Ein Leben, Hochzeit

Die jüdische Hochzeit

Wenn zwei, die zusammen gehören, getrennt werden, wenn sie sich suchen und schließlich wieder finden, dann herrscht großer Jubel.
Diese Erfahrung bildet den Hintergrund für eine jüdische Hochzeit.

Zweimal am Tag bezeugen Israeliten in der Ausrufung des „Schma Israel“ die Einzigkeit des Ewigen 1. Als der Ewige den Menschen schuf, schuf Er ihn in Seinem Ebenbild, Mann und Frau schuf Er ihn, einen Menschen, einzig wie Er2. Der Mensch aber war einsam, hatte kein Gegenüber. Da trennte der Ewige den Menschen in Mann und Frau, einander Gegenüber zu sein. Und in der Folge verließ der Mann seine Eltern und folgte seiner Frau, um bei ihr zu sein, um mit ihr wieder ein Leib zu werden, das eine Ebenbild des Ewigen3.
Rabbi Eleazar drückte es so aus: Ein Mensch, der keine Frau hat, ist kein Mensch …4
In späterer Zeit veränderten gesellschaftliche Veränderungen das Verhalten der Menschen. Die Väter gewannen Gewalt über die Mütter, das vaterschaftliche Zeitalter begann, das bis in unsere Tage reicht. Nun verließ die Frau ihr Elternhaus und wurde Teil der Familie ihres Mannes. Die Vorlage hierfür finden wir im 24. Kapitel des I. Buch Moses: Der betagte Vater, Abraham, schickte einen Knecht als Brautwerber in seine alte Heimat, um dort für seinen Sohn Isaak eine Braut zu finden. Dort angekommen, fand jener bei Verwandten Abrahams eine anmutige, auch geneigte junge Frau, Rebekka, der er zwar von dem mitgebrachten Schmuck gab, mit der er aber nicht verhandelte. Das tat er mit ihrem Bruder und ihrem Vater, die angesichts der Brautgeschenke sofort damit einverstanden waren, sie zur Heirat in die Fremde ziehen zu lassen. Immerhin waren sie bereit, sie vorher noch um ihr Einverständnis zu befragen. Aus ihrer eigenständigen Persönlichkeit heraus, die sie hatte, entschied sie sich dafür, dem Brautwerber ins unbekannte Land, zu dem unbekannten Mann und dessen Familie folgen zu wollen. Sie begab sich mit ihm auf die wochenlange Reise. Spät am Nachmittag kamen sie in Kanaan an. Von weitem sah Rebekka Isaak auf dem Felde stehen. Ihm näher kommend, ließ sie sich vom Dromedar herab, um Isaak auf Augenhöhe zu begegnen, und verschleierte sich zur ersten Begegnung mit ihm. Isaak führte sie in das Zelt seiner (verstorbenen) Mutter. Sie wurde seine Frau und er gewann sie lieb5.
Dies ist die Grundlage für jüdische Hochzeiten bis heute, insbesondere in orthodoxen Kreisen.
Hier ist die Heirat kein egalitärer Vorgang. Der Mann erwirbt sich eine Frau. Das geht zwar nur mit ihrem Einverständnis und unterliegt auch strengen, zivilrechtlichen Regeln, ist aber kein gleichberechtigtes Ereignis zwischen den Geschlechtern. Und auch nur mit dem aktiven Einverständnis des Mannes, durch Ausstellen eines Scheidebriefes, kann die geschlossene Ehe wieder aufgelöst werden.
Die Gesellschaft hat ein starkes Interesse an geordneten Eheschließungen zwischen Mann und Frau, als der Grundlage für den Fortbestand der menschlichen Gemeinschaft. Die neu gegründete Familie sollte wirtschaftlich unabhängig sein, zugleich erhofften Kindern den geeigneten Rahmen für ihr Gedeihen geben. Darum sollte der Mann idealerweise auch erst ein eigenes Haus, dann ein zuverlässiges Einkommen haben bevor er sich vermählt6. Da junge Männer aber oft nicht in der Lage waren, den Brautpreis, der früher für den Erwerb der Braut zu entrichten war, aufzubringen, und sie daher im wünschenswerten Alter nicht heiraten konnten, entschieden die Gelehrten schon im ausgehenden Altertum, diesen Brautpreis zu stunden bis zum Augenblick einer eventuellen Ehescheidung bzw. der Verwitwung der Frau. Dies wurde im Ehevertrag festgehalten. Die dann fällige „Brautpreis“-Zahlung sollte ihr dann ein Auskommen sichern7. Auch die junge Frau sollte nicht mittellos in die Ehe gehen (und damit in völlige materielle Abhängigkeit vom Ehemann geraten). Es gilt daher als großes Verdienst, eine arme junge Frau mit Aussteuer und Mitgift materiell in Stand zu setzen, eine Ehe eingehen zu können. Zu diesem Zweck entstanden wohltätige Vereine, die mittellose Mädchen mit Spenden unterstützen (Kallah-Chavaroth)8.

Eine illustrierte Ketubah (etwa 18. Jhdt.)

Eine illustrierte Ketubah (etwa 18. Jhdt.)

In vielen orthodoxen Kreisen ist es auch heute noch üblich, dass Ehen vermittelt werden, – ein wichtiger Vorgang in geschlechter-getrennten Gesellschaften. Ein Heiratsvermittler, der viele Leute kennt, bringt die in Frage kommenden Familien zueinander. Es kommt zu Verhandlungen auf der Väterebene. Die jungen Leute werden um ihr Einverständnis befragt, kennen sich aber noch nicht. Wurde Einigkeit erzielt, wird ein möglichst baldiges Datum für die Hochzeit ermittelt, wobei es im Kalender Zeiten gibt, die sich für Hochzeiten eignen, andere, an denen Trauungen nicht stattfinden. Auch sollte sich die Braut am Hochzeitstag für die Mikweh, das rituelle Tauchbad, ohne das die geschlechtliche Vereinigung nicht stattfinden darf9, am Ende der ersten Hälfte ihres Monatszyklusses befinden. In liberaleren Kreisen haben sich die Heiratswilligen meist selbst gefunden, ohne Vermittlung. In Ländern, in denen die standesamtliche Trauung vorgeschrieben ist, wird diese vor der religiösen Hochzeit durchgeführt.

Auch wenn vermittelte Eheschließungen in einer säkularisierten Welt nicht mehr üblich sind, auch wenn die Partner sich ohne fremde Hilfe gefunden haben und vor einer Heirat schon längere Zeit sich kannten, oft auch bereits zusammen lebten, ist hierdurch noch nicht gewährleistet, dass die Ehe glücklich und von Dauer sein wird, wie die inzwischen zahlreichen Ehescheidungen zeigen. Egozentrik, an fremden Idolen sich orientierende Ansprüche an den Partner, mangelnde Geduld und Hinwendungsbereitschaft können Ursachen dafür sein. Auch arrangierte Eheschließungen, vor allem wenn sie nur nach finanziellen oder machtpolitischen Gesichtspunkten vermittelt werden, können sehr unglücklich enden. In Demut den Partner zu empfangen, ihn anzunehmen, ihn zu achten und zu ehren, bereit zu sein, mit ihm zu gehen und für ihn da zu sein, ist gewiss eine gute Ausgangshaltung, um die liebenswerten Seiten des Partners kennen und lieben zu lernen, eine Voraussetzung, um eine vertrauensvolle und sich entwickelnde Beziehung aufbauen zu können.
Im Hinblick auf die große Bedeutung, die die Eheschließung für das eigene Leben, für die Familien und für die ganze Gemeinschaft hat, ist es unter religiösen Menschen üblich, wie auch vor anderen Ereignissen, an denen sich unser weiteres Leben entscheiden wird, vom Morgen des Hochzeitstages an zu fasten10, im Nachmittagsgebet nach dem Achtzehn-Bitten-Gebet das Sündenbekenntnis zu sprechen und rechtzeitig in die Mikweh, das rituelle Tauchbad, zu gehen.

Erwerb und Zeremonie

Chuppah - aus einem alten Minhoghim-Buch

Chuppah – aus einem alten Minhoghim-Buch


Durch drei rechtswirksame Dinge kann ein Mann eine Frau nach jüdischem Recht erwerben, für die früher entweder/oder/oder galt, die heute aber alle drei gegeben sein müssen:

  • Ein materieller Wertgegenstand, heute nur noch von symbolisch-ritueller Bedeutung; es ist meist der Ehering.
  • Der Ehevertrag, die Ketubbah, von beiden Brautleuten und beiden obligaten, mit den Brautleuten nicht verwandten Trauzeugen unterschrieben, in der der Mann sich verpflichtet, seine Frau zu kleiden, sie zu ernähren, ihre ehelichen Bedürfnisse zu befriedigen und, im Fall der Ehescheidung oder seines Todes, ihr eine festgesetzte Ausgleichszahlung zu geben zu ihrer wirtschaftlichen Absicherung (dies entspricht dem gestundeten Brautpreis). Sie wird durch das Eingehen der Ehe verpflichtet, ihn zu ehren, ihn zu versorgen und ihm treu zu sein11.
  • Die Vereinigung von Mann und Frau im Anschluss an die Hochzeit. Vor der Trauungszeremonie überzeugen sich die Trauzeugen, dass der Wertgegenstand vorhanden ist und der Ehevertrag ordnungsgemäß verfasst und unterschrieben ist.

Der Ort der Hochzeit ist nicht festgelegt.
Es kann die Synagoge sein, es kann der Festraum eines Restaurants sein; die Hochzeit kann auch im Freien stattfinden.
Immer findet sie statt unter einem Baldachin, der Chuppah, die das Haus des Mannes, in das die Frau einzieht und das der zu gründenden Familie darstellt. So wird auch der Bräutigam zuerst von den Bräutigamsführern, meist den Eltern, in die Chuppah gebracht, wo er die Braut erwartet. Dann erst wird die Braut, verschleiert, von den Brautführern herbeigeführt, umkreist mit ihnen die Chuppah siebenmal, – es ist der weite Weg, den Erzmutter Rebekka ging – , und wird dann erst in die Chuppah geführt, wo der Bräutigam ihren Schleier lüftet.

Die Trauungszeremonie besteht aus zwei sehr verschiedenen Anteilen, die ursprünglich nicht beieinander lagen, aus sittlichen Gründen aber möglichst direkt aufeinander folgen sollten:

  • Die Anverlobung („Erussin“ = Qidduschin“), ein zivilrechtlicher Vorgang, mit dem die Brautleute einander verpflichtet werden, durch die aber das Miteinanderleben noch nicht gestattet wird.
  • Die Eheschließung („Nissu’in“).

Die Trauungszeremonie findet in Anwesenheit der Trauzeugen und unter der Leitung eines von der jüdischen Gemeinschaft zivilrechtlich Beauftragten, meist eines Rabbiners, auch des Vorbeters oder Gemeindelehrers, statt. Sie ist ein mit religiösen Elementen geschmückter zivilrechtlicher Vorgang.
Die Anverlobung wird mit dem Segen über einem Becher Wein eingeleitet. Darauf folgt ein Segensspruch, in dem die Gebote des züchtigen Umgangs angesprochen werden und betont wird, dass das Miteinanderleben als nur Anverlobte nicht gestattet ist, dass aber Anverlobung mit anschließender Heirat Israel heiligt. Dann trinken beide Brautleute aus dem Becher Wein. Mit den Worten: „Siehe, mit diesem Ring bist Du für mich abgesondert (d.h. aus der Schar heiratsfähiger Frauen) nach dem Gesetz Moses’ und Israels“ streift der Bräutigam nun den Ring über ihren rechten Zeigefinger. (Der reziproke Vorgang ist nur in liberal-jüdischen Kreisen üblich.) Damit ist der erste Teil der Trauungszeremonie beendet. Um den Unterschied zwischen beiden Teilen zu verdeutlichen, folgt nun eine kleine Pause, in der die Ketubbah laut vorgelesen wird.

Für die nun folgende Eheschließung wird ein zweiter Becher Wein gefüllt, das Symbol für all das Gute, das der Mensch vom Ewigen erhält, und darüber der Segen gesprochen. Nun folgen sechs Segenssprüche, die zusammen mit dem Segen über den Wein als „Scheva’ Berachot“ = „Sieben Segenssprüche“ bezeichnet werden. Mit diesen Segenssprüchen wird die Verbindung hergestellt zwischen einerseits dem Ewigen, der die Welt erschaffen hat, der den Menschen in Seinem Ebenbild gestaltete, der den Menschen als Mann und Frau bildete als Grundlage für die Weitergabe des Lebens, der das kinderlos gewordene, verwaiste Zion durch seine eingesammelten Kinder erfreuen wird, und andererseits dem Brautpaar, das der Ewige erfreut wie Er einst Seine Geschöpfe im Garten Eden erfreute; Er erschuf die Freude, die Liebe, das Brautpaar und den Frieden.
Die Segenssprüche gipfeln in der innigen Bitte, dass die Gassen Jerusalems bald wieder voll des Jubels, voll der Freude der Brautleute miteinander und voll der Freudenrufe junger Menschen beim Festmahl sein mögen. Darauf trinken die Brautleute aus dem zweiten Becher Wein. Auch wenn nach der Zerstörung des Tempels die jüdische Familie eine Erhöhung erfahren hat, indem sie nun die Kernzelle allen jüdischen Lebens wurde, deren Tisch das kleine Heiligtum werden kann, in dem die Menschen auch am Ort der Vertreibung die Anwesenheit des Ewigen erleben können12, so wird die Freude des Hochzeitstages doch durch den Zustand des immer noch zerstörten Tempels getrübt, weshalb nun ein Glas zertreten wird, – dies hat nichts zu tun mit dem anderen Ortes oft zitierten Spruch „Scherben bringen Glück“. Die Brautleute begeben sich nun in einen geschlossenen Raum, in dem sie alleine gelassen werden. Das ist das „Yichud“, das erstmals Miteinander-alleine-gelassen-werden, die Erfüllung der dritten Bedingung für eine gültige Heirat. In der Regel dauert dies kurz, ist mehr symbolisch, bildet aber zivilrechtlich den Rahmen der nun erlaubten Vereinigung. Meist isst das Brautpaar eine Kleinigkeit, insbesondere wenn es gefastet hat13.
Erst jetzt sind die beiden miteinander verheiratet. Glückwünsche, Lieder, Jubel folgen und dann das Hochzeitsmahl.
Nach dem Händewaschen und dem Segen über Brot und Salz wird gegessen, begleitet von Darbietungen, insbesondere auch musikalischen, und, traditionell, den humorigen Einlagen eines Spassmachers.

Nach dem Mahl werden zwei Becher Wein gefüllt. Mit dem ersten wird mittels einer für das Hochzeitsmahl besonderen Formulierung zum Tischgebet eingeladen. Hernach werden über dem zweiten Becher Wein erneut die sieben Segenssprüche gesprochen. Dann gießt man den Inhalt beider Becher zusammen, der von den Frischvermählten nun ausgetrunken wird.
Ein neues Haus ist in Israel entstanden, dessen Tisch den Altar des noch zerstörten Tempels bergen wird.