
Synagogentourismus
Beim klassischen Synagogentourismus unterscheidet man zwei Unterarten:
a) jüdischer Synagogentourismus
Der jüdische Synagogentourismus dient dem Informationsaustausch zwischen den einzelnen Gemeinden und erfüllt daher eine wichtige soziale Funktion. Auch in Zeiten von Telefon und E-Mail bleibt das persönliche Gespräch zwischen Frauenvereinen und Gemeindechören unverzichtbar, um die neuesten Informationen über Personalwechsel, Skandale oder die letzte Gemeinderatssitzung zu erhalten.
Es gibt zudem einen inoffiziellen Kiddusch-Guide, in dem je nach Qualität einer bis fünf goldene Magen David vergeben werden, zusätzliche Punkte können mit warmen Mahlzeiten oder fleischigen Speisen erzielt werden. In diesbezüglich als hervorragend ausgezeichneten Gemeinden empfiehlt sich vorherige Platzreservierung.
Zusätzliche Probleme können sich für Juden ergeben, die Schomer Schabbat sind. Private Übernachtungsmöglichkeiten sind oft nur unzureichend vorhanden und ständige Hotelbesuche belasten die Reisekasse zu sehr. Die Einrichtung gemeindeeigener Gästezimmer hat sich als wenig lohnend erwiesen, daher ist es oft der gangbarere Weg, die Stadt um Erweiterung der Parkmöglichkeiten außer Sichtweite der Synagoge zu ersuchen.
Der Nutzen des Synagogentourismus für jüdische Singles ist umstritten. Meist sind die anwesenden unverheirateten Damen und Herren nicht bedeutend attraktiver als in der eigenen Gemeinde. Enttäuschungen sind daher vorprogrammiert.
b) nichtjüdischer Synagogentourismus
Der nichtjüdische Synagogentourismus ist eine weitaus größere Herausforderung. Oft tauchen Besucher zur Überwindung der eigenen Schwellenangst in größeren Gruppen auf und erfordern sensible Betreuung. Immerhin ist es oft ihre erste Begegnung mit echten Juden, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen. Einige Gäste erweisen sich auch als besonders anspruchsvoll und erwarten, dass die Gemeinde ihren Vorstellungen von einem jüdischen G'ttesdienst genügt. Es soll schon Beschwerden gegeben haben, dass der anwesende Vorbeter nicht das Niveau von Jose Carreras erreichte oder die erwartete Klezmer-Band nicht auftrat. Einige männliche Gäste empfinden auch das Tragen einer Kopfbedeckung als äußerst lästig und unnötig. In der Kirche würde dies auch nicht verlangt - ob man nicht ein wenig toleranter sein könne?
Andere Gäste verspüren das Bedürfnis, ihre Sympathie für das jüdische Volk durch die Herstellung sofortiger Privatkontakte zu bekunden und halten für diesen Zweck schon während des G'ttesdienstes Zettel und Stift bereit. Ein beliebtes Thema ist dabei auch der gewünschte Austausch über die eigenen Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus. Da der nichtjüdische Synagogenbesucher, auch wenn er Zeitzeuge war, von dieser Epoche der deutschen Geschichte üblicherweise kaum Kenntnisse hat, da er sie entweder auf dem Land verbracht hat oder in einem völlig unpolitischen Haushalt ohne Volksempfänger aufwuchs, ist ihm ein jüdischer Interviewpartner höchst willkommen. Dessen Signale des Unwillens, sich gerade jetzt über dieses Thema auszutauschen, werden gerne durch penetrantes aber freundliches Nachhaken ausgeräumt.
Meist verlassen die Besucher die Synagoge dann höchst zufrieden, sie haben ein paar Stunden in exotischem Ambiente verbracht und können ihren Freunden von der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit beim nächsten Kaffeekränzchen davon erzählen. Die meisten jüdischen Gemeinden haben bisher dennoch von der Aufstellung von Souvenirständen und der Anbringung von "Bitte nicht füttern"-Schildern Abstand genommen....
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