Mischna

Die Mischna – Pea > Kapitel 7

Mischna 1

כָּל זַיִת שֶׁיֶּשׁ לוֹ שֵׁם בַּשָּׂדֶה, אֲפִלּוּ כְּזֵית הַנְּטוֹפָה בִּשְׁעָתוֹ, וּשְׁכָחוֹ, אֵינוֹ שִׁכְחָה. בַּמֶּה דְבָרִים אֲמוּרִים, בִּשְׁמוֹ וּבְמַעֲשָׂיו וּבִמְקוֹמוֹ. בִּשְׁמוֹ, שֶׁהָיָה שִׁפְכוֹנִי אוֹ בֵישָׁנִי. בְּמַעֲשָׂיו, שֶׁהוּא עוֹשֶׂה הַרְבֵּה. בִּמְקוֹמוֹ, שֶׁהוּא עוֹמֵד בְּצַד הַגַּת אוֹ בְצַד הַפִּרְצָה. וּשְׁאָר כָּל הַזֵּיתִים, שְׁנַיִם שִׁכְחָה , וּשְׁלשָׁה אֵינָן שִׁכְחָה. רַבִּי יוֹסֵי אוֹמֵר, אֵין שִׁכְחָה לַזֵּיתִים:

Jeder Ölbaum, welcher auf dem Feld einen besonderen Namen hat, wie etwa der Ölbaum von נטופה zu seiner Zeit, ist, wenn man ihn vergessen hat, keine שכחה. Dieses findet jedoch nur statt, wenn er durch seinen Namen, durch seine Leistung oder seinen Standort bekannt ist. Durch seinen Namen: z. B. בישני, שופכני; durch seine Leistung, wenn er viel trägt; durch seinen Standort, wenn er an der Seite einer Kelter oder Mauerlücke steht. Bei anderen Ölbaumen aber sind zwei שכחה, drei hingegen keine שכחה. Rabbi Josse sagt: Bei Ölbäumen findet keine שכחה statt.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Jede Olive. Die Olive von נטופה. Man nennt sie נטופה, weil sie Öl tröpfelt (נוטף). Sie wird nie Schich’cha, obwohl sie nicht jedes Jahr tröpfelt, da sie einmal diesen Namen erworben hat, wie es heißt: »und hast du eine Garbe auf dem Feld vergessen« — eine Garbe, die du für immer vergisst. Das schließt eine solche aus, die nach einer gewissen Zeit wieder einfällt.

שופכני. Weil seine Ölbeeren Öl fließen lassen lassen (שופך).

בישני. Weil er die anderen Bäume aufgrund seines vielen Öls beschämt (מבייש), welches bei ihm reichlicher als bei anderen fließt.

Weil er viel trägt. Viele Oliven.

Zwei — Schich’cha. Die anonyme Mischna folgt der Schule des Hillel, die oben lehrt: zwei Oliven — den Armen.

Rabbi Josse sagt: Bei Ölbäumen findet keine Schich’cha statt. Er redet nur von der Zeit, zu welcher der Kaise Hadrian das Land verwüstete und es keine Oliven gab. Gibt es aber Oliven, stimmt er zu, dass Schich’cha stattfindet. Ähnlich hat auch einer, dessen sämtliche Früchte נטופה, בישני oder שופכני sind, bei allen Schich’cha.

Mischna 2

זַיִת שֶׁנִּמְצָא עוֹמֵד בֵּין שָׁלשׁ שׁוּרוֹת שֶׁל שְׁנֵי מַלְבְּנִים וּשְׁכָחוֹ, אֵינוֹ שִׁכְחָה. זַיִת שֶׁיֶּשׁ בּוֹ סָאתַיִם, וּשְׁכָחוֹ, אֵינוֹ שִׁכְחָה. בַּמֶּה דְבָרִים אֲמוּרִים, בִּזְמַן שֶׁלֹּא הִתְחִיל בּוֹ. אֲבָל אִם הִתְחִיל בּוֹ, אֲפִלּוּ כְּזֵית הַנְּטוֹפָה בִּשְׁעָתוֹ, וּשְׁכָחוֹ, יֶשׁ לוֹ שִׁכְחָה. כָּל זְמַן שֶׁיֶּשׁ לוֹ תַחְתָּיו, יֶשׁ לוֹ בְרֹאשׁוֹ. רַבִּי מֵאִיר אוֹמֵר, מִשֶּׁתֵּלֵךְ הַמַּחֲבֵא:

Ein Ölbaum, der zwischen drei Reihen Ölbäume und zwei Beeten in der Mitte steht und vergessen wird, ist nicht שכחה. Ein Ölbaum,
der zwei סאה trägt, ist, wenn man ihn vergisst, keine שכחה. —
Das, was (oben in der Mischna) gelehrt wurde, gilt nur dann,
wenn man noch nicht daran angefangen hatte; wenn man aber bereits angefangen hatte, so findet selbst bei dem Ölbaum von נטופה in seiner Zeit, wenn man denselben vergessen hat, שכחה statt. So lange der Eigentümer etwas unter dem Baum hat, gehört ihm auch alles, was sich am Wipfel befindet. Rabbi Meïr sagt: Bis derjenige, der das Versteckte aufsucht, weggegangen ist.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Zwischen drei Reihen Oliven und zwei Beten. Drei Reihen von Ölbäumen; zwischen der ersten und zweiten Reihe befindet sich ein rechteckiges Beet wie bei den »Ziegeln von Getreide« in III:1; ähnlich auch zwischen der zweiten und dritten Reihe. Er hat nun den mittleren Baum der mittleren Reihe vergessen. Dieser ist keine Schich’cha, weil die umgebenden Bäume ihn bedecken.
Das ist wie im oben behandelten Fall, dass die Armen ihn mit Stroh bedeckt oder sich davorgestellt haben, wo er keine Schich’cha ist.

Wovon ist das gesagt? Das bezieht sich auf die Mischna oben: »Beim Ölbaum von נטופה zu seiner Zeit findet keine Schich’cha statt.« Wovon ist das gesagt? Wenn man noch nicht daran angefangen hat. Wenn man aber bereits angefangen und etwas vergessen hat, ist das Schich’cha, sofern es nicht das Maß von zwei Sea hat.

Solange der Eigentümer etwas unter dem Baum hat, gehört ihm auch alles, was sich am Wipfel befindet. Wenn dem Eigentümer einfällt, dass er Oliven vergessen hat, während unter dem Baum noch etwas hängt, so darf er zurückkehren, um sie einzusammeln.
Was er am Wipfel des Baumes vergessen hat, wird erst dann als Schich’cha gewertet, wenn ihm auch unter dem Baum keine Oliven mehr bleiben.

Rabbi Meïr sagt: Bis derjenige, der das Versteckte aufsucht, weggegangen ist. D. h., bis der Sammler alle Verstecke durchsucht hat. Dann gehört alles Verbliebene den Armen, wenn der Eigentümer noch unter dem Baum Oliven hat. Hat aber derjenige, der das Versteckte durchsucht, noch nicht gesucht, kann er weitersammeln. Die Halacha folgt nicht Rabbi Meïr.

Mischna 3

אֵיזֶהוּ פֶרֶט, הַנּוֹשֵׁר בִּשְׁעַת הַבְּצִירָה. הָיָה בוֹצֵר, עָקַץ אֶת הָאֶשְׁכּוֹל, הֻסְבַּךְ בֶּעָלִים, נָפַל מִיָּדוֹ לָאָרֶץ וְנִפְרַט, הֲרֵי הוּא שֶׁל בַּעַל הַבָּיִת. הַמַּנִּיחַ אֶת הַכַּלְכָּלָה תַּחַת הַגֶּפֶן בְּשָׁעָה שֶׁהוּא בוֹצֵר, הֲרֵי זֶה גּוֹזֵל אֶת הָעֲנִיִּים, עַל זֶה נֶאֱמַר אַל תַּסֵּג גְּבוּל עוֹלִים:

Was ist פרט? Dasjenige, was beim Weinlesen herabfällt. Wenn der Winzer eine Traube abschneidet, die sich in die Blätter verwickelt hatte, dann zur Erde fällt, wodurch die Beeren (von seiner Hand) abfallen, so gehört sie dem Eigentümer. — Wer beim Weinlesen einen Korb unter den Weinstock stellt, der beraubt die Armen, und von ihm heißt es: Entrücke nicht die Grenze derjenigen, die heruntergekommen sind.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Was ist פרט? Worüber die Schrift sagt: »Und das פרט deines Weinstockes sollst du nicht sammeln.«

עקץ. Wenn er schneidet.

Sich in die Blätter verwickelt hat. Sie hat sich mit den Blättern verwickelt und verknotet und ist nur in Folge dessen zu פרט geworden.

Sie gehören dem Eigentümer. Weil sie nicht beim normalen Lesen zu פרט geworden sind.

Wer beim Weinlesen einen Korb unter den Weinstock stellt. Er legt einen Korb unter den Weinstock, damit das פרט hineinfällt.

Der beraubt die Armen. Die Armen erwerben das Recht am פרט schon, bevor sie die Erde erreichen.

Entrücke nicht die Grenze derjenigen, die heruntergekommen sind. Das wird oben in Kapitel 5 erklärt.

Mischna 4

אֵיזוֹהִי עוֹלֶלֶת. כָּל שֶׁאֵין לָהּ לֹא כָתֵף וְלֹא נָטֵף. אִם יֶשׁ לָהּ כָּתֵף אוֹ נָטֵף, שֶׁל בַּעַל הַבַּיִת, אִם סָפֵק, לָעֲנִיִּים. עוֹלֶלֶת שֶׁבָּאַרְכֻּבָּה, אִם נִקְרֶצֶת עִם הָאֶשְׁכּוֹל , הֲרֵי הִיא שֶׁל בַּעַל הַבַּיִת, וְאִם לָאו, הֲרֵי הִיא שֶׁל עֲנִיִּים. גַּרְגֵּר יְחִידִי, רַבִּי יְהוּדָה אוֹמֵר, אֶשְׁכּוֹל. וַחֲכָמִים אוֹמְרִים, עוֹלֶלֶת:

Was ist עוללת (Olelet, Mehrzahl Olelot; »Kinder«)? Jede Traube, die keine aneinander gedrängten Seitenträubchen hat und an deren Ende keine Beeren herabhängen. Hat sie das eine oder das andere, so gehört die Traube dem Eigentümer. Ist es aber zweifelhaft, so gehört sie den Armen. עוללת an den Knoten der Rebe gehört, wenn sie mit der Traube zugleich geschnitten wird,
dem Eigentümer, wo nicht, den Armen. Eine Traube mit einzelnen Beeren ist nach Rabbi Jehuda eine vollkommene Traube, nach den Weisen aber עוללת.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Was ist עוללת? Was der Vers meint (3 Moses 19:9) »Und von deinem Weinberg sollst du die עוללות nicht abnehmen.«

Schulter. Der mittlere Ast der Rebe trägt viele kleine Trauben. Liegen sie aufeinander wie die Last, die ein Mann auf der Schulter trägt, heißen sie כתף (Schulter). Wenn sie an einem Ast verstreut sind — eines hier, eines dort —, hat die Rebe keine »Schulter«.

Hängendes. Das sind Weintrauben, die am Ende des Astes hängen, denn meist gibt es dort viele Trauben. Weil die Trauben herabhängen, nennt man sie נטף (hängend). In der biblischen Sprache heißen Reben ohne »Schulter« und ohne »Hängendes« עולל (Kind), weil sie verglichen mit den anderen Reben wie ein Kind im Vergleich zu einem Mann aussehen.

Ist es zweifelhaft. Die kleinen Träubchen, die am Ast hängen, sehen aus, als ob sie aufeinander lägen, obwohl sie nicht wirklich liegen. Damit ist zweifelhaft, ob sie eine »Schulter« haben oder nicht.

Am »Knie«. Ein Zweig der Rebe, an dem viele Trauben hängen und die bei Lesen geschnitten wird; man nennt sie Knie(scheibe), weil manchmal Olelot unter den Trauben sind.

Geschnitten. Gepflückt und abgeschnitten. Ein Beispiel für diesen Ausdruck lehrt man im Traktat Joma: (III:4) »Er schlachtet es, während ein anderer an seiner Seite den Schnitt vollendet«. Und in der Schrift: (Jeremia 46:20) »Der Schlächter kommt von Nord«.

Eine Traube mit einzelnen Beeren. Etwa eine Traube, an der keine kleinen Trauben hängen, sondern die Beeren wachsen am Ast selbst.

Rabbi Jehuda sagt: Eine vollkommene Traube. Wie es steht (Jesaja 17:6) »Bei ihm bleiben nur Olelot, wie ein gepflückter Ölbaum: zwei oder drei Beeren an einem Ast …« Daraus folgt:
Zwei oder drei Beeren sind Olelot, mehr sind eine Traube.

Die Weisen sagen: Olelot. Weil übereinanderliegende Beeren nicht als »Schulter« gewertet werden. Die Halacha folgt nicht den Weisen.

Mischna 5

הַמֵּדֵל בַּגְּפָנִים, כְּשֵׁם שֶׁהוּא מֵדֵל בְּתוֹךְ שֶׁלּוֹ, כֵּן הוּא מֵדֵל בְּשֶׁל עֲנִיִּים, דִּבְרֵי רַבִּי יְהוּדָה. רַבִּי מֵאִיר אוֹמֵר, בְּשֶׁלּוֹ הוּא רַשַּׁאי, וְאֵינוֹ רַשַּׁאי בְּשֶׁל עֲנִיִּים:

Wer an den Weinstöcken eine Verdünnung vonimmt, der darf ebenso wie das Seinige auch das der Armen verdünnen, dies sind die Worte des Rabbi Jehuda. Rabbi Meïr hingegen lehrt: An dem Seinigen darf er es vornehmen, nicht aber an dem der Armen.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Wer an den Weinstöcken eine Verdünnung vornimmt. Wenn die Weinstöcke dicht an dicht gedrängt sind, jätet man aus ihrer Mitte einige aus, was den verbliebenen nützt.

Verdünnt auch das der Armen. Obwohl sie Pea oder Olelot enthalten, verdünnt er doch dort wie beim Seinigen. Rabbi Jehuda ist der Meinung, dass die Armen wie Partner zu betrachten sind.
Wie er beim Teil eines Partners verdünnen darf, darf er es auch beim Teil des Armen.

Rabi Meïr dagegen lehrt: An dem Seinigen darf er es vornehmen. Er ist der Meinung, dass die Armen als Käufer betrachtet werden müssen. Hat einer einem anderen zehn Trauben verkauft, darf er sie nicht verdünnen — so auch bei den Armen.
Die Halacha folgt Rabbi Jehuda.

Mischna 6

כֶּרֶם רְבָעִי, בֵּית שַׁמַּאי אוֹמְרִים, אֵין לוֹ חֹמֶשׁ, וְאֵין לוֹ בִעוּר. בֵּית הִלֵּל אוֹמְרִים, יֶשׁ לוֹ. בֵּית שַׁמַּאי אוֹמְרִים, יֶשׁ לוֹ פֶרֶט וְיֶשׁ לוֹ עוֹלְלוֹת, וְהָעֲנִיִּים פּוֹדִין לְעַצְמָן. וּבֵית הִלֵּל אוֹמְרִים, כֻּלּוֹ לַגַּת:

Bei einem vierjährigen Weinstock findet nach der Schule Schammais weder das Fünftel noch die Wegräumung statt. Nach der Schule Hillels jedoch kommt beides zur Anwendung. Nach der Schule Schammais unterliegt er auch dem פרט und עוללות, die Armen müssen auch diese für sich auslösen. Nach der Schule Hillels jedoch muss alles in die Kelter kommen.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Ein vierjähriger Weinstock. Wer einen Baum pflanzt, der essbare Früchte trägt, muss im vierten Jahr die Frucht nach Jerusalem bringen und sie dort mit der gleichen Stufe von Heiligkeit wie zweiten Zehnt verzehren. Er kann sie auch auslösen und das Geld nach Jerusalem bringen, wie es heißt: (3 Moses 19:23f) »Und im vierten Jahr soll seine gesamte Frucht ein preisendes Heiligtum sein«. Man legt »preisend« (הלולים) wie »entweiht« (חלולים) aus. Der Vers sagt: Entweihe sie (d. h., löse sie aus) und genieße sie dann.

Die Schule des Schammai sagt: Es findet kein Fünftel statt. Obwohl sie wie zweiter Zehnt ausgelöst werden, muss man doch kein Fünftel hinzugeben, weil die Schrift in Bezug auf sie kein Fünftel erwähnt.

Es findet keine Ausräumung statt. Er muss es im dritten und sechsten Jahr am Vortag von Pessach nicht forträumen, wenn er die Zehnten ausräumt, wie es heißt: »ich habe das Heilige aus dem Haus fortgeschafft«.

Die Schule des Hillel sagt: Es gibt sie. Sowohl Fünftel als auch Ausräumung findet bei ihm statt. Die Schule des Hillel lernt es aus einer Analogie des Wortes »Heiliges« beim Zehnten:
Wie der Zehnt sowohl Fünftel als auch Ausräumung kennt, so kennt auch der vierjährige Weinstock Fünftel und Ausräumung. Die Schule des Schammai lernt diese Analogie »Heiliges«/»Heiliges« mit dem Zehnten nicht.

Nach der Schule des Hillel jedoch muss alles in die Kelter kommen. Weil sie es aus der Analogie mit dem Zehnten nehmen.
Sie sind der Meinung, dass zweiter Zehnt allerhöchstes (d. h. heiliges) Geld ist, an welchem also die Armen keinen Anteil haben. Vielmehr keltert man die Olelot mit dem übrigen Wein und der Eigentümer bringt alles nach Jerusalem.

Mischna 7

כֶּרֶם שֶׁכֻּלּוֹ עוֹלְלוֹת, רַבִּי אֱלִיעֶזֶר אוֹמֵר, לְבַעַל הַבָּיִת. רַבִּי עֲקִיבָא אוֹמֵר, לָעֲנִיִּים. אָמַר רַבִּי אֱלִיעֶזֶר, כִּי תִבְצֹר לֹא תְעוֹלֵל (דברים כד), אִם אֵין בָּצִיר, מִנַּיִן עוֹלְלוֹת. אָמַר לוֹ רַבִּי עֲקִיבָא, וְכַרְמְךָ לֹא תְעוֹלֵל (ויקרא יט), אֲפִלּוּ כֻלּוֹ עוֹלְלוֹת, אִם כֵּן לָמָּה נֶאֱמַר כִּי תִבְצֹר לֹא תְעוֹלֵל, אֵין לָעֲנִיִּים בָּעוֹלְלוֹת קֹדֶם הַבָּצִיר:

Finde sich in einem Weinberg nur עוללות, so gehören dieselben nach Rabbi Elieser dem Eigentümer, nach Rabbi Akiwa den Armen.
Da sprach Rabbi Elieser: Es heißt (5 Moses 24:21): »Wenn du in deinem Weinberg Lese hältst, so sollst du die Beeren nicht nachklauben!« Wenn keine Weinlese ist, woher dann עוללות? Rabbi Akiwa erwiderte ihm: Es steht aber auch geschrieben (3 Moses 19:9): »Und deinen Weinberg sollst du nicht nachlesen!« was bedeutet: Auch wenn lauter עוללות da sind. Wenn dem so ist,
warum steht dann: »Wenn du Lese hältst«? Weil die Armen vor der Weinlese kein Recht auf עוללות haben.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Finden sich in einem Weinberg nur Olelot. Im ganzen Weinberg gibt es keine Traube, welche »Schulter« und »Hängendes« hat.

Wenn keine Weinlese ist. Das Mindestmaß der Weinlese ist drei Trauben, die wenigstens ein Viertel (sc. Log)
hervorbringen.

Rabbi Akiwa erwiderte ihm: »Und deinen Weinberg sollst du nicht nachlesen« — auch wenn lauter Olelot da sind. Rabbi Elieser verwirft dieses Argument, denn dort sagt man: Weil es keine Olelot (=Nachlese) vor der Weinlese gibt, können die Armen ihr Anrecht erst mit begonnener Weinlese erwerben; also muss der Eigentümer das Recht an den Trauben erwerben. Daher heißt es:
»Und deinen Weinberg sollst du nicht nachlesen.«

Mischna 8

הַמַּקְדִּישׁ כַּרְמוֹ עַד שֶׁלֹּא נוֹדְעוּ בוֹ הָעוֹלְלוֹת, אֵין הָעוֹלְלוֹת לָעֲנִיִּים. מִשֶּׁנּוֹדְעוּ בוֹ הָעוֹלְלוֹת, הָעוֹלְלוֹת לָעֲנִיִּים. רַבִּי יוֹסֵי אוֹמֵר , יִתְּנוּ שְׂכַר גִּדּוּלָיו לַהֶקְדֵּשׁ. אֵיזֶה הִיא שִׁכְחָה בֶּעָרִיס, כָּל שֶׁאֵינוֹ יָכוֹל לִפְשֹׁט אֶת יָדוֹ וְלִטְּלָהּ, וּבְרֹגְלִיּוֹת, מִשֶּׁיַּעֲבֹר הֵימֶנָּה:

Wenn jemand seinen Weinberg heiligt, ehe die עוללות zu erkennen sind, so gehören diese nicht den Armen; sind sie jedoch schon kenntlich, so gehören sie den Armen. Rabbi Josse sagt: Diese müssen jedoch dem Heiligtum für das weitere Wachsen derselben zahlen. — Was ist שכחה am aufgezogenen Weinstock? —
Dasjenige, was man nicht wieder mit ausgestreckter Hand fassen kann; und an einem liegenden Weinstock, bei dem man vorübergegangen ist.

Kommentar von R. Ovadja Bartenura רבי עובדיה מברטנורא

Ehe die Olelot zu erkennen sind. Ehe man erkennen kann, was Olelet und was Traube ist.

Die Olelot gehören den Armen. Ein Mensch kann nicht heiligen, was nicht sein Eigentum ist.

Sie müssen dem Heiligtum das Wachsen derselben bezahlen. Ihr Wertzuwachs vom Boden des Heiligtums. Die Halacha folgt Rabbi Josse.

Am aufgezogenen Weinstock. Ein Weinberg, dessen Stöcke sich auf Stangen und Hölzer stützen, wie in (Hohelied 1:16): »Auch unser Beet blüht.«

Alles, was man nicht mit ausgestreckter Hand fassen kann.
Nachdem er von ihm abgelassen hat. Wenn er es von der Stelle, an der es ihm eingefallen ist, nicht mit ausgestreckter Hand ergreifen kann, muss man auf dieses den Vers »Du sollst nicht zurückkehren, um es nachzulesen« anwenden.

Am liegenden Weinstock. Ein Weinstock, der auf dem Boden liegt, sodass man ihn mit dem Fuß (רגל) tritt.

Bei dem man vorübergegangen ist. Das ist Schich’cha, denn jeder Weinstock zählt als eine eigene Reihe; von einer zur anderen Reihe aber darf man nicht zurückkehren.

Creative Commons Lizenzvertrag
Die Mischna – Pea von Alexander Adler ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.