| Hauptseite | Kontakt | |||
|
|
Heute ist der |
||
Die Wiedereinweihung der Jüdischen Schule und die Wiederherstellung der Miqwe in RecklinghausenAm19.6.97 gab die Stadt Recklinghausen das alte Gebäude in der Straße Am Steintor in einem würdevollen Festakt in Anwesenheit zahlreicher Gäste zurück an die Jüdische Kultusgemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen. Das 1908 erbaute Haus hatte die Jüdische Schule beherbergt und war 1941 von den Nazis verwüstet und beschlagnahmt worden. Nach dem Krieg war es auf unterschiedliche Weise genutzt worden. 1992 erhob Harold Lewin Anspruch auf Rückgabe des Hauses an die Jüdische Gemeinde. Ein schwieriger Nachforschungs und Rechtsfindungsprozess ebnete nach und nach den Weg hierfür. Die Stadt Recklinghausen erklärte sich schließlich nicht nur zur Rückgabe bereit, sondern sorgte auch für die Instandsetzung des Hauses, das nicht nur seiner alten Bestimmung als Unterrichtsgebäude wieder zugeführt werden, sondern auch als Begegnungsort Raum für Veranstaltungen gewähren soll. Zu Ehren und im Gedenken an den kürzlich verstorbenen letzten Rabbiner von Recklinghausen, Dr. Selig Auerbach, der 1939 mit seiner Familie gerade noch rechtzeitig hatte fliehen können, wurde die wiedereingeweihte Jüdische Schule nach ihm benannt. Im Rahmen der Renovierungsarbeiten wurde im Keller des Gebäudes der Jüdischen Schule eine Miqwe entdeckt und in funktionsfähigen Zustand zurückversetzt. Zu diesem Anlaß hatte die Frauengruppe der Jüdischen Gemeinde Frau Rabbiner Bea Wyler von der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg zu einem Vortrag über die Bedeutung der Miqwe eingeladen am 15.5.97. Frau Wyler ist seit 1995 Rabbiner der konservativen Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg und Braunschweig und ist derzeit Deutschlands einziger weiblicher Rabbiner nachdem es in der Vor-Nazi-Zeit in Deutschland schon einmal weibliche Rabbiner gegeben hatte. Die in der Schweiz geborene Bea Wyler hatte zunächst als Agronomin, später als Journalistin und Mitarbeiterin in der PR-Abteilung eines Schweizer Chemie-Unternehmens gearbeitet bevor sie begann sich mit ihrer jüdischen Religion auseinanderzusetzen und schließlich den Entschluß faßte Rabbiner zu werden. Nach Besuch des Leo-Baeck-Kollege in London setzte sie ihre Ausbildung am Jewish Theological Seminary of America, dem Rabbiner-Seminar der konservativen Bewegung in New-York, fort und wurde im Frühjahr 1995 schließlich zum Rabbiner ordiniert. Die von dem ehemaligen Dresdner Oberrabbiner Zacharias Frankel begründete konservative Bewegung im Judentum, - das Wort „konservativ” steht hier für „bewahrend” - , ist gekennzeichnet durch Bewahrung eines unverzichtbaren überlieferten Kerns im Judentum bei zugleich Anpassung an die Erfordernisse der Gegenwart. So werden Frauen in die G’ttesdienst~Durchführung in gleicher Weise wie Männer einbezogen; die Feier der Religionsreife ist für Mädchen gleich wie für Jungen; Frauen können auch Rabbiner werden. Frau Rabbiner Wyler gliederte ihren Vortrag über die Bedeutung der Miqwe in drei Abschnitte. Zunächst wies sie daraufhin, daß alles Lebendige stirbt und wieder geboren wird, Tod und Wiederbelebung ein stets fortlaufender Vorgang ist. Die Ebenbildlichkeit des Menschen zu G’tt mache auch ihn unsterblich, doch ist er dem Kreislauf von Tod und Leben ausgesetzt. Diesem Spannungsverhältnis begegnet das Judentum rituell mit den Begriffen „tahor”, das heißt „rein” oder im rituellen Sinn „fit”, und „tame!”, ”unrein” , rituell „unfit”, wobei die Reinheit das Symbol für das Leben und das Wiedergeboren werden ist, die Unreinheit für den Tod. Alsdann führte Frau Wyler aus, daß Sexualität und sexuelles Begehren ein wichtiger und notwendiger Bestandteil des Lebens sind, die das Leben bereichern und verschönern, die im richtigen Rahmen ausgelebt im Judentum etwas Heiliges sind, im falschen Kontext jedoch unheilig. Sexualität habe ihren Raum in der Ehe, Mann und Frau sind darin einander Partner. Sie sind jedoch nicht immer füreinander verfügbar, sondern nur zu bestimmten Zeiten. Dies wird geregelt durch die Gebote zur Reinheit der Familie, die nicht nur für die Frau gegenüber dem Mann, sondern ebenso für den Mann gegenüber der Frau Geltung haben und die Reinheit füreinander gewährleisten sollen. Die Verfügbarkeit ist an den Menstruationszyklus der Frau gebunden. Die Frau ist während der Regelblutung in einem Zustand, der unpassend für die körperliche Vereinigung ist, sie ist hierfür unfit. Dem Mann ist daher der Zugang zu ihr verwehrt. Sie ist im Zustand der Nidah, des Banns, der mindestens 5 Tage lang andauert, verlängert durch bis zu 7 Sicherheitstage. Diesen Abstand halten einen halben Monat lang ist nicht nur eine große Herausforderung, sondern kann für die Intensität der Beziehung und die Spannung zwischen Mann und Frau von großer Bedeutung sein. Das Einhalten der Gebote zur Reinheit der Familie erhöht das achtungsvolle Miteinander-Umgehen. Die Beziehung wird hierdurch besser, intensiver, sie wird erhöht und geheiligt. Schließlich führte Frau Wyler aus, daß der Übergang von rituell unrein zu rituell rein durch das vollständige Untertauchen in lebendigem Wasser vollzogen wird. Ein solches Wasser heißt Miqwe. Es handelt sich nicht um die Entfernung eines körperlichen Schmutzes, sondern um eine rituelle Läuterung, die die Voraussetzung schafft G’ttes Gebot heilig zu sein wieder erfüllen zu können. Unter lebendigem Wasser versteht man ein in den Wasserkreislauf eingebundenes Wasser: Grundwasser, Quellwasser, Wasser eines Bachs, Sees, des Meeres, überbaut oder offen. Vor dem Tauchbad säubern wir unsern Körper. Völlig unbekleidet und ohne Zutaten (Schmuck, Make-up, Körperersatzstücke) tauchen wir vollständig in dem Wasser unter, sprechen dann die Berachah ”al ha-tevilah” und tauchen hernach erneut unter. In dem Zustand, in dem wir erschaffen worden sind, stehen wir betend vor G’tt im Wasser, dem Symbol für Leben, für Thorah, für Heiligkeit schlechthin. Da sich die Läuterung nach Ende der Regelblutung auf die Bereitschaft zur körperlichen Vereinigung bezieht, geht die Frau erstmals als Braut vor der Trauung in die Miqwe. Unabhängig vom Menstruationszyklus gehen Mann und Frau in die Miqwe vor Feiertagen und nach dem Ende von bestimmten Krankheiten. Da der körperliche Zustand etwas intimes ist, geschieht der Miqwe-Besuch in der Regel diskret. In den gebauten Miqwoth gibt es geregelte Zeiten für Männer und Frauen getrennt. Geschlechts-gleiche Aufsichtspersonen geben Rat und Hilfe. Frau Wyler beendete ihren informationsreichen Vortrag mit der Antwort auf die Frage aus der Zuhörerschaft, warum die Enthaltsamkeit ausgerechnet am 12. Tag nach Beginn der Menstruation ihr Ende finde: Das 1. Gebot in der Thorah ist „Seid fruchtbar und mehret euch!”. Hernach fand eine gemeinsame Besichtigung der Miqwe im Keller der Jüdischen Schule in Recklinghausen statt. |
|
||
|
|
|||