Der Zustand, welcher unter dem Worte ילד (jalad, gebären) verstanden wird, ist bekannt. Es bedeutet: gebären. Z. B.: „Sie gebiert (וילדה, w‘jal‘dá) ihm Kinder“ (Deut. 21, 15). Dann wurde dieses Wort in übertragener Bedeutung für die Hervorbringung der Dinge in der Natur gebraucht, z. B. „Ehe die Berge geboren waren“ (ילדו, julladú) (Ps. 90, 2). Es wird aber auch in dem Sinne übertragen, daß die Erde Gewächse ähnlich der Geburt hervorbringt, z. B. „Er macht sie zeugen (והולידה, w‘holidáh) und Wachstum hervorbringen“ (Jes. 55, 10). Es wird aber auch ferner auf die Ereignisse der Zeit übertragen, als ob sie Dinge wären, die geboren werden, wie z. B. „Du weißt nicht, was der Tag gebären (ילד, jeléd) wird“ (Prov. 27, 1). Es wird aber ferner noch übertragen auf das Hervorbringen neuer Gedanken und die dadurch notwendig verursachten Ansichten und Vermutungen, z. B. „Er gebiert (וילד, w‘jalad) Lüge (Ps. 7, 15). „Sie haben Gefallen an den Geburten (בילדי, b‘jaldé) der Fremde“ (Jes. 2, 6), d. h. sie begnügen sich mit den Ansichten fremder Völker oder, wie Jonatan ben Uziel[1], diese Stelle erläuternd, übersetzt: „sie richten sich nach den Gesetzen der Völker“. Und in diesem Sinne kann derjenige, der einen Menschen über etwas belehrt und ihn durch eine Erkenntnis gefördert hat, so betrachtet werden, als hätte er diesen Mann erzeugt[2], insofern er der Urheber dieser Erkenntnis ist. In diesem Sinne werden auch, wie ich bei den homonymen Bedeutungen des Wortes בן (ben, Sohn) erläutern werde[3], die Jünger der Propheten deren Söhne genannt. In dieser übertragenen Bedeutung wird von Adam gesagt: „Adam lebte hundertdreißig Jahre und zeugte (וילד, wajjoléd) nach seinem Bilde und Abbilde“ (Gen. 5, 3). Die Bedeutung von zelem und d’mut wurde bereits erklärt[4]. Die Söhne, die Adam früher geboren wurden, erlangten in Wahrheit nicht die wahre Menschenform, welche das Ebenbild und Abbild Adams ist, von dem gesagt wird, daß er ein Ebenbild und Abbild Gottes war. Aber in betreff Sets, den Adam unterwiesen und verständig gemacht hatte, und der im Besitze menschlicher Vollkommenheit befunden wurde, sagt die H. Schrift: „Er zeugte ihn in seinem Ebenbilde und Abbilde“. Du weißt, daß derjenige, dem diese Form, deren Bedeutung wir besprochen haben, nicht zukommt, kein Mensch ist, sondern ein Tier in der Gestalt und mit dem Körperbau eines Menschen, welches die Fähigkeit besitzt, die anderen Tieren versagt ist, in verschiedener Weise zu schaden und Unheil zu erzeugen; denn er bedient sich der Vernunft und des Denkens, die ihm zur Erlangung der von ihm nicht erreichten Vollkommenheit verliehen wurden, mit mannigfacher List, die Übel und Schaden verursacht. Er ist also gewissermaßen ein Ding, das einem Menschen ähnlich ist oder ihm nachahmt. So waren alle Söhne Adams, die dem Set vorausgingen. Darum sagt der Midrasch: „Alle die hundertdreißig Jahre, während welcher Adam im Banne war, erzeugte er Dämonen, und erst als Gott ihn wieder in Gnaden aufgenommen hatte, zeugte er Kinder in seinem Ebenbilde und in Ähnlichkeit mit sich selbst“[5]. Dies ist die Bedeutung des Satzes: „Adam lebte hundertdreißig Jahre und zeugte in seinem Ebenbilde u. s. w.“
Vgl. über diesen S. 14, Anm. 51. ↩︎
Der Verf. bezieht sich auf einen rabbinischen Ausspruch, der bab. Talm. Sanhedr. 19b, Jalqut zu Num. 3, 2 und in ähnlichem Sinne in bab. Talm. B‘rakhot 64a und zahlreichen Parallelstellen vorkommt. Er selbst sagt in Mischne Tora, Hilkhot Talmud-Tora I, 2 wörtlich folgendes: „Es ist die Pflicht jedes israelitischen Gelehrten, alle Jünger, auch wenn sie nicht seine Kinder sind, in der Gotteslehre zu unterrichten, denn es ist gesagt worden: „Präge sie deinen Kindern ein“ (Deut. 6, 7). Aus der mündlichen Überlieferung haben sie abgeleitet: „deinen Kindern“, d. h. deinen Schülern. Schüler werden Söhne genannt, denn es ist gesagt worden: Die Söhne der Propheten zogen aus“ (II. Kön. 2, 3). ↩︎
Die Kommentatoren machen mit Recht darauf aufmerksam, daß die hier angekündigte Erklärung des Wortes בן weder in einem besonderen Kapitel, noch gelegentlich erfolgt. Die naheliegende Begründung, daß dies infolge der kapitelweisen Zusendung der Teile an seinen Schüler unterblieben sei, ist deshalb unhaltbar, weil dies mit der sonst wahrnehmbaren planmäßigen Anlage des Werkes nicht im Einklang stünde, ferner weil die Notwendigkeit, die Worte „die Söhne Gottes“ (Ijob 1, 6; 2, 1; Dan. 3, 25 u. Gen. 6, 2. 4) zu erklären, ihn sicherlich dazu veranlaßt haben müßte. Doch scheint er sich mit der bloßen Andeutung begnügt zu haben. ↩︎
S. oben Kap. 1, S. 27 u. 28. ↩︎
Bab. Talm. Erubin 18b; Gen. rabba c. 20 u. 24. ↩︎
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