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Heute ist der

Größter Schaden für das Judentum



Von Rafael Seligmann

Wir Juden können uns kaum noch vor Solidaritätsaktionen unserer Freunde von eigenen Gnaden retten. „Ich wollte. . . die Juden in Deutschland würdigen.“ Mit diesen Worten rechtfertigte der spanische Künstler Santiago Sierra seine vorzeitig beendete Aktion „245m³“, bei der er Abgase in das Gebäude der ehemaligen Synagoge Pulheim-Stommeln geleitet hatte.

Monate zuvor wollte die Holocaust-Kassandra Lea Rosh nach der Einweihung der zentralen Gedenkstätte für die ermordeten Juden Europas in Berlin ebendort den Zahn eines ermordeten Juden beerdigen. Das religiöse Gesetz der Juden schreibt aber vor, die sterblichen Überreste Dahingegangener unmittelbar auf israelitischen Friedhöfen zu beerdigen. Und das ist das Holocaust-Mahnmal gewiss nicht.

Die guten Willens, doch mit einer gehörigen Portion Egozentrik erfolgte Aktion Roshs spiegelt das zunehmende Missverstehen zwischen Juden und Philosemiten. Der Weg zur Hölle ist auch hier mit edlen Absichten gepflastert. Die falschen Freunde umarmen uns Hebräer dermaßen heftig, dass sie uns die Luft zum Atmen rauben. Denn sie reduzieren das Judentum zu einer Holocaust-Nostalgiegemeinschaft. Das Judentum ist aber mehr!

Die Wurzel des Judentums ist das göttliche Gesetz. Sein Kern sind die Zehn Gebote. Die ethische Kraft des Judentums war und ist bis heute so stark, dass aus ihm zwei Weltreligionen hervorgingen, das Christentum und der Islam. Jesus war gläubiger Jude; das Christentum bekennt sich heute eindeutig zu seinen jüdischen Ursprüngen. Im Laufe seiner mehr als dreitausendjährigen Geschichte hat das Judentum viel an Tradition und intellektueller Kraft aufgenommen.

Besonders eng, ja untrennbar verwoben sind die Geschichte des Judentums und die deutsche Geschichte. Eine perfekte Symbiose ist die jiddische Sprache. Sie besteht zum überwiegenden Teil aus deutschem Vokabular, geschrieben mit hebräischen Lettern. Persönlichkeiten wie Heinrich Heine, Albert Einstein, Max Liebermann, die Physikerin Lise Meitner, der Kölner Soziologe Alphons Silbermann, die soeben verstorbene Dichterin Hilde Domin symbolisieren die gegenseitige geistige Anregung. Aber auch den Umschwung vom religiösen zum kulturellen Selbstverständnis.

Die Schockwellen des nationalsozialistischen Völkermordes an den Juden waren so gewaltig und nachwirkend, dass man fortan die Juden als Gemeinschaft der Davongekommenen beschrieb. Ein ärgerer Schaden konnte dem Judentum nicht angetan werden. Wer die Juden lediglich als Holocaust-Überlebende begreift, ersetzt Gott als Schöpfer des Judentums durch Hitler und seine Mörderbande. Das wäre das Ende des Judentums.

Das hiesige Judentum wurde durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion zur am schnellsten wachsenden hebräischen Gemeinschaft weltweit. Das Bewusstsein dieses neuen deutschen Judentums braucht positive Inhalte. Zuvorderst eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte, die Kultur und den Glauben. Das haben die Juden mit ihrer christlichen Umgebung gemein. Es ist ein langer, doch unumgänglicher historischer Prozess.

Mit freundlicher Genehmigung von Rafael Seligmann und dem Kölner Stadtanzeiger , in dem dieser Artikel am 21.03.2006 als Kommenar erschienen ist.

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