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Heute ist der

Beleidigung als Kunst - Synagoge in Pulheim in Gaskammer verwandelt



Bei dem Skandal um die Synagoge Pulheim-Stommeln wurde natürlich den „professionellen Mahnern“ Aufmerksamkeit  geschenkt. Ein neuer Blick auf die Kunstaktion von Mitgliedern der jüdischen Gemeinden aber auch von „Skandalkünstler” Christoph Schlingensief

von Chajm Guski

„Die Stadt Pulheim übernimmt keine Haftung für eventuelle gesundheitliche oder materielle Schäden. Vom Besuch ausgeschlossen sind Minderjährige, Personen mit Herz-, Kreislauf-, Lungen- und Atemwegserkrankungen, Personen mit Neigung zu Panik oder Klaustrophobie und Schwangere. Der Veranstalter behält sich vor, Interessenten vom Besuch auszuschließen." So liest sich die Haftungsentbindung, wenn Sie die Gaskammer in der ehemaligen Synagoge Pulheim Stommeln betreten wollen. Der spanische Künstler Santiago Sierra wählte dieses drastische Bild mit dem Titel „245 Kubikmeter" um sich mit der „Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust" auseinander zusetzen, wie er das nennt. Sechs Autos sollen nun regelmäßig an jedem Sonntag bis Ende April Kohlenmonoxid in die alte Synagoge von Pulheim Stommeln pumpen und so ein tödliches Umfeld für die Begehung der Synagoge schaffen. Besucher dürfen dann diesen Raum mit einer Sauerstoffmaske, in Begleitung von Feuerwehrleuten, betreten. Initiatorin dieser Aktion war die Stadt Pulheim, die in dem alten Gotteshaus seit 15 Jahren Ausstellungen mit Künstlern von internationalem Renommee organisiert. Richard Serro,  Eduardo Chillida und Rosemarie Trockel haben sich dort über das Gedenken Gedanken gemacht. Die Synagoge wird heute nur noch sporadisch zu den Hohen Feiertagen von einer liberalen jüdischen Gruppe genutzt.

Doch schon am Montag nach der ersten „Vorstellung", wie der Pressesprecher der Stadt Pulheim die Aktion nennt, setzte die Stadt den folgenden Termin aus. Man müsse erst mit dem Zentralrat in Kontakt treten um mögliche Missverständnisse zu klären.

Schon kurz nach Öffnung für die Öffentlichkeit und der Bildung langer Besucherschlangen maß sich Pulheims Bürgermeister Morrisen an, vorwegzunehmen, was Angehörige der Opfer der wirklichen Gaskammern wohl über die Aktion denken mögen, wenn Schaulustige daraus ein Event machen. Er könne sich nicht vorstellen, dass sich jemand beleidigt fühlt, weil die Sinnhaftigkeit des Werks offenkundig  sei. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland Stephan J. Kramer empfand das dagegen anders: „Wer meint, es sei Kunst, eine ‚Gaskammer' durch hochgiftige Autoabgase, noch dazu in einer ehemaligen Synagoge, zu simulieren, um damit vermeintliche Authentizität zu vermitteln, missbraucht schamlos die Kunstfreiheit. Das fiktive und geschmacklose Kunstspektakel verletzt nicht nur die Würde der Opfer des Holocausts sondern der jüdischen Gemeinschaft. Dies hat absolut nichts mit Erinnerungs- oder Gedenkkultur zu tun", so Kramer. Der Publizist Raplph Giordano sprach gegenüber dem Deutschlandfunk von einer „Niedertracht sondergleichen". Die Landesregierung folgte diesen Stimmen des Protests. Die Kunst sei zwar frei, sagte Regierungssprecher Thomas Kemper (CDU). „Aber Sierra muss sich fragen lassen, ob er, statt gegen die 'Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust' zu arbeiten, nicht Opfer des Holocaust verletzt und den Holocaust banalisiert.". Doch nicht nur die offiziellen Mahner, die traditionell von dem Medien befragt werden, waren entsetzt. Henryk M. Broder schien im Urlaub zu sein, denn er erhob keine schwere Anklage. Wieder in Deutschland ist dagegen der gerade aus Brasilien zurückgekehrte Christoph Schlingensief, ebenfalls für skandalträchtige Kunstaktionen bekannt. Er war nicht sonderlich begeistert und schien eher fassungslos gegenüber des „billigen 1:1 Bildes" dessen sich Santiago Sierra bedient. Wenn man die Abgase in den Keller eines ehemaligen Gestapo-Hauses eingeleitet hätte, dann hätte man den Vorgängen noch Bedeutungskraft beimessen können, doch die Einleitung in eine Synagoge sei „deckungsgleich mit der Vorstellung in dunkelsten Kanälen" und kein drastisches Bild. Er frug sich laut, warum man nicht Abgase in den deutschen Reichstag einleite, denn das sei wirklich ein drastisches Bild. Gerade dort, in dem „von Gutmenschen bewohntem Haus" neige man ja zum zwanghaften Vergangenheitsabwasch. Symbol dafür sei das Holocaust-Mahnmal in der Mitte Berlins. „Es steht in einer Sicherheitszone, zwischen dem Hotel Adlon und der britischen Botschaft. Und wenn dann demnächst noch die amerikanische Botschaft das ganze Gebiet dichtmacht, dann kann man das Mahnmal nur noch mit Arier-Nachweis und als Nichtmoslem betreten. Man kann dann aber immer noch immer aus dem All per Webcam sehen, dass wir gute Deutsche sind und auch ein Holocaust-Mahnmal besitzen!"  Er frage sich, warum Sierra kein wirkliches Zyklon B einleite. Er verwende selber gerne obsessive Bilder, diese Bilder enthalte  die Installation von Sierra nicht, hier sei die Darstellung einfach „zu flach".

Der Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Kiel, Walter Pannbacker, rät denjenigen, die ein „authentisches Erlebnis suchen" in einem Brief an die Stadt Pulheim, der könne ja zuhause den Gashahn aufdrehen und den Kopf in den Ofen legen. „Wie wäre es denn mal mit Hakenkreuzfahnen an Rathäusern als ‚Kunstaktion'? Schließlich ging das Grauen in den Gaskammern von genau den Schreibtischen aus, an denen jetzt Leute sitzen, ‚die nicht glauben mögen, dass sich jemand beleidigt fühlt'.

Auch Elisabeth Berkes-Großer, Bürgerin des Erftkreises und Tochter von ungarischen Holocaustüberlebenden, zeigt ihren Unmut mit kurzen aber drastischen Worten: „Meine Angehörige mussten Gas einatmen. Ich kann diese Aktion nicht billigen. Wieso Gas in eine Synagoge? Will der Künstler das den Juden noch einmal antun? Warum sucht er nicht einen anderen Ort aus, einen Bus, eine Kirche, das Rathaus von Stommeln? Das ist der bekannte Alltag, da wird die eigene Person gepackt. Statt dessen müssen wieder einmal ermordete Juden für eine fragwürdige Aktion herhalten, eine nicht mehr existierende Synagoge scheint da passend zu sein. Über tote Juden kann man trauern, da kann man Betroffenheit zeigen. Eigentlich sind wir, deren Angehörige keine Gasmasken hatten und nicht von helfenden Feuerwehleuten betreut wurden, gefordert, unsere Gefühle mitzuteilen.". Genau diese Gefühle gehen häufig in dem unter, was Christoph Schlingensief den „Pathos-Chor" nennt und die wohl auch in Pulheim, übrigens der Wahlkreis von Jürgen Rüttgers, eher unerwünscht sind. Über die Fortführung des Projekts nach dem Sonntag mit der ausgesetzten „Vorstellung" orakelt Pressesprecher Springob nur: „Wenn der Künstler ein Agreement herstellt, dann führen wir das Projekt fort." In einem anderen Fall müsse man dann erneut beraten; ganz so als gäbe es die zahlreichen Briefe von empörten Jüdinnen und Juden und natürlich auch vieler nichtjüdischer Deutscher mit gesundem Menschenverstand nicht.

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