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Heute ist der

Konservatives Judentum



von Mirjam Lübke

Konservatives Judentum – das hört sich für den Laien an wie eine Richtung der Orthodoxie oder zumindest, als handele es sich um eine eher rückständige Bewegung des Judentums. Tatsächlich zählt das konservative Judentum, in Israel und Deutschland auch als „Masorti“ bekannt, zu den progressiven Richtungen, wenn auch nicht zu den eifrigen Reformern. Konservativ, das könnte im heutigen Falle, auf Deutschland bezogen auch heißen „zurück zu den Wurzeln“, nämlich zu den Traditionen des deutschen Judentums, bevor sie von den Nationalsozialisten zerstört wurden. 

Vor zwei Jahren hatte ich während eines Kantorenseminars in London diesbezüglich ein interessantes Gespräch mit Stephen Glass, dem leitenden Kantor einer konservativen Synagoge in Montreal, Kanada. Auf der Rückfahrt von einem Besuch einer Chorprobe in einer orthodoxen Synagoge, in der man auch schon einmal Gebetstexte auf Melodien von Mozart einstudiert, kamen wir kurz ins Gespräch, da Stephen Glass sich wunderte, dass jemand aus dem „Heimatland“ der klassischen Chasanut nach England fahren müsse, um wieder die Grundregeln für die Gestaltung eines konservativen G’ttesdienstes zu erlernen, zumal die Kompositionen „liberaler“ Kantoren wie Lewandowski weltweit inzwischen auch in den orthodoxen Ritus Einzug gehalten haben. Ich erklärte ihm, dass wir mittlerweile diese Traditionen wieder importieren müssten, da nur noch wenige Menschen wüssten, wie sie damals gestaltet wurden. Stephen Glass war einigermaßen erstaunt, das zu hören, aber daraufhin saß ich inmitten junger orthodoxer Laienkantoren und lernte klassischen deutschen Nussach.

Wer heute noch das Glück hat, Zeitzeugen kennenzulernen, die noch aus der konservativen deutschen Tradition stammen, dem öffnet sich eine interessante, moderne Welt, auch wenn diese in unserem Land leider Vergangenheit ist. Ältere Damen, die selbstverständlich Tallit tragen, weil sie ihre konservative Tradition mit ins Exil nach Amerika nahmen und dort am Leben hielten und aufgeschlossene ältere Männer, die auch Frauen in die Geheimnisse der Toralesung einzuweihen bereit sind: „Mädchen, willst mal Tora lesen?“. Dank deutscher Emmigranten nicht erst aus den dreißiger Jahren entwickelte sich in den USA eine erfolgreiche konservative Bewegung, die wie ursprünglich in Deutschland geplant, eine gemäßigte jüdische Richtung zwischen Orthodoxie und Reform darstellt.

Tatsächlich ist die konservative Bewegung etwa 50 Jahre jünger als das Reformjudentum in Deutschland, das vielen Jüdinnen und Juden, die sich von der Orthodoxie abgewandt hatten, als zu wenig gesetzestreu erschien. So gibt es auch heute noch viele Berührungspunkte zwischen Orthodoxie und dem konservativen Judentum, was etwa die Schabbatobservanz angeht oder die Einhaltung der Taharat ha-Mischpacha, der Familienreinheit. Auch die Einhaltung von Kaschrut wird von der konservativen Bewegung besonders gefördert und unterscheidet sich nur in wenigen Punkten – etwa ob industriell hergestellter Wein auch ohne rabbinische Aufsicht koscher ist. Zudem gibt es auch innerhalb der verschiedenen Strömungen unterschiedliche Grade der Observanz. Während etwa in den fünfziger Jahren in den USA das Fahren zur Synagoge am Schabbat – zähneknirschend -  erlaubt wurde, um auch weiter entfernt lebenden Gemeindemitgliedern die Teilnahme am öffentlichen Gebet zu ermöglichen, lehnt die Masortibewegung in Israel dies strikt ab und fordert dazu auf, einfach die am nächsten liegende Gemeinde aufzusuchen, auch wenn diese orthodox sei. Dieses Beispiel zeigt auf, dass die konservative Bewegung zwar eine strikte Einhaltung der Halacha fordert, aber bereit ist, über die Lebensumstände im heutigen Judentum nachzudenken.

Ein weiter wichtiger Aspekt ist „Tikkun Olam“, die „Vervollkommnung der Welt“, welcher sich in vielen Formen konservativer Observanz wiederspiegelt. So ist die Einhaltung vom Kaschrut auch unter ethischen Gesichtspunkten zu sehen, einerseits ganz klassisch mit den Beweggründen des Maimonides, die sich salopp als „der Mensch ist, was er isst“ zusammenfassen lassen, aber auch unter modernen Gesichtspunkten der Ökologie, wie etwa artgerechter Tierhaltung und möglichst gering gehaltener Belastung der Umwelt. Aber auch soziale und Umweltprojekte sind der konservativen Bewegung wichtig, so etwa der Einsatz gegen soziale Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung. So wird etwa in der konservativen Rabbinerausbildung sehr großer Wert darauf gelegt, dass junge Rabbinatsstudenten (und Studentinnen, die seit 20 Jahren im Seminar zugelassen sind) sich sozial engagieren, etwa im Einsatz in gemeinnützigen Einrichtungen. „Tikkun Olam“ Komitees sind aber auch fester Bestandteil konservativer Gemeinden, die sich dann auch schon mal  nachmittags treffen, um ihre Kleinstadt von Müll zu befreien.

Viele konservative und Masorti-Gemeinden sind mittlerweile egalitär ausgerichtet, das heißt, dass Frauen und Männer gleiche Rechte und Pflichten haben, wie dies schon bei der Breslauer Konferenz 1846 festgelegt, aber erst später umgesetzt wurde. Frauen nehmen daher in einem Großteil der Gemeinden gleichberechtigt am Ritus teil und können als Rabbinerin und Kantorin amtieren. Nur der rechte Rand der konservativen Bewegung hat dies noch nicht umgesetzt, aber auch hier wird eine Frau nicht hinter einem Vorhang oder einer Absperrung sitzen müssen. Am Schechter-Institut in Jerusalem und dem Jewish Theological Seminary of America, den beiden großen Ausbildungsstätten für Rabbiner und Lehrer, erhalten männliche und weibliche Studenten seit etwa zwanzig Jahren die gleiche Ausbildung. Auch Rabbinerin Gesa Ederberg, die den Masorti-Verein in Berlin leitet, hat ihre Ausbildung erfolgreich in Jerusalem absolviert und seither hier in Deutschland Projekte wie einen Masorti Kindergarten, religiöse Sprachkurse für Einwanderer aus den GUS Staaten und Kinderbücher mit jüdischem Inhalt realisiert.      

Vielen Menschen erscheint das unheimlich, bedeutet das doch eine Abkehr von seit dem Krieg in Deutschland verfestigten orthodoxen Dogmen mit festgelegten Geschlechterrollen und scheinbar seit Ewigkeiten existierenden Bräuchen. Man sollte sich aber vor Augen halten, dass der „Vater“ der konservativen Bewegung – Salomon Schechter – selbst aus einem chassidischen Haushalt stammte und orthodox erzogen wurde. Allerdings fühlte er sich schnell zu den Lehren seines „Vorgängers“ Zacharias Frankel  und dessen Wissenschaft des Judentums hingezogen.  Beide standen nie für einen willkürlichen Umgang mit Tradition und Halacha, sondern für ein obesrvantes, aber weltoffenes Judentum, bei dem die Tors stets die Grundnorm allen Verhaltens sein müsse. Wer sich heute einmal konservative Responsen (rabbinische Rechtsgutachten) ansieht, etwa auf der Schchter Homepage www.responsafortoday.com, wird schnell feststellen, dass hier nicht leichtfertig halachische Ratschläge erteilt werden, sondern sorgfältig zwischen verschiedenen Positionen abgewogen wird, auch denen vieler moderner orthodoxer Autoritäten, stets jedoch auf Basis der rabbinischen Tradition.

Ein aufmerksames Bewusstsein für die jüdische Tradition ist wichiger Kern von Masorti und konservativem Judentum, gleichzeitig aber auch die Teilnahme an der modernen Welt und aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen. Das äußert sich manchmal auch in scheinbar kleinen Dingen, wie dem Selbstherstellen von rituellen Gegenständen, wie Tallitot und Mesusot, aber auch in politischen Engagement für den Staat Israel.

Masorti ist in Deutschland noch immer eine relativ kleine Bewegung, dafür aber an ihren Wirkungsorten in Weiden und Berlin sehr erfolgreich. Ein neues Projekt am Jerusalemer Schechter Institut soll sich aber bald den Bedürfnissen kleiner europäischer Gemeinden annehmen, um mehr Menschen in Europa zu erreichen. Es wäre wünschenswert, dass auch Deutschland damit wieder die Chance erhält, behutsam zu seinen Wurzeln zurückzufinden.  

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