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Heute ist der

Liturgieseminar in Zürich - Treffen der (angehenden) Kantoren und Kantorinnen der liberalen Gemeinden in Deutschland



von Mirjam Lea Lübke

Am zweiten Dezemberwochende 2002 trafen sich in der liberalen Gemeinde Or Chadash in Zürich etwa 20 angehende Vorbeter und Vorbeterinnen aus den aufstrebenden progressiven jüdischen Gemeinden und Chavurot Deutschlands, um Erfahrungen in der Gestaltung neuer Formen des G'ttesdienstes auszutauschen und neue Ideen für die eigene Gemeinschaft mitzunehmen.

Es tut sich etwas in der liberalen Welt - auch wenn sich die Gemeinschaften noch in einem unterschiedlichen Entwicklungsstadium befinden - manche treffen sich nur zu den G'ttesdiensten, einige haben schon funktionierende Infrastrukturen mit Jugend- und Lerngruppen aufgebaut - es ist abzusehen, dass die Arbeit der Progressiven Union der letzten Jahre nun Früchte trägt.

Unter der Leitung von Rabbiner Tovia Ben-Chorin und seiner Frau Adina lernten die Teilnehmer die Liturgie der liberalen Gemeinde Zürich kennen. Aber nicht nur das - die professionelle Form, zu der sich das Gemeindele-ben in Zürich mittlerweile entwickelt hat, macht Mut für die Zukunft der progressiven Gemeinden in Deutschland. Nicht in einer provisorisch eingerichteten Synagoge, sondern in einem Gemeindezentrum mit modernen Räumen und einer eigenen Schule hat sich die dortige Gemeinde organi-siert. Was fasziniert: Die liberale Gemeinde befindet sich inmitten des orthodoxen Viertels, aber Feindseligkeiten, wie wir sie manchmal aus Deutschland kennen, bleiben aus.

Wie kam es? Ganz einfach: der orthodoxe Rabbiner kam eigentlich in die liberale Synagoge um seine Meinung über das progressive Judentum zu bestätigen und fand einen G'ttesdienst vor, der mit Gespür für den halachischen Hintergrund der Liturgie aufgebaut war. Auch der liberale Rabbiner erwies sich als kompetent und in den Schriften bewandert. Das sprach sich herum und führte zu Akzeptanz auch im traditionellen Verband der jüdischen Gemeinden in der Schweiz. Ein Austausch findet statt, der für die oft von Ablehnung und Polemik dominierten Diskussionen zwischen den traditionellen und liberalen Gemeinden in Deutschland Vorbild sein sollte.

Aber zurück zum Seminar. Der Gedankenaustausch zeigte, dass sich die liberalen Gemeinschaften noch in der Entwicklung einer für ihre Beter und Beterinnen geeigneten Liturgie befinden und zum Glück nicht bereit sind, Vorgegebenes ohne eigenes Überdenken anzuwenden. Auch die liberalen Siddurim Avoda sha-ba-Lew und Seder ha-Tefilot werden nicht einfach übernommen, sondern Pluralität wird auch in den liberalen Gemeinden großgeschrieben. Auch wenn manche Liturgie noch ein "Flickenteppich" ist, so zeigt gerade das, dass die liberalen Gemeinschaften offen für Neues sind, auch Traditionelles beibehalten, wenn es im Interesse der Gemeinschaft ist.

Diskussionen über die Beibehaltung der hebräischen Sprache in der Liturgie wurden offen geführt. Was tun, wenn ein Großteil der G'ttesdienstteilnehmer kein Hebräisch versteht oder noch die ersten bescheidenen Versuche in der traditionellen Gebetssprache unternimmt? Ist es möglich, einen Teil der Gebete in Deutsch oder Russisch zu sprechen? Die meisten Gemeinschaften gehen hier einen gemäßigten Weg, sprechen einen Teil der Gebete in der Landessprache, schon um die Aufmerksamkeit der Betenden wach zu halten. Gemeinsames Ziel ist ein bewusst ge-sprochenes Gebet und kein mechanisches "Abspulen" des Althergebrachten. Voraussetzung dafür ist natürlich auch ein entsprechendes Schulungsangebot für Neuzuwanderer oder Mitglieder ohne entsprechende Vorbildung.

Daran anschließendes Thema musste dann allerdings auch die Haltung des deutschen Zentralrates der Juden zu den liberalen Gemeinden sein. Finanzierung ist ein großes Problem, Mieten, Neuanschaffungen und Unter-richtsmaterialien müssen bestritten werden. Arbeit in der Gemeinde findet fast ausschließlich ehrenamtlich statt, an die Einstellung bezahlter Mitarbeiter für Unterricht und G'ttesdienstleitung ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu denken.

Im Bewusstsein der nichtjüdischen Deutschen ist noch immer der Zentralrat der Juden in Deutschland alleiniger Ansprechpartner für jüdische Ge-meindeangelegenheiten, so sind auch die Gemeinschaften der Progressiven Union noch nicht an den Verteilerschlüssel für öffentliche Gelder angeschlossen. Paul Spiegel hat deutlich ausgesagt, dass dies auch so bleiben solle, wenn sich die liberalen Gemeinden nicht den Landesverbänden anschließen wollen.

Solange die Stimmung im Zentralrat aber noch von der "Gepackte-Koffer"-Mentalität und Pseudo-Orthodoxie geprägt ist, werden die liberalen Gemeinden skeptisch bleiben und ihre Autonomie bewahren wollen. Eine Lösung könnte die Anerkennung der Union als liberale Alternative im Rahmen des neu auszuhandelnden Staatsvertrages sein. Dazu müssen einige Gemeinschaften aber noch den Weg aus dem Schatten der Landes-verbände finden.

Wir werden sehen, was sich bis zum nächsten Treffen in Berlin 2003 diesbezüglich getan hat.

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