֹגָרוֹת, אוֹ מָנֶה דְּבֵלָה. רַבִּי עֲקִיבָא אוֹמֵר, פְּרָס. חֲצִי לֹג יָיִן. רַבִּי עֲקִיבָא אוֹמֵר, רְבִיעִית. רְבִיעִית שֶׁמֶן. רַבִּי עֲקִיבָא אוֹמֵר, שְׁמִינִית. וּשְׁאָר כָּל הַפֵּרוֹת, אָמַר אַבָּא שָׁאוּל, כְּדֵי שֶׁיִּמְכְּרֵם וְיִקַּח בָּהֶם מְזוֹן שְׁתֵּי סְעֻדּוֹת:

Man darf den Armen auf der Tenne nicht weniger als ein halbes קב Weizen und ein קב Gerste geben. Rabbi Meïr aber sagt: Ein halbes קב; — anderthalb קב Dinkel und ein קב trockener Feigen, oder eine מנה Feigenkuchen. Rabbi Akiwa aber meint: Eine halbe מנה.
— Ein halbes לוג Wein. Rabbi Akiwa dagegen: ein Viertel. Ein Viertel (לוג) Öl, nach Rabbi Akiwa ein Achtel. Von allen übrigen Früchten, meint Abba Schaul, muss man ihnen so viel geben, dass,
wenn einer von ihnen es verkauft, er für das, was er dafür erhält, sich Speise für zwei Mahlzeiten kaufen kann.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Man gibt den Armen auf der Tenne nicht weniger. Wenn man den Armenzehnt auf der Tenne verteilt, so darf man jedem einzelnen Armen nicht weniger als dieses Maß geben, wie es heißt: (??? wo) »Sie essen in deinen Toren und werden satt« — gib ein Maß, mit dem sie satt werden.

Feigenkuchen. Man nennt getrockenete, in eine runde Form gepresste Feigen דבילה. Sie werden nach Zahl und nicht mehr nach Gewicht gehandelt; deswegen lehrt er »eine Mine Feigenkuchen«.
Eine Mine hat das Gewicht von 100 Dinar, ein Dinar von 16 Ma’a,
eine Ma’a schließlich ein Gewicht von 16 Gerstenkörnern.

פרס. Eine halbe Mine. Bei den hier aufgeführten Maßen folgt die Halacha dem ersten Tanna sowie Abba Schaul. Dies ist aber nur über jemanden gesagt, der den Armenzehnt auf der Tenne ausgibt. Wer aber den Armenzehnt zu Hause ausgibt, kann nach eigenem Gutdünken verteilen, ohne dass die Weisen hierfür ein Maß festgesetzt hätten.

Mischna 6

מִדָּה זוֹ אֲמוּרָה בְּכֹהֲנִים וּבִלְוִיִּם וּבְיִשְׂרְאֵלִים. הָיָה מַצִּיל, נוֹטֵל מֶחֱצָה וְנוֹתֵן מֶחֱצָה. הָיָה לוֹ דָבָר מֻעָט, נוֹתֵן לִפְנֵיהֶם, וְהֵן מְחַלְּקִין בֵּינֵיהֶם:


Dieses Maß ist bestimmt für (arme) Kohanim, Leviten und Israeliten. Will jemand etwas (für seine armen) Verwandten zurückhalten, so nimmt er die Hälfte und gibt die (andere)
Hälfte fort. Bleibt ihm dann nur noch wenig zurück, so legt er es vor die Armen hin und sie teilen dasselbe unter sich.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Dieses Maß. Das man einem Armen nicht weniger gibt …, ist für Kohanim, Leviten und Israeliten gesagt. Wer auf der Tenne Armenzehnt ausgibt, darf nicht weniger als diese Maße geben.

Behält er zurück. Wenn jemand nicht seinen ganzen Armenzehnt den Armen geben, sondern einen Teil für seine armen Verwandten zurückbehalten will.

Nimmt er die Hälfte. Und legt sie für die Verwandten beiseite.

Und gibt die andere Hälfte fort. Den gerade kommenden Armen.
Wenn ihm nur noch wenig geblieben ist, nachdem er die Hälfte für die Verwandten beseitegelegt hat — d. h., es ist nicht genug,
um jedem Armen laut dem oben in der Mischna gelehrten Maß zu geben —, dann gibt er alles Verbliebene den Armen und sie mögen es unter sich verteilen.

Mischna 7

אֵין פּוֹחֲתִין לֶעָנִי הָעוֹבֵר מִמָּקוֹם לְמָקוֹם מִכִּכָּר בְּפוּנְדְיוֹן, מֵאַרְבַּע סְאִין בְּסֶלַע. לָן, נוֹתְנִין לוֹ פַּרְנָסַת לִינָה. שָׁבַת, נוֹתְנִין לוֹ מְזוֹן שָׁלשׁ סְעֻדּוֹת. מִי שֶׁיֶּשׁ לוֹ מְזוֹן שְׁתֵּי סְעֻדּוֹת, לֹא יִטֹּל מִן הַתַּמְחוּי. מְזוֹן אַרְבַּע עֶשְׂרֵה סְעֻדּוֹת , לֹא יִטֹּל מִן הַקֻּפָּה. וְהַקֻּפָּה נִגְבֵּית בִּשְׁנַיִם, וּמִתְחַלֶּקֶת בִּשְׁלשָׁה:

Man gibt einem Armen, der von einem Ort zum anderen wandert, nicht weniger als ein Brot, das ein Pundion wert ist, wenn man vier סאה (Getreide) um ein סלע bekommt. Bleibt er über Nacht, so gebe man ihm, was zu einem Nachtlager gehört. (Bleibt er über) שבת, so muss man ihm Speise für drei Mahlzeiten geben. Wer Speise für zwei Mahlzeiten hat, der nehme nichts aus der Armenschüssel. Wer Speise für vierzehn Mahlzeiten hat, der nehme nichts aus der Armenbüchse. Die Sammlung für dieselbe wird immer durch zwei Personen besorgt. Bei der Verteilung jedoch müssen immer drei zugegen sein.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Als ein Brot, das ein Pundion wert ist. Ein Laib Brot, der für ein Pundion verkauft wird, wenn die Weizen für ein Sela je vier Sea gehandelt werden. Vier Sea entsprechend 24 Kaw (eine Sea ist vier Kaw und ein Sela ist vier Dinar, von denen jeder sechs Ma’a entspricht, also ist ein Sela 24 Ma’a, eine Ma’a zwei Pundion). Somit beträgt ein Laib Brot im Wert von einem Pundion ein halbes Kaw. Weil der Händler aber für die Kosten des Mahlens und Backens aufkommen muss, kann ein Laib von einem halben Kaw je Pundion nicht für denselben Preis wie das Getreide vom Markt verkauft werden, wo vier Sea für ein Sela üblich ist. Deswegen kann man für ein Pundion nur einen Laib aus einem viertel Kaw bekommen. Wenn man nun auf der Tenne Getreide an die Armen verteilt, damit sie es für sich selbst mahlen und backen, solll man ihnen nicht unter einem halben Kaw geben. Gibt man ihnen aber einen fertigen Laib Brot, braucht es nur ein Viertel Kaw zu sein — das entspricht sechs Beza (Volumen eines Eies). So wird in Eruwin 82 erklärt.

Nachtlager. Bett, Kissen, Decken.

Speise für drei Mahlzeiten. Weil man am Schabbat drei Mahlzeiten zu essen verpflichtet ist.

Er nehme nicht aus der Armenschüssel. Weil die Armenschüssel jeden Tag ausgegeben wird; die Armenvorsteher gehen nämlich täglich die Hausbesitzer ab, um von ihnen Speise für die Armen einzusammeln. Das Gefäß, in welches sie die Speise legen, heißt תמחוי (Schüssel).

Er nehme nicht aus der Armenbüchse. Weil diese von Woche zu Woche ausgegeben wird.

Die Sammlung wird durch zwei Personen besorgt. Weil man wegen der Armenabgaben pfänden kann, man aber finanzielle Aufgaben der Gemeinde nicht von weniger als zwei Personen vornehmen lässt.

Wird mit dreien verteilt. Weil das wie eine Gerichtsentscheidung in Geldangangelegenheiten ist, welche wenigstens dreier Richter bedarf.

Mischna 8

מִי שֶׁיֶּשׁ לוֹ מָאתַיִם זוּז, לֹא יִטֹּל לֶקֶט שִׁכְחָה וּפֵאָה וּמַעְשַׂר עָנִי. הָיוּ לוֹ מָאתַיִם חָסֵר דִּינָר , אֲפִלּוּ אֶלֶף נוֹתְנִין לוֹ כְאַחַת, הֲרֵי זֶה יִטֹּל. הָיוּ מְמֻשְׁכָּנִים לְבַעַל חוֹבוֹ אוֹ לִכְתֻבַּת אִשְׁתּוֹ, הֲרֵי זֶה יִטֹּל. אֵין מְחַיְּבִין אוֹתוֹ לִמְכֹּר אֶת בֵּיתוֹ וְאֶת כְּלֵי תַשְׁמִישׁוֹ:

Wer zweihundert Sus in seinem Vermögen besitzt, der soll weder פאה, שכחה, לקט noch den Armenzehnt annehmen. Fehlt ihm aber nur zweihundert nur ein Dinar, so kann er es annehmen, wenn ihm auch tausend Eigentümer zu gleicher Zeit (die Gaben) geben. Ist sein Vermögen seinem Gläubiger, oder für die Morgengabe seiner Frau verpfändet, so darf er es annehmen. Auch darf man ihn nicht zwingen, sein Haus oder seine Geräte zu verkaufen.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

200 Sus. Die Rabbiner haben als gesichert angenommen, dass das für Kleidung und Speise eines Jahres reicht.

Für die Morgengabe seiner Frau. Auch wenn sie bei ihm wohnt.

Seine Geräte. Schöne Kleider, die man am Schabbat und Feiertag trägt. Das gilt, wenn er Leket, Schich’cha und Pea nehmen will, aber nicht aus der Armenbüchse, weil er sich im Stillen, ohne Hilfe des Armenvorstehers versorgen will. Nimmt er aber aus der Armenbüchse, lässt man ihn erst dann Leket,
Schich’cha und Pea sammeln, wenn er seine Geräte verkauft.

Mischna 9

מִי שֶׁיֶּשׁ לוֹ חֲמִשִּׁים זוּז וְהוּא נוֹשֵׂא וְנוֹתֵן בָּהֶם, הֲרֵי זֶה לֹא יִטֹּל. וְכָל מִי שֶׁאֵינוֹ צָרִיךְ לִטֹּל וְנוֹטֵל, אֵינוֹ נִפְטָר מִן הָעוֹלָם עַד שֶׁיִּצְטָרֵךְ לַבְּרִיּוֹת. וְכָל מִי שֶׁצָּרִיךְ לִטֹּל וְאֵינוֹ נוֹטֵל, אֵינוֹ מֵת מִן הַזִּקְנָה עַד שֶׁיְּפַרְנֵס אֲחֵרִים מִשֶּׁלּוֹ, וְעָלָיו הַכָּתוּב אוֹמֵר בָּרוּךְ הַגֶּבֶר אֲשֶׁר יִבְטַח בַּה‘ וְהָיָה ה‘ מִבְטַחוֹ (ירמיה יז). וְכֵן דַּיָּן שֶׁדָּן דִּין אֱמֶת לַאֲמִתּוֹ . וְכָל מִי שֶׁאֵינוֹ לֹא חִגֵּר, וְלֹא סוּמָא, וְלֹא פִסֵּחַ , וְעוֹשֶׂה עַצְמוֹ כְּאַחַד מֵהֶם, אֵינוֹ מֵת מִן הַזִּקְנָה עַד שֶׁיִּהְיֶה כְּאֶחָד מֵהֶם, שֶׁנֶּאֱמַר (דברים טז) צֶדֶק צֶדֶק תִּרְדֹּף. וְכָל דַּיָּן שֶׁלּוֹקֵחַ שֹׁחַד וּמַטֶּה אֶת הַדִּין, אֵינוֹ מֵת מִן הַזִּקְנָה עַד שֶׁעֵינָיו כֵּהוֹת, שֶׁנֶּאֱמַר (שמות כג) וְשֹׁחַד לֹא תִקָּח כִּי הַשֹּׁחַד יְעַוֵּר פִּקְחִים וְגוֹ‘:

Wer nur fünfzig Sus hat und damit Geschäfte macht, der nehme nichts an. Wer nichts zu nehmen braucht und doch annimmt, der geht nicht aus der Welt, ohne anderer Menschen bedürftig zu sein. Wer hingegen zu nehmen benötigt ist und dennoch nichts nimmt, der stirbt nicht, ohne im hohen Alter andere mit seinem Vermögen unterstützt zu haben. Von ihm sagt die Schrift (Jeremia 17:7): »Gesegnet ist der Mann, der auf Gott vertraut, dessen Zuversicht der Ewige ist.« So ist’s auch mit dem Richter, der nach der Wahrheit ein Urteil fällt. — Wer weder lahm, noch blind, noch hinkend ist und sich doch stellt, als wäre er es,
der erlebt es noch, dass er es wirklich wird. Denn es heißt (Proverbien 11:27): »Wer Böses sucht, über den wird es kommen«.
Auch heißt es (5 Moses 16:20): »Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du nachstreben!« Jeder Richter, der Bestechung annimmt und das Recht beugt, der erlebt es noch, dass seine Augen blöde werden, wie es heißt (2 Moses 23:): »Auch sollst du keine Bestechung annehmen, denn die Bestechung blendet die Sehenden.«

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Wer nur 50 Sus hat. 50 produktive Sus sind besser als 200 unproduktive.

Wer zu nehmen benötigt und dennoch nichts nimmt… Wenn er sich etwa mit Arbeit durchschlägt und durch seiner Hände Werk versorgt, um bloß nicht von anderen nehmen zu müssen. Wenn es aber auch so nicht hinreicht und er sich am Rande der Existenz plagt, über den sagt man: »Wer zu nehmen benötigt und nicht nimmt, der vergießt Blut; man darf sich seiner nicht erbarmen.«
Seiner selbst erbarmt er sich nicht, anderer noch viel weniger.

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Die Mischna – Pea von Alexander Adler ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.