Wochenabschnitt

Nathan Adler zum Abschnitt Wajeschew

Rabbiner Adler beginnt mit einem Zitat aus Sanhedrin 106a:

אמר רבי יוחנן
כל מקום שנאמר וישב אינו אלא לשון צער שנא‘
וישב ישראל בשטים ויחל העם לזנות אל בנות מואב
וישב יעקב בארץ מגורי אביו בארץ כנען ויבא יוסף את דבתם רעה אל אביהם ונאמר
וישב ישראל בארץ גשן ויקרבו ימי ישראל למות
וישב יהודה וישראל לבטח איש תחת גפנו ותחת תאנתו ויקם ה‘ שטן לשלמה

R. Jochanan sprach:
Überall, wo [das Wort] sitzen vorkommt, gab es ein Unglück.
Es heißt: als Jisraél in Schittim saß, – da hob das Volk an, mit den Moabiterinnen zu buhlen.
Als Ja’akow im Lande saß, wo sein Vater als Fremdling geweilt hatte, im Lande Kenaan, – Joseph brachte üble Nachrede von ihnen ihrem Vater.
(Es heißt:) Jisrael saß im Lande Goschenen, – da ging es mit Jisraél zum Sterben.
Jehuda und Jisrael saßen sicher, ein jeglicher unter seinem Weinstocke und unter seinem Feigenbaume, – da ließ HaSchem Schlomoh einen Widersacher erstehen.

Wie mit dem Wort WaJehi  וַיֶּהִי werden mit dem Worte Wajeschew וַיֵּ֣שֶׁב leidvolle, tragische Geschehnisse eingeleitet.
Raschi:
בִּקֵּשׁ יַעֲקֹב לֵישֵׁב בְּשַׁלְוָה (Jaakob wollte in Ruhe wohnen)
Im Alter von nahezu 100 Jahren glaubte Jakob ein ruhiges, kampfloses Leben führen zu können. Da musste er die Gefahren des Stillebens kennen lernen. In seiner Familie machten sich die ausgeprägten Individualitäten allzu sehr geltend und bereiteten eine Katastrophe vor: מכירת יוסף
Auch Israel in Schittim dachte, so vor sich hin leben zu dürfen. Die Gefahr von Balak und Bileam war glücklich überwunden. Der heidnische Seher hatte ja die großartige Auskunft über Israels Volkssitten gegeben:
לֹֽא־הִבִּ֥יט אָ֙וֶן֙ בְּיַעֲקֹ֔ב »Man schauet nicht Verwerfliches in Jakob«
Auf seinen Spaziergängen bewegte es sich in den Wäldern aus deren Holz die Wände des Heiligtums gezimmert worden waren (Etzej Schittim). In dieser Einförmigkeit des Daseins fiel es der Genusssucht zum Opfer, die es bei den festen der Töchter Moabs kennen gelernt hatte »in den Steppen Moabs am Jordan vor Jericho« בְּעַֽרְבֹ֣ת מוֹאָ֑ב עַל־יַרְדֵּ֥ן יְרֵח֖וֹ.

Unter dem Götterbilde des goldenen Kalbes kannte das gewöhnliche Volk auch nichts anderes als den Genuss.
וַיָּקֻמוּ לְצַחֵק »sich zu belustigen« Es war ihm nichts mehr heilig und hehr; in übermütiger Laune kehrte es die Stacheln seines Witzes, seiner Ironie gegen sich selbst.
In der Ära Salomos war das Volk auf seinen errungenen Lorbeeren eingeschlafen; es wiegte sich in einem gefährlichen Sicherheitsgefühle.
Da machten sich von innen und außen zersetzende Einflüsse ans Werk.
ויקם ה‘ שטן לשלמה »da ließ HaSchem Schlomoh einen Widersacher erstehen«.

Auf Erden gibt es Ruhe, Seelenfrieden nur in der Erfüllung des Gesetzes und im Studium der Lehre: מַרְבֶּה יְשִׁיבָה – מַרְבֶּה חָכְמָה Mehr Rat, mehr Einsicht (Pirkej Awot 2,7)

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Nathan Adler war Lehrer an der Schule von Adass Jisroel in Nürnberg. Er wurde 1879 als Sohn des Emanuel Adler aus Kleinsteinach und Hanna Adler geb. Neumann geboren. Seine Lehrerausbildung erhielt er an der Israelitischen Präparandenschule und lehrte zunächst als Lehrer an der »Israelitischen Realschule Fürth« und in Ansbach. Ab 1924 war er dann Lehrer bei Adass Jisroel. Im November 1941 wird er nach Riga deportiert und dort im Feb. 1942 umgebracht.