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Heute ist der

Erste Rabbinerordination in Deutschland nach der Schoah





von Chajm Guski

Am 14. September 2006 wurden in Dresden drei Absolventen des liberalen Abraham-Geiger-Kollegs Potsdam zu Rabbinern ordiniert. Sie sind damit die ersten Rabbiner, die in Deutschland ausgebildet wurden und hier auch ihren Abschluß machen.

Das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam ist Deutschlands erstes und derzeit einziges reguläres Rabbinerseminar. Es wird gefördert durch den Zentralrat der Juden in Deutschland, die Bundesrepublik Deutschland und die Leo Baeck Foundation. Im Oktober 2001 hat seinen regulären Studienbetrieb mit vier Studierenden aus Deutschland und den Niederlanden aufgenommen und bildet dort nun seitdem Rabbiner für Deutschland und Europa aus. Einer der drei „besonderen” Absolventen, Malcolm Matitiani (35), ist sogar aus Südafrika nach Deutschland gekommen. Er studierte das liberale Judentum direkt in seinem Enstehungsland und kehrt nach der Ordination auch zurück in eine südafrikanische Gemeinde.

Die beiden anderen Rabbinatskandidaten Daniel Alter (47) und Tomas Kucera (35) verraten mit Ihren Ordinationssprüchen etwas über ihre Motivation, Rabbiner zu werden:

Daniel Alter:

Sage wenig aber tue viel und empfange jeden Menschen freundlich.
(Pirkei Awot 1:15)

„Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Leider ist diese Zeit viel zu oft auch laut und lautsprecherisch. Das sind nun nicht unbedingt Werte für die unsere Religion steht. Was an anderer Stelle als das „Wahre, Schöne, Gute“ bezeichnet wurde, benötigt keine großen Worte. Eigentlich sollten dort kleine Worte oder Gesten reichen. Und vor allem sollen diese im Kontrast stehen zu unserem schnellen und viel zu oft lauten oder lautsprecherischen Zeitgeist.“

und Tom Kucera:

 Die Tafeln und die Bruchstücke der Tafeln liegen in der Bundeslade. (Berachot 8b)

„Zu diesem Motto hat mich indirekt mein Bruder geführt, als er mir sagte, ich solle meinen langsamen Laptop wegwerfen. Ich habe abgelehnt, mit der Behauptung, er sei mein erster Laptop überhaupt, mit dem ich sogar meine rabbinische Arbeit zusammengeschrieben habe. „Die Tafeln und die Bruchstücke der Tafeln liegen in der Bundeslade. “Die Bruchstücke waren einmal intakt. Obwohl nicht mehr funktionell, sind sie weiterhin nützlich, weil sie die Ganzheit neuer Tafeln sicherstellen. Die Vergangenheit ist zerbrochen, doch auf ihren Bruchstücken bilden wir unsere Gegenwart. Die zerschlagenen Ideale dürfen nicht weggeworfen werden, weil sie die Form neuer Ideale gewährleisten. Die Bruchstücke der Tafeln der Gemeindemitglieder sind genauso
wertvoll wie die ganzen Tafeln. Beide gehören in die Bundeslade. Ich hoffe, dass ich dieses Motto nicht aus meinen Augen verliere.“

Daniel Alter wird in Zukunft die Jüdische Gemeinde Oldenburg betreuen, Tom Kucera die Liberale Jüdische Gemeinde München, gleichzeitig werden die neuen Rabbiner Mitglieder der „Central Conference of American Rabbis” (Homepage), dem weltweit größten Rabbinerverband. Die Zusammenarbeit mit der anderen großen nicht-orthodoxen Strömung, dem conservative judaism scheint ebenfalls gesichert zu sein, so entsandte der designierte Rektor des Jewish Theological Seminary Prof. Dr. Arnold M. Eisen ebenfalls eine Nachricht des Grußes:

In meiner Eigenschaft als designierter Rektor des Jewish Theological Seminary of America ist es mir eine große Freude, Ihnen anlässlich dieses so wunderbaren Ereignisses meine Grüße zu übermitteln. Die Ordination der ersten drei Rabbiner
einer jüdischen Glaubensströmung auf deutschem Boden seit dem Holocaust ist ein unvergleichlicher Augenblick, der in der Geschichte unseres Volkes gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Die Tatsache, dass diese neuen Rabbiner Absolventen des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam sind – des ersten liberalen Rabbinerseminars in Kontinentaleuropa seit der Schoa – betont weiter den Gedanken der Kontinuität inmitten aller Umbrüche. Als Nachfolgeeinrichtung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die von den Nazis 1942 geschlossen worden war, trägt das Kolleg richtigerweise den Namen von Rabbiner Geiger, dessen Vision sowohl die Wahrung der jüdischen Tradition als auch die Verpflichtung auf den Grundsatz der Freiheit von Forschung und Lehre umfasste. Und dass das Kolleg unter anderem von der Leo Baeck Foundation unterstützt wird, ist auch Ausdruck der Wertschätzung und Würdigung von Rabbiner Baeck, dem letzten zum Zeitpunkt der Schließung durch die Gestapo an der Hochschule verbliebenen Dozenten.
Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass ich aufgrund der Umstände nicht persönlich an dieser Veranstaltung teilnehmen kann. Dennoch möchte ich allen
in der Neuen Synagoge zu Dresden Versammelten meine herzlichsten Glückwünsche zu diesem so bedeutsamen Ereignis übermitteln: Den anwesenden Regierungsmitgliedern, den Leitern von Rabbinerseminaren und Vertretern der jüdischen Gemeinden der ganzen Welt. Ich stimme in den Chor der Freude über dieses Zeugnis des Überlebens unseres Volkes ein: „'Am Yisrael Chai“ – nicht nur hier und heute in Dresden, sondern an allen Orten, an denen Juden weiterhin das Studium der Tora betreiben und nach ihr leben.
Möget Ihr stetig an Stärke gewinnen, und mögen Eure neuesten Rabbiner den von ihnen gewählten Gemeinden mit Würde und Hingabe dienen.
Prof. Dr. Arnold M. Eisen Rektor des Jewish Theological Seminary

Über ihre Grußbotschaft machte auch die Allgemeine Rabbinerkonferenz klar, dass man die neuen Rabbiner tatsächlich auch als Kollegen betrachtet und sie in ihrem Kreis begrüßt:

Der Stein, den die Bauleute verworfen, er ward zum Eckstein (Ps. 118:22)

Seit der unsäglichen Katastrophe der Schoa hat es in Deutschland keine Ausbildung zum Rabbiner mehr gegeben. Zu Beginn war dies ohne weiteres erklärbar, doch im Laufe der Zeit, angesichts der Festigung und des rasanten Wachstums unserer jüdischen Gemeinden, wurde dies zusehens unverständlich und unverantwortlich.
Mit der Gründung des Abraham Geiger Kollegs begann endlich erneut die Ausbildung fortschrittlich gesinnter und weltoffen ausgerichteter Rabbiner und Rabbinerinnen. Dafür gebührt allen, die das Abraham Geiger Kolleg auf den Weg gebracht haben, unser Dank.
Heute wird die erste Ernte ihrer Bemühungen eingefahren und die aus ihm hervorgegengenen ersten Graduierten nehmen ihren Platz in unser Mitte ein. Hoffentlich sind sie erst die Vorhut einer wachsenden Zahl junger Juden und Jüdinnen, die ausgerüstet mit Liebe und Kenntnis unserer Torah, aber auch integriert in der sozialen und kulturellen Umwelt unserer Gemeinden, dieses verantwortungsvolle und schöne Amt anstreben und so unsere Zukunft sichern.
Die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland gratuliert den neuordinierten Kollegen, dem Abraham Geiger Kolleg und dessen Lehrkörper zum heutigen feierlichen Anlass. Sie wird die weitere Arbeit des Kolleges konstruktiv und wohlwollend begleiten.

Diesen Tag hat der Ewige geschaffen, jubeln wir und freuen wir uns an ihm. (Ps. 118:24)

Landesrabbiner em. Dr. hc. Henry G. Brandt Vorsitzender
Landesrabbiner William Wolf stellv. Vorsitzender
Rabbiner Jonah Sievers Schriftführer

Das Engagement von Daniel Alter macht klar, dass hier nicht Rabbiner für einen kleinen Kreis von Gemeinden der Union Progressiver Juden ausgebildet werden, sondern Rabbiner für alle Gemeinden, die einen nicht-orthodoxen Rabbiner anstellen möchten und auf einen Rabbiner zurückgreifen möchten, der die lokalen Verhältnisse kennt und die Dynamik der deutschen Gemeinden abschätzen kann.

Mit der ersten Generation „hausgebackener” Rabbiner wird diese Ausbildung eines Tages Normalität; so wünscht es sich auch Bundespräsident Horst Köhler in seinem Grußwort:

Mit der ersten Rabbinerordination in Deutschland seit 1942 verbinde ich einen Traum – den Traum, dass eines Tages ein Schulkind diese Festschrift in den Händen hält und sich fragt: „Warum gratuliert der Bundespräsident einem Rabbiner zu seiner Amtseinführung? Das ist doch so selbstverständlich, wie wenn bei uns ein Pfarrer ordiniert wird oder wie wenn in der Gemeinde meines Freundes ein Imam seine Arbeit aufnimmt“. Und noch während das Kind darüber nachdenkt, erinnert es sich daran, dass unter den Nationalsozialisten in unserem Land auf unvorstellbar schreckliche Weise versucht wurde, die Juden, ihre Kultur und ihre Religion auszulöschen. Nach dem Holocaust war es für viele nicht vorstellbar, dass in Deutschland jemals wieder jüdisches Leben aufblühen würde. Die erste Rabbinerordination in Deutschland nach
über 60 Jahren ist deshalb ein ganz besonderes Ereignis. Der vor kurzem verstorbene Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland,
Paul Spiegel, hat sich und seinen Nachfolgern für das jüdische Leben in Deutschland ein hohes Ziel gesteckt: „Eine allmähliche Normalisierung und eine größere Unbefangenheit“. Das Klima dafür zu schaffen, ist nicht allein die Aufgabe des Zentralrats der Juden in Deutschland und der jüdischen Gemeinden hierzulande. Wir alle gemeinsam müssen dafür sorgen – offen für Neues und zugleich immer im Bewusstsein der bitteren Vergangenheit. Die Ordination der ersten Rabbiner in Deutschland seit 1942 ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg. Seit dem Zuzug jüdischer Bürger aus den GUSStaaten wachsen die Gemeinden, eine neue Vielfalt und Lebendigkeit entwickelt sich. Das ist ein Geschenk für unser Land, das kaum jemand zu erhoffen wagte und das wir jetzt in tiefer Dankbarkeit annehmen. Für Daniel Alter, Dr. Tomás Kucera und Malcolm Matitiani beginnt mit ihrer Ordination ein neuer Lebensabschnitt. Sie werden in ein verantwortungsvolles Amt eingeführt, das von ihnen den ganzen Einsatz mit Herz und Verstand, mit Leib und Seele fordert. Ich wünsche ihnen von Herzen, dass sie mit Freude ihr Amt aufnehmen und ihr Glaube sie immer wieder für den Dienst an der Gemeinde stärkt und ermutigt.
Bundespräsident Horst Köhler

Bundeskanzlerin Angela Merkel verwies in ihrer Grußbotschaft auf die lange Tradition liberaler jüdischer Gelehrsamkeit in Deutschland:

Es gehört zum Kern jeder Religionsgemeinschaft, theologisch über ihre Glaubensgrundlagen
zu reflektieren und Prediger zu befähigen, diese Grundlagen an die Gläubigen und die nächste Generation weiterzugeben. In diesem Verständnis ist die Ausbildung von Geistlichen die Voraussetzung für lebendig gelebten Glauben. Jüdische Forschung und Lehre haben in langer Tradition hervorragende Lehrer hervorgebracht. Bedeutende Gelehrte wie Abraham Geiger, der Namensgeber des Potsdamer Kollegs, gehören zu ihnen. Als begnadeter Prediger und inspiriert durch seine Forschung und Auseinandersetzung mit der europäischen Geistesgeschichte gründete er 1872 die „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ in Berlin. Leo Baeck war bis 1942 der letzte Rektor der Schule – an ihrem Standort in der Tucholskystraße. Die Schoa beendete diese Blüte jüdischer Wissenschaft und Lehre in Deutschland sowie jüdischen Lebens und Kultur. Umso dankbarer sind wir heute für den gelungenen Neubeginn, für eine Rabbinerausbildung mit einem internationalen Kreis jüdischer Studierender in Deutschland, in guter und erfolgreicher Kooperation mit der Universität Potsdam. Die ersten drei ordinierten Rabbiner werden in ihren Gemeinden in Oldenburg, München und Kapstadt an eine lebendige Tradition anknüpfen. Dies ist ein Anlass, der uns zu großem Dank verpflichtet. Dank gegenüber allen, die ihr Ziel einer Ausbildung von Rabbinern in Deutschland mit großer Beharrlichkeit und Überzeugung vorangetrieben haben.
Das Abraham Geiger Kolleg ist Symbol einer vitalen und wachsenden jüdischen Gemeinschaft in enger internationaler Partnerschaft. Dieser Tag der Anerkennung und der Freude ist auch ein Moment der Hoffnung, dass diesen ersten in Deutschland seit 1942 ordinierten Rabbinern zahlreiche weitere Studierende folgen werden. Ich gratuliere den drei Absolventen des Abraham Geiger Kollegs sehr herzlich zur Ordination. Meine besten Wünsche für eine erfolgreiche Tätigkeit mögen Sie begleiten.
Bundeskanzlerin Angela Merkel

Weitere Grußworte erreichen die drei neuen Rabbiner unter anderem von Dr. Norbert Lammert, Peter Harry Carstensen, Dr. Wolfgang Schäuble und Charlotte Knobloch:

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat Zukunft gewonnen. Nach dem politischen Umbruch in Europa sind seit nahezu einer Generation viele tausend Menschen aus den Nachfolgestaaten der UdSSR zugewandert. Die über einhundert jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik konnten hierdurch wieder Voraussetzungen und Kräfte entwickeln, wirklich jede Generation betreffend, jüdisches Leben zu praktizieren. So sind bedeutende Fortschritte bei der Ausgestaltung der existenziellen Bedingungen, insbesondere durch Förderprogramme, Staatsverträge und Integrationsprojekte zu konstatieren. Verbunden mit dem entschiedenen Engagement vieler einheimischer Gemeindemitglieder konnten von den materiellen Voraussetzungen her auf allen Ebenen der jüdischen Gemeinschaft Leistungen zur Herausbildung einer zeitgemäßen jüdischen Infrastruktur erbracht werden, die heute eine wesentlich verbesserte Basis für die innerjüdische Verbundenheit darstellen.
Diesem Anliegen kann um so mehr und um so eher entsprochen werden, wie in den jüdischen Gemeinden religiöse Autoritäten wirksam bleiben und weiter bestärkt werden, die im Verständnis für die seelischen Befindlichkeiten unserer Menschen, die Zusammengehörigkeit und die Integration als Juden im hiesigen Kulturkreis befördern und sichern helfen.
Die jüdischen Institutionen im Nachkriegsdeutschland waren bislang nicht in der Lage Rabbiner einer neuen Generation auszubilden. Die menschlichen Verluste wiegen noch immer am schwersten. Die Schatten der Liquidation solcher Einrichtungen, wie der legendären Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin durch den Nationalsozialismus, sind selbst durch anspruchvollste Ausbildungsinhalte nicht einfach aufzuheben. Zumal jede religiöse Autorität und erst recht jeder der wenigen in Deutschland tätigen Rabbiner in den Gemeinden gebunden war, um den allernötigsten menschlichen Verpflichtungen nachzukommen.

Dennoch: Religion wie überhaupt Traditionen sind für die mentale Verfasstheit unserer Gemeinschaft unerlässliche Quellen der Lebensenergie. Deshalb begrüßen wir, dass nunmehr durch das 1999 gegründete Abraham Geiger Kolleg in Deutschland wieder rabbinischer Nachwuchs ausgebildet werden
kann. Und Dank der Ordination der ersten drei Rabbiner, die an diesem Rabbinerseminar ihre Ausbildung erfolgreich absolviert haben, kommen wir unserem Ziel wieder ein Stück näher, jüdisches Leben in all seinen Facetten in den Gemeinden zu etablieren.
Denn ihr gütiges Tun, ihre Warmherzigkeit und ihre moralische Kraft, ihre solide Kenntnis des Judentums mit all seinen Riten und Bräuchen sind Garanten dafür, dass das Judentum in Deutschland eine blühende Zukunft haben wird, dass jüdische Bildung und jüdisches Wissen wieder gelebt werden können. Mit der Ausbildung der ersten drei Rabbiner ist ein hoffnungsvoller Anfang gemacht.

Charlotte Knobloch - Präsidentin des Zentralsrats der Juden in Deutschland




Daniel Alter, Tom Kucera und Malcolm Matitiani


Die Approbation („Smicha") eines Lehrers und Richters mit der Verleihung des Titels „Rabbi" erfolgte in der jüdischen Tradition ursprünglich durch Handauflegen: dadurch sollte der Schüler zum Teil einer von der Offenbarung am Sinai ununterbrochenen Traditionskette werden. Eine Rabbinerordinierung im heutigen Sinne gibt es erst seit der Institutionalisierung der Rabbinerausbildung Mitte des 19. Jahrhunderts, die im wesentlichen auf den Appell Abraham Geigers (1810-1874) zurückgeht, eine jüdisch-theologische Fakultät als „dringendes Bedürfnis unserer Zeit" einzurichten (1836). „Es hat sich Alles mehr nach den einzelnen Individualitäten, nach den Umständen gebildet" beschrieb Geiger die damalige Situation. Tatsächlich lebte das vormoderne jüdische Bildungskonzept, wonach das Rabbinat keine Berufskarriere sein sollte, bis zu Geigers Zeit fort.

Seine Forderung nach einer verbindlich organisierten Verbindung von rabbinischen und akademischen Studien anstelle individueller und oft autodidaktischer Bildungswege bedeutete ein Umdenken. Das talmudische Studium stand traditionsgemäß entweder ganz im Dienste der religiösen Praxis (lo ha-talmud ha-iqar, ella ha-ma'asseh, „nicht die Theorie, sondern die Praxis ist das Wesentliche") oder war Selbstzweck (torah lishemah), und wer einmal zum Rabbiner ordiniert war, durfte im Sinne einer Traditionskette selbst Rabbiner ausbilden und diplomieren.

Geiger selbst hatte sein Doktordiplom an der Universität Marburg erworben und sein Rabbinerzeugnis vom dortigen Rabbiner Moses Salomon Gosen erhalten.

Zu einer Zeit, als die zyklisch reproduzierbaren Curricula der Talmudschüler an der herkömmlichen Jeschiwot nicht mehr genügten und bevor die Seminare in Breslau und Berlin neue anboten, lernten die jungen Rabbiner voneinander die verschiedenen Lösungen ihres Bildungsproblems: Privatlektüre, Lateinstunden beim Ortspfarrer, Wanderungen zwischen jüdischen und akademischen Metropolen, Gründung von Studienkreisen zur gemeinsamen Talmudlektüre oder Schillerdeklamation, die neue Gewichtung alter rabbinischer Lehren und Philosophien, die bald zögernden, bald plötzlichen Konversionen von einem kulturellen oder ideologischen Standpunkt zum anderen. Es fehlte an einer Koordination der Bildungsgänge und Denkweisen von Jeschiwa und Universität: "Wenn doch einst ein jüdisches Seminar an einer Universität errichtet würde, wo Exegese, Homiletik und für jetzt noch Talmud und jüdische Geschichte in echt religiösem Geiste vorgetragen würde; es wäre die fruchtbarste und belehrendste Anstalt!", forderte Geiger um 1830.

Die Dresdener Ordination selbst, eingebettet in einen g-ttesdienstlichen Rahmen, wird Rabbiner Prof. Dr. Walter Jacob vornehmen. Zuvor erfolgt eine kurze Torahlesung aus dem 4. Buch Mose 27:15-20:

Mosche aber sprach zum Ewigen: “Der Ewige, G-tt aller Geister, alles Fleisches, geruhe einen Mann über die Gemeinde zu setzen, der vor ihnen her aus- und eingehe und sie aus- und einführe, damit die Gemeinde des Ewigen nicht wie Schafe ohne Hirten bleiben möge.” Der Ewige sprach zu Mosche: “Nimm Jehoschua, Sohn Nuns, zu dir, einen Mann, der Geist hat, und lege deine Hand auf ihn, Stelle ihn dann vor den Priester Elasar und vor die ganze Gemeinde und erteile ihm Befehle vor ihren Augen, lege einen Teil von deiner Majestät auf ihn, dass ihm die ganze Gemeinde der Kinder Jisraels gehorche.

Mit Ablauf des Monats Elul (in nicht allzu kurzer Zeit), beginnt nicht nur ein neues Jahr, sondern drei neue Rabbiner werden ihre Gemeinden aufsuchen und weitere Rabbiner werden folgen. Es ist zu wünschen, dass sich das Judentum in Deutschland weiterhin in alle Richtungen entwickelt und durch lebendige Diskussion und Taten einen Ort schafft, der unser tatsächliches geistiges Zuhause ist. So wie Schimon ben Lakisch im Talmud zitiert wird: „Synagogen und Schulen sind Israels Festungen.” Baba Batra 8a

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