Gleichberechtigt an der Bima
Jüdische Allgemeine Nr. 26/03 vom 27.11.2003:
Gleichberechtigt an der Bima
Der Egalitäre Minjan Ruhrgebiet
So ganz fühlte sich Chajm Guski in seiner Jüdischen Heimatgemeinde Gelsenkirchen nicht wohl. Der orthodoxe Gottesdienst war nicht sein "Ding". Also wählte er einen etwas anderen Weg. Vor etwa drei Jahren gründete der junge Student den "Egalitären Minjan Progressiver Juden", den so genannten Ruhrminjan liberaler Juden. Guski ist in Gelsenkirchen geboren, seine Familie gehört mangels liberaler Alternative der orthodoxen Gemeinde an. Dem orthodoxen Ritus wollte und konnte der junge Computerlinguist nicht "bedingungslos folgen", es lag ihm aber an der aktiven Ausübung seines Glaubens auch in religiöser Form. Durch seine Reisen im Ausland, vor allem im englischsprachigen Raum, lernte Chajm andere jüdischen Strömungen kennen.
Nach seiner Rückkehr beschließt er, mit einigen anderen Juden aus dem Ruhrgebiet, sich zu liberalen Gottesdiensten zu treffen. Inzwischen gehören etwa zehn bis zwölf Personen zum festen Kern des "Ruhrminjans". Durch Aushänge in den Universitäten, Fachhochschulen und in den Gemeinden sowie durch eine eigene Internetseite versucht die Gruppe, auf sich aufmerksam zu machen. Bis zu fünfundzwanzig Personen, meist Stundenten wie Chajm Guski selbst, aber auch einige ältere Juden, kommen beispielsweise zum Gottesdienst in die Kleinstadt Selm-Bork bei Dortmund.
Einen festen Gebetsraum hat der Ruhrminjan nicht. Die Gottesdienste und Treffen finden abwechselnd in Gelsenkirchen und Selm-Bork statt. In Gelsenkirchen sind es frei angemietete Räume, da die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen keine Räume zur Verfügung stellen möchte. "Es passe nicht, sagte mir der Vorstand. Das ist ehrlich, das kann ich respektieren", sagt Guski. In Selm-Bork, bei Dortmund, ist es eine über zweihundert Jahre alte Synagoge, die das Nazi-Regime als Kohlelager überstand und vor einiger Zeit restauriert wurde. Die lokale Volkshochschule richtete dort eine Gedenkstätte ein und stellt sie dem Minjan zur Verfügung.
"Der Ruhrminjan versteht sich nicht als unabhängige Gemeinde" wie die liberalen Gemeinden in Köln oder Hannover, erklärt Guski. Alle Mitglieder sind gleich zeitig Mitglieder in den Jüdischen Gemein den des Landesverbandes Westfalen-Lippe. Und dies ist für den Studenten sehr wichtig: "Wir wollen uns nicht abkapseln und auf Konfrontationskurs gehen. Wir erhalten auch viel Hilfe aus dem Landes- verband, vor allem von Rabbiner Brandt. Er steht uns bei allen Kultusfragen zur Verfügung." Bei einem Gottesdienst des Minjans war Rabbiner Brandt bis jetzt jedoch nie.
Beim liberalen Gottesdienst sind Frauen den Männern gleichgestellt. Sie können, wenn sie möchten, eine Kippa tragen oder zum Toralesen aufgerufen werden. Die Frauen beten gemeinsam und neben den Männern und müssen nicht auf einer Empore Platz nehmen. Allerdings zögern einige Frauen noch mitzumachen. "Erst müssen die Frauen ihre Anfangsscheu überwinden, dann wollen sie gerne zur Tora aufgerufen werden", sagt Chajm Guski.
Die Gottesdienstzeit ist um ein Drittel verkürzt. Es wird vornehmlich Deutsch oder Russisch gelesen, obwohl nur wenige Russen den Weg zum liberalen Judentum finden. ‚Viele wenden sich erst einmal den 'orthodoxen' Gemeinden zu", meint Chajm Guski. "Wir wollen ihnen einfach zeigen, dass es auch noch andere religiöse Strömungen gibt, die genauso jüdisch sind, aber wichtig ist, dass sie überhaupt den Weg zur Religion finden."
Das Engagement des Einzelnen beim Ruhrminjan ist groß, nicht zuletzt das finanzielle. Jeder gibt, was er kann. Nur so können die Mieten und andere anfallende Kosten bezahlt werden. Trotz allem ist es für Guski nur eine Frage der Zeit, bis die liberalen Gemeinden eine höhere Verbreitung und Anerkennung finden werden. - Erika Rubinstein
Jüdische Allgemeine Nr. 26/03 vom 27.11.2003 - Seite 20