Heute ist der
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Das Reformjudentum



Ab 1810 kam es in privaten Kreisen und ab 1817 am Hamburger "Tempel" zu ersten praktischen Änderungen in der Gottesdienstordnung (Kürzungen, Chorgesang, Orgelmusik), und auch die Predigt in der Landessprache wurde üblich. Hier erschien auch der erste umstrittene "Reformsiddur" Der erste Siddur der Reformbewegung "Seder Ha-Avodah — Minhag Kehal Chadasch Gebetbuch des Hamburger Tempels" im Jahre 1818. Heute empfindet man die Neuerungen und Änderungen des Siddurs als vorsichtig; in Hamburg löste die Veröffentlichung jedoch einen Skandal aus. Das orthodoxe Rabbinat protestierte laut und verbot Seder Ha-Avodah in allen Hamburger Synagogen. Rabbi Mosche Schreiber sagte dazu:


    "Betreffs Ihrer Klage, daß der Tempel der Reformer in der Woche
    geschlossen und nur am Schabbat geöffnet ist: Ich wünschte, er
    wäre auch am Schabbat geschlossen, weil sie die Liturgie verändert
    haben, die uns von den Männern der Großen Synagoge überliefert
    wurde, von den Weisen des Talmuds und von unseren heiligen
    Vätern..."

1854 veröffentlichte Abraham Geiger einen neuen Siddur, der um einiges traditioneller war und dessen
Charakter sich kaum von einem orthodoxen Siddur unterschied. Die deutsche Reform war moderater geworden. Abraham Geiger schreibt 1870 im Vorwort zu seinem Siddur Israelitisches Gebetbuch für den öffentlichen G-ttesdienst im ganzen Jahre:

    "Das Gebetbuch soll im Ganzen und Großen den bisherigen Charakter beibehalten, seinen Zusammenhang mit der ganzen Geschichte des Judenthums auch weiter in scharfem Gepräge ausdrücken. Der G-ttesdienst bleibt daher, seinen wesentlichen Bestandtheilen nach, hebräisch; der hebräische Ausdruck, wenn auch hie und da nicht frei von einer gewissen orientalischen Ueberschwänglichkeit, bleibt im Ganzen unangetastet.
    Dennoch muß der G-ttesdienst, namentlich an den ausgezeichneten Tagen, einzelne kurze deutsche Gebete und fromme Betrachtungen enthalten; ferner muß der hebräische Text von einer deutschen Bearbeitung begleitet sein, welche nicht in steifer Aengstlichkeit unserer vaterländischen Sprache das hebräische Colorit aufdrängt, sondern, die ursprüngliche Innigkeit bewahrend, durch den heimischen Ton den Gemüthe sich anschließt."

Erst der Export der Reform nach Amerika wiedererweckte die revolutionären Tendenzen der ursprünglichen Bewegung. ab 1842 wurden Reformen offen gefordert. Dies verursachte 1845 den Protest einer konservativeren Richtung. Weitergehende Reformzirkel und eine Reformgemeinde in Berlin (1845) fanden wenig Echo; die Mehrheit wollte keine Teilung der Gemeinden, in denen von da an Kompromisse nach den Mehrheitsverhältnissen geschlossen werden mußten. Die entschiedeneren Reformer unterlagen dem "evolutionistischen" Abraham Geiger und wanderten zum großen Teil in die USA aus.

Dort wurden eine Reihe von "Bestimmungen" des aktuellen Reformjudentums erlassen: die Pittsburgh Platform von 1885 . Ihre Inhalte:

       1. Berechtigung anderer, speziell monotheistischer Religionen neben dem Judentum, in dem freilich die G-ttesidee am reinsten und höchsten entfaltet sei.
       2. Die Bibel, Dokument der jüdischen Sendung, liegt in historisch bedingter, aber moderner Wissenschaft grundsätzlich nicht widersprechender Form vor.
       3. Das tradierte Gesetz (Torah) wird als historisch bedingtes Mittel zur Bewahrung der Wahrheit begriffen, von dem für die Gegenwart nur mehr die ethischen Gebote als verbindlich betrachtet werden. Das soll aber in der Praxis eine ästhetisch- zeremoniale Anwendung nicht ausschließen, sofern diese moderner Lebensführung entspricht.
       4. Die traditionelle messianische Hoffnung wird durch die Erwartung einer "Herrschaft der Wahrheit, Gerechtigkeit und des Friedens unter allen Menschen" ersetzt.
       5. Christentum und Islam erfüllen als Tochterreligionen des Judentums die missionarische Funktion der Verbreitung des Monotheismus, der aber mit den Prinzipien des modernen Humanismus verbunden sein soll.
       6. Glaube an eine unsterbliche Seele; Verwerfung des Glaubens an eine leibliche Auferstehung und an Höllenstrafen.
       7. Betonung einer notwendigen Lösung der sozialen Probleme.

Die Pittsburgh Platform wurde 1937 durch die Columbus Platform ersetzt.

Lange Zeit waren die Reformjuden entschieden antizionistisch, verloren aber unter dem Eindruck der NS-Verfolgung ihren Diaspora-Optimismus und unterstützen mehr und mehr, besonders seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967, den Aufbau des Staates Israel.

Nur die moralischen Gesetze der Bibel sind bindend und die Zeremonien, die das Leben erheben und heiligen. Bräuche und Glaubensansichten, die dem modernen Standard nicht entsprechen, werden nicht befolgt. Glaube darf nicht im Widerspruch zur Vernunft stehen.

Die neueste "Platform", das "Statement of Principles" vom 26.5.1999 definiert einige Punkte neu.