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Der Neunte Ab in Jerusalem„Aus einem unvollendeten Roman ‚Ein Prophet tanzt in Jerusalem’ “ von Mosche Jaakov Ben Gavriel (Eugen Hoeflich)
Mein Bruder Jossef, wie vermag ich diese Stimmungen zu schildern, die mich stündlich neu überwältigen, mich wie ein schwankes Rohr im Winde hinwerfen und wieder aufheben? Die Feder vermag ich oft nicht zu halten, vermag oft nicht zu schreiben, denn es erscheint mir alles schal und müd und arm, aller Farben und aller Bewegung bar, was ich in Worte zu fassen versuche, wo doch alles so reich, so voll Leben und bewegt und farbenprächtig ist, was stündlich neu auf mich einstürmt aus den kleinsten, unscheinbarsten und aus den großen überwältigenden Dingen dieser Stadt Jerusalem. Wo sind die Worte, die zu schildern vermögen, wo die Töne, die diese Harmonien wiedergäben? Es sind keine Farben, es sind keine Weiten, die ich in Worte zu fassen vermöchte, um die Jossef, mein geliebter Bruder, mein Leben in Jerusalem zu schildern, Freude und Trauer, Lied und Leid, alles ist hier versammelt in meiner Brust, doch wenn ich des Abends meinen Tag überdenke ist kein Leid und keine Trauer, nur Freude und Lust und unendliche Dankbarkeit in mir. Alles Leid fällt ab, ehe die Abendröte aus der Wüste heraufsteigt und alle Trauer versank, kaum sie geboren ward. Wir trauerten alle Jahre unseres Lebens um den gefallenen Tempel, hier aber Jossef, ich vermag ja doch nicht alles zu erklären, sang ich, ehe noch der Tag der Trauer uns verlassen hatte, ein frohes Lied vom Künftigen. Dieser neunte Ab, den wir unter Weinen verbrachten, in zerrissenen beschmutzten Kleidern auf nacktem, kalten Boden, dieser Tag der Zerstörung, kannst du es erfassen, der du so vieles verstehen kannst, dieser Tag ward mir zur Quelle eines Liedes, das ich sang in die Sonne, in die Abendröte und in den halben Mond dann von der Spitze des Gebirges hinter Jerusalem. Trauer umschnürte meine Brust und ein schweres Gefühl, Furcht vor Entsetzlichem, war schon seit Tagen in mir, und als wir des Abends die Stufen zur Klagemauer hinabstiegen, unbeschuht und verzagt, Licht hinter Licht, verstärkte sich dieses Gefühl in mir zu einem klagenden Weinen. Wohl weinten wir an diesem Tag wie in jedem Jahr, seit ich denken kann und vor uns unsere Väter, aber hier, in diesem Jahre, da ich die letzte Mauer des zerstörten Tempels vor mir sah, brach dieses Weinen aus den tiefsten Tiefen der Seele auf, in denen das Geliebteste schlummert. Verzagt und scheu drängte ich mich durch die Menge der Betenden, die um ihre Führer geschart saßen und klagten, und küßte die Steine aus der Inbrunst meiner Trauer und ein fassungsloses Weinen brach aus mir, da ich vor der Mauer kauerte, den Kopf an ihre Quadern gelehnt. Um mich saßen die Betenden. Weinend zogen die Töne ihrer Klagelieder über den Platz. Ich wollte beten, doch wie hätte ich den Mund öffnen können, da er mir verschlossen war von der größten Trauer der Menschheit? Abseits stand ich dann, verzagt, eine aufgerissene Wunde am Körper dieses Volkes, vor der Mauer, da ergriff plötzlich eine Hand meinen Arm und vor mir, dem Aufblickenden, stand der maghrebinische Chacham. Trauriger Augen Blick sank in meine Seele und willenlos, einem drängenden Gefühle gehorchend, folgte ich ihm in den Kreis der weißen Kabbalisten, die in einer Ecke kauernd die Klagelieder lasen ohne die Augen zu heben aus dem taumelnden Entsetzen ihrer Trauer. Ich las mit ihnen und wir beendeten die Rezitationen in dem gleichen Augenblick, da das Licht in der Lampe unseres Kreises herabgebrannt war. Es war ihm bestimmt gewesen zu brennen, solange es zu brennen hatte. Als ich aufblickte, sah ich Jishak ben jishak hinter mir kauern. Seine Hand griff nach der meinen und ein Pulsschlag durchbebte unsere Körper. »Nacht um Nacht, wenn Jerusalem schläft,« flüsterte er mir zu, »kommen die Seelen der Vergangenen hier zusammen, nur in der Nacht der Zerstörung trauern sie an unbekannten Orten. Ihre Klagen aber brechen aus diesem Gestein in die Klagen der Betenden, und Wer versank in die Tiefe der Trauer, ohne vom Außen mehr etwas zu wissen, aus Dessen Seele weinen die Klagen aller seiner Vorfahren.« Ich antwortete ihm nicht, er aber verstand mein Schweigen. Mit wortlosem Gruß dankte ich dem Chacham, der segnend die Hand hob, und ich sah die weißen Gestalten, die schweigend, eine hinter der andern, unhörbar fast, als wären sie abgestorbene Wesen, an mir vorüberziehen, die Treppe hinauf. Mich beugend und die Hand küssend, die an die Mauer gerührt hatte, wandte ich mich dann hinter ihnen zur Treppe. Als ich aber die erste Stufe betreten wollte, erfaßte mich Zaudern, und ohne Überlegung wandte ich mich zurück. Ein fremder Wille lenkte meine Schritte zu dem Ort zurück, wo ich mit den Kabbalisten gebetet hatte, und als ich mich umbildete, stand im Lichte des Mondes ein magerer dunkler Mann mit einer hohen persischen Mütze, die seltsam abstach von seiner westlichen Kleidung, an dieser Stelle. Er hob bei meinem Herankommen die Hände, als wollte er mich segnen, doch in diesem Augenblicke riß mich Jishak, der mir gefolgt war, zur Seite und flüsterte mir zu: »Hüte dich, Assaf, er ist ein Abtrünniger!« Ehe ich wußte, was geschah, war der Mann in den Schatten zurückgetreten und nur der irre Glanz seiner leidenschaftlichen Augen war mir als Bild der Erinnerung zurückgeblieben. Als wir dann die Treppe hinaufstiegen, che in den jüchschen Bazar führt, sagte Jishak: »Hüte dich vor Sidi musa, er ist ein Abtrünniger, der eine neue Religion predigt.« Die ganze Nacht hindurch saßen wir im toten Bazar. Aus tiefster Stille, die nur dann und wann die Rufe der Wächter durchbrachen, weinten wir tonlos und tränenlos um den zerstörten Tempel und es war mir, als wäre mir der Tempel zerstört worden, als wäre mir dieses namenlose Unglück geschehen, und in diesem Augenblick erst fühlte ich, warum das Gebot erlassen worden war, an diesem Tage den Körper zu kasteien. Wortlos saßen wir, und als der Morgen anbrach, gingen wir schweigend den Weg durch die Stadt hinaus zum Goldenen Tor, das vermauert ward, um dem Maschiach den Eintritt zu verwehren, und wir saßen in der heißen Sonne, fastend, und wortlos trauernd bis um die Mittagszeit. In dieser Stunde aber ergriff mich plötzlich ein rasendes Gefühl der Freude. Wieder brach es wie ein Tanz aus mir. Entsetzt wollte ich es unterdrücken, mich des Unglücks erinnernd, um dessentwillen wir uns kasteien, doch in diesem Augenblicke rief eine Stimme aus dem Tale: „Der Tempel kann nicht zerstört werden!“ Wir bildeten auf und sahen die schlanke Gestalt des weißen Chachams hinter den Ölbaumterrassen verschwinden. Der Tempel kann nicht zerstört werden! Wie ein Ruf der Engel war es in uns gedrungen und alle Trauer war plötzlich von uns abgefallen. Stille zarte Freude hatte uns mit einem ergriffen, und es war mir, als wäre ich plötzlich des Künftigen bewußt. »Um des Künftigen willen wollen wir uns freuen,« sprach Jishak meinen Gedanken aus, und wir brachen das Gesetz und gingen hin zur Freude und unterbrachen die Kasteiung unseres Körpers... O mein Bruder: ich habe das Gesetz gebrochen, ich habe es nicht übertreten, sondern willentlich, einem unbändigen Gefühle folgend, habe ich es gebrochen. Habe ich eine Sünde begangen, o Jossef, der du Zeit meines Lebens mich vor Sünden zu bewahren suchtest? Nein, o mein Bruder, es kann keine Sünde sein, denn G-tt küßte mich vor den Toren Jerusalems und erlöste mich von der Trauer, da ich seine Schönheit verloren wähnte. Es ist kein Abend in dieser Stadt, der nicht die Trauer des Tages versinken lassen würde...
© Abdruck der Geschichte auf talmud.de mit freundlicher Genehmigung der Jewish National and University Library - Eugen Hoeflich 1924; talmud.de 2006 |
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